Ich habe eine Seelenverwandte, die wohnt jetzt im neunten Himmel in Paris. Hoch über den Schornsteinen sitzt sie am Küchenfenster, schaut auf die Dächer, schaut auf die Schiffe, schaut auf die Tauben. Schaut sich die Wolken an, die vorbeischweben wie die altmodischen Pferde eines Wattekarussells. Fast hört sie es quietschen, fast kann sie sie berühren. Wo sind sie festgemacht? Es ist ein Glück, hier so nahe den Sternen zu wohnen. Ja, auch ich wohne da ein bisschen. In Gedanken. In vielen Gedanken. In staubkorngrossen Einheiten schwebe ich glücklich durch die Räume und stelle mir alles vor.

Sie schlürft heissen Tee aus ihrer Lieblingstasse. Ihre feinen Hände umfassen die schön geschwungene Keramik. Der Tee duftet süss nach Fremde, nach einer anderen Fremde als der ihren. Denn, noch ist sie neu hier im neunten Himmel in Paris. Noch bewegt sie sich mit dem Staunen einer Unbekannten. Noch geniesst sie die Unerreichbarkeit der Namenlosen.

Den Tee hat sie gestern beim Inder gekauft und noch ein paar Blumen dazu. Aus einem Gefühl heraus. Sie weiss nicht, was sie von Schnittblumen halten soll. Ist sie dafür zu erwachsen oder noch nicht erwachsen genug? Doch ich stelle mir vor, die Blumen duften herrlich und auch sie selbst, meine Seelenverwandte, verströmt den Duft eines glücklichen Menschen. Sie führt ein gutes Leben. Ein Leben ganz bei sich.

Ihre langen, braunen Haare sind lose zusammengebunden, gerade eben so, damit sie ihr nicht ins Gesicht fallen und sie beim Arbeiten stören, beim Denken. Ihre Finger spielen mit ihren Haaren, verfangen sich darin. Es ist ihre Art, Gedanken zu sammeln, zu sortieren, wieder loszulassen. Es ist ihre Art, Worte zu finden. Die Worte, die sie zum Leben braucht. Am Ende des Tages sehen ihre Haare aus, wie ein grosses Buchstabengewirr. Sie pflückt die passenden Worte heraus. Ihre Haare sind ganz aus Sprache gemacht.

Wenn sie ihre Arbeit beendet hat, wird sie einen Spaziergang machen. Sie wird ihren schwarzen Mantel anziehen und den Kragen hochschlagen. Sie wird dann aussehen, wie ein Geheimnis. Sie mag gerne unsichtbar sein. Sie beobachtet. Aus ihr wäre eine gute Detektivin geworden.

Sie wird über den Bücherflohmarkt schlendern, ihre Augen werden Titel absuchen, französische Titel. In dieser Sprache denkt sie nun aber noch ist es nicht sicher, ob sie schon darin wohnt. Sie wird einen Schatz entdecken. Nur einen, aber einen besonders wertvollen. Ihre Hände werden über den abgegriffenen Einband streichen und sie wird sich auch diesmal fragen, wie das Buch hierher gekommen ist, zu all den anderen Büchern auf diesen altersschwachen Tisch des sonnigen Nachmittages.

Dann wird sie sich in den Park setzen. Sie wird alten Männern beim Schweigen zuschauen, müde Mütter sehen, noch immer rüstige Frauen plaudern hören. Kindergeschrei von der nahen Schaukel. Sie wird sich die Sonne auf die Augenlider scheinen lassen, so lange, bis rote und lila Punkte tanzen und sie leicht schwindlig machen. Sie wird in ihrer Tasche nach dem Buch kramen, das sie mitgebracht hat. Jetzt liest sie wieder Camus. Camus kann man immer lesen. Camus ist immer wieder schön. Der erste Mensch, vor allem.

Wenn die Sonne hinter den Schornsteinen verschwunden ist, wird sie aufstehen und sich langsam auf den Weg nach Hause machen. In Gedanken versunken wird sie die Strasse überqueren, sie wird den Obsthändler an der Ecke grüssen, der auch ihr Nachbar ist. Sie wird träumend den Weg nach Hause finden. Sie wird in den neunten Himmel hinaufsteigen, der jetzt ihr Zuhause ist. Im neunten Himmel nämlich scheint noch immer die Sonne. Sie wird ihr beim Untergehen zuschauen und auf ihren Liebsten warten. Wenn er nach Hause kommt, wird er es wieder fast nicht aushalten können, dass sie so schön ist. Immer schmerzt es ihn, das vor Glück hüpfende Herz.

Die Sonne versinkt zögernd im Dunst der Stadt. Die Dämmerung zieht herauf. Der neunte Himmel ist jetzt beleuchtet. Er scheint in die Dunkelheit hinaus.

5 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 16

  1. Oh, danke für das Kompliment! Das freut mich nun wirklich. Meine Seelenverwandte habe ich übrigens nach langer Zeit endlich wieder einmal gesehen. Sie ist genau so. Und sie leuchtet genau so und nur deshalb kann man so schön über sie schreiben… Herzlichst, lara.

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