Diesen Sommer habe ich ja Fußball geschaut. WM. Und rasch auch gemerkt, dass mich nicht die Spiele an sich interessieren – wie noch in 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 18 behauptet – sondern explizit die der Schweizer Fußballmannschaft. Und das ist seltsam genug, da ich mir einbilde, keine besonderen Heimatgefühle zu hegen und relativ weltoffen zu sein. Weltoffen, das klingt auch gut, es klingt modern. Zuhause hocken nur die Hinterwäldler, so denkt man sich trotzig ab und zu, wenn man sich wieder schwer tut mir der fremden Sprache und nicht versteht, weshalb dies so und das andere fast gleich ist. Das Leben ist voll von Menschen, die tosend ausgezogen und gemildert wieder nach Hause gekommen sind.

Dieser Text hat also mit dem Thema Heimat zu tun und für mich mit dem seltsamen Umstand, dass ich erst eine habe, seit ich nicht mehr in der Schweiz wohne. Während ich diesen Sommer also Shaqiris Schweißperlen betrachtet, Inlers innige Schönheit beim Singen der Morgenröte bewundert und dabei tapfer in ein weiteres Stück Fertigpizza gebissen habe,  stellte sich mir ernsthaft die Frage, weshalb mich das alles eigentlich interessiert.

Denn, Heimat. Was ist das? Jedenfalls mehr als Berge, Cervelat, Toblerone-Schoggi und Chäs-Fondue, so denke ich mir. Mehr als die Kuhglocken, die alles Tun meiner Eltern einen Sommer lang begleiten, mehr als das Bimmeln des Dorfkirchleins zuverlässig abends um Sechs. Mehr als das Zwirbelbrot des Dorfbäckers, in das ich diesen Sommer wieder einmal beißen durfte. Mehr als die für Außenstehende schwer verständliche Sprache und die allseits so bewunderte direkte Demokratie. Mehr als das und alles zusammen.

Ich wohne ja seit einiger Zeit in den Niederlanden. Den Sommer über haben wir in einer vorübergehenden Bleibe in einer Wohnsiedlung zugebracht und eine der alten Frauen, die auf der anderen Seite des Parkplatzes in einem großen Wohnblock sinnierend durch die Tage geistert, hat irgendwann einmal an einem ganz normalen Tag wie diesem mit viel Mühe eine große Hollandfahne über den Balkon gehängt. Es war sichtlich ein Stück Arbeit für sie und hat sie mindestens zehn Minuten ihres Lebens beschäftigt gehalten. Weshalb tat sie das? War es ihr letzter Dienst an der Heimat? Was bedeutet diese Fahne für sie und weshalb müssen es alle anderen auch sehen?

Heimat und Nationalität muss man nämlich trennen. Ist es dasselbe, führt es nur zu Ärger. Heimat darf man persönlich nehmen, Nationalität nicht. Leute, die sich über ihre Nationalität definieren sind ein Übel und übellaunig begegnen sie all denen, die nicht so denken wie sie oder den falschen Pass haben. Heimat hat man, Nationalität hisst man.

Am 1. August wäre ich gerne mit meinen Eltern und Geschwistern zusammen gewesen. Als wir nämlich letztes Jahr das Feuerwerk in den Himmel sandten, war es wieder genau so wie früher, als wir noch Kinder waren. Und ich werde das freche Grinsen auf dem Gesicht meines älteren Bruders nicht vergessen, der die eine dicke Rakete in der Pose der Freiheitsstatue hielt mit einem Grinsen so breit, dass man das Grübchen sah. Er sah wieder aus wie der freche „Schnuderbueb“ der er einmal war. Heimat ist Familie oder die kurzen glücklichen Momente die zeigen, dass man eben doch zusammengehört, irgendwie.

Im Herbst habe ich immer Heimweh. Wenn ich Heimat denke, dann denke ich tatsächlich an Berge, Stille und an die gute Luft, die über den Dingen schwebt. Ich denke nicht an Menschen. Meine Freunde in der Schweiz wären auch dann meine Freunde, wenn sie nicht Schweizer wären. Mein Verhältnis zu ihnen definiert sich über andere Dinge. Meine Familie ist meine Familie, egal wo ich bin und das Schöne dabei ist, dass Familie auf ihre Art immer gleich bleibt. Es geschieht wenig tiefgreifend Veränderndes. Und vielleicht ist Heimat tatsächlich da, wo sich nichts verändert. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Viele niemals weg möchten und Einige sogar, dass alles genau so bleibt, wie es immer war.

Heimat ist vermutlich da, wo wir immer jung sind. Da, wo wir mit den Augen des Verflossenen betrachtet werden, da wo man noch nicht vergessen hat, dass wir unschuldige Kinder waren, irgendwann einmal. Da, wo wir eine Geschichte haben und immer auch ein Stück Vergangenheit sind.

 

 

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 20

  1. hach, mir gings ja ganz ähnlich, als ich deutschland lebte. obwohl das ja (rein sprachlich) noch ähnlicher ist als schweizerdeutsch (im vergleich zu niederländisch meine ich), war ich doch oft heimwehkrank und bin schlussendlich nicht nur zurück in die schweiz gezogen, sondern sogar noch nur 5 km luftlinie von meinem heimatdorf. hätte ich kaum für möglich gehalten. nein, es ist nicht der ort, es ist das gefühl von heimat, das du so genau beschreibst.
    deutschland hat mich heimat gelehrt, mich zur schweizerin gemacht. nicht im nationalistischen sinn, nicht im patriotischen sinn, einfach in bezug auf wurzeln und zugehörigkeit …
    hier bin ich teil der geschichte – hm, ein spannender gedanke irgendwie … danke für deinen feinen text!

  2. Ja, das Heimweh. So ganz schlimm ist es noch nicht und zurück möchte ich auch nicht, weil ich genau weiss, dass mir die Leute innert (ist das hochdeutsch?) kürzester Zeit auf die Nerven gehen würden. Im Ausland ist man eben doch freier, ich jedenfalls. Aber ich kann das gut verstehen, dass du zurück in deine Heimat bist, (Deutschland ist in vielem eben doch sehr fremd.) Es ist ein schönes Gefühl, wenn man sich auskennt, die Leute einen kennen und man über früher reden kann… Aber, als ich da war, wollte ich immer weg und nun will ich nur im Herbst zurück und sonst ab und zu… Danke fürs Lesen!

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