Vielleicht kann man die Lust am Reisen in drei Aspekten erklären: Das Zurücklassen des Altbekannten, die Verheißung des Neuen und die Veränderung, die man unterwegs erfährt. Man ist nicht immer dieselbe Person. Es macht einen Unterschied, ob man zuhause in den eigenen vier Wänden sitzt oder vor dem Kölner Dom steht. Zuhause weiß man zumindest, wo die Toilette ist, dafür ist man vor dem Kölner Dom besser angezogen.

Das Reisen ist ein Glück für mich. Es muss auch gar nicht weit gehen. Mein Glück entsteht eher durch das Unterwegs-Sein an sich. Durch das Unstete, durch das, was nicht bleibt und das man auch nicht festhalten muss. Durch das Sehen und das flüchtige Gesehenwerden. Beobachtungen auf einer Zugfahrt:

Kaum nähern wir uns der Grenze zur Schweiz, verändern sich die Sitten. Es werden Zweifel-Chips gegessen. Eine Frau Ende fünfzig isst die Chips wie ein Kind. Sie „trinkt“ die letzten Krümel mit zurückgebeugtem Nacken aus der Tüte. Dann wischt sie sich den Mund ab und isst noch ein Zweites.

Eine zieht ihren Schuh aus und untersucht ihn ganz genau. Sie steckt ihre Hand hinein, macht die Innensohle gründlich sauber und schüttelt den imaginären Dreck auf den Boden. Danach steckt sie ihre Nase hinein, schnüffelt, und zieht ihn sichtlich zufrieden wieder an.

Eine Gruppe bestehend aus einer Frau und drei Männern steigt ein. Kaum sitzen sie, zücken sie ihre Smartphones und vertiefen sich in die Welt darin. Das ist nichts Neues. Eine weitere junge Frau setzt sich daneben. Sie thront mit der grazilen Haltung einer Balletteuse und der Verachtung für die Normalsterblichen auf dem Gesicht. Dann nimmt sie ein unfassbar dickes Buch aus der Tasche. Es ist breiter als ihr Handrücken und in der Bibliothek ausgeliehen. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Sie ist noch ganz am Anfang, Seite 10 vielleicht. Ob sie es schaffen wird?

Der Nachmittag ist heiß. Die Bahn hat keine Jalousien. Es ist unübersehbar, dass auch niemals welche vorgesehen waren. Zwei Frauen wissen aber, dass es bestimmt wieder diese Jungen waren, die sie heruntergerissen hätten. Bestimmt betrunken. „Die Jugend von heute.“ Eine sagt es wörtlich. Lange dachte ich, der Satz sei ausgestorben. Ich denke, dass ich nun etwas sagen sollte. Dann lasse ich es sein, weil ich es für sinnlos halte. Danach finde ich mich auch doof.

Ältere Frauen sind auch nicht besser. In einer Gruppe tauchen sie plötzlich aus dem Nichts auf, beschweren sich lautstark, dass ihre reservierten Plätze besetzt seien. Dann verteilen sie sich, essen Lachgummi, trinken Sekt, reden laut und lachen unvorteilhaft. Bei Männern in Gruppen würde man so etwas als normales Verhalten einstufen, bei Frauen wirkt es auf seltsame Weise unflätig. Solchen Einschätzungen sagen allerdings mehr über die beobachtende Person aus. Ich überlege, ob der Mensch in Gruppen ganz allgemein unerträglich wird und weshalb.

Apropos ältere Frauen: Die Schaffnerin dürfte gegen die sechzig sein. Sie trägt eine wirklich enorm große Minnie-Maus-Haarspange in ihrem langen blonden Haar. Ich überlege hin und her. Vertritt sie eine ironische Haltung sich selber gegenüber? Kokettiert sie mit dem Alter? Will sie jung oder jugendlich erscheinen? Konnte sie ihre Haarspange nicht finden und hat sich in der Eile einfach die ihrer Enkelin ins Haar gesteckt? Seltsam das alles…

Das Leben ist voller ungelöster Rätsel. Je näher etwas scheint, desto ferner ist es.

7 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 21

  1. … ist der Ruf erst ruiniert …😉 Was hättest du der Schaffnerin denn gesagt? Stören dich solche Dinge? Ist es gar Fremdschämen?
    Spannend beim Reisen finde ich immer auch die Selbstbeobachtung …
    Feiner Reisetext!

  2. Nein, was hätte ich der Schaffnerin denn sagen sollen? Ich bin ja nicht von der ästhetischen Polizei. Obwohl ich auch finde, dass nicht alles einfach reine Geschmackssache ist. Nein, ich wollte den beiden Damen etwas sagen, die die Jugend von heute für die niemals vorhanden gewesenen Jalousien verantwortlich machen wollten (siehe Text). Aber was, weiss ich auch nicht mehr… Danke fürs Lesen und herzliche Grüsse, lara

  3. Nun. Ich liebe es, einzutauchen in die Welt fremder Menschen. Mich in der Beobachtung zu verlieren, mit der nötigen Distanz, um nicht zum direkten Mitspielen aufgefordert zu werden.
    Beim Lesen deines Textes befand ich mich auf einer Zugfahrt.
    Ich konnte durch deine Augen sehen.
    Du hast die winzigen Details beschrieben, dass es mir möglich war, in Bildern zu sehen. Ohne Anstrengung.

    Ach. Ich liebe es.

  4. Ja, Distanz ist doch was Feines. Was man sieht ist hochspannend, geht nur selten unter die Haut und ist im nächsten Augenblick auch schon wieder verschwunden. Ach, könnte man doch immer fort… Vielen Dank fürs Lesen, Mme. Lila.

  5. Liebe Lara Palara,

    aus Sehnsucht vorbeigeschaut – und dann diese Perle entdeckt. Kleine Dinge, großartig beschrieben. Du kannst es einfach, kann ich nur einmal mehr bewundernd feststellen. Und ja, Inspiration beginnt manchmal mit einer Tüte Zweifelchips … Auch sonst kann ich nur zustimmen: Unterwegssein ist ein Glück. Die Menschen sind seltsam. Das Leben ist voller Rätsel. Apropos: Was ist Lachgummi?

    Hochachtungsvoll,
    deine Rose Baba

  6. Oh, meine Liebe. So viel Lob. Jetzt bin ich grad sprachlos… Lachgummi ist Weingummi, den die Firma Storck so benannt hat, weil es so irrsinnig lustig ist, ihn zu essen… Inspiration ist manchmal plötzlich da und oh weh und ach, wenn sie ausbleibt. Diese Verzweiflung… Deine treueste Lara

    1. … die frisst uns noch das Hirn aus dem Schädel und das Herz aus der Brust, diese gefräßige Verzweiflung. So stopfen wir sie doch lieber mit Lachgummi voll, bis sie satt ist und sich kringelt vor Heiterkeit und uns in Ruhe lässt. In Ruhe schreiben lässt. In Ruhe schweigen lässt. Du aber, schweige bitte nicht zu lange hier, teure Lara. Möge dir die Inspiration stets auf den Fuß folgen.

      Ebenso treuest:
      deine Rose Baba

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