Es war ein kochend heißer Tag im Juli. Ein kopfwehträchtiger Tag. Ein Tag, an dem die Ausfallgrösse des Universums auf zweihundert Meter geschrumpft schien. Ein Tag der Staub fraß.

Ein wahrlich erbärmlicher Tag für Neds Bratpfanne. Nacheinander waren ihm zwei junge Nachtechsen entwischt. Nicht, dass Ned sich viel aus Echsen machte, aber wenn sie noch jung waren, konnte er sich wenigstens VORSTELLEN, dass sie gut schmeckten. Bei den alten Ledernen fiel ihm das schon schwerer. Ned war der Meinung, dass sich Hunger und Sex in der Hinsicht recht ähnlich seien. Wie sagte er doch immer: „Wenn man auswählen kann, wünscht man sich auch eher Sex mit einer jungen, knackigen Lady. Im Notfall gibt man sich auch einer Alten hin.“ Ein wahres Wort und ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er in seinem ölverschmierten Arbeitsoverall im Halbduster meiner kleinen Autowerkstatt steht, Gesicht und Hände schwarz von der Arbeit am alten Lincoln, welcher aufgebockt dem Ende seiner Tage entgegensieht. Ned, wie er versonnen in seinem Kaffee rührt. Es ist eine Geschichte der Befreiung.

Im Notfall hätte Ned auch eine alte Echse gefressen, das wohl schon, aber keine Schlange und auch nicht die, die er an jenem Tag in seinem Beutel mit sich trug. Er hatte sie nur übungshalber gefangen, um in Form zu bleiben. Ned hatte vor, sich auch an diesem Tag den Magen mit ein paar Bieren zu füllen und früh zu Bett zu gehen, vorher noch kurz bei Nestor reinschauen. Seit einiger Zeit ging das schon so, genauer gesagt, seit Macy nicht mehr da war.

Ach, Macy. Seit ihrem Tod war es allen ganz schön langweilig geworden in Little Falls. Dabei war Macy einfach nur eine Säuferin gewesen. Ständig rumgezickt, ständig die Birne voll und kurz vor dem Durchdrehen, aber wenigstens für Unterhaltung war gesorgt. Ihr konnte man stundenlang zusehen, wie sie die Augen zusammenkniff und mit gerunzelter Stirn versuchte, die Zeitung zu lesen, die mindestens eine Woche schon bei Toni im Auto vor sich hingegilbt hatte. Nichts begriffen hatte sie, aber immer gescheit daherschwafeln. Die meiste Zeit war sie mit `nem Buch in der Gegend rumgerannt. Immer mit demselben. Wahrscheinlich hatte sie nur dieses eine und Vernon war mal so stinkwütend geworden, also wirklich soooo stinkig, dass er Seite um Seite rausgerissen und verschlungen hatte. „Da hast du’s, du Klugscheißerin!“ hatte er geschrien, so laut, dass den Hunden das Jaulen in der Kehle stecken geblieben war und sie sich winselnd unter die Veranda verdrückt hatten. „Dein Buch ist so verflucht spannend, dass ich es fressen muss!“ Und dabei hatte er sich das staubige Papier wie ein Irrer ins Maul gestopft und mit Gin runtergespült. Seine Augen, groß und gelb wie Wachteleier, waren beinahe aus den Höhlen gerutscht. Er hatte wirklich zum Fürchten ausgesehen.

Nestor behauptet bis heute, das habe Macy den Rest gegeben, Vernon sei Macys Mörder. Absoluter Schwachsinn, sowas! Macy war eine Hure und eine Säuferin und wenn sie sich nicht zu Tode gesoffen hätte, wäre sie früher oder später an ihrer Einsamkeit gestorben oder an einer anderen großen, unheilbaren Krankheit. Naja, kann schon sein, dass sie da sehr traurig wurde, noch trauriger als vorher schon. Das Buch hatte ihr bestimmt viel bedeutet, sonst hätte sie es ja nicht die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt.

Ned meint immer, er und Macy wären so was wie ein Paar gewesen. Nicht, dass Macy davon irgendetwas mitgekriegt hätte, bei der funktionierte es im Kopf nicht mehr richtig, der staubige Sand der Einöde hatte ihr die Gehirnwindungen ausgefräst. Ned hatte sich wohl für sie verantwortlich gefühlt, was nicht soviel zu bedeuten hat, da Ned sich für alles verantwortlich fühlt, was auf diesem gottverdammten Planeten geschieht. Deshalb wird Ned auch das Ticken in seinem Kopf niemals loswerden, dieses tick, tick, tick, diese Scheisse in seinem Kopf, die immer lauter wird, je länger er über irgendetwas nachdenkt. Logischerweise hat Ned das Nachdenken fast gänzlich aufgegeben, auch wenn er sich damals natürlich jeden Tag mindestens einmal fragte, weshalb er es nicht schaffte, aus Little Falls abzuhauen. Ned kann sie nämlich nicht ausstehen, die grelle Sonne, die alles aufquellen lässt und alles verdirbt und an jenem Tag, als er zwischen heißen Steinen auf Sand grillte, als er auf der Lauer lag und durch die Büsche spähte in der Hoffnung, irgendetwas möge geschehen, etwas sich ergeben, fragte er sich noch mehr als sonst und das Ticken drohte noch mehr als sonst. Eine vollkommen lächerliche Frage. Wohin sollte er schon gehen, ohne Macy?

Reifenquietschen riss Ned aus seinen düsteren Gedanken. Er hob seinen verschwommenen Blick vom Boden und linste zur Straße. Durch die Büsche sah er einen lindgrünen Cadillac. Ein seltener Anblick in Little Falls. Eilig rappelte er sich auf, klopfte sich den Staub von den Hosen und setzte sich humpelnd in Bewegung…

Und so weiter, und so fort. Schreiben ist Glück.

 

 

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 23

  1. Oooch, und dann hört sie einfach auf?
    Mach weiiter, biiitte, ist ja fast wie Waltons gucken, damals. Ja,auch lesen macht glücklich. Aber jetzt gönn ich dir erst mal glückliches Weiterschreiben.

  2. Waltons? Waren das die mit den Latzhosen? Kann mich noch schwach erinnern. “Unsere kleine Farm” war so ein Parallelstück dazu, nicht? Du hast recht, lesen macht auch glücklich. Die Bücher stapeln sich, allein die Zeit, sie rast dahin und kommt nimmermehr… Auch dir viel Spass beim Schreiben, Erfinden, Fotografieren, Korrigieren. Was auch immer du tust.
    Herzlich, Lara

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