Noch nicht so lange ist es her, da habe ich wiedermal lernen müssen, dass Vorurteile einen in der Regel nicht weiter bringen. Mitnichten sind sie unsere Verhaltens-Leitplanken, sondern die Bretter vor unseren Köpfen, die verhindern, dass wir weiter als bis zu unseren Zehennägeln sehen.

Mehr als zwei Jahre wohne ich nun schon hier, am südlichen Teil des schönen Lago Maggiore und über zwei Jahre lang wusste ich, dass Sesto Calende, der südlichste Ort am See, da, wo sich der See langsam fliessend in den Ticino wandelt, ja wohl der hässlichste Ort überhaupt ist. Noch hässlicher als Völklingen, Charleroi und Wattwil zusammen, Orten, denen man in einschlägigen Foren nachsagt, ziemlich hässlich zu sein. Durch Sesto fährt, wer weiter nördlich am See wohnt und zur Autobahn will, nach Mailand, Turin, Florenz, wohin auch immer. Sesto Calende ist also ein einigermassen stark befahrener Ort.

Ich dachte immer, Sesto sei eigentlich gar kein Ort, sondern nur ein Durchgangsort. Nach Sesto kommt man und möchte sofort wieder weg. Man bleibt nicht, sondern geht immer schon. Sesto Calende, ein Nicht-Ort. Solche Orte gibt es ja, transitorische Funktionsorte ohne Identität. Raststätten sind solche Orte. Ihr einziger Zweck besteht darin, Autos und deren Inhalt zu verpflegen und durchzuschleusen. Faszinierend finde ich das, aber wohnen möchte ich nicht da.

Wie oft schon bin ich also durch Sesto Calende gefahren, habe durch die geschlossenen Fenster geschaut und gesehen: Meine Güte, ist das hässlich hier! Hatte ein bisschen was von Ghetto-Tourismus. Sesto ist voll von Baustellen, laut, schmutzig, unfertig, provisorisch. Jedes Mal habe ich das alles gesehen und wusste meine Vorurteile aufs Neue bestätigt. Ich konnte zufrieden sein mit mir und der Welt, weil sie noch immer so war, wie ich sie mir zurechtgeschustert hatte. Denn, das ist ja das Reizvolle an Vorurteilen. Man behält immer recht. Man ist auf der richtigen Seite.

Und dann kam dieser eine Tag als ich in Sesto zur Gemeinde musste, unten am See, da wo auch die Mücken ihr Büro haben. Gerade will ich mich wieder ins Auto setzen, um so schnell wie möglich wegzukommen, da sehe ich plötzlich freundliches Licht hinter einer Mauer hervor blitzen, ich beuge mich ein Stück vor und sehe eine hübsch begrünte Gasse, spitze die Ohren, höre Geschirrklimpern und laute Rufe. Ich laufe hin und denke: „Also, das wird doch nicht am Ende…“ und stehe plötzlich in einer Fussgängerzone. Kopfsteinpflaster, Strassencafés, interessante Geschäfte, Bäume, schöne alte Häuser. Ich staune und freue mich! Dass ich diesen Ort, sieben Monate vor meiner Abreise aus Italien, doch noch gefunden habe! Eine schöne Uferpromenade, noch mehr Cafés und sogar einen langen Radweg haben die hier, alles flusswärts ins Land hinein. Fabelhaft! Radfahren ist in Italien nämlich nicht ganz einfach. Radwege gibt es kaum, und wenn, dann sind es wenige hundert Meter lange Prestigeobjekte, also mit allen Schikanen ausgebaut aber weit kommt man nicht. Der Rest einer Fahrradtour ist ein Gestümper aus: an der Hauptstrasse entlang, über Feldwege, dann das Rad über einen kleinen Bach hieven, auf Trottoirs, die auch nur sporadisch vorhanden sind und meist abrupt und unmotiviert enden.

Es war also ein bisschen, als ob Sesto mir seine Zunge zeigen wollte: „Ätsch, da hast du´s, du ignorante Landpomeranze, du!“

Und eigentlich hätte ich das alles schon vor zwei Jahren ahnen können. Damals nämlich haben wir eine Bleibe gesucht und uns ein Haus auf der anderen Seite des Flusses angeschaut. Das Haus war wunderschön am grünen Ufer gelegen (Achtung: Mückenhölle!!!) und leider eine totale Bruchbude. Es sah aus wie das alte Haus von Rocky Docky, seit fünfzig Jahren unbewohnt, musste man befürchten, dass es schon bald schon seinen letzten Seufzer tun würde. Spannend, abenteuerlich, aber mit zwei kleinen Kindern? Aber das Beste war, dass der Vermieter glatt 900 Euro Miete haben wollte. Wir haben uns nur an den Kopf getippt und sind wieder abgezogen. Der alte Herr musste schlichtweg verrückt geworden sein. Dass der Preis eventuell der hübschen Lage geschuldet sein dürfte, darauf wäre ich niemals gekommen, denn damals wusste ich schon, dass Sesto Calende der hässlichste Ort überhaupt ist.

Nun habe ich also wieder was gelernt und kann nur hoffen, dass William James unrecht hat:

„Viele Leute glauben, dass sie denken, wenn sie lediglich ihre Vorurteile neu ordnen.“

6 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 8

  1. Liebe Lara Palara, Sie schreiben mir einmal mehr aus dem Herzen. Nur ist es bei mir oft umgekehrt: Ich mache mir die allermalerischsten Bilder aufgrund zum Beispiel melodischer Ortsnamen oder anderer Willkürlichkeiten. Und dann … ja dann. Die Wirklichkeit eben, lärmig statt wohlklingend, gekleckst statt gemalt. Danke Sesto Calende für die Inspiration, die zu diesem Lesevergnügen geführt hat. Und schreiben Sie wieder, Lara Palara. Ihre Rose Baba

    1. Liebe Rose Baba, herzlichen Dank, dass Sie meinen Blog lesen. Ja, ich hoffe, das Leben hält noch genügend inspirierende Momente bereit, denn am Schluss sollen es ja 99 Gründe sein. Ich wünsche Ihnen eine entspannte Woche und bis nächsten Montag hoffentlich. Ihre lara palara

      1. Letzteres hoffe ich auch! Bei Ersterem bin ich mir sicher. Was aber vielleicht auch nur eine andere Form des Hoffens ist. Herzlich, Ihre Rose Baba

      2. Im brigen, Rose Baba, dachte ich aus irgendeinem Grund, dass auch Sie einen Blog schreiben, aber leider nichts gefunden. Ansonsten wrde ich nmlich sehr gerne vorbeischauen!

  2. du schreibst so genial über dieses phänomen. immer wieder ertappe ich mich bei eben dem. danke für den input und schön, auf welche erfreuliche weise du deine erkennntnis gewonnen hast! lernen muss nicht immer weh tun🙂

    herzlich, soso

  3. Im übrigen, Rose Baba, dachte ich aus irgendeinem Grund, dass auch Sie einen Blog schreiben, aber leider nichts gefunden. Ansonsten würde ich nämlich sehr gerne vorbeischauen!

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