Schon länger beschäftigt mich eine Sache. Weshalb eigentlich zeigen sich Leute, vor allem Frauen, so gerne nackt? Seit einigen Jahren scheinen sich Frauen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausziehen, ja, sie scheinen regelrecht darauf zu lauern, sich endlich die Kleider vom Leib zu reissen. Keine Demo mehr ohne die obligatorischen Nackten. Folglich gab es in den letzten Monaten ab und zu mal was in der Zeitung zum Thema Nacktheit. Darin stand, dass v.a. Frauen ihren Körper und ihre Nacktheit als nicht besonders privat empfinden. Das hat mir lange zu denken gegeben. Dann bin ich zum Schluss gekommen, dass diese Offenheit vielleicht daher kommt, dass der Körper heute nicht mehr unbedingt Schicksal ist, sondern eher eine Art Grundausstattung, die man je nach Bedarf technologisch erweitern kann. Fett absaugen, Brüste richten, Po formen, kostet heute nicht mehr alle Welt. Der Verfall der eigenen Jugend ist immer weniger dem eigenen Versagen an den Fitnessgeräten geschuldet oder der natürlichen Gemeinheit der Zeit. Oft genug sind ja die Körper, die da so hergezeigt werden, erst durch Nachhilfe so schön. Natürlich nicht alle. Aber trotzdem kann man – etwas platt vielleicht – sagen, wer sich aus reiner Eitelkeit beim Chirurgen aufschlitzen lässt, hat bereits ein überspanntes Verhältnis zu seinem Körper und will vielleicht herzeigen, wofür sie ihr sauer verdientes Geld ausgegeben hat. Das schöne Wort Entfremdung könnte hier einmal mehr gut passen.

Das, was gezeigt wird, ist also nicht mehr des Schicksals letztes Wort aber die neue Freizügigkeit kommt nicht nur daher. Vielmehr wird ja Generation Facebook, Twitter und wie sie alle heissen zur entfesselten Selbstdarstellung geradezu erzogen. Je mehr man ausplaudert und zeigt, desto mehr Aufmerksamkeit ist einem sicher. Klingt wie ein Spionagefilm, aber bekanntlich werden wir von überall her beobachtet, beleuchtet und überwacht. Um die Superpunkte abzugrasen zeigt man seinem Supermarkt gerne, was im Einkaufswagen liegt. Dass man die Leute auch unter die Kleider gucken lässt, ist vielleicht nur konsequent.

Wirklich zu denken gibt mir allerdings, dass viele Frauen ihre Nacktheit als Ausdruck ihrer Emanzipation empfinden. Endlich, endlich können sie über ihren Körper bestimmen und nun finden sie es besonders mutig und autonom, diesen der Welt nackt vorzuführen. Pardon, aber dieser Ausdruck der Emanzipation kommt ungefähr vierzig Jahre zu spät. Nacktheit hatte in den 60er und 70ern noch eine gewisse Sprengkraft. Die barbusigen Hippies hatten sich von den Konventionen eines prüden Elternhauses befreit. Sie konnten sich tatsächlich als emanzipiert und frei empfinden. Aber Nacktheit als Zeichen für Emanzipation im 21. Jahrhundert? In einer Zeit, wo ein nackter Körper noch so brisant ist wie der Tatort am Sonntagabend? Also, interessant anzuschauen aus Bequemlichkeit aber irgendwie doch schon tausendmal gesehen? Gääähn. Gilt nicht mehr.

Aber noch schlimmer ist, dass sich Frauen anscheinend auch immer mal wieder für den Karrierekick ausziehen. Oder, was hatten die deutschen Fussballerinnen im Playboy verloren? Ich bin zum Schluss gekommen, dass wir es hier höchstvermutlich mit einer Art Gehirnwäsche zu tun haben. Jungen Frauen scheint eingetrichtert zu werden: Befreie dich (von deinen Kleidern) und sei frei! Zieh dich aus und du kannst überall hin gehen! A.k.a. Good girls go to heaven, bad girls go everywhere.

Mag schon sein, dass nicht der tugendhafte Weg überall hin führt. Aber wer so tut, als sei es so wahnsinnig modern und selbstbewusst, sich auszuziehen, muss nochmal scharf nachdenken. Es fällt rasch ins Auge, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Person, die sich auszieht und der Person, die betrachtet. Die Person, die sich auszieht, ist in der Regel weiblich, während die Person, die betrachtet, oft männlich aber vor allem anderen angezogen ist. Oder wenigstens nicht in der Öffentlichkeit ausgezogen. Doch irgendwie scheint an diesem Unterschied nichts mehr zu sein, das irgendwie brüskierte. Voyeurismus war früher mal ein ganz schlimmes Wort. So schlimm wie es heute Prüderie ist. Bloß nicht prüde sein. Ausziehen!

In der biblischen Schöpfungsgeschichte galt Nacktheit noch als Zeichen von Unschuld. Doch dann haben Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis genascht und sind aus dem Paradies gefallen. Seither gilt die Unschuldsvermutung auch für uns nicht mehr. Nacktheit hat immer, auch heute noch, etwas mir Wehrlosigkeit zu tun. Folterregimes ziehen ihre Opfer zuerst einmal nackt aus, um sie zu entwürdigen. Nacktheit war und ist auch ein Zeichen von Ohnmacht und von Armut. Sie ist Ausdruck eines uralten Herrschaftsverhältnisses. Die Herren tragen Kleider, die Sklaven sind nackt. Wer nackt ist, dem fehlt der Schutz der Kleidung, denn Kleidung schützt uns nicht nur vor der klirrenden Kälte sondern auch vor den Blicken der Außenwelt. Und heute ist alles noch viel schlimmer. Die Bilder sind gemacht, gelangen ins Netz und sind schlicht nicht mehr zu kontrollieren.

Ich behaupte, dass mit der neuen emanzipierten Nacktheit die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen aufs Neue gefestigt wird. Da können sich die jungen Frauen noch so modern und selbstbewusst geben. Das, was sie modern nennen, ist vor allem das Resultat eines medialen Diskurses in dem sie nur Spielfigur sind, aber niemals die, die ziehen.

One thought on “Die nackte Emanzipation

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