Freiheit ist zugleich ein grosser, ein selbstverständlicher und ein geräumiger Begriff. Gross, weil sich darin ein Ideal findet, dem wir alle nachstreben. Selbstverständlich, weil wir alle wissen, was damit gemeint ist. Geräumig, weil sich jeder was anderes darunter vorstellt. Die einen nennen es Freiheit, die anderen Selbstbestimmung, die anderen Unabhängigkeit, Autonomie, Ungebundenheit. Eines ist uns allen gemeinsam: Wir alle wollen möglichst viel davon haben. Wir haben so eine gewisse Vorstellung von uns und diese beinhaltet, dass wir möglichst frei denken und handeln. Aber ist das so und tun wir das ?

Überlegen wir uns doch mal, wie sehr sich unser Handeln in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Ich meine, klar, unser Handeln verändert sich stetig, sonst würden wir ja immer noch in Fellhosen vor der Höhle sitzen und Steine klopfen. Dass es „vorangeht“ mit uns, ist bedingt dadurch, dass wir unser Handeln den veränderten Umweltbedingungen anpassen, sonst würden wir gar nicht existieren. Nur, heute sind die Bedingungen nicht mehr natürlich gegeben sondern werden künstlich geschaffen. Wir verbringen täglich Stunden damit, Handy und Computer zu betreuen und fühlen uns immer noch frei. Ohne Smartphone würden wir keinen Tag mehr über die Runden bringen und ohne GPS mittlerweile kaum mehr die eigene Haustür finden. Ein halber Tag offline ist der reinste Horror und zieht sich hin wie ein zäher, alter Kaugummi. Wir sind durch und durch von Technologie bestimmt und fühlen uns immer noch frei. Eben: Anpassung an veränderte Bedingungen.

Aber immer schön ist das nicht, frei zu sein, sondern auch wahnsinnig anstrengend. Eine Last manchmal. Immer muss man selber alles tun, selber entscheiden, selber sein. Niemand da, der einem die Verantwortung für das eigene Glück abnimmt. Ermüdend ist das. Wer möchte nicht ab und zu gehätschelt und getätschelt, verwöhnt und bevormundet werden wie ein kleines Kind? Einmal nichts entscheiden müssen…

Ein paar Jahre ist es her, da gab´s mal ein paar Schlagzeilen, die kamen wie gerufen. Wir seien gar nicht frei, riefen uns da die Zeitungsstände in grossen roten Lettern entgegen. Wie eine erlösende Botschaft stand es da. WIR SIND NICHT FREI! Haltet ein, ihr freien Individuen! Nichts als eine Illusion ist unsere Überzeugung, frei zu sein! Nichts als Schall und Rauch, der freie Wille. War das nicht gut zu hören, eigentlich? Endlich zu wissen, dass wir ja gar nicht schuld sind an dem ganzen Schlamassel, gar nichts dafür können? Endlich konnten wir uns wieder vollkommen unschuldig fühlen.

Aber, wie kam es eigentlich zu dieser Schlagzeile? Angefangen hatte alles vor Ewigkeiten mit den sogenannten Libet-Versuchen. Benjamin Libet fand 1979 heraus, dass jemand der sich dazu entscheidet, seinen kleinen Finger zu bewegen, dies gar nicht frei entscheidet. Sein Gehirn hatte dies bereits entschieden, bevor er sich dessen bewusst wurde. Fazit: Wir sind vollkommen fremdgesteuert, von unserem eigenen Gehirn! Und da kann ich nur sagen: Puh, noch mal Schwein gehabt. Es hätte ja sein können, dass wir vollkommen fremdgesteuert sind, von einem fremden Gehirn! Es gibt also zwischen Gehirn und Bewusstsein oder bewusster Handlung eine Lücke von ungefähr einer halben Sekunde, in denen das Gehirn unseren Körper steuert. Und das ist auch gut so. Würden wir uns nämlich jede Handlung erst ganz genau und ganz bewusst überlegen, wir kämen nirgends hin.

Es gab einen wahnsinnigen Hype um diesen Versuch. Bahnbrechend war das alles. Forschungsreihe um Forschungsreihe wurde getätigt und jahrelang blieb es bei der Aussage, dass der freie Wille gar nicht existiere. Dann, langsam nur, trat die Dämmerung ein. Von Brisanz ist dies alles nämlich nur, wenn man annimmt, dass es eine Art Ich gibt, eine Art Bewusstsein, eine Essenz, eine vom Gehirn geschiedene Instanz. Das kann jeder für sich entscheiden, aber aus wissenschaftlicher Sicht ist die Annahme einer (cartesianischen) Trennung von Körper und Geist unzulässig. Nun, im Nachhinein findet man das alles auch nicht mehr so toll. Die Aussagen waren aber plakativ genug. Schlagzeilen sind Schlagzeilen und aus Forschungsresultaten werden schnell Wahrheiten. Und Wahrheit ist ja bekanntlich ein äusserst biegsames Ding.

Wir müssen zu unserer Freiheit Sorge tragen. Sie ist nämlich keine natürliche Tatsache, die unserer Spezies einfach so gehört. Keine natürliche Fähigkeit, die uns nichts und niemand wegnehmen kann. Das, was wir Freiheit nennen, ist eine gesellschaftlich konstruierte Realität. Wir lernen im Laufe unserer kindlichen Entwicklung, frei zu sein. Wir lernen es durch Erziehung, durch Handlung, durch narrative Konstrukte. Wir lernen, dass wir dies tun können oder jenes. Dass unser Handeln Gründe hat und Folgen nach sich zieht. Wir lernen, dass B geschieht, wenn wir A tun oder dass XY immer an die Decke geht, wenn wir C sagen. Wir wachsen als freie Individuen auf und lernen das verantwortungs- und respektvolle Handeln. Wir werden als freie Individuen behandelt. Die Fähigkeit frei zu sein, wird uns diskursiv angetragen und deshalb kann sie uns auch diskursiv weggenommen werden. Wir sind nicht frei, weil es unserer „Natur“ entspricht, sondern weil wir davon überzeugt sind, frei zu sein. Und genau deshalb handeln wir als freie Menschen.

Aber, was geschähe, wenn wir eines Tages davon überzeugt wären, gar nicht frei zu sein? Wie würden wir damit umgehen? Hörten wir dann auf, verantwortungsbewusste Bürger zu sein? Hörten wir dann auf, Rücksicht auf unsere Mitmenschen zu nehmen? Hörten wir dann auf, etwas wirklich zu wollen? Hörten wir dann auf, Träume zu haben und Ideale? Weshalb sich einsetzen, wenn ja doch nichts in unserer Macht steht, eigentlich? Hörten wir dann auf, unsere Kinder zu freien Menschen zu erziehen?

Ein Diskurs ist ein Prozess, der Wirklichkeit und gesellschaftliche Normalität konstituiert und konstruiert. Wenn sich der Diskurs über den Menschen verändert, verändert sich sein Selbstverständnis. Freiheit ist eine Tatsache, die diskursiv geschaffen wird. Und deshalb kann uns ihr Fehlen nicht materiell, also nicht durch die Messung von Hirnströmen, nachgewiesen werden. Aber genau dies geschieht. Der Diskurs über den Menschen verändert sich. Seit einiger Zeit, möchte man unser Verhalten durchaus materiell erklären. Seit einiger Zeit scheint den Biowissenschaften Neurobiologie und Genetik oder den sogenannten Lebenswissenschaften die Erklärungshoheit über den Menschen zuzukommen. Sie scheinen sich mit dem Menschen ganz genau auszukennen. Sie haben ganz genau in unseren Kopf hineingeschaut und gemerkt, dass unser Hirn jede Handlung die wir vollziehen, bereits initiiert. Und noch ganz anderes wissen sie. Mittels bildgebender Verfahren wissen sie nun, welche Hirnareale bei einer bestimmten Tätigkeit besonders durchblutet werden, welche beim Tennis, welche beim Vokabelbüffeln und so weiter. Sie kennen sich ganz genau aus mit uns Menschen. Dabei hat man nichts aber auch gar nichts über den Menschen herausgefunden, ausser eben, welche Hirnregion bei welcher Tätigkeit besonders durchblutet wird.

So ähnlich ist es, wenn man ein Haus betritt und sieht, welche Möbel darin stehen und wo sie ihren Platz haben. Deshalb wissen wir noch nichts über die Bewohner des Hauses. Wir wissen nicht, wer sie sind, wie sie denken und fühlen. Wir wissen nur, wo sie arbeiten, essen, fernsehen, sich schlafen legen. Wir wissen, welche Dinge sie besitzen. Wir können aufgrund von Vorlieben und ästhetischen Auswahlen Vermutungen über die Bewohner anstellen. Aber, nur weil wir wissen, dass ein Mensch eine Geige besitzt, wissen wir noch nicht, welche Musik ihn zum Weinen bringt.

2 thoughts on “Von der Aufgabe frei zu sein

  1. Liebe Lara,

    ich finde deinen Artikel total toll, ganz ehrlich. Ich persönlich habe gar nicht mehr die Motivation, so detailliert und tiefflächig auf ein Thema einzugehen.

    Du fragst, was geschehen würde, wenn wir uns denken würden, dass wir unfrei seien. Ich z.B. bin seit einigen Jahren Deterministin. Seit ich das bin, hat sich nichts verändert. Im Augenblick des Tuns habe ich noch immer das Gefühl, frei zu entscheiden und zu handeln, auch wenn ich auf einer abstrakteren Ebene weiß (oder davon überzeugt bin), dass es keinen freien Willen gibt, weil es nichts gibt, das wir ausschließlich aus uns selbst heraus tun. Es gibt einige, die könnten nihilistische Tendenzen entwickeln. Aber eines weiß ich: So leicht lässt sich unser automatisches Verhalten, das Gefühl, doch ein wenig selbst Herr / Frau des eigenen Schicksals zu sein, nicht einfach wegzaubern. Das hat damals nicht einmal die Kirche geschafft. Auf der rationalen Ebene dachte man sich zwar, alles sei in Gottes Hand, aber trotzdem versuchte man, richtige Entscheidungen zu treffen. Man tat etwas und resignierte nicht vollends. Das sagt mir, dass wir trotzdem, wahrscheinlich aus evolutionsbiologischen Vorteilen heraus, das Gefühl der Selbstwirksamkeit weiterhin behalten werden, egal zu welchen Schlussfolgerungen wir kommen. Es ist eine Art Überlebensinstinkt, das sich etabliert hat, weil unsere höhere Intelligenz “verarscht” werden muss, damit wir durch unsere starken Kognitionsfähigkeiten nicht den Lebenswillen verlieren. (Langes Thema, ich hab’s versucht, kurz zu packen!)

    Um zur Meinung zu gelangen, dass die Menschheit keinen freien Willen hat, muss man sich auch nicht ausschließlich auf das berühmte Libet Experiment als “Beweis” stützen, auch die sozialwissenschaftliche Forschung, die Medizinische, die Biologische, die Psychologische spricht zwar nicht aus “Wir Menschen haben keinen freien Willen”, doch was sie immer und immer wieder durch Experimente, durch Versuchsdesigns etc. einfach nebenbei aussagen ist, dass wir oder unser Verhalten von unglaublich vielen Interaktionen interner, externer, situationaler, tagesformbezogener, kultureller Faktoren mitbestimmt wird. Wo möchten die, die an Freiheit glauben, gerne den winzigen Teil festmachen, der frei von solchen Einflüssen, außerhalb des ihm vorgegebenen Rahmens, agiert? Die Frage konnte mir noch niemand beantworten. Ich mir auch nicht.

    Lieben Gruß,
    Sherry

    1. Liebe Sherry, eben genau: Du bist Deterministin und fühlst dich trotzdem frei. Kann sein, dass uns das Fehlen des freien Willens materiell nachgewiesen wird, deshalb muss es noch lange nicht so sein, dass wir nicht frei sind, weil Freiheit diskursiv verteilt wird (und das bedeutet auch, dass die einen freier sind als die anderen). Auch wenn es wahr sein sollte, dass wir keinen freien Willen haben, das Entscheidende ist, dass wir uns frei fühlen und danach handeln. Also eine Art idealistische Position.

      Ich glaube, wenn wir immer noch an unsere Freiheit glauben, besteht die Chance eher, nicht vollkommen fremdgesteuert durchs Leben zu gehen und einen letzten Rest autonomes Denken zu behalten. Möge der Rest auch klein sein, vielleicht ist er entscheidend. Ich denke auch, dass uns dieser Glaube an unsere Freiheit nicht so schnell abhandenkommt, aber er wird durch Neurobiologie etc. unterminiert. Vielleicht liegt die Stärke der Freiheit gerade darin, dass sie eine Illusion ist (flüchtig und deshalb nicht so leicht angreifbar), aber darüber muss ich erst mal nachdenken.🙂
      Liebe Grüsse, lara

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