Ich wohne nun in den Niederlanden, was seltsamerweise zur Folge hat, dass ich mich plötzlich für Königin Máxima, Prinzessin von Oranien-Nassau, interessiere. Ich sehe Bilder von ihr im regionalen Käseblättchen und bin ganz gerührt. Sie sieht auch wirklich gut aus. Sie sieht sympathisch aus und natürlich. Sie sieht aus, als ob sie sich für mich oder einen anderen Irgendjemand interessieren könnte. Bilder der Königsfamilie wirken immer ein bisschen so, als ob sich niemand lange mit der Auswahl aufgehalten hätte. Frei nach dem Motto: Ist schon okay so. Keiner scheint Lust und Zeit für lange Fotosessions zu haben. Haare zerzaust, schräges Lächeln. Macht nichts. Sehr erfrischend, wirklich.

Máxima ist die Tochter eines argentinischen Politikers, dessen Karriere als Landwirtschaftsminister eng mit der argentinischen Militärdiktatur verknüpft ist. Das dürfte auch Máximas Fortkommen nicht geschadet haben, aber dafür kann sie ja nichts. Genauso wie Maria Putina, die in Den Haag lebende Tochter von Vladimir Putin, nichts für ihren Vater kann, und Leute, die fordern, sie müsse nun ausgewiesen werden, sind ja wohl ziemlich hohl. Solche Leute machen mir immer ein bisschen Angst. Es sind die Leute, die immer einen Sündenbock suchen und ihn, wenn sie ihn gefunden haben, durchs Dorf treiben bis er blutend am Boden liegt.

Gerade jetzt, nach dem schweren Unglück über der Ukraine, sieht man Máxima sehr oft in der Zeitung abgebildet. Auf einem Bild sitzt sie am Flughafen in Eindhoven und wartet auf die vielen Toten. Ich betrachte sie lange und begreife dann, wie wichtig solche Bilder für manche Niederländer sein dürften. Sie sitzt bescheiden, ganz in Schwarz mit einem für Monarchinnen obligatorischen Hütchen auf dem Kopf. Ihr blondes Haar hochgesteckt. Sie sitzt gefasst, nicht fassungslos. Sie sitzt nicht da und heult Rotz und Wasser, obwohl ihr danach zumute ist. Sie wischt sich dezent die Tränen weg und bewahrt Haltung. Das ist wichtig, denn der oberste Auftrag von Monarchen ist es, gleichzeitig Vorbild und Projektion zu sein. Sie bündeln die Gefühle und machen vor, wie man sich verhalten soll. In diesem Fall trauern, aber nicht verzweifeln. Deshalb ist es unverzeihlich, wenn in gewissen Königshäusern Intrige und Egoismus vorherrschen. Dort scheinen sie vergessen zu haben, wofür sie von den Steuerzahlern finanziert werden. Nämlich dafür, in jedem Fall Anstand und Haltung zu bewahren. Immer. Mit Monarchen ist es ein bisschen so wie mit Kinohelden. Sie sind zwar menschlich, aber nicht ganz. Ich sage nur: Blaues Blut.

Kinohelden müssen stark und übermenschlich sein. Sie müssen über sich selbst hinauswachsen, um uns und die Welt zu retten. Sie dürfen zwar Angst haben, aber sie müssen sie überwinden. Kinohelden haben keine Bedürfnisse. Man sieht sie niemals essen oder trinken. Das alles brauchen sie nicht. Sie sind nicht egoistisch, sie sind nur für uns da.

Helden müssen selbstlos sein. Monarchen auch. Máxima scheint das verstanden zu haben. Ich weiss nicht genau was es ist, aber sie gibt einem irgendetwas. Sie gehört eben allen, das ist das Los von Monarchen, Helden und Superstars.

Ist es nicht seltsam, dass man sich plötzlich für Dinge interessiert, die einem  sein gesamtes bisheriges Leben lang vollkommen egal waren? Wie kommt das?

Diesen Sommer habe ich nämlich ausserdem die Sache mit dem Fussball begriffen. Nicht nur weiss ich jetzt, was eine Abseitsfalle ist, ich weiss jetzt auch, welche Freude man an einem solchen Spiel empfinden kann und dass es tatsächlich unterhaltsam ist. In der Zwischenzeit wundere ich mich eher, dass mir das nicht früher aufgefallen ist: Rasche Bewegungen, schräge Schnitte, viel Torso und Gesicht in Close-up, Gefühle breiten sich auf Gesichtern aus, viel Slow-Motion verleiht dem Ganzen diese Wichtigkeit. Das ist doch exakt die cinematische Trickkiste, um im Zuschauerraum Emotionen zu erzeugen! Ausserdem weiss man bis zum Schluss nicht, wie es ausgehen wird. Fussball kann eigentlich gar nichts anderes als spannend sein.

Das Rätsel, weshalb ich gerade mit der Schweizer Mannschaft besonders mitgefiebert habe, muss ein anderes Mal gelöst werden. Erstmal hatten wir ein paar wirklich schöne Stunden. Fertigpizza, Bier und Cola vor der Kiste. Zufriedene Kinder, die Chips futtern und gespannt den Ball auf grünem Grund verfolgen. Es waren ein paar glückliche Abende, die Familie vor der Glotze vereint.

 

 

One thought on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 18

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