Früher, als mein Leben noch ein ganz anderes war, habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, auf einem alten Sofa zu liegen und Schallplatten zu hören. Es war das größte Glück für mich. Mehr brauchte ich nicht. Ich war 18 und hatte gerade mein Leben selber in die Hand genommen. Eigene Wohnung, eigener Kühlschrank, eigene Rechnungen auch. Ich hatte kaum Geld, aber ich fühlte mich frei. Zu essen gab’s Cornflakes und mein Fahrrad trug mich überall hin.

Die Kleider vom Flohmarkt, das Sofa aus dem Brockenhaus, die Heizung funktionierte nicht richtig und jeder, der mich besuchte, lieh sich gerne den dicken Pullover von mir und manchmal machte uns die Kälte gar nichts aus. Wir hatten ein warmes Herz, das reichte schon. Manch eine loderte innerlich, weil das ganze Leben noch vor uns stand und ja, das ganze Leben, das kann einem manchmal ganz schön viel werden…

Auch der Plattenspieler war ein uralter Herr. Er hatte schon manche Töne von sich gegeben. Man konnte es hören.

Auf dem Sofa liegen und nichts anderes tun, als den Klängen zu lauschen, dem Rauschen, dem unbequemen Sprung in der Platte. Es waren Stunden der Bedürfnislosigkeit und ich glaube, dass wir Menschen dabei sind, dies zu verlernen, keine Bedürfnisse zu haben. Nur eine Sache zu tun. Wir werden darauf konditioniert, immer Bedürfnisse zu haben, immer mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, aber nichts richtig. Ich glaube, die Welt ist voll von Menschen, die die Konzentration, ein ganzes Buch durchzulesen, nicht mehr aufbringen. Manche schaffen es noch nicht einmal mehr, sich ein ganzes Lied anzuhören. Viereinhalb Minuten. Wenn wir diese Ruhe nicht mehr finden, geht eine ganze Dimension verloren, die Tiefendimension nämlich.

Nichtstun ist möglicherweise die erhabenste Tätigkeit der Seele. Andere würden jetzt vielleicht sagen, nein, man muss Handeln, Handeln ist wichtig. Aber Nichtstun ist auch ein Handeln. Ein Handeln zur Innigkeit hin, zum Nachdenken, zum In-Sich-Gehen. Und schlau macht es auch, aber darauf verlassen sich die wenigsten noch. Heute ist Quantität wichtig. Man muss immer liefern, immer rennen. Ganz egal was, ganz egal wohin. Nur nicht Stillstehen. Deshalb gibt es auch so viele Blogs, die nur zitieren. Geht schneller und verbraucht weniger Ressourcen. Aber zum Glück gibt es diese schöne Idee, dass sich Quantität im Internet eines Tages unweigerlich in Qualität verwandeln wird. Ein tröstlicher Gedanke. Aus all den Shakespeare-Blog-Zitaten würde dann irgendwann ein ganz neuer Shakespeare zusammengestellt. Qualität ist dann irgendwie anders gemeint, aber wer weiß das schon.

Viele mögen es also nicht mehr kennen, aber Schallplatten hören ist mehr als Musik hören. Es ist der Musik zuhören. Vom ersten bis zum letzten Ton. Zuerst das schmale, kurze Klicken, wenn die Nadel auf dem Vinyl aufsetzt, die darauffolgenden Sekunden leichtes Knistern, dann der erste Ton, die leichte Ungeduld, bis es endlich richtig losgeht. Die Vorfreude auf eine Tonfolge, ein gesungenes Wort, einen besonders schönen Satz.

Wenn man sich auf dem Sofa gemütlich eingerichtet hat und nicht alle fünf oder zehn Minuten aufstehen möchte, muss man sich einer Platte als Ganzes auszusetzen. Dem ganzen Werk mit allen Höhen und Tiefen und irgendwann jeden Ton kennen. Man kann unpässliche Passagen nicht einfach herausfiltern, ein Lied überspringen geht nur mühsam und vor allem, man kann nicht sortieren. Die Musik ist bereits sortiert und zwar so, wie sie gemeint ist.  Schallplatten hören ist wahnsinnig altmodisch und widerständig und noch ganz Poesie.

 

10 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 22

  1. Ja, aber das geht auch mit CDs, wollte ich einwerfen, am Anfang, aber das stimmt nur bedingt. Denn mit der Fernbedienung – auf dem Sofa sitzend – überspringe ich schon mal ein Stück, oder ich shuffle. Und das Knistern fehlt.

    Ja, liebe Lara, es stimmt: Das Nichtstun wird unterschätzt. Danke für dieses dein Plädoyer für diese vergessene Kunst und diesen wunderbaren Text hier!

    1. Klar geht das auch mit CD. Wenn man die Fernbedienung weglegt oder sich ganz toll beherrschen kann. Naja, ich fand halt schon immer, dass Schallplatten so einen schönen unperfekten Klang geben und dadurch irgendwie ehrlich klingen. Herzlichst, Lara

  2. Liebste Lara Palara,

    danke für diesen wiederum wunderbar feinsinnig geschriebenen Text, mit dem du mir einmal mehr aus dem Herzen sprichst, nicht nur was das Vinyl betrifft, sondern auch bezüglich des Nichtstuns, das so schwierig wie wichtig ist. Ganz besonders danke ich dir für den Gedanken, dass sich die LP dadurch auszeichnet, dass man sie als Ganzes hören muss (»so, wie sie gemeint ist«), wenn man nicht nach jedem Lied aufspringen will. Neben allem, was du so schön beschrieben hast, gefällt mir bei Schallplatten auch, dass man in der Halbzeit eben doch aufstehen und die Platte wenden muss (jedenfalls bei meinem Plattenspieler muss man das). Das ist ein bisschen so wie das Umblättern einer Buchseite: ein sinnliches Erlebnis, eine Berührung der Welt in jener »altmodischen« Weise (wie du so richtig sagst), die immer seltener wird. Aber noch gibt es sie zum Glück, die Bücher, die LPs, die Briefe, die Züge …

    Es umarmt dich in Gedanken
    deine Rose Baba

    1. Liebste Rose Baba,

      du hast ja so recht. Dass man die Schallplatte zwischendurch mal umdrehen muss, gibt dem Ganzen wieder etwas Irdisches und Gewöhnliches auch. So wird man sich dem Nichtstun wieder als einer schönen Tätigkeit bewusst, nicht? Danke liebe Rose Baba für den Zuspruch in Antwerpen. Du inspirierst mich sehr. Ohne deine Worte, wäre der Blog wahrscheinlich dabei zu sterben. Ich schaue bereits dem nächsten Wiedersehen entgegen. Bis dahin werden uns die Worte retten! Innigst, Deine Lara Palara

  3. Guten Tag liebe Lara Palara,
    das ist ein schönes Blog, das Sie da führen und in # 22 finde ich mich in vielem wieder. Zum einen habe ich seit Kurzem wieder einen Plattenspieler und es geling, sich anders mit dem Musikmachenden auseinander zu setzen, zum anderen begegne ich darin einer anderen Zeit wieder und daneben ist das so bedeutend, vom dem Sie hier schreiben. Zeit nehmen und sie mit wenig bereichern macht sie zu einer ganz reichen Zeit und bietet die Gelegenheit, die Gedanken setzen zu lassen …
    Vielen Dank und herzliche Grüße von
    Hermann Josef Schmitz

    PS.: Ich würde Ihren Blog gerne in meine Linkliste aufnehmen. Geben Sie mir eine Rückmeldung.

    1. Lieber Hermann Josef,
      es freut mich ausserordentlich, dass Sie in meiner Philosophischen Küche ein behagliches Plätzchen gefunden haben. Positive Rückmeldungen sind natürlich die Luft, die eine Bloggerin am allerliebsten atmet. Nehmen Sie mich gerne in Ihre Blogliste auf und vielen Dank dafür. Ich wünsche Ihnen viele genussreiche Stunden mit Ihrem neuen Plattenspieler und eine schöne Adventszeit.
      Herzliche Grüsse, Lara Palara

  4. Wie wahr, Müßiggang ist wirklich eine Kunst, die kaum noch jemand beherrscht. Es kann so gut tun, sich dem Nichtstun hinzugeben. Viele haben glaube ich Angst vor den Gedanken, die hochkommen könnten, wenn man es zulässt. Lange ging es mir auch so, heute zum Glück nicht mehr so sehr

    1. Ja, das stimmt. Viele denken wohl aus Angst vor den eigenen Gefühlen nicht mehr wo gerne nach. Dabei fällt einem ja oft auch Schönes ein und ein bisschen Träumen tut ja auch nicht weh… Ich finde es aber selber auch immer schwieriger, weil heute die Zerstreutheit so gross ist. Mails kontrollieren, WordPress-Statstik nachschauen, facebook, twitter etc. Grässlich. Man muss schon fast das Meditieren üben…

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