Der Sommer steht vor der Tür. Die Philosophische Küche ist in die Niederlande umgezogen und bereits jetzt steht fest: Der Sommer in Holland, das ist nicht schön anzusehen. Mann und Frau kennen hier keine Hemmungen. Hühneraugen leuchten, Fusspilz wird zur Schau getragen, Wabbelbäuche wabbeln unter bauchfreien Shirts hervor, die Beine können noch so dick sein, HotPants sind nun mal Mode, da muss man durch. Cellulitis und Übergewicht muss einem hier nicht peinlich sein. Die Niederländer haben ein erstaunlich entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper. So entspannt, dass man es fast schon als respektlos bezeichnen muss.

Falls ich es richtig verstanden habe, macht in der Mode auch dieses Jahr Lady Gaga den Trend vor. Man sieht sehr viele bodenlange, durchsichtige Röcke unter denen ein Mini oder eine kurze Hose durchblitzt. Bei den einen spannt es ein bisschen mehr, bei den anderen weniger. Gerade etwas korpulentere Damen greifen gerne zu Netzleggins mit mehr oder weniger grossen Löchern und ich hatte gedacht, künstliche Fingernägel seien total out, aber so kann man sich täuschen.

Hinzu kommen diese engen geschlitzten Schlauchröcke überall und man habe sie durchaus Angelina Jolies Auftritt bei den Oscarverleihungen zu verdanken. Ich bin nun keine Modeexpertin, aber ich sehe folgendes Problem: Angelina Jolie ist perfekt und kann deshalb alles tragen. Sie hat Stil und wird deswegen immer das Richtige tragen. Lady Gaga dagegen ist eine Kunstfigur, die ihre Outfits als Kunst und Provokation versteht.  Angelina Jolie at Oscars past

Es gibt also keinen einzigen Grund, weshalb vrouw Stinknormal es den beiden Ikonen auf der Strasse nachmachen sollte.

Kurz und bös gesagt: Stilsicherheit ist nicht die Stärke der Niederländerin, die Selbstsicherheit mit der sie auftritt umso mehr. Nun, Augendeckel sind bekanntlich zum Schliessen der Augen da und trotzdem steht, noch bevor die Strände überfüllt, die Badeanzüge überquellen und der überhitzte Geist von Sonnencreme-Fritten-Vanilleis-Waben umwölkt ist, einmal mehr ein berühmtes philosophisches Bonmot glasklar vor Augen:

  „L’Enfer c‘est les autres.“Die Hölle, das sind die anderen. Immer wieder ein treffender Satz, um seinen Ekel vor seinen Mitmenschen auszudrücken. 

 

Der Vorteil solcher philosophischer Bonmots ist ja, sie sind kurz, schnittig, klingen gut, passen genau auf ein T-Shirt. Eignen sich sehr gut für die Abwandlung in allerhand Werbesprüche und vor allem, sie verleihen dem Anwender eine Aura des Wissens oder eine Art „Ecce homo!“ Der Nachteil: Sie sind selten so schnittig gemeint wie sie klingen. Und so muss auch wer Sarte zitiert, höllisch(!) aufpassen.

Denn, im Grunde ist Sartres Bonmot genau umgekehrt gedacht. Wenn ich schlecht über einen Mitmenschen denke, ist es nicht die Hölle für mich, ihn um mich zu haben, sondern für den anderen, weil ich ihm meine schlechten Vibes sende und diese ihm in Zukunft in sein Bewusstsein pfuschen. Wenn alle anderen mich für dumm halten, kann ich dieses Urteil nicht vollkommen ignorieren. Ich kann mir meine Meinung über mich selbst nicht losgelöst von allen anderen bilden und das liegt daran, dass ich keinen inneren Wesenskern habe, kein unverfügbares Ich. Wir betrachten uns selbst mit den Augen unserer Mitmenschen, wir ziehen unsere Rückschlüsse über uns und unser Handeln immer auch mit dem Urteil der anderen. Das erklärt vielleicht, weshalb erfolgreiche Menschen immer noch erfolgreicher werden und solche, die es nicht sind, immer noch mehr zu kämpfen haben. Positives verstärkt Positives, Negatives verstärkt Negatives. Oder wie sagt man so schön: Der Teufel scheisst immer auf denselben Haufen.

Wir Menschen haben keine festgelegte Natur, keine Essenz. Eine Art inneren Wesenskern oder ein An-Sich wie Sartre es nennt, gibt es nicht. Der Mensch ist vollkommen frei, aber er ist ins Für-Sich oder in die Existenz geworfen und gezwungen, darin zu verweilen. Er muss sein Leben selbst gestalten. Wir sind vollkommen frei, aber auch ständig der Freiheit des anderen ausgesetzt, der uns betrachten kann, gerade wie es ihm passt.

Wir sind Freiwild in freier Laufbahn. Das bedeutet viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren, denn das menschliche Miteinander, Sartre nennt es das Für-Andere-Sein, ist nach Sartre ganz und gar konfliktgeprägt, zwischenmenschliche Beziehungen höchst problematisch. Gut, eventuell hat Sartre auch zu rasch von sich auf andere geschlossen. Philosophisches Denken und überhaupt alles Denken ist bekanntlich kaum von der eigenen Person zu trennen und Sartre war, so liest man, kein einfacher Zeitgenosse. Die grosse elegante Simone de Beauvoir hatte jedenfalls ihr Kreuz mit ihm.

Wenn wir also unsere lieben Mitmenschen betrachten und denken, zur Hölle mit ihnen, ist Sartres Bonmot nicht das Passende und das verstanden zu haben, macht doch auch irgendwie glücklich. Mich jedenfalls. Glücklich ist bekanntlich nicht, wer alles weiss, sondern wer vieles versteht.

Überhaupt, vielleicht sollten wir mehr Nachsicht üben und uns mit Christian Morgenstern unserer Herzensgüte besinnen, denn: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

 

One thought on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 17

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