Als Kind verbrachte ich viel Zeit im Haus dreier anderer Dorfkinder. Ein Mädchen und zwei Jungen, Geschwister. Es war ein besonderes Haus, eine alte Mühle, die am schattigen Rand des kleinen Weilers stand. Ein kleiner Bach floss hinter dem Haus vorbei, ganz nah an der Hauswand und wenn man die Hand aus einem der Fenster streckte, konnte man beinahe den kühlen, bemoosten Waldboden berühren, der sich am anderen Bachufer steil hinaufarbeitete. Es war die Zeit als ein Sommer noch lang und ansonsten ereignislos war.

Das Haus hatte etwas Verwunschenes. Es wurde bewohnt von den drei Kindern, ihrer geistig immer fernen Mutter und dem tagsüber abwesenden Vater, der jedoch auf eine ungewisse und seltsam bedrohliche Weise immer präsent war. Die Mutter der Kinder war krank, wahrscheinlich depressiv, medikamentenabhängig, ein wenig aufgedunsen. Ihr Lächeln zeugte davon, dass sie einmal sehr hübsch gewesen war und bestimmt manchem in den umliegenden Dörfern den Kopf verdreht hatte. Sie verbrachte die Tage damit, in ihrer Küche am Tisch zu sitzen und die vier nichtssagenden Seiten des Käseblattes zu lesen oder versonnen in ihre Kaffeetasse zu lächeln. Manchmal rief sie uns und fragte ahnungsvoll: „Was mached er?“ Aber es war eine hilflose Frage, eine Geste eher und immer schwang schon die Hoffnung mit, es möge nichts Schlimmes sein, nichts Gefährliches, nichts, was von ihr ein Handeln abverlangen würde.

Es war so schön dort, dass es manchmal unwirklich war. Das Haus schien auf eine gewisse, zauberhafte Art verloren. Vielleicht, weil auch die Bewohner verloren waren, oder versunken irgendwie. Das Haus war voll von alten Möbeln, staubigen Sofas, blinden Spiegeln, Dingen, die von einer vergangenen Zeit erzählten. Unordentlich und hochinteressant. Es gab immer etwas zu entdecken. Es war, als ob wir in der Seele des Hauses kramten und heute weiss ich, dass das Haus eine Erweiterung unserer eigenen Seelen war. In einem der vielen Zimmer, das von uns Kindern offiziell als Spielzimmer benutzt wurde, stand ein altes Klavier. Darauf haben wir Kinder stundenlang geklimpert, gehämmert, richtig gejohlt und falsch gesungen. Aber die Mutter, sie konnte Klavier spielen und sehr schön singen und manchmal verliess sie ihre Ecke in der Küche und spielte uns Kindern etwas vor auf dieser alten, verstimmten Dame. Noch heute, wenn ich Klaviermusik höre, muss ich an jenes Haus denken. Vielleicht verbrachte ich dort die schönste Zeit meiner Kindheit und seltsamerweise ahnte ich damals schon, dass diese Zeit für immer verloren war. Schon damals überfiel mich oft unvermittelt eine Traurigkeit, die ich mir nicht erklären konnte. Vielleicht war es die Trauer darüber, dass alles Schöne vorbei geht. Die Sehnsucht danach, ewig so weiterspielen zu können, für immer Kind zu sein und das Wissen, dass es nicht möglich war.

Der hintere Teil der alten Mühle war eine Scheune. Sie war voll mit alten Tischen, Stühlen, Truhen, Rädern, Pferdekutschen. Ich kann mich sehr deutlich an eine alte Badewanne erinnern, in der wir über die Meere fuhren. Das Haus war unsere eigene Villa Kunterbunt, die Verwirklichung des Kindertraumes, ungestört und wild zu spielen, eine Welt zu haben ohne Erwachsene darin. Das Haus war tagsüber eine Welt ohne Gesetz, denn das Gesetz sass in der Küche und war mit Pillen ruhiggestellt.

Eigentlich war es uns verboten, in der Scheune zu spielen, denn die Dinge waren wild zusammengeworfen und aufeinander gestapelt und bei einer falschen Bewegung drohten die Haufen zusammenzukrachen. Wir taten es trotzdem. Heimlich. Wir nutzten die Ohnmacht der Mutter schamlos aus. Wenn der Vater nach Hause kam, dann fluchte und wetterte er, was uns eigentlich einfalle! Er war der Einzige, der für Ruhe und Ordnung sorgen konnte in diesem turbulenten Haushalt. Ich bin dann immer rasch verschwunden. Als Kind habe ich das alles nicht richtig einordnen können. Die Rückkehr des Vaters hatte den ganzen Tag über schon wie eine Bedrohung in der Luft gelegen. Wenn er zuhause war, dann war der ganze Zauber weg. Doch tagsüber, wenn der Vater bei der Arbeit war, dann lag das Haus unter einem Schleier. Die Wirklichkeit blieb vor der Tür. Der kindliche Wahnsinn regierte. Eine schöne Erinnerung, die mich glücklich macht. Eine Erinnerung, die aufgrund ihrer Unwirklichkeit immer schon etwas blass war, aber nie ganz verblasst ist.

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 14

  1. Ich kann es riechen, sehen und fühlen…Und ich bin sicher: Wir haben im gleichen Haus gewohnt. Ausser, dass wir kein Klavier besessen haben.
    Aber das macht nichts.

    (Zauberhaft beschrieben. Wirklich zauberhaft)

    1. Ja, es war wundervoll. Jedes Kind sollte einen solchen Ort haben. Jetzt ist das Haus leider umgebaut, die Scheune eine Wohnung. Schade, aber vergessen werde ich es nie…

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