Ein paar Tage noch, dann bin ich Vierzig. Die Angst vor dem bevorstehenden Ereignis steckt mir bereits tief in den Knochen. Auch wenn ich mich hier vollkommen lächerlich mache, will ich doch bekennen, mir ist mein Alter peinlich. Entsetzlich, dieses Geständnis! Wie verklemmt kann man sein? Schliesslich kann niemand was für sein Alter. Und trotzdem ist es so. Seit mindestens zehn Jahren und das liegt nicht nur an mir, das liegt vor allem an den ANDEREN.

Seit mindestens zehn Jahren nämlich kann ich hingehen, wo ich will, kennenlernen, wen ich will, reden, mit wem ich will. Alle sind sie jünger als ich. Zürich: 14 Semester lang mit zehn Jahre jüngeren Studienkollegen rumgeschlagen. Italien: Meine Freunde sind alle unter 35. Mein Mann: drei Jahre jünger. Eine echte Plage ist das. Menschen meines Alters scheinen in meiner Umgebung ausgestorben. Aus diesem Grund verspüre ich nicht die geringste Neigung, meinen Vierzigsten zu feiern. Will ich mich von meinem Partygästen bemitleiden lassen? Mich beargwöhnen lassen, wie ein seltenes Tier? Denn, meine 31-jährigen Bekannten ahnen zwar, dass auch sie selber unaufhörlich älter werden, aber sie können noch nicht glauben, dass es einmal zum ÄUSSERSTEN kommt, dass sie einmal Vierzig werden, und dann Fünfzig. Auch ich dachte mit 31 noch das Leben würde ewig dauern und ich könnte ewig weiterträumen. Nun, was soll ich sagen? Mit jedem Jahr bin ich eine Illusion ärmer geworden und jetzt sehe ich das Leben doch eher, naja, nüchtern halt. Schön, aber anstrengend, ist mein Fazit zum Vierzigsten. Immerhin kann ich mich damit trösten, dass man in meinem Alter plötzlich wieder Verehrer hat. Die Männer, die sich nach mir umdrehen, sind alle durchaus weisshaarig und nicht vermögend. Wären sie weisshaarig und vermögend, wäre ich glatt zehn Jahre zu alt für sie.

Unsere Gesellschaft wird vom Jugendkult beherrscht, dass es nicht mehr schön ist. Zugegeben, der Wunsch, dem Alter zu entrinnen ist eine archaische Sehnsucht, die Suche nach dem Jungbrunnen als Quell der ewigen Jugend und des ewigen Lebens ist uralt. Das ist einfach so. Aber im 21. Jahrhundert wird diese Sehnsucht, so wie alles andere auch, finanziell ausgeschlachtet. Unaufhörlich wird einem mitgeteilt, dass das Alter etwas ist, das man AUF JEDEN FALL vertuschen muss. Mit dem nötigen Kleingeld lässt es sich in ein paar Jahren gar aufhalten! Dann, wenn man endlich ganz genau weiss, wie das mit der Zellalterung ganz genau vor sich geht und wie man sie ein für allemal stoppen kann. Nun, bis es soweit ist, haben wir die Schönheitsindustrie, makelloser Segen unserer Zeit. Meine Lieblingsfeindin. Ich rede von jener Industrie, die Menschen die Haut hinter die Ohrläppchen zieht und sie nach Schablonenästhetik à la Hollywood zurecht schnippelt. SIE wird unser Verhältnis zu uns selber noch tiefgreifend verändern.

Denn, wie war das früher? Der Busen zu klein, die Oberschenkel zu dick, die Ohren zu groß? Schicksal. Man musste schauen, dass man damit zurechtkam. Die Natur hatte es verbockt oder der liebe Gott. Mit Demut war es hinzunehmen. Aber früher war die Gesellschaft für die Makel der Menschen offener und toleranter. Heute muss jede Falte bekämpft werden. Und dabei geht es nur ums Geld. Damit die Kasse der Schönheitsindustrie klingelt, braucht es ein Ideal, das zwar erreichbar scheint, aber niemals ganz erreichbar ist. Immerwährende Jugendlichkeit, zum Beispiel. Damit lässt sich immer Geld verdienen. Nicht auszudenken, wenn plötzlich alle zufrieden und glücklich wären in ihrer Haut. Es wäre das glatte Ende der Schönheitsindustrie.

Die Verachtung des Alters kommt auch daher. Die immerwährende Präsentation des jugendlichen, vitalen, makellosen Menschen korrumpiert nicht nur unsere Wahrnehmung der anderen sondern verzerrt auch unser Bild von uns selbst. Früher konnte man sich nach der Arbeit auf seinem Hüftspeck ausruhen, in Frieden ein Bier trinken, in Frieden alt werden. Heute rennt man nach Feierabend ins Fitnessstudio und bald wird sogar das Sterben verboten.

Nun aber genug geflennt. Jenseits aller Falten, Fettpolster und Hühneraugen will ich zum Alter einmal Folgendes sagen. Vierzig zu werden bedeutet nichts als Glück. Es bedeutet, ich habe vierzig Jahre geschafft. Ich habe die ersten vierzig Jahre überlebt. Das ist nicht selbstverständlich. Ich werde Vierzig bedeutet auch:

–          Ich bin nicht in einem deutschen Gefängnis zu Tode gefoltert worden.

–          Ich bin nicht in Palästina erschossen worden, auch nicht in Libyen oder Syrien.

–          Ich bin nicht im Sudan an Hunger gestorben.

–          Ich bin nicht an Aids gestorben und auch nicht an Krebs.

–          Ich bin nicht in Mexiko in der Wüste verscharrt worden.

–          Ich bin nicht auf dem Drogenstrich an einer Überdosis gestorben.

–          Ich bin nicht als Obdachlose im russischen Winter erfroren.

–          Ich habe mir nicht aus Verzweiflung das Leben genommen.

Ich werde Vierzig bedeutet: Ich habe verdammt Schwein gehabt mit meinem Leben. Der Zufall hätte mir genauso gut ein anderes bescheren können.

5 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 5

  1. Die Aufzählung dessen, was nicht geschah, finde ich gut. Will das nachmachen.
    Welcher Zufall hat uns genau das Leben geschenkt, in welchem wir zappeln, hausen, springen, schleichen….?
    Gruß von Sonja

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