Immer wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe, ist es wieder ganz schön spät geworden. Immer habe ich wieder zu viel Zeit zwischen den Regalen verschwendet. Zu viele Dinge hin- und her gedreht, gewendet, wieder zurückgelegt, dies beschaut und jenes. Ich bin ein typisches Opfer der hypermodernen Konsumwelt. Gemütlich ist das nicht. Allerdings ist mein Eindruck von norditalienischen Supermärkten, dass sie wenig spannende Sachen verkaufen, dafür viel vom gleichen. Tausend Sorten Pelati, tausend Sorten helles Brot und ich schwöre, das Regal mit den tausend Sorten Biscotti ist zehn Meter lang, dafür hat sich noch nie ein Korianderblättchen in die Regale verirrt. Die Italiener sind zu Recht stolz auf ihre Küche, aber muss man deshalb immer italienisch essen? Darf´s nicht auch mal asiatisch sein oder mexikanisch? Nein, darf es nicht.

Nun, an diesem Tag stehe ich also an der Kasse und habe es – wie bereits erwähnt – wahnsinnig eilig. Mit durchdringendem Blick verfolge ich jede Bewegung der Kassiererin, in der Hoffnung, dass sich ihre Hände magisch beschleunigten. Aber nichts wird flotter und eines muss man dazu sagen: An der Kasse hat der Italiener an sich immer noch Zeit für ein Schwätzchen. Probleme in Liebes- oder Gesundheitsbelangen werden mit Vorliebe über das Laufband hinweg ausgetauscht. Vor mir wartet ein älterer Herr in einem elektronischen Rollstuhl. Langsam legt er seine Sachen aufs Band. Brot, Schinken, Käse, Kaffee, Milch, Bananen, Kekse. Seine Bewegungen sind sehr präzise und das müssen sie auch sein, denn, wenn ihm was runterfällt, hat er ein Problem.

Die Sachen rollen langsam auf die Kassiererin zu, werden an ihr vorbeigezogen, er nimmt sie wieder und legt sie vor sich in einen Korb, wahrscheinlich. Ich kann es nicht erkennen, denn meine geringe Körpergrösse versperrt mir einmal mehr den besten Blick auf die Geschehnisse. Die ganze Zeit überlege ich schon hin und her, ob ich ihm meine Hilfe anbieten sollte. Ich habe von mir selbst die Vorstellung, ein relativ hilfsbereiter Mensch zu sein. Das mag noch nicht viel heissen, nur, dass ich nicht total ignorant bin und anderen auch gerne mal einen Gefallen tue. Böse Zungen behaupten, ich könnte dafür selber keine Hilfe annehmen, und das ist ein ganz schlechter Zug an mir. Denn, wo kämen wir hin, wenn alle so wären wir ich? Wenn niemand mehr die Hilfe annehmen würde, die ich doch so gerne anbiete?

Der Mann im Rollstuhl kommt aber offensichtlich sehr gut alleine zurecht. Er hat keinerlei Schwierigkeiten, die Sachen vom Band zu nehmen, das Portemonnaie aus der Hosentasche zu fischen. Er kommt gut alleine zurecht, aber er braucht halt etwas länger. Deshalb beschliesse ich, dass die grösste Hilfe wahrscheinlich die ist, höflich zu warten und eine total gelassene Aura auszustrahlen. Was ist schon Zeit.

Trotzdem wurmt es mich. Ich hätte ihm wahnsinnig gerne geholfen. Beim Einpacken seiner Sachen zum Beispiel. Aber, weil ich von hinten nicht an die Sachen rangekommen wäre, hätte ich mich mühsam an ihm durch den engen Gang vorbeizwängen müssen. Womöglich hätte ich ihn anrempeln müssen, ihn zur Seite drängen. Machen Sie mal Platz da! Es hätte wohl etwas übereifrig gewirkt.

Am selben Tag, abends, bin ich mit einer Bekannten unterwegs. Nach zweieinhalb Bier lasse ich mich gerne von ihr nach Hause kutschieren. Doch, siehe da! Das Auto springt nicht an. Den ganzen Abend über der Blinker an und jetzt ist die Batterie alle. Auf dem Parkplatz lungern mehrere Gruppen von Menschen rum. Wir fragen bei allen nach, ob sie wohl ein Überbrückungskabel hätten. Nein, leider nicht! Schliesslich finden wir doch noch zwei rettende Seelen. Um überbrücken zu können, muss das Auto aber erst mal aus der engen Parklücke geschoben werden. Die Bekannte setzt sich ans Steuer, während ich das Auto, und es ist durchaus kein Kleines, aus der Parklücke schiebe, alleine, und es ist offensichtlich nicht ganz einfach. Man könnte nun in Versuchung kommen, zu denken, dass mindestens ein Mann herbeieilte, um mit anzupacken. Aber nein, nicht einer einzigen Person fällt es ein, Hilfe anzubieten.

Vielleicht hätten sie mir wahnsinnig gerne ihre Hilfe angeboten, wussten aber nicht wie, irgendwie. Ich kam ja auch – ächzend zwar – ganz gut alleine zurecht. Vielleicht wollten sie nicht übereifrig wirken.

Mit der Hilfeleistung ist es anscheinend so eine Sache. Noch ist nicht geklärt wer, aber irgendwer, hat anscheinend etwas falsch verstanden. Entweder darf eine emanzipierte Frau einfach keine Hilfe erwarten und auch keine annehmen, oder, Männer denken, dass emanzipierte Frauen ja schliesslich alleine zurechtkommen und keine Hilfe wollen. Auch in Notsituationen nicht. Oder, Männer haben einfach verlernt oder gar nicht gelernt, was Höflichkeit ist. Was mich in Italien doch sehr wundern muss. Denn, in Italien wird der Unterschied zwischen Männern und Frauen noch gross geschrieben. Da sind Frauen noch richtige Frauen und Männer richtige Männer. Nicht so dieses Metro-Gehabe oder androgyne Zeugs, wie ich es aus schweizerischen und deutschen Gefilden kenne. Nicht wie in Zürich, wo jeder selber schauen muss, wo er bleibt, ob Mann oder Frau oder beides. Auf all den langen Fahrten, die ich hochschwanger in überfüllten Trams und Bussen verbracht habe, wurde mir vielleicht drei- höchstens viermal ein Sitzplatz angeboten. Und immer und jedes Mal von jungen männlichen Ausländern. Nein, auch nicht von Secondos mit Züri-Schnorre sondern Ausländern, die anscheinend noch einen guten Ruf zu verlieren hatten.

Und was hat das alles nun mit Glück zu tun? Ich weiss es nicht. Vielleicht das Glück alleine zurecht zu kommen? Das ist schön aber irgendwie traurig auch. Denn, schöner ist es doch, Dinge gemeinsam anzupacken, nicht? Nun, der Tag ist noch früh und vielleicht fällt mir noch ein besserer Grund ein. Aber, einer muss her, denn es sind ja 99 Gründe und bis dahin gibt es noch viel zu tun.

Mittlerweile ist rettende Hilfe eingetroffen. Natürlich geht es hier um das Glück des Helfens! Herzlichen Dank liebe Sofasophia.

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 10

  1. tja, die sache mit der hilfsbereitschaft …
    ich habe in meinem langen leben immerhin eins gelernt (noch nicht ganz, aber ziemlich …) dass ich um hilfe bitte, wenn ich welche brauche. die meisten menschen sind nämlich darin so wie ich, dass sie sich nicht trauen, aber schon würden, wenn …
    ich dräng mich nicht gerne auf, bin aber gerne bereit, meinerseits auch anzupacken …
    gut, dass du das thema angeschnitten hast.

    helfen macht glücklich. manchmal lasse ich mir auch deshalb helfen, weil dann der helfer oder die helferin hinterher glücklich ist.🙂

    liebe grüsse in den süden
    soso

    1. Du hast recht, liebe soso, die Glückssache dieser Woche ist natürlich das Glück des Helfens. (Stand gestern ein bisschen auf der Leitung. Meine Erkältung greift langsam aber sicher die Hirnzellen an…) Danke, für den Hinweis und liebe Grüsse in den Norden. Tröste dich, es ist auch hier sehr kalt… Liebe Grüsse, lara

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