Was in meinem Leben schon immer gilt: Kaum etwas macht mich so glücklich wie das Kino. Sitze ich im Kino, bin ich hochzufrieden, glücklich, einfach da zu sein. Immer sitze ich früh genug im Saal, um auf gar keinen Fall die Werbung zu verpassen. Die Werbung gehört zum Film unbedingt dazu. Eine Tatsache, die den heute so irrsinnig Geschäftigen und Beschäftigen nicht mehr ohne weiteres einsichtig zu sein scheint. Dabei ist die Werbung sozusagen das Bindeglied zwischen Alltag und Filmwelt, sie transportiert die Vorfreude, die mit den Vorfilmen noch gesteigert wird, bis es schliesslich, endlich losgeht. Leider scheinen heutzutage nicht wenige Kinogänger zu glauben, der Filme fange an, wenn der erste Schuss fällt. Ein Trugschluss.

Nur leider ist die Viertelstunde bis Filmanfang für mich immer eine regelrechte Qual. Was könnte in den nächsten Minuten nicht alles geschehen! Wird sich auf keinen Fall jemand mit hoher Frisur vor mich setzen? Ich bin nämlich ziemlich klein. Wird sich auf keinen Fall jemand mit langen Beinen hinter mich setzen? Dann bewegt sich nämlich mein Kinosessel WÄHREND der Vorführung. Wird sich auch niemand neben mich setzen, der starkes Parfüm trägt, nach altem Schweiss riecht oder Zwiebeln gegessen hat? Dann kann ich mich nämlich nicht mehr auf den Film konzentrieren und verpasse womöglich die besten Szenen, weil mein Kopf in der Handtasche steckt, um frische Luft zu schnappen. Jessas Maria, diese Nöte! Und wohin soll ich mich setzen, wenn das Grauen eintritt?

Wenn aber die gedankliche Marter vorbei ist, wenn der Film anfängt und all das oben Genannte nicht eingetroffen ist, wenn der Platz vor mir leer ist, mein Sessel ruhig bleibt, keine unangenehmen Gerüche mir Atem und Konzentration rauben und ich freie Sicht auf die Leinwand habe und ausserdem niemand gebrannte Mandeln isst und dabei jede der gebrannten Mandeln EINZELN aus der Packung raschelt, dann bin ich so glücklich, dass sich ein seliges Lächeln nicht mehr von meinem Gesicht wischen lässt. Und ich wahrscheinlich geradezu dement aussehe.

Früher – in meinen allgemein noch etwas expressiveren Jahren – war für mich Kino Entzücken und Begeisterung hoch drei, so, dass ich meist schon hochemotional in den Saal gestolpert bin. Es ist vorgekommen, dass ich bereits bei der Ovomaltine-Werbung tränenfeuchte Augen hatte und meine Taschentücher bereits zehn Minuten nach Filmanfang aufgebraucht waren. Dass sie bereits dann vollkommen zerschneuzt und zerknittert waren, wenn es eigentlich noch nicht so emotional hoch her geht im Film, weil erst mal Informationen verteilt werden und man als Zuschauer erst noch herausfinden muss, welche Gefühle zu welcher Figur gehören. Das lag aber durchaus nicht nur an mir. Dass bereits der Kinosaal, also nicht erst der Film selber, Emotionen aufleben lässt, ist in zahlreichen Studien untersucht und nachgewiesen worden. Der Saal dunkel, die Geräusche gedämpft, die Sessel bequem, die Leinwand beleuchtet. Alles Kalkül. Aber ein Herrliches! Alles das sorgt dafür, dass man sich seinen Gefühlen hingibt und die Welt da draussen möglichst schnell vergisst. Einfach hinter sich lässt. Dass man zwei Stunden aus der Realität fällt und in eine andere Welt eintaucht. Ist das nicht wunderbar? Oder, wessen Leben ist so anhaltend toll, dass er sich nicht ab und zu gerne davonmacht?

Für eine Arbeit über den Film War Photographer von Christian Frei habe ich mich mal damit befasst, wie in einem Film Gefühle „gemacht“ werden. Hochinteressant. Man kann getrost davon ausgehen, dass in einem Film nichts aber auch GAR NICHTS dem Zufall überlassen wird und schon gar nicht die Gefühle der Zuschauer. Denn von ihnen hängt alles ab. Einstellung, Kamerawinkel, Schnittfrequenz, Kleidung, Schminke, Hintergrund, Musik, einfach alles soll Spannung erzeugen und die Gefühle des Zuschauers in die gewünschte Richtung lenken.

Ein Film muss gar nicht immer die grossen Gefühle bedienen. Es muss nicht immer die Trauer darüber sein, dass die beiden Liebenden jetzt doch nicht zueinander gefunden haben oder der Zorn darüber, dass am Schluss die falsche Figur sterben musste. Filme können uns auch einfach beschäftigen, sie können in uns rumoren, wir können mit ihnen einverstanden sein oder nicht. Im günstigsten Fall helfen sie uns, etwas in unserem Leben zu verändern. Nur eines dürfen sie nicht. Sie dürfen uns auf keinen Fall egal sein. Sind sie uns egal, dann sie sind langweilig. Ein schlimmeres Urteil gibt es meiner Meinung nach nicht fürs Kino. Filme, die einen kalt lassen, da ist irgendetwas schief gelaufen.

Sowieso Gefühle. Mindestens seit den Stoikern dachten die grossen Denker, oder besser gesagt, diejenigen, die in den philosophischen Gefilden das Sagen haben, Gefühle seien nichts als Gemüse und der Vernunft vollkommen unterzuordnen. Der Weise sei von Vernunft geleitet und nicht etwa von Gefühlen beeinträchtigt. Diese Einschätzung bringt nicht wenige Vorteile mit sich. Das Gute am rationalen Subjekt ist nämlich, dass es sich relativ einfach fassen lässt. Ratio bedeutet Klarheit, Struktur, Methode. Emotionen bedeuten Chaos.

Trotzdem erleben Emotionen gerade eine Art philosophische Niederkunft und das wurde auch Zeit. Denn schon länger hegte man die Vermutung, dass das rationale Wesen, über welches ganze Bibliotheken geschrieben wurden, in freier Laufbahn relativ selten anzutreffen sei. Ab und an sah man ein solches Exemplar in brauner Cordhose und Pfeife im Mund in Gedanken versunken um den Campus schleichen, aber es schien offensichtlich, dass die wenigsten Menschen vernunftgeleitet waren. Oder anders gesagt, wären wir vernunftgeleitet, liesse sich unser Verhalten nicht erklären. So oder so. Jetzt wo die Vernunft versagt hat, entdeckt man wieder das Gefühl.

Immanuel Kant hat sich übrigens im Nachhinein telefonisch gemeldet und will mit all dem nichts zu tun haben. Er behauptet nun plötzlich, doch immer schon über Gefühle geschrieben zu haben! Na, da hätte er sich aber mal klarer ausdrücken sollen!

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