Neulich, abends ist mir so ein bisschen ach und weh. Ich könnte gar nicht sagen, woran es liegt. An der Einsamkeit des Schreibens, der Anstrengung des Menschseins, der anhaltenden Ungewissheit über die Zukunft? Daran, dass der Winter naht, die Kirschenzeit vorbei und alles so postmodern ist? Vielleicht bin ich auch einfach wehleidig oder beleidigt über die anhaltende Dummheit der Welt. Ich sollte abends einfach keine Zeitung mehr lesen. Danach bin ich immer genau so drauf. Dann überkommt mich dieses postmoderne Lebensgefühl. Ich bin müde. Die ganze Welt ist müde. Es fehlt der Aufbruch, die Originalität, alles ist ganz unverbindlich, alles Konsum und Kopie und sowieso schon mal dagewesen, nur besser damals.

Kurzum: Ich bin in so einer elegisch bekümmerten Stimmung und möchte nun gerne bemuttert werden. Ich frage meinen Mann, ob er nicht etwas Tröstliches zu mir sagen könnte. Er überlegt, „Hm.“ Und antwortet schliesslich: „Die Erde ist rund. Wir können nicht hinunterfallen.“

Gut, das lassen wir gerade noch gelten. Ist ja wirklich ein Trost, eigentlich der existenziellste Trost überhaupt. Wir wissen, dass die Erde eine Kugel ist. Es gab ja durchaus Kulturen, in grauer Vorzeit, die glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Einer Schallplatte nicht unähnlich im All schwebend, nicht unendlich, gab es die theoretische Möglichkeit, hinunterzufallen ins von Dämonen bevölkerte Nichts. Natürlich ist davon auszugehen, dass sich niemand soweit an den Rand getraut hat, ausser ein paar arme Irre und Selbstmörder. Aber, nur schon dieses Wissen, dass es möglich wäre, ist doch der helle Wahnsinn, nicht? Diese Gefahr, vom Weg abzukommen, sich zu weit vorzuwagen, dann zu stolpern und hinab zu fallen in den Schlund der Zeitlosigkeit. Wie muss es sich wohl angefühlt haben, das Leben auf einer Schallplatte?

 Wenn man genau darüber nachdenkt, kann es eigentlich nicht viel absurder gewesen sein, als unser Leben als Staubkorn es ist. Als besonders Schönes zwar, aber verschwindend klein, durchs unendliche All zu schweben. Ein faszinierend ausgefertigtes Nichts, vollkommen irrelevant. Dagegen gab es im Mittelalter wenigstens noch die beruhigende Gewissheit, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Damals wusste man noch um seine Stellung und dass Gott es schon richten würde. Er hatte seine Pläne. Die waren zwar undurchschaubar, aber man konnte sich einfach in sein Schicksal fügen. Ausserdem waren es ja nur ein paar Jahre, 25–30 im Durchschnitt, bevor einen das paradiesische Jenseits einholte. Wenn man denn brav gewesen war und genügend Ablass bezahlt hatte.

 So gesehen haben wir doch viel existenziellere Nöte auszustehen, als alle Kulturen vor uns. Ist es nicht schrecklich, ohne Hoffnung auf ein Jenseits und nichts als Staub zu sein? Wird damit nicht jegliches Handeln der Lächerlichkeit preisgegeben? Wozu sich den Arsch aufreissen, wenn wir ja doch nur ein unwichtiges, galaktisches Wimpernzucken sind? Unser Glück ist, dass uns unsere Winzigkeit niemals bewusst wird und das Ganze viel zu absurd ist, um es jemals begreifen zu können.  Sonst müssten wir ja alle verzweifeln!

 Wir Modernen und Postmodernen sind hineingefallen in diese Welt, ohne ontologischen Daseinsgrund und metaphysisches Lebensziel. Wir müssen irgendwie mit der „Geworfenheit des Daseins“ (immer wieder: Heidegger) zurechtkommen und uns den Sinn des Lebens selber erschaffen. Ob wir damit glücklicher sind, als die einfachen Landbewohner des Mittelalters, die weder Vergangenheit noch Zukunft kannten, sondern den Jahresrhythmus, dem sie sich zu fügen hatten? Die sich nicht über den Sinn des Lebens Gedanken machen mussten, weil sich solche Fragen doch gar nicht stellen, wenn der Erlebenshorizont bis zum nächsten Dorf und noch ein paar Mal umfallen weiter reicht. Man hatte halt einfach zu tun. Bestimmt hat es Zweifelnde gegeben. Ich stelle mir vor, dass ein paar betrunkene Spinner ab und zu mal zünftige Freigeistereien gelallt haben und dann vom Stammtisch klein gemacht wurden. Wer weniger weiss, kann besser schlafen. Heute wissen wir vielleicht zu viel und vor allem sind wir damit alleingelassen. Wir haben unsere Zweifel, aber der nützt auch uns nichts. Wir haben kein Schicksal mehr und niemanden, dem wir die Schuld geben können, ausser den paar Firmen, die uns den Himmel auf Erden versprochen und uns dann diesen Mist verkauft haben.

In welchem Kosmos liesse es sich wohl am besten leben? Auf einer Scheibe, als Mittelpunkt des Universums oder als galaktische Kleinigkeit? Immerhin, unser Leben scheint das gesündeste zu sein und unsere Lebenserwartung hat sich  fast verdreifacht. Aber, auf eine gewisse Art haben wir es trotzdem schlechter. Denn, unser Erlebens- oder Erlebnishorizont wird ständig ausgeweitet. Werden wir nicht eigentlich jeden Tag überfordert? Nicht nur wissen wir, was in Ennetfelden und Hinterägeri los ist, wir sehen jeden Tag, was in Syrien geschieht, in Russland oder China. Wir leiden daran, nicht helfen zu können und auch am Zynismus, den wir irgendwann an den Tag legen, weil wir es einfach nicht mehr ertragen können. Unser Mitgefühl hat sich zwangsläufig auf die ganze Welt ausgeweitet. Unsere Aufmerksamkeit sowieso. Jetzt gerade ist unser Interesse auch auf dem Mars gefordert. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn tatsächlich ausserirdisches Leben entdeckt wird. Was werden wir tun, wenn es arme fremdgesteuerte Kreaturen sind, die von einem brutalen Diktator missbraucht werden? Sind wir in unserem Mitgefühl dann auch galaktisch herausgefordert? Denn, wohin eigentlich ist Kim Jong Il verschwunden? Offensichtlich lag im Sarg ja nicht er selber sondern seine Kopie aus dem Wachsfigurenkabinett. Der Traum jedes Despoten ist, dass Menschen ihm in sein vergiftetes Paradies folgen. Man kann sich nicht ausmalen, was hier los ist, wenn das Paradies plötzlich auf einem fremden Planeten entdeckt wird.

 Wer weniger weiss, kann besser schlafen. Das wird ein Grund sein, weshalb Kinder in der Regel glücklicher sind als Erwachsene.

3 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 9

  1. “Wer weniger weiss, kann besser schlafen.”
    Wo hab ich bloß neulich gelesen, dass Leute mit IQ über 130 viel mehr Stress haben?
    Du bringst es wunderbar auf den Punkt. Dein Text ist nahrhaft. Und wird nun noch nachhallen.

    Danke für deine Inputs!

    Herzlich, Soso

  2. “Wer weniger weiss, kann besser schlafen” – Ich habe einen traumhaften Schlaf, Gott sei Dank!
    Nicht auszudenken, wenn ich für alle Fragen eine Antwort und für jedes Problem eine Lösung parat haben müsste! Das würde mir den Schlaf rauben. Ich liebe es, ein winziges unbedeutendes Nichts in unserem riesigen Universum zu sein.

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