Letzthin liege ich morgens im Bett und schaue verschlafen aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade über den Häusern auf. Durch den türkisgrünen, leicht schimmernden Vorhang ist nur eine verzerrte Ahnung davon zu erkennen. Sie sieht aus wie ein schmaler Streifen Verheissung. Zwischen Bett und Fenster steht ein mehrarmiger Kerzenständer. Die Kerzen fehlen und es sind blosse Metallarme jetzt. Sie ragen in den türkisgrünen Himmel. Ein Lüftchen haucht ein leises „Guten Morgen“ durch die offene Balkontür und ich seufze und denke: Jetzt sieht es hier aus wie im Orient. Welch glücklicher Moment! Kann man schöner aufwachen? Nur, ich war noch überhaupt nie im Orient. Weshalb ergibt in meinem Kopf: Kerzenständer + schimmernder Vorhang + Sonnenaufgang über den Dächern = Orient?

Natürlich vom Film. Jeder weiss es. Jeder weiss, dass es im Orient so aussieht. Welcher Film spielt gar keine Rolle. Ich tippe auf diese Szene: CIA-Agentin mit ungelösten Liebesdingen wacht morgens in Istanbul auf. Wir Zuschauer im Point-of-view schauen mit ihr aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade auf, der Tag ist erst eine Vorahnung alt, aber wir alle wissen: Aha! Orient.

Wenn Hollywood uns nämlich nicht in gewissen Dingen auf die Sprünge helfen würde, wir kämen nicht mehr zurecht. So viel kann man wissen heute, soviel muss man wissen heute, so komplex und klein ist die Welt geworden. Andererseits wissen wir nicht mal wie komplex, weil Hollywood immer schon Orientierung geboten hat. Manchmal frage ich mich, wie es im Kopf meiner Urgrossmutter, die in ihrem ganzen Leben wohl nie im Kino war, ausgesehen haben mag. Sie muss jedenfalls ein ganz anderer Mensch gewesen sein.

Was uns die Filmindustrie nämlich nicht alles schon gelernt hat! Das Küssen, das Streiten, den Augenaufschlag, das Lebewohl-Sagen. Hollywood ist unser aller Lehrer und ein grosser Moralist. Hollywood weiss, was richtig ist und was falsch. Heerscharen von Angestellten führen uns tagtäglich vor, wie man aussieht und wie man sich verhält. Daraus folgt nicht nur, dass Menschen immer mehr wie gewisse Typen aussehen und in Gruppen eingeteilt werden können. (Niemand wird mehr bestreiten, dass es den Johnny-Depp-Typ gibt oder den Megan-Fox-Typ.) Daraus folgt auch ein vereinheitlichtes Denken und Vorstellen. Wir alle wissen, wie eine Leiche im Pool schwimmt, obwohl wir noch nie eine gesehen haben. Die Filmindustrie orientiert uns ausserdem über Dinge, die es gar nicht gibt. Oder wusste jemand vorher schon, wie die Tür eines Raumschiffes schliesst? Oder, wie ein turmhoher Gorilla brüllt? Stünde er plötzlich vor uns, dank Hollywood wären wir informiert.

Frauen lernen von der Pornoindustrie, wie man beim Sex richtig stöhnt, Männer, wie man es den Frauen richtig besorgt. Deshalb begreife ich nicht, wenn Leute immer wieder behaupten, dass man vom Film nicht auch das Töten lernen könne. Man müsste nochmal genauer darüber nachdenken, weshalb das Massenpublikum mit einem Weltuntergangsszenario nach dem anderen bedient wird. Die Filmindustrie trägt eine grosse Verantwortung, aber sie nimmt sie nicht wahr, weil es ja „nur“ Film ist. Aber das stimmt nicht.

Wir Heutigen sind auch eine Rekonstruktion des Konstruktes filmische Figur/filmische Narration. Oder weshalb benehmen sich Jugendliche wie Gangsta’s und sehen Mütter wie „Desperate Housewives“ aus? Ich finde es teilweise beängstigend, wie sehr ich in Filmbildern denke und trotzdem auch praktisch. Als ich zum ersten Mal nach New Mexico gereist bin, wusste ich bereits aus zahlreichen Roadmovies wie eine Tankstelle dort aussieht und wie ein Diner. Und voilà! So war es. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt genauso wie die Grenze zwischen Realität und Virtualität.

Das Reale scheint sich nämlich auf verschiedenen Ebenen aufzulösen und je ähnlicher wir den Filmfiguren werden, desto penetranter scheinen sie sich in unser Leben zu graben. Ich kann tagelang über Filme nachdenken, über die Figuren und weshalb sie so oder so gehandelt haben. Als ob es wirkliche Menschen wären, um die ich mich kümmern müsste und irgendwie ist es ja auch so. Die Verrückten aus „Mad Men“ verfolgten mich zeitweise geradezu. Don Draper’s rätselhaft egoistisch-verzweifeltes Verhalten besetzte mich im realen Leben ab und zu so, wie er seine Mitfiguren im Film besetzt und ich hasste ihn fast dafür.

Aber dann denke ich mir wieder, dass der Mensch sich doch immer schon an Bildern orientiert hat. Mein Kopf ist ein Filmstudio, aber wie glücklich schätze ich mich, wenn ich dafür im Orient aufwachen darf! Denn, wer weiss, vielleicht werde es ich niemals nach Istanbul schaffen. Dann wird dieses schmale Stück türkis-schimmernder Sonnenaufgang die einzige konkrete Erinnerung, die ich an den Orient habe, sein.

So, oder so ähnlich.

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 19

  1. spannende gedanken. auch bücher machen das mit uns.
    meine mutter reiste selten, sagte aber immer, dass sie – dank TV – schon überall war.
    ich schaue kaum hollywood, und doch: auch meine bilder und verhaltensmuster haben filme mitgeprägt. insbesondere wenn ich für meine romanfiguren dialoge schreibe, denke ich szenisch. dann stolpere ich und frage mich: reden die wirklich SO? redet jemand wirklich SO??
    … danke für dein denkfutter!

  2. Das stimmt, nur, Bücher lassen uns und unserer Fantasie mehr Spielraum. Ich finde vor allem die Beziehung Filmfigur und Zuschauer/Person extrem spannend, das hat ganz viele Ebenen. Ich merke oft, dass ich mit der Stimme einer Filmfigur denke, und das muss nichts aus Hollywood sein. Ich hätte einfach Filmindustrie schreiben sollen. Hollywood klingt halt noch ein bisschen verlockender… Was schreibst du denn so? Hast du schon etwas veröffentlicht? Gutes Schreiben weiterhin! Herzlichst, Lara

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