Ich bin in einer Sinnkrise. Es ist so schlimm, dass ich gestern Abend, in Trainingshose auf dem Sofa sitzend, bereits nach zwei Negroni das heulende Elend gekriegt habe. Der letzte Rest Vernunft in mir konnte gerade noch verhindern, dass ich mir die Ohrstöpsel rein mache und die halbe Nacht auf dem Sofa schluchzend Nick Cave in der Endlosschleife höre. Sowas kann böse enden. Heute Morgen bin ich verkatert aufgewacht.

Nicht nur weiss ich nicht mehr wohin mit mir und weshalb. Ich habe ausserdem eine Schreib-, Denk- und Fühlblockade. Nichts geht mehr. Ich bin restlos nihilistisch geworden. Liegt es am Alter? Einfach grauenhaft. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Nichts ist mehr von Bedeutung. Wir fahren in einer Woche in Urlaub? Egal. Genauso gut könnte man hierbleiben. Ist ja eh überall immer dasselbe. Dass der Toaster kaputt ist, erregt meine Aufmerksamkeit fast mehr. Ich glaube, ich bin entfremdet.

Die einfachste Erklärung für den mentalen Notstand könnte das Wetter sein. Jeden Tag Sonnenschein zwischen 30 und 35 Grad. Und das seit Anfang Juni. Klingt arrogant, aber es kann einen anöden, das schöne Wetter. Man macht morgens die Fensterläden auf und nimmt sie achselzuckend hin, die strahlende Sonne. Sogar die Kinder wünschen sich mittlerweile, es möge mal regnen. Seit neuestem reden sie verdächtig oft über Schnee, singen Winterlieder und bestehen darauf, nur noch mit Schal zum Spielplatz gehen. Vielleicht sollten wir nach Trondheim ziehen.

Wir wohnen bis auf weiteres am italienischen Ende des Lago Maggiore. Da, wo andere Leute Urlaub machen. Und nun machen andere Leute da Urlaub, wo wir wohnen. Strand? Überfüllt. Man ist kurz davor, die Sonnenanbeter zu stapeln, damit mehr hinpassen. Parkplatz? Geht nur noch die italienische Variante, irgendwo im Strassengraben. Spielplatz? Vor der Rutsche bilden sich Schlangen. Tutto il mondo scheint sich in unserem Lebensraum zu vergnügen. Ach, wäre der Sommer doch endlich vorbei…

Aber der Grund meiner Krise strahlt nicht am blauen, wolkenlosen Himmel sondern liegt tiefer. Um genau zu sein, in den Kellerräumen des Hauses. Garage. Waschküche. Dreck. Dreckwäsche. Oder unter den Betten. Sie springt mich an, überall, die Hausarbeit. Und sie wird immer mehr. Lasse ich mal einen Tag ein bisschen nach, habe ich das Gefühl, sie wächst mir über den Kopf. Meine Krise wird in meinem Haus genährt, wo ich seit einigen Wochen als Vollzeit-Hausfrau und Mutter Überstunden schiebe. Vorher war ich immer 50%-Hausfrau/Mutter. Vorher habe ich den Haushalt auch geschmissen, etwas oberflächlicher halt. Schön war das. Jetzt aber haben die Kinder lange Sommerferien und das bedeutet in Italien geschlagene neun Wochen. Seit Anfang Juli bin ich also zuhause. 100% Mutter und Hausfrau. Gefangen in der Endlosschlaufe von Arbeit. Wie Sisyphos. Der arme Mensch, der in der Unterwelt dazu verdammt war, bis ans Ende aller Tage einen Fels den Berg hochzuschieben, nur damit er ihm kurz vor dem Gipfel aus den Händen gleitet, zu Tal rollt und Sisyphos wieder von vorne anfangen kann.

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ so der grosse, vom mir hochverehrte und wahnsinnig intelligente Albert Camus. Ich kann es mir vorstellen. Es besagt, dass grosse Aufgaben das Herz erfüllen und seien sie noch so unlösbar. Die immerwährende Besteigung eines Gipfels kann Glück bedeuten, sofern es sich bei den Bergen um mehr handelt als um Wäscheberge, sofern es um mehr geht, als das Haus in einem immerwährenden Reigen von dem Schmutz zu befreien, der sowieso immer wieder kommt. Putzt du heute die Böden, du könntest schon übermorgen wieder machen. Nein, wenn man als Sisyphos glücklich werden will, muss man grössere, bedeutendere Aufgaben vor sich haben.

Trotzdem will ich es versuchen. Ich stehe in der Waschküche und stelle mir vor, ein glücklicher Sisyphos zu sein. Ich schliesse die Augen, damit die warme vanilleduftende Welle des Glücks mich umspülen möge. Doch stattdessen rieche ich frische Wäsche und dreckige Wäsche, Waschpulver und eine herbe Prise modriger Waschküchengeruch.

Ich bin mir sicher, Albert Camus war niemals Hausfrau.

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