Die Wunder der Medizin werden seit einigen Jahren in so rascher Folge verkündet, dass man aus dem atemlosen Staunen gar nicht mehr herauskommt. Was noch vor wenigen Jahren ausschliesslich Science-Fiction war, wird nun plötzlich Tatsache. Wir holen gerade unsere eigene Zukunft ein. All die hoffnungslosen Träume, die sie hegten, die Verzweifelten, sie treten nun plötzlich in den Bereich der Machbarkeit ein. Blinde werden wieder sehen, Taube wieder hören, Gelähmte wieder gehen. Jesus hat sich als Biotechnologe verkleidet und ist auf die Erde zurückgekehrt, um zu heilen und zu wirken. Das ist kein Witz jetzt.

Dank eines Cochlea-Implantats kann der von Geburt an taube Aiden nun fast normal hören. Nach zwei Jahren drehte sich der kleine Junge zum ersten Mal nach der Stimme seiner Mutter um. Man muss sich vorstellen, was dieser Moment für die Eltern bedeutet haben muss. Hoffnung gibt es auch für Blinde. Sogenannte Netzhautchips sind noch nicht ganz so ausgeklügelt aber auf gutem Weg. Schon fast normal dagegen sind Gehirnschrittmacher, die dafür sorgen, dass das Gehirn von Parkinson-Patienten nicht aus dem Takt gerät. Niemand der ein Herz hat wird bezweifeln, dass all dieses neue Wissen und Können, all diese neuen Technologien, eine wichtige und grosse Sache sind. Versetzten wir uns nur mal in die Lage von Amanda Kitts. Sie verlor bei einem Autounfall ihren linken Arm. Zum Glück aber waren die Nervenfasern in ihrem Armstumpf noch intakt und so gelang es Forschern, ihr eine ganz neuartige Armprothese anzupassen. Diese Prothese lässt sich gedanklich steuern. Amanda Kitts Gehirn sendet elektronische Impulse an die Muskeln in ihrem Armstumpf, diese Impulse werden an einen Computer, den sie auf dem Rücken trägt,  weitergeleitet. Der Computer wiederum veranlasst die Prothese, die Bewegung zu machen, die Amanda Kitts sich gedacht hat. Die sie sich GEDACHT hat! Ja, das muss man erst mal setzen lassen. Es ist nämlich nichts anderes gelungen, als Mensch und Maschine interaktiv zu verbinden. Das Allererstaunlichste daran ist, dass es kaum jemanden zu erstaunen scheint.

Technologisch sind wir bald soweit wie die Götter, die uns geschaffen haben. Es wird noch soweit kommen, dass wir zu unseren eigenen Schöpfern werden. Oder, dass wir – vielleicht schon unsere Kinder – nicht mehr sterben müssen. Oder, dass wir uns wenigstens das Smartphone implantieren lassen können. Darüber werden gewisse Mitmenschen sehr glücklich und erleichtert sein. Dann müssen sie nicht mehr immer selber dran denken. Nur das Hungerproblem lässt sich anscheinend nicht lösen. Aber das liegt nicht an unserem Können sondern an unserer Korruptionsanfälligkeit. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen. Oder vielleicht doch?

Vielleicht schon. All die neuen Technologien können ja nicht nur medizinisch genutzt werden. Jesus hat ein grosses Herz. Auch Gesunde können von ihrem Leiden befreit werden. Vom Leiden an der eigenen Eingeschränktheit, vom Kreuz der unvollkommenen Natur. Unser armseliges, minderwertiges Dasein könnte mit Hilfe von Biotechnologien um einiges verbessert werden. Stichwort: ENHANCEMENT. Wäre es nicht gut, wir wären nicht immer so müde, so vergesslich, so lustlos? Wäre es nicht gut, wir stünden am Montagmorgen nicht mit schlechter Laune im Büro sondern voller Tatendrang und Optimismus? Und dabei noch faltenlos blendend aussehend, obwohl wir gestern noch bis in die Puppen gefeiert haben? Das macht uns alles nichts mehr. Dank Biotechnologie brauchen wir nicht mehr so viel Schlaf und unsere Leber kann Alkohol dreimal schneller abbauen als bisher. Der Chef ist begeistert!

Zumindest ein besseres Gedächtnis oder Montagmorgen voller Optimismus lassen sich per Pille bekanntlich problemlos herstellen. Allseits bekannt ist der Fall von Ritalin, einem Medikament, welches dem kleinen Moritz oder der kleinen Anna in der letzten Reihe mehr Konzentration und Sitzleder abringen soll. Ritalin wird an Kinder verschrieben und im grossen Stil von Erwachsenen zur eigenen Leistungssteigerung genutzt. Kinder müssen dafür herhalten, dass Erwachsene an ihre Drogen kommen. Früher mussten sie höchstens mal für Mama am Kiosk Zigaretten holen. Aber so etwas Verwerfliches geht heute überhaupt GAR NICHT MEHR. Nun, wer weiss, vielleicht verhilft uns die Pharmaindustrie bald per Pille zu mehr Moral und Anstand. Das würde dann möglicherweise auch das Hungerproblem lösen. Jedenfalls besteht der Wunsch, den Menschen mit Hilfe von Pharmatechnologie zu einem besseren Menschen zu machen.

Nur, was heisst gut und was heisst besser? Was heisst Heilung und was heisst Veränderung? Ist die Fähigkeit 500 Kilos zu heben eine Verbesserung der Muskelstärke oder bereits eine Veränderung der menschlichen Natur? Und, was ist mit den Sportlern, die dank Doping in Windeseile den Berg rauf- und runterrasen? Könnten sie dies auch ohne Nachhilfe aber mit umso härterem Training erreichen? Wäre es menschenmöglich? Wo verläuft die Grenze der eigenen Fähigkeiten? Schwierig zu sagen und wenn es um unsere Psyche geht noch schwieriger. Denn, was heisst schon normal? Behandelt man mit Prozac eine psychische Krankheit oder verbessert man damit die Persönlichkeit eines Menschen? Immerhin wird von Patienten berichtet, die sich nur mit Prozac authentisch fühlen! Es gibt also Menschen, die mit Hilfe eines Medikamentes ihre wahre Persönlichkeit entdeckt haben und nicht etwa deren Veränderung! Musste Freud noch in den Untiefen des Unbewussten graben, um seinen Patienten zu enthüllen, wie es wirklich um sie stehe, deckt ein Jahrhundert später die Pharmaindustrie das wahre Ich von gewissen Leuten auf. So ändern sich die Zeiten.

Und was ist nun mit der Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS? Seit einigen Jahren haben plötzlich so viele Kinder diese Krankheit. Einfach grauenhaft diese Gören! Her mit dem Ritalin! Aber, man muss sich doch fragen, was das für eine Krankheit sein soll, die immerhin erst in neuerer Zeit entdeckt wurde. Handelt es sich um einen neuen Virus? Oder handelt es sich vielleicht eher um eine Erfindung unserer leistungsorientierten Gesellschaft, die ihren Kindern immer mehr abverlangt? Oder handelt es sich gar um die Erfindung der Pharmaindustrie zur eigenen Gewinnsteigerung? Man weiss es nicht. Was man aber weiss ist, dass es sogenannte Zappelphilippe früher in jeder Klasse gab. Sie waren zwar lästig und wurden oft vor die Tür, aber nicht zum Therapeuten, geschickt.

Es ist also schwierig zu sagen, was normal und natürlich und was nicht normal und unnatürlich ist. Und schwierig auch, die neuen Biotechnologien in die richtige Schublade zu versorgen. Am allereinfachsten ist es, einfach dagegen zu sein, weil es ja schliesslich unsere Natur verletze. Aber das ist ein schlechtes Argument.  (Siehe auch: 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 6)

Denn, was ist die Natur des Menschen? Wo hört Natur auf und wo beginnt Kultur? Allerspätestens seit unsere Hominiden-Urahnen sich aufrichteten und die Hände frei hatten, meistert der Mensch seinen Alltag mit Hilfe von Gegenständen. Mal ehrlich, ohne Hilfsgeräte sind wir doch hoffnungslos verloren. Klar, wir alle haben schon von einem zurückgezogenen Leben in der einsamen Blockhütte geträumt. Aber ohne Taschenlampe, Sackmesser und Mückenspray? Unmöglich! Von Natur aus sind wir eben schlecht bestückt. Uns fehlt das Fell, um einen langen Winter zu überstehen, die Klauen, um einen Gegner zu reissen, die Schnelligkeit, um einem Feind zu entkommen, das instinktive Wissen, um uns in der Wildnis zurechtzufinden. Die ergreifendste Szene, die das neuere Kino meiner Meinung nach zu diesem Thema geschaffen hat, findet sich im Film Into the Wild. Chris McCandless alias Alexander Supertramp macht sich nach seinem Collegeabschluss nach Alaska auf, um fernab des schnöden Mammons ein naturnahes Leben in der Wildnis zu führen. Dazu gehört natürlich auch das Jagen und so tötet er eines Tages ein wahrhaft gigantisches Tier. Einen Elch. Doch Alex wird diesem toten Tier einfach nicht Herr. Er hat nicht die richtigen Mittel und Techniken, nicht das Wissen, das Fleisch haltbar und diesen Tod für sich nützlich zu machen. Schliesslich verdirbt das Fleisch und Alexander Supertramp kommt nicht darüber hinweg, dass der Tod des Elchs sinnlos war. Zu viel denken ist schlecht in der Wildnis.

“Von Natur aus” sind wir mangelhaft ausgestattet. Der Vorteil, den wir Menschen haben, ist unser grosses Gehirn, unser Intelligenz. Um zu überleben, sind wir darauf angewiesen, dass unser Gehirn Techniken ausbrütet. Davon ist manches sinnvoll, manches hilfreich, manches unnütz, manches gefährlich.

Ich will damit nur sagen, dass die technologische Verbesserung des Menschen uns noch viel zu denken geben sollte.

5 thoughts on “Moral aus der Pillendose oder Jesus ist zurück

  1. ADHS ist keine Krankheit an sich, sondern eine “andere Art” der Informationsverarbeitung. Eigentlich eine, die sich vermutlich gerade der informationslastigen und schnellen Zeit angleicht, so wie es normale Gehirne nicht können/tun. Aber das ist ein anderes Thema.

    Ich habe wohl ADHS gehabt und habe es in ADS Form noch immer, nur hatte ich nie eine Diagnose. Dass es heute diagnostische Mittel gibt, weil man über eine “Störung” besser Bescheid weiß, heißt ja nicht, dass es ab jetzt erst ADHS gibt. Das Vorurteil, dass es nur mit Ritalin behandelt wird, stimmt auch nicht so ganz. Bei ganz extremen Fällen ja, aber das sind dann Fälle, bei denen Kinder wirklich nicht mehr ruhig sitzen können (Restless Leg Syndrom, das ist quälend, nicht für die Eltern, sondern für die Kinder), bei stärker werdendem antisozialem, weil eben impulsivem Verhalten, das Kinder aus dem Klassen- und Gruppengeschehen komplett ausschließt. Nebenbei sollte es immer ressourcenorientiertes Training für die Kinder geben. Skills können erlernt werden, sollten sie auch.

    Bei ADHS Menschen spielt sich neuropsychologisch etwas beobachtbares ab, das ist keine “Erfindung”. Der Präfrontalkortex ist unteraktiviert, es gibt zu viele Dopaminrezeptoren, so dass das eigene Dopamin so schnell abgebaut wird, dass weder Aufmerksamkeit noch Motivation lange aufrechterhalten werden können. Und wenn Ritalin, eine abgeschwächte Form des Speeds, auf Kinder oder ADHS-Betroffene beruhigend wirkt, also ganz anders als bei normalen Menschen, bei denen es aufputschend wirken würde, kann man schon stark davon ausgehen, dass die Hirnphysiologie bei den Betroffenen sich tatsächlich signifikant von den der anderen unterscheidet.

    Ich bin jetzt nur auf den Teil eingegangen, weil er mir ins Auge gestoßen ist. Leider muss ich jetzt los und habe nicht alles gelesen, hole ich aber noch nach. Wie cool, dass Soso deinen Blog vorgestellt hat, ich find’ ihn richtig gut. =)

    Lieben Gruß

    1. Liebe Sherry, ich bin auch nicht der Meinung, dass es sich bei ADHS um eine Erfindung handelt. Ich wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass die Gesellschaft heute gegenüber anderem oder “nicht normalem” Verhalten unnachgiebiger geworden ist und solches gerne als Krankheit bezeichnet, vielleicht eben weil es Medikamente gibt, die es früher nicht gab. Bestimmt gab es ADHS früher schon, aber wie ich angedeutet habe, war einfach mehr Platz vorhanden für „Zappelphilippe“. Der Umgang war ein anderer. Und offensichtlich scheint mit ADHS auch ein Geschäft gemacht zu werden, auch wenn es sich nicht nur um Ritalin handelt.
      Zur Form meines Blogs noch das Folgende: Ich möchte mit meinem Blog nicht knallhartes philosophisches und wissenschaftliches Denken betreiben sondern Dinge ansprechen und zum Denken anregen, möge auch manches, was ich berichte, nicht zu 100% überprüft sein. Mein Blog soll hoffentlich ein bisschen witzig sein und Spass machen zu lesen, auch für Leute ohne akademische Vorbildung.
      Vielen Dank für deine gründlichen Kommentare. Finde ich richtig cool.
      Herzlich, Lara

    2. Liebe Lara,

      soweit ich das sehe, ist dein Blog genau die Art Blog, die mich anspricht. Es ist ein Segen, wenn man Menschen dabei zulesen darf, wie sie sich so explizite und auch kritische Gedanken über “Zeitgeister” machen. Auch diese Perspektive vom “Ich allein” weg auf das Globalere finde ich sehr schön. Gerade im Nachhinein diese in der Gegenwart kritischen Betrachtung nachzuvollziehen, ist spannend. Deshalb sieh die Dinge, die ich im Bereich Psychologie, Neurowissenschaften oder Medizin hinzufüge nur als Momentaufnahme, als zusätzlichen Gedanken und nicht als Kritik oder Berichtigung deiner Worte, ja? Das nur vorab. Jetzt zum Thema …

      Ja, das mag stimmen, dass der Umgang damals anders war mit ADHS-Kindern oder Zappelphillips. Aber war der besser? Wenn wir die ganzen, körperlichen Züchtigungen betrachten oder das Ausschließen der Kinder von anderen Gruppen, oder die Stigmatisierungen, die Eltern sich durch andere Eltern gefallen lassen mussten, weil sie ihr Kind nicht “in den Griff” bekamen und als Folge dieser das Kind noch härter körperlich züchtigten – oder wenn wir die zu Aggressivität und delinquentem Verhalten neigenden Jugendlichen, die mit ihrer Impulsivität einfach nicht klar kamen, die Beruhigung dieser durch Alkohol- und Substanzmissbrauch berücksichtigen, dann können wir das Geld, das die Pharmaindustrie (ich sage immer Mafia) macht, vielleicht auch noch einmal “anders” bewerten. Wir leben leider in einer Welt, in der wir immer mehr Kollateralschäden “akzeptieren” müssen, wenn wir unser Leben oder das unserer Familie für unseren kleinen Bereich “heile” halten wollen. Das ist ein ganz mieses Geschäft mit unseren Ängsten, das ist mir bewusst, deshalb finde ich gut, dass du das ansprichst.

      So, jetzt habe ich schon soviel geschrieben, obwohl ich deinen ganzen Beitrag noch gar nicht durch habe. Das hole ich auf jeden Fall nach.😀

      Lieben Gruß,
      Sherry

  2. Du hast wahrscheinlich recht und ich tendiere ja gerne dazu, das Gestrige zu verharmlosen und das Heutige zu verteufeln. Da muss ich wieder mal mehr innere Retrospektive halten… Aber unheimlich ist, dass unser Wunsch, “normal” zu sein, der Pharmaindustrie in die Tasche spielt. Erstens verdient sie einen Haufen Geld daran und zweitens, definiert sie indirekt ja mit, was normal ist und was nicht (bsp. wenn sie Produkte anbietet, die so gut sind, dass alle sie haben wollen, (etwas platt gesagt)). Ich bin mir über die Tragweite auch nicht sicher, aber es scheint mir doch mehr als Kollateralschaden zu sein. Dafür scheint zu viel System dahinter zu stecken.

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