Der erste Schritt zur Integration ist der Spracherwerb. Als schlecht integrierte Ausländerin in Italien kann ich ein Lied davon singen, wie wichtig es ist, sich ausdrücken zu können, formulieren zu können, ohne Angst auf die einheimischen Leute zugehen zu können. Aber es reicht bei weitem nicht aus, zweimal die Woche einen Sprachkurs zu besuchen. Dann kann man die Sprache zwar theoretisch aber reden will trotzdem niemand mit einem, weil man schon nach zwei Sätzen rumstottert, nach Worten sucht und die Geduld des Gegenübers strapaziert. Nein, um integriert zu sein, muss man am sozialen Leben teilhaben, muss man mitmachen. Integration braucht Toleranz und Interesse auch seitens der einheimischen Bevölkerung. Wenn sich niemand für dich interessiert, weil du Ausländerin bist, niemand mit dir redet, weil du eine Fremde bist, dann lernst du weder die Sprache noch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten vor Ort.

In Bremgarten, einer kleinen Stadt in der schönen Schweiz, soll nun eine Unterkunft für 150 Asylsuchende eröffnet werden. In Angst und Schrecken versetzt, bibbert die Bevölkerung der Ankunft der Fremden entgegen. Um deren Ängste zu mildern, hat die Gemeinde nun asylbewerberfreie Zonen geschaffen. Sage und schreibe 32 Zonen wurden geschaffen, in denen sich Asylbewerber nicht aufhalten dürfen, beispielsweise im Freibad, das geht gar nicht. Anscheinend haben nicht wenige BremgartnerInnen Angst, dass ihnen ein fieser Ausländer ihren fetten Schwabbelbauch wegschauen, den Kindern Drogen verkaufen oder den letzten Cervelat vom Grill klauen könnte.

Als Schweizerin möchte ich vor Scham im Boden versinken. Wer Mitmenschen vom eigenen Leben vollkommen ausschliesst, wegschliesst, sagt damit nicht nur „Ich will dich hier nicht haben.“ oder „Ich traue dir nicht über den Weg.“ sondern „Du existierst nicht für mich. Ich will dir niemals begegnen. Ich will dich NICHT EINMAL ANSCHAUEN.“ . Ich bin mir sicher in Bremgarten wird jeder Hund besser behandelt.

Es gibt verschiedene Formen der Anerkennung, verschiedene Anerkennungstheorien. Anerkennung kann Liebe heissen, Respekt oder Solidarität, je nachdem, in welcher Beziehung wir zum anderen stehen. Und auch angeschaut werden, ist eine Form von Anerkennung. Anerkennung heisst Anschauen. Nicht angeschaut zu werden, ist eine der grössten Demütigungen überhaupt. Um selbstbewusst zu leben, muss man als Teil einer sozialen Welt wahrgenommen werden. Anerkennung zu erfahren ist ein wesentlicher Grundstein für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins. Man muss davon ausgehen, dass die BremgartnerInnen in ihrem Leben wenig Anerkennung erfahren haben. Nur so lässt sich ihr Verhalten erklären.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen fehlender Anerkennung und Gewalt. Wer auf die Dauer von seiner Umwelt keine Anerkennung erfährt, keinen Respekt, keine Solidarität wird aggressiv, entweder gegen sich selbst oder gegen andere. Der Mangel an Anerkennung zerstört den Menschen. Niemand kann ohne Anerkennung leben.

Und das bringt mich darauf, dass das Ganze ja System hat. Wir haben es hier mit einem reziproken Verhältnis zu tun. Ausschluss führt zu Gewalt und Gewalt führt zu Ausschluss. So sind nicht nur zwei Phänomene auf einen Schlag erklärt, so ist auch ein niemals endendes Problem geschaffen. Und ach, über nichts lässt sich schöner schimpfen als über die aggressiven Ausländer, diese  „Fuula Siecha wo nöd amol tütsch chönd!“

Ich habe mich schon oft für die Schweiz geschämt und diesmal noch viel mehr. Ich wünsche allen, die das in Ordnung finden, dass ihnen mal jemand so richtig den Hosenboden versohlt. Und an dieser Stelle soll in der philosophischen Küche gleich noch ein alter Ohrwurm aufgelegt werden:

http://www.youtube.com/watch?v=kyJUzkyVRmc

9 thoughts on “Integration und Ausschluss

  1. Ich habe viel geredet mit den Leuten. Über Bremgarten und die Asylanten dort. Und ausnahmslos alle waren gegen diese Zonenregelung, jeder hat sich richtig aufgeregt über diese Entscheidung der Politiker.
    Das ist es, was ich meine: Menschlichkeit ist nie ein politisches Ziel.

    LG.
    LaLila

    Ps. Integration…Wenn du kannst, schau dir den Film ‘der Imker’ an.

  2. Liebe LaLila. Ich zweifle nicht daran, dass sehr viele Leute diese Zonenregelung bescheuert finden. Aber ich komme vom Land und ich weiss, dass es die anderen, denen man den Hosenboden mal versohlen sollte, eben auch zur Genüge gibt. Politik – egal ob links oder rechts, oben oder unten – instrumentalisiert immer die Leute oder “das Volk” zu ihren eigenen Zwecken, nämlich nach oben zu kommen oder oben zu bleiben. Du hast recht, um Menschlichkeit gehts wahrscheinlich selten, nur hätte ich gedacht, dass man wenigstens noch die Fassade von Anstand wahren möchte. Aber, anscheinend ist mittlerweile auch das egal. Danke für dein Interesse. Herzlich, Lara.
    P.S. Ja, das muss ein guter Film sein. Er steht auf meiner to watch-Liste.

  3. liebe larapalara
    ich mal wieder. ach, ich war schon soo lange nicht mehr im blogland. und nun finde ich nicht nur deine vielen neuen artikel, sondern auch ein (für mich) neues, duftiges, sommerlich schönes design. und dann diesen artikel. ich schäme mich immer, schweizerin zu sein, wenn ich solche dinge erlebe. die angst vor dem fremden. in deutschland nicht anders.
    da ich selbst mit flüchtlingen gearbeitet habe, weiss ich um die berührungsängste, die viele haben und sicher “e bitz wiit” normal sind. aber sie sollten uns nicht daran hindern, über sie hinweg zu steigen und neues zu wagen. grad wo es um menschen geht.
    hach, wem sag ich das …
    ich abonniere dich nun in meinen reader, damit ich deine neuen artikel nicht mehr verpasse.
    herzlich, soso

  4. Liebe Soso, ich kann Berührungsängste auch verstehen. Ich gehe auch nicht hin und umarme jeden Fremden. Aber so viel Feindseligkeit, so viel Angst um das Eigene… Ich glaube, das Leben der wenigsten Schweizer ist so spannend, dass es nicht ab und zu mal einen Schuss Unbekanntes vertragen kann. Ist in Deutschland insoweit doch noch anders, weil Deutschland diese schlimme Vergangenheit hat und immer haben wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Herr und Frau Müller in Deutschland so weit aus dem Fenster lehnen… Herzlich zurück. Lara

    1. Leider stimmt das so nicht. liebe Larapalara, hier in Deutschland gibt es große Proteste gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge. Auch hier bei mir um die Ecke – und das, was in Berlin passiert ist, ging vergangene Woche groß durch die Presse. Und heute habe ich gelesen, dass in Bayern eine Gemeinde die Flüchtlinge auf einen 1000 Meter hohen Berg verbannt hat. Das ist das “Prinzip Bremgarten” in Perfektion: Man braucht gar keine asylbewerberfreien Zonen, weil man die Fremden von vorne herein aus der Gemeinschaft heraushält.
      Beschämender geht’s wirklich nicht!

      1. Liebe Jutta,
        ich muss gestehen, aus Zeitgründen bin ich momentan nicht so auf dem Laufenden, was in der Welt geschieht und, ja gut, auf einen Berg zu verbannen, ist ganz schön perfide. Aber, es kommt auch darauf an, wie gut die Leute da wieder wegkommen, wie die Verkehrsmöglichkeiten sind. Ich finde aber doch, Asylbewerbern soziale Aufenthaltsräume gesetzlich zu verbieten, ist viel schlimmer. Denn, es setzt so ein gewisses Selbstverständnis voraus, dass man am liebsten unter sich bleibt, unter den Besten bleibt, und nichts Neues braucht, weil alles Neue gar nie so gut sein kann wie das Eigene (also das Schweizerische). Und ich könnte mir vorstellen, dass Herr und Frau Normalo solches in Deutschland vielleicht denkt, aber nicht so offen auszuleben wagt, wie jetzt in Bremgarten, weil “das Deutsche” eben immer auch diese schlimme Vergangenheit mit sich trägt. Aber, vielleicht täusche ich mich auch. Danke jedenfalls für den erhellenden Kommentar!
        Herzlichst, Lara

      2. Liebe Lara,
        danke für deine ausführliche Antwort. Und du hast schon recht: Es ist wirklich extrem, Menschen auf diese Weise auszugrenzen. Aber in Deutschland haben leider auch nicht alle aus der Vergangenheit gelernt. Es gäbe so vieles dazu zu sagen – auch über das latent vorhandene Misstrauen, das von der Politik aus populistischen Gründen auch noch geschürt wird – aber das würden wir hier, glaube ich, leider nicht unterbringen können. Übrigens, wenn du magst: Schau dir das wunderbare Programm von Georg Schramm: Meister Yodas Ende an. Vielleicht hilft es ja, dass die Stimmen, die eine Veränderung wollen, immer lauter werden? Es bleibt zu hoffen!
        Herzliche Grüße
        Jutta

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