Ein Geständnis, das viele nicht werden nachvollziehen können, aber: I luv Woody Allen. Dass Allan Stewart Konigsberg Woody Allen erfunden hat, ist wiederkehrender Quell der Freude meines Daseins. Moralisch mag er nicht über jeden Zweifel erhaben sein, aber der Mann ist ein Genie. Er mag ein hässlicher Vogel sein, aber er hat Humor. Kein Wunder kommt er bei den Frauen gut an.

In seinen Filmen breitet er gnadenlos unser Seelenleben aus. Woody Allen ist der Psychologe unter den Filmemachern und zwar ein ganz fieser. Er ist der vermeintliche Freund, dem wir ein Geheimnis ins Ohr flüstern und der es dann per Megaphon über den Platz posaunt. Er ist der kleine Mann, der in unseren Hirnwindungen sitzt und die Aktenordner unserer Psyche nach unseren Ängsten durchwühlt, nach unseren Komplexen, unseren Befürchtungen, unseren Neurosen. Allen spricht aus, was wir nicht einmal zu denken wagen. Political Correctness ist für ihn ein Witz. Er zeigt uns auf, dass wir alle Egozentriker sind, aber er ruft uns auch zu: „Macht nichts!“

Er ist der Anwalt des kleinen Mannes. Er ist es, der in TO ROME WITH LOVE den kleinen Handwerker, der nur unter der Dusche seine Arien schmettern kann, auf die grosse Opernbühne bringt, in der Dusche, versteht sich. Seine neueren Filme sind witzig, intelligent aber früher war er geradezu unverschämt. Das Universum seiner früheren Filme ist eine Melange aus jüdischer Herkunft, männlichem Egozentrismus, ungezähmter und stets unbefriedigter Libido, psychoanalysierter New York-Affinität sowie überbordender Intellektualität. Seine Filme sind ein einziges Hadern mit der Wirklichkeit. Nie geht irgendetwas vorwärts. Nie hört einer dem anderen zu. Immer geht alles durcheinander und aneinander vorbei.

In seinen früheren Werken hätte sich das Ende einer Beziehung ungefähr so anhören können:

«Sie und Er, Freitagabend auf einer Vernissage, natürlich in New York: (Wo sonst?)

Er: „Was soll das jetzt heissen, du willst dich von mir trennen? Es ist ein herrlicher Frühlingsabend. Die Luft ist so klar und rein, man hört sogar die Vögel im Centralpark zwitschern. Kannst du das jetzt nicht einfach geniessen?“

Sie: „Bitte lass mich. Mir geht es nicht so gut. Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen.“

Sie versucht, ihm ihren Arm zu entziehen. Er hängt sich umso fester bei ihr ein und führt sie durch den Raum.

Er: „Hör zu. Ich bin sicher, du meinst das nicht so. Wahrscheinlich kriegst du einfach nur deine Tage.“

Sie: „Nein, nicht immer wenn etwas nicht in Ordnung ist, kriege ich meine Tage. Kannst du das denn nicht endlich begreifen?“

Sie macht einen erneuten Versuch, sich ihm zu entziehen, aber er bemerkt es gar nicht sondern redet auf sie ein. Sie schweigt und lächelt gequält verlegen.

Er: “Pscht. Wart mal.“ Er horcht. Im Hintergrund hört man Gemurmel.

Er: „Hast du das eben gehört? Hast du DAS gehört? Das ist doch alles Mist hier! Wofür hält der sich eigentlich?“ Er nimmt die Brille ab und putzt sie energisch. „Meine Güte, wie ich diese Pseudo-Intellektuellen hasse. So aufgeblasen! Wenn die Nazis in Manhattan einmarschierten, würden die es noch nicht mal bemerken, so aufgeblasen sind die!“ Er fuchtelt mit den Armen, um anzudeuten, wie gross deren Blase vor dem Kopf ist.

Sie: „Hör zu. Ich habe da jemanden kennengelernt.“

Er: „Nein.“

Sie: „Doch. Es…es tut mir leid. Es ist einfach so über mich gekommen. Ich wollte dich nicht verletzen.“ Sie macht ein leidendes Gesicht.

Er: „Wusst ich‘s doch. Du hast dich mit diesem Nazi eingelassen.“ Er überlegt. „Heisst das also, du verlässt mich, weil ich Jude bin?“

Sie: „Nein!“ Sie fasst sich müde an die Stirn. „Kannst du mich für einmal mit deiner Familie verschonen?“

Er: „Hör zu.“ Er führt sie von der Menschenmenge weg. „Schlaf noch einmal drüber. Morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. Bist du sicher, dass du nicht deine Tage kriegst?“»

Und so weiter und so fort. Möge er für immer leben.

7 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 11

  1. Auch ein Glück ist es, liebe Lara Palara, dass aus dieser Philosophischen Küche wieder Glückstexte serviert werden. Danke für diesen, den ich sehr genossen habe, auch wenn ich Woody Allens Werk (noch) nicht kenne. Ich freue mich darauf, es eines Tages zu entdecken – und auf den nächsten Glückstext ebenfalls. Und den übernächsten. Und so fort.

    Herzlich, Rose Baba

    1. Liebe Rose Baba, auch ich bin froh, dass ich in der Hinsicht die Kurve nochmal gekriegt habe. Es gibt ja auch noch einiges zu tun. 88 weitere Gründe glücklich zu sein wollen gefunden und viele Worte drum gemacht werden. In der Hinsicht bin ich auch für Vorschläge offen. Was macht Rose Baba besonders glücklich? Herzlichst zurück! Lara Palara

      1. Diese schöne Frage. Fragenstellende Menschen überhaupt. Im 25 Grad warmen See baden. Kirschen essen. Fahrradfahren. Küssen und viele andere Arten von Lieben. Ein gutes Buch lesen. Wenn das Schreiben fliesst. Unterwegssein, reisen. Wolkenhände. Nichtstun. Und es gäbe noch viele weitere kleine und grosse Dinge zu nennen, die Rose Baba glücklich machen. Ob diese Glückgsgründe auch philosophisch was hergeben, ist eine andere Frage … Ich freue mich auf deine weiteren Texte, liebe Lara Palara: Über deine Glücksgründe zu lesen, ist auch ein Glück!

      2. Danke für diese schöne Macht-mich-glücklich-Liste. Ich hoffe, da fallen mir dann auch noch die Worte ein, um diese Glücksgründe (oder wenigstens einige) in das passende geräumige Buchstabengeflecht zu binden. Ein Glück ist es auch, deine schönen Texte zu lesen, liebe Rose Baba!

  2. klasse geschrieben (aber das hast du dir jetzt so ausgedacht, gell?). auch dein plädoyer für woody allen ist toll.
    da ich erst einen woody allen-film gesehen habe (und ihn schrecklich doof fand, aber ich war auch noch sehr jung), kann ich nicht wirklich dazu was sagen. ausser dass du mir lust machst, mein vorurteil zu überdenken. dafür danke ich dir herzlich.
    und schön, dass du mal wieder geschrieben hast!
    liebgrüss, soso

  3. Liebe Soso, auch ich bin froh, dass ich meine dahingehende Schreibblockade überwunden habe. Nun versuche ich, jeden Dienstag einen neuen Glücksgrund zu posten. Sollte ein Klacks sein, es fehlen ja nur noch 88! Was macht dich denn besonders glücklich, liebe Soso?
    Von Woody sehr zu empfehlen übrigens MANHATTAN, EINE SOMMERNACHTS-SEXKOMÖDIE oder auch ANNIE HALL (dt. DER STADTNEUROTIKER) und auch alle Neueren wie MIDNIGHT IN PARIS etc. Aber klar, ist bestimmt Geschmackssache…
    Liebe Grüsse zurück und danke fürs Lesen!
    Lara

  4. Amüsant und doch den Zeitgeist des Woody Allen treffend. Ich persönlich bin ebenfalls Anhänger seiner Erzählweise, aber auch seiner schauspielerischen Darbietung. Vor allem neuere Werke offenbaren eine nicht zu verachtende darstellerische Leistung. Trotz alledem sollte eher die Leistung seiner Regisseurtätigkeit hervorgehoben werden. Ihm gelingt es, häufig auf subtile Art und Weise, die ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und Intellekt erfordern, gesellschaftlich kritisch anmutende Sachverhalte durch die Blume des Humors zu vermitteln. Dein Beitrag war in einem jeden Fall sehr unterhaltsam zu lesen.

    sunnyvanderoidl

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