Glücklich ist, wer Listen erstellt. Gerade jetzt, wo die Welt so kompliziert scheint, wo wir alles erfahren aber wenig verstehen, wo die herkömmliche Gesellschaft in die Leere der Bedeutungslosigkeit kippt, Institutionen abgelauscht und ausgehöhlt werden, das Individuum fragmentiert und kontrolliert wird und wenig Klarheit darüber herrscht, welches nun die Guten und welches die Bösen sind, gerade jetzt sollte man viel mehr Listen erstellen.

Das mag wenig geistreich klingen, aber jeder, der schon einmal eine Liste erstellt hat, die keine Einkaufsliste und keine todo-Liste war, weiss, was ich meine. Eine Liste ist ein kurzer, glücklicher Moment der Kontrolle, ein kurzer Moment Halt. Die Gewissheit darüber, dass es noch Ordnungen gibt die unbestechlich und begründet sind, dass es noch Hierarchien gibt die niemandem weh tun. Eine Liste zu erstellen ist eine ernste Sache. Eine mentale Sache. Es erfordert einen Moment Konzentration, denn man möchte nichts falsch machen. Es erfordert Fokus, denn eine solche Liste ist nie trivial. Eine solche Liste zeigt einem selber auf, wer man ist. Man lässt rein und man lässt weg. Eine Liste sagt mehr über einen aus, als einem selber lieb ist. Listen bedeuten: Seht her, so geht das. So sieht meine Welt aus. Das ist die Reihenfolge und ich habe sie erstellt. Listen bedeuten auch, dass man etwas noch bestimmen kann, etwas noch sagen kann. Listen können ein Anker sein, den wir bewusst auswerfen, damit wir uns selber nicht abhandenkommen in den Gezeiten der Informationsströme. Wer Listen erstellt, sortiert sein Leben und sei es nur für ein paar Minuten oder Stunden.

Man kann persönliche Listen erstellen und unpersönliche und solche, die keine Hierarchien sind sondern Vollständigkeiten. Wer wenig Papier zur Verfügung hat aber viel Zeit zum Nachdenken, kann eine Liste aller weiblichen Philosophen, Poeten oder Nobelpreisträger erstellen. Wer wenig Zeit aber viel Papier hat, macht etwas über berühmte Männer. Listen verschaffen Überblick und Klarheit. Wenn man aufstellt und einteilt, erlebt man das Glück, dass man etwas noch verstehen kann, etwas noch sehen kann.

Listen sind etwas, was man nicht so oder so auslegen kann. Sie sind in sich vollständig und abgeschlossen. Sie sind ein Etwas, das zusammengehört, eine Entität. Sie haben einen Anfang und ein Ende. Sie sind eine Einheit, eine Struktur. Und noch viel mehr: Listen sind gleichzeitig Lupe und Fernglas. Sie helfen uns genau zu sehen und weit zu sehen. Listen verweisen immer auch auf etwas ausserhalb ihrer selbst. In ihnen versammeln sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Listen sind Systeme des Daseins.

Dabei sind der Freiheit kaum Grenzen gesetzt. Listen kann man erstellen über:

Dinge, die man denkt, aber nicht zu sagen wagt. Dinge, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Personen, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Personen, die man in einem anderen Leben gerne gewesen wäre. Dinge, die man bereut. Dinge, die man besonders gut gemacht hat. Dinge, die richtig sind. Dinge, die falsch sind. Lieblingslieder, Lieblingsfilme, Lieblingsbücher, Lieblingsmenschen. Die zehn schönsten Worte. Die zehn schönsten Geräusche. Und so weiter…

Ich habe hier zum Beispiel eine Liederliste erstellt. Ich nenne sie die Liste der sehnsüchtigen Freiheit.

1. Gianna Nannini: Goodbye my Heart

2. Stefan Eicher: Tu ne me dois rien

3. Pearl Jam: Yellow Ledbetter

4. Noir Désir: Le vent nous portera

5. McSolaar: Caroline

6. Cake: You turn the screws

7. Jan Delay: Hoffnung

8. Calexico: Slowness

9. eels: This is where it gets good

10. Dropkick Murphys: I´m shipping up to Boston

Es ist eine Liste der Songs (natürlich nur ein Vorschlag und es geht dabei mehr um Klang denn um sprachlichen Inhalt), die man hören könnte, falls man a) weiblich ist und b) gerade Heimat hinter sich und c) seinen Freund (den man immer noch liebt oder jedenfalls meint, ihn zu lieben) verlassen hat und auf einem einsamen Highway dahin rauscht und in ein neues, unbekanntes Leben aufbricht und man sich wünschte, die ganze Welt könnte einem den Buckel runterrutschen.

6 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 12

  1. Einmal mehr fantastisch geschrieben, liebe Lara Palara. Und noch dazu sehr inspirierend. Die Liste* aller Bücher, die mein Leben** verändert haben, ist sehr lang. Hier nur ein Auszug von zehn:

    1. Michael Ende: Die unendliche Geschichte
    2. Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus
    3. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen
    4. Robert Schneider: Die Luftgängerin
    5. Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos
    6. Salman Rushdie: Die satanischen Verse
    7. Robert Walser: Der Spaziergang
    8. Nicolas Bouvier: Die Erfahrung der Welt
    9. Bruce Chatwin: What am I doing here
    10. Allan Carr: Endlich Nichtraucher

    * Sie ist nicht identisch mit der Liste der Lieblingsbücher, überschneidet sich aber mit dieser
    ** Denken, Handeln und/oder Fühlen

    Ich werde mich im Listenerstellen weiter üben. Jedenfalls ist das jetzt auf einer meiner mentalen To-do-Listen notiert.
    Herzlich, Rose Baba

  2. Liebe Rose Baba
    eine wundervolle Idee, diese Liste. Sehr interessant und inspirierend. Nur drei davon habe ich gelesen und alle anderen möchte ich unbedingt lesen. Seit jetzt oder schon lange. Rose Babas Glücksgründe haben mich im Übrigen zum neuen Post “Sommerglück” inspiriert. Nochmals herzlichsten Dank, meine Liebe! Ich selber bin dabei, alle Bücher, die ich zwar irgendwann gekauft aber aus irgendwelchen Gründen nie gelesen habe, “abzuarbeiten”. Jetzt gerade: “The god of small things” von Arundhati Roy. Auf ganz bald! Herzlichst zurück, Lara Palara

  3. Liebe Lara Palara

    aus all diesen Parallen könnte direkt wieder eine Liste werden. Auch ich bin dabei, meine ungelesenen Bücher zu lesen. (Und kaufe trotzdem weiterhin neue dazu.) Und “The god of small things” steht ziemlich weit oben auf meiner (noch ungeschriebenen) Liste von Lieblingsbüchern. Das Sommerglückgedicht ist herrlich, ich fasse es kaum.

    Es grüsst herzlichst
    Rose Baba

  4. Das dachte ich mir schon, dass Rose Baba “God of small things” gelesen hat. Ein sehr schönes, aber irgendwie verstörendes Buch. Ja, auch ich kaufe ab und zu ein neues Buch. Mangels Antiquariaten und Bücherflomis in der Nähe nicht mehr ganz so viele. Habe ich eigentlich schon gebeichtet, dass ich jetzt auch Besitzerin eines e-book-readers bin? Dies ist praktisch für die dicken Wälzer. Ab 500 Seiten fallen mir beim Lesen nämlich die Arme ab. Zu all dem ja bald mehr! Herzlichst, Lara Palara

  5. Schön und verstörend: gut gesagt.
    Der e-reader: ein Glücksgrund?
    Bald mehr: o ja, es wird Zeit!

    Rose Baba grüsst Lara Palara

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