Endlich Dezember. Ein paar Kerzentropfen noch, dann ist Weihnachten. Der November, das war mir vielleicht einer. Durchzogen von einem Infekt, der trotz meiner liebevollen Bebrütung nie so richtig aus dem Ei schlüpfen wollte, angereichert mit einer Art seelischem Wackelkontakt. Nennen wir´s eine Brise Novemberdepression. Dass sich diese Verstimmung auch bei schönster italienischer Septembersonne und allerhöchstens Oktobertemperaturen ausbilden konnte, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass sich meine empfindsame, moderne Seele nicht etwa nach Temperaturschwankungen und Wetterlage orientiert, sondern sich nach dem Heiligen gregorianischen Kalender richtet. Bedenklich, irgendwie.

Im November, so sagt man, sind die Wände zum Reich der Toten dünner. Die Toten belauschen uns während wir versuchen, weiter zu machen wie bisher. Im November besucht man die Toten auf ihren Gräbern in der Hoffnung, dass sie einen dann nicht selbst besuchen, sondern da bleiben, wo sie hingehören. IN den Gräbern. Im November schleicht der Tod um die Häuser und da ist es ja auch kein Wunder, wenn man nachts wachliegt, weil man die tränenverschleierten Augen nicht schliessen kann und man von Wahnvorstellungen über das drohende Unglück heimgesucht wird.

Seit einiger Zeit kommt der Tod auch so wieder in Mode. Der Markt hat sich für den Tod geöffnet. Man möchte ihn nun ins Leben integrieren (um daraus Kapital zu schlagen?). Ratgeber und Experten wissen, man muss den Tod als Teil des Lebens betrachten. Es heisst nun, um ein gutes Leben zu führen, müsse man den Tod annehmen, ihn verstehen. Dabei ist der Tod doch gerade das Unverstehbare, Unfassbare, das Unsagbare. Auch ich bin der Meinung, dass ein gelingendes Leben ein endliches ist. Aber, den Tod annehmen heisst vielleicht gerade, ihn nicht verstehen zu wollen. Als Gegenwartspessimistin sehe in der Vorstellung, der Tod müsse verstanden sein, nur ein weiteres Zeichen für den Beherrschbarkeitswahn des 21. Jahrhunderts. Denn auch an der Unendlichkeit des Lebens wird kräftig gearbeitet. Und vielleicht hat das alles mehr miteinander zu tun als es scheint.

Nun aber, da der November sich in seiner transzendentalen Funktion enthüllt hat, der Dezember eine goldene Schleife um unsere irrationalen Ängste bindet und wir, eingetaucht in vorweihnachtlichen Kerzenschimmer und Lebkuchenduft kaum mehr Zeit zum klaren Denken finden, ist es Zeit, sich wieder einmal dem Glück zu widmen.

Denn das Glück ist mir widerfahren, eines Abends im November. Da nämlich zeigte der besagte Infekt Erbarmen mit meinem lauernden Körper und ich durfte mich endlich mit klappernden Zähnen und Gliederschmerzen ins Bett legen. Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Bett und da geschah es, dass ich das Glück der Katharsis erleben durfte.

„Katharsis“ ist ein Begriff aus der antiken Theaterwalt. Aristoteles bezeichnete damit einen Reinigungseffekt, der im Zuschauer durch die künstlerische Präsentation einer Tragödie hervorgerufen wird. Furcht und Mitleid sollten auf den Zuschauer so erschütternd wirken, dass sich sein psychischer Zustand veränderte. Der Zuschauer sollte geläutert aus dem Theatron stolpern um fortan ein anderer, ein besserer Mensch zu sein. Empfindsame Menschen dürften solches auch schon im Kino erlebt haben, wenn sich nämlich die Kamera, durch das allzu distanzlose und emotionale Zeigen, die Gefühle des Zuschauers aneignet.

Nicht zu verwechseln ist die Katharsis mit der Epiphania. Bei der Epiphania handelt es ich um eine stark vertikal ausgerichtete Fahrt gen Himmel, welche nur durch starkes Beten und Enthaltsamkeit erfahren wird. Das Wunder der Katharsis kann bereits ein Tag Unpässlichkeit im Bett bewirken. Denn plötzlich, nach einigen Stunden der Selbstbemitleidung, fühle ich mich geläutert und geklärt und beschliesse, von nun an glücklich zu sein, ein gutes Leben zu führen und vor allem weiter zuversichtlich Glücksgründe zu sammeln. Was ein gutes Leben ist, dazu komme ich beim nächsten Mal.

 

5 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 15

  1. oh, liebe lara, fast ist mir so, als versetze mich dein genialer text in katharsis. ob es für ein glücklicheres leben reicht, wage ich zu bezweifeln.
    was du schreibst, nämlich dass wir in einer zeit leben, wo eine art annäherung zum tod stattfindet, wäre mir noch nie aufgefallen. wo beobachtest du das? sind es die menschen, die dir das spiegeln oder die bücher in den läden?
    ich persönlich würde eine solche entwicklung begrüssen. wenn, dann aber nicht so, wie du es schreibst, um den tod womöglich eines tages zu kontrollieren (was fatal wäre), sondern um sich eben genau mit der tatsache, dass er sich NICHT kontrollieren lässt abzufinden. und auch – da will ich einen schritt weitergehen – weil ich auf ein recht auf einen würdigen tod hinarbeiten will. der tod wird mit medizin oft künstlich herausgezögert (wer das will, bitteschön), aber ich finde, es darf auch sein, dass jemand sagt: ich mag nicht mehr, ich will nicht mehr. und das soll legal sein. eine freie entscheidung.
    obwohl … wie viel freiheit haben wir wirklich?
    lebenssinn und daseinsberechtigung hängen in unserer gesellschaft ja allzuoft mit “nützlichkeit” zusammen.
    ach … es ist so ein weites thema … ich jedenfalls fände es wichtig, wenn ein inneres umdenken in bezug auf den tod stattfindet. ich habe schon wirklich viele nahe menschen sterben sehen, rede also nicht einfach daher. tod sollte kein tabu sein.
    trauerarbeit ist etwas sooo wichtiges und wird oft unterschätzt. man sollte “danach” wieder bald “funktionieren”, haben wir verinnerlicht.
    du hast in mir grad viel ausgelöst. das können nicht alles texte.
    und ich hoffe, du magst bald wieder schreiben über das glücklichsein!
    danke!

    1. Liebe Soso,
      danke für deinen schönen und langen Kommentar. Ich hoffe, ich habe nichts Negatives ausgelöst, denn im Gegensatz zu dir, habe ich noch nicht so viele Menschen verloren (ausser meine Grosseltern) und noch niemanden beim Sterben begleitet. Ich schreibe also eher theoretisch darüber und muss gestehen, dass ich das Thema eher zu verdrängen versuche. Der Gedanke, dass bsp. meine Kinder sterben könnten, löst in mir panische Gefühle aus, die ich so schnell nicht wieder loswerde und immer wieder frage ich mich dann, ob ich mit so viel Kummer umgehen könnte (umgehen… auch so ein praktisches Wort…).
      Für eine Buchprojekt befasse ich mich eher mit dem Gegenteil. Mit dem Wunsch nach der Unendlichkeit und der Perfektion des Lebens (Enhancement)
      Ja, wie komme ich eigentlich darauf, dass der Tod ein grosses Thema ist zur Zeit.
      Es ist so das Gefühl, nach einem halben Jahr Zeitung lesen, dass das Thema andauern besprochen wird. Letzten Sommer in einem Hamburger Bücherladen: Ein Riesentisch mit den neuesten Erscheinungen zum Thema Tod und Sterben. Oder, Beiträge wie dieser:
      http://www.srf.ch/player/tv/sternstunde-philosophie/video/philosophie-des-sterbens?id=fa08c414-0476-4b2b-b6d4-d366b4920aa4
      Die Menschen sind auf Sinnsuche, und nach Halt in den letzten Stunden, den ihnen die Kirchen nicht mehr geben können. Hat der Markt (Foren, Bücher, Zeitungen etc. ) die Funktion der Predigt übernommen?
      Aber, ich muss mich auch verbessern: Es geht eher ums Sterben und weniger um den Tod (als Abstraktum).
      Ich glaube auch, dass das Recht auf einen würdevollen Tod ein wichtiges ist. Zum ersten Mal bewusst wurde mir dies durch Lotti Latrous (Lotti la Blanche). Ich finde es auch gut und richtig, dass das Sterben zum Thema gemacht wird und nicht mehr tabuisiert. Aber die Menge ist schon bemerkenswert. Es ist, als ob das Thema nun finanziell ausgeschlachtet werden müsste. “Sein das verstanden werden will, ist Sprache.” meinte einst der Philosoph Ernst Cassirer. Ich glaube, der Tod kann nicht verstanden sein, deshalb sind die vielen Worte nicht immer nützlich.
      Also, alles ganz intuitiv: Mein einer Fühler ist zum Thema Enhancement ausgestreckt, der andere zum Thema Sterben. Und ich glaube (aber ich weiss es noch nicht), da ist ein Zusammenhang der über die lebensverlängernden medizinischen Massnahmen hinausgeht.
      Ja, es gäbe noch viel zusagen. Hab einen schönen Tag! Lara

      1. liebe lara
        ich freue mich über deinen langen kommentar und deine weiteren ausführungen.
        meine auseinandersetzung galt sowohl dem thema tod (loslassen, trauer) aus der sicht der diesseits gebliebenen als auch dem sterben als prozess für die betroffenen selbst. und lässt sich in einen kommentarstrang nur streifen. ja, seit mein sohn gestorben ist (etwas, das auch nach zehn jahren noch immer schier unfassbar ist), hat sich mein umgang mit diesem thema vertieft. zwar hatte ich persönlich das glück, menschen um mich zu heben, die das tabu nicht schürten, doch jetzt, nach 10 jahren, wird von mir erwartet (von wem? wohl vor allem auch von mir: verinnerlichte erwartungen?), dass alles wieder “im grünen bereich” ist.
        über das sterben wird viel geredet. es mag eine art tarnung für die angst vor dem unvermeidlichen sein? wörter als rettungsringe? dennoch ist dieses reden, womöglich zerreden, wohl besser als erstarren und verstummen?
        ich weiss es nicht.
        enhancement kenn ich nicht, das wort habe ich schon aufgeschnappt. ich werde es wohl mal kuuklen.

        danke für den austausch und ich hoffe, du findest immer wieder wege und worte fürs glücklichsein. und gute gründe!🙂

  2. Liebe Soso, was du mir schreibst, muss so schmerzvoll sein, dass es mir die Luft zum Atmen nimmt. Unfassbar, undenkbar… Mir fehlen die Worte, leider… Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Liebe. Herzlichst, Lara

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s