Innerhalb der akademischen Philosophie ist man sich ja kaum jemals über irgendetwas einig. Immer wird nur gezankt und gestritten, immer nur über einander hergezogen. Grässlich, diese Keiferei, aber Philosophen sind halt auch nur Menschen. Sie tummeln sich in denselben zwischenmenschlichen Niederungen wie wir alle. Dazu kommt, dass das philosophische Denken wahnsinnig verwirrend sein kann. Nie gibt es mal eine handfeste Antwort, stattdessen immer nur neue Fragen. Daraus folgt, dass es auch keine Wahrheit gibt sondern nur Wahrheiten, die mehr oder weniger vorläufig sind. Wahrheiten sind flüchtige und untreue Dinger. Sie verduften, sobald man meint, sie zu fassen zu kriegen. Trotzdem streben fast alle Philosophen klammheimlich danach, DIE Wahrheit zu entdecken, und eben deshalb kommt es oft zu verbalen Raufereien.

Kommt es aber zu Fragen über die Natur des Menschen, ist die neuere Philosophie sich recht einig, dass es sich bei der Spezies Mensch durchaus um ein Kultur- und nicht etwa ein Naturwesen handle. Es gibt sie nicht, die Natur des Menschen. Es gibt ihn nicht, den Menschen an sich. Denn längst lässt sich nicht mehr sagen, was am Menschen nun Natur und was Kultur ist und ohne Technik sind wir Menschen von heute sowieso nicht mehr zu denken. Ich finde es wertvoll, sich dies vor Augen zu halten. Denn mit dem Argument der Verletzung der Natur des Menschen wird oft und gerne gegen die biochemischen und gentechnischen Errungenschaften gewettert. Aber, das sind blosse Scheinargumente. Sie klingen schön, werden uns aber nicht vor den schönen und weniger schönen Bescherungen der Biotechnologien bewahren.

Mit der Natur selbst (also Tiere, Bäume, Sträucher etc.) ist es auch so eine Sache. Das, was wir als Natur betrachten, ist immer Natur von unserem kulturellen Standpunkt aus gesehen. Etwas hart gesagt heisst das, dass wir Natur nur deshalb erkennen können, weil wir nicht dazu gehören. Was wir als Natur betrachten, ist das, was wir berechnen können. Wir wissen über Natur nur das, was wir mit unseren Instrumenten erfahren können. Martin Heidegger war sich gar sicher, dass wir die Natur niemals entdecken würden, weil wir immer nur alles vermarkten, verwerten, verwursten wollen und überhaupt vollkommen entfremdet seien. Die Natur, die wir niemals entdecken werden, ist das Unergründliche, das Nicht-Sagbare, Nicht-Berechenbare. Ohne dass wir es wissen, dürfte es da Draussen voll davon sein.

Jetzt kann man das alles natürlich als nutzloses Gewäsch abtun. Als Probleme für all diejenigen, die keine anderen Probleme haben. Vielen mag philosophisches Denken vollkommen überflüssig erscheinen. Jedenfalls habe ich im Laufe der letzten Jahre endlose Diskussionen über Sinn und Unsinn der Philosophie geführt. Aber, die Philosophie ist wichtig, gerade weil sie nicht von direktem Nutzen ist. Nicht alles muss direkt in Geld münden, nicht alles marktwirtschaftlich verwertbar sein. Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, Dinge zu hinterfragen, die nicht offensichtlich sind, Dinge aufzudecken, die sonst unentdeckt blieben. Seien wir froh drum. Nicht alles muss zum direkten Profit führen. Wir sehen ja, wohin uns solches Denken führt.

Nun aber zurück zur Natur. Gibt es sie nun oder nicht? Wer behauptet, dass wir die Natur nur mit Hilfe unserer Messinstrumente erkennen, der hat wohl niemals das Glück des Zeltens erlebt. Von Heidegger weiss man zwar, dass er viel Zeit an der frischen Luft verbracht hat, (hat er doch sein widersprüchliches Hauptwerk (welches später von niemandem recht verstanden wurde, ev. auch von ihm selbst nicht) in einer Berghütte geschrieben) aber es ist nicht sicher, ob er jemals gezeltet hat. Denn wer zeltet, kann einfach nicht glauben, dass das, was er gerade erlebt, nicht die Natur an sich ist. Frische Luft, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Wind und Wetter ausgesetzt. Regen, Sonne, Wind, alles erbarmungslos. Ich liebe zelten. Es erinnert mich an eine längst vergangene, schöne Zeit. Zelten ist für mich Freiheit, Kindheit (und Tomatensalat, aber dazu ein andermal). Beim Zelten weiss man, es gibt sie noch die Natur. Man steckt gerade mittendrin.

Wenn man in der Nacht wach liegt, weil es in den französischen Alpen Ende August halt doch schon recht kühl ist, wenn man sich die kalten Füsse reibt, die einfach nicht richtig warm werden wollen, wenn man den Schlafsack verflucht, der einem doch vor zwanzig Jahren noch als Antarktis-Qualität verkauft wurde, dann weiss man: So unpässlich diese Temperaturen! Das muss wohl Natur sein.

Wenn man dann nach einer in Kälte durchwachten Nacht aufsteht, in die kalten Flipflops schlüpft, durchs nasse Gras Richtung Toilette watet, dann merkt man schnell: Aha, kalt, nass, glitschig… An meinen Füssen kann nur Natur sein.

Wenn man ab der dritten Nacht nicht mehr ganz so weich liegt, weil die Luft aus dem „Prestige Airbed“ langsam aber stetig durch ein irreparables Loch entweicht, dann weiss man: So hart und unbequem: Natur.

Wenn es aus Kübeln giesst und sich in den Ecken des Zeltes langsam aber sicher kleine Seelein bilden, dann erkennt man: Das ist Natur. Natur schlägt Technik.

Wenn man den Gaskocher auspackt und man feststellt, dass Gaskartusche und Aufsatz nicht aufeinanderpassen wollen, weil man beim Einpacken geschlampt hat, dann ahnt man: Technik ist immer nur so gut wie diejenigen, die sie anwenden.

Wenn weit weg von zu Hause die Klimaanlage des Autos den Geist aufgibt und irgendein Gummi der Klimaanlage mit dem Rest des Motors so zusammenhängt, dass man also durchaus nicht mehr fahren kann, und man es abschleppen lassen muss, und erst Tage später wieder wird abholen können, dann steht es für einen Moment glasklar vor Augen: Technik ist Mist. Besser gesagt, Technik ist immer nur so gut wie diejenigen, die sie erfinden.

Ich bin nach meinem Zelturlaub also einmal mehr zum Schluss gekommen: Technik ist nicht immer die beste Lösung und man kann sie noch erleben, die unberechenbare Natur. Technik kann uns nicht immer vor ihrer Unbequemheit bewahren. Liesse man sie nur lange genug gewähren, die Natur, sie würde rasch überhand nehmen und unser Leben überwuchern wie Unkraut.

Soviel zu meinem Urlaub. Es war sehr sehr schön. Ehrlich.

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 6

  1. Ich staune zum wiederholten Mal, dass bisher niemand diesen grossartigsten aller bisherigen Beiträge kommentiert hat. So muss ich jetzt einfach zeitverzögert noch mein Lob aussprechen: Schlicht fantastisch geschrieben. Ich melde mich eventuell wieder, wenn mir orginellere Superlative einfallen. Noch ein Wort zum Thema. Luftmatratzen beim Zelten sind das Unbequemste überhaupt. Sie haben nur einen Vorteil: Sie schwimmen, wenn rundherum alles nass ist, weil man es nicht geschafft hat, das Zelt regensicher aufzuspannen. Gaskocher hingegen stets zwei dabeihaben. Schade ist der Sommer vorbei. Herzlich, Ihre Rose Baba

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