Neulich spaziere ich mit einer Freundin durchs Karoviertel in Hamburg. Das Karoviertel war früher mal eher abgefuckt. Gewisse Leute hätten in gewisse Cafés dort bestimmt keinen einzigen Fuß gesetzt. Heute ist das ganz anderes. Ein neues Geschäft nach dem anderen öffnet die Türen, Bioläden, gemütliche Teestuben, teure Boutiquen und viele Leute so um die Dreißig, die in diesen Kleidern rumlaufen, die wie selbstgemacht aussehen aber dann doch wieder nicht. Viel Understatement-Chic.

Und ich sehe auch: Überall Wald. Waldvögel. Waldgetier. Rehe. Zweige. Nüsse. Auf Karten, Taschen, Beuteln, Kissenbezügen, Lampen, Tapeten. Wald ist überall. Und ich denke mir, dieses Viertel muss ganz und gar in Hipsterhand sein, denn Waldgetier und Hipster gehören auf geheimnisvolle Weise zusammen. Nur, wie?

Das Phänomen des Hipsters ist schon ziemlich alt, und doch ist es immer wieder neu. Das liegt im Phänomen selber begründet. Früher war es so: Hipster waren selten lustig. Hipster waren irre cool. Ihre lässig herabgezogenen Mundwinkel, der mit größter Sorgfalt unfrisierte Schädel auf tätowierten Schultern und Hipsterarmen. Hipster lachten nur mit ihresgleichen. Hipster, die in Cafés bedienten, musste man fast anflehen, damit man einen Cappuccino kriegen konnte. Dann bin ich für eine Weile aufs Land gezogen und habe sie ganz vergessen. In der italienischen Pampa, da gibt es keine Hipster.

Jetzt sehe ich sie wieder, aber sie haben sich verändert. Sie sind älter geworden und manch einer lächelt mich nun freundlich an, schließlich möchte er mir etwas verkaufen. Zudem sind Hipster nun oft Hipstereltern. Das stimmt an sich milde. Aber nur scheinbar. Hipster haben sich in die Idee verbissen, individuell und anders zu sein. Dabei setzt ein Hipster seine Andersartigkeit möglichst unauffällig in Szene aber in dieser Unauffälligkeit, in dieser scheinbaren Bescheidenheit ist eine feine Codierung eingewebt. Er versucht kompromisslos genügsam zu sein und ist dabei auf der ununterbrochenen Suche nach seiner ganz eigenen Wohlfühltemperatur. Da der Hipster so individuell ist, muss er sich unheimlich viel mit sich selbst beschäftigen, ohne dabei jemals zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Denn, egal woher der Wind weht, ein Hipster schwimmt immer oben auf der Welle und kann deshalb seine Depression nicht kultivieren.

Ein Hipster isst vegan. Ein Hipster kauft ausschließlich Bio-Produkte. Ein Hipster benutzt Apple (und isst bestimmt viele Äpfel). Und, er hat den unschlagbaren Vorteil, sich ganz und gar in Alternativmarken kleiden zu können.

Nun ist noch immer nicht geklärt, woher die Hipster-Affinität zu Waldbewohnern kommt. Nun: Ein Wald ist eine größere Ansammlung von Bäumen in denen allerlei Waldgetier wohnt. Von der Idee her ist ein Wald Natur und deshalb Heiligkeit, Unversehrtheit, Unzugänglichkeit. Obwohl der Wald ständig in Aufruhr ist – eben weil er von allerlei Wesen bevölkert ist – lässt einen ein Wald eine tiefe Ruhe empfinden. Waldbewohner haben etwas Ursprüngliches an sich, etwas Geheimnisvolles, etwas, was uns Menschen noch verborgen bliebt, etwas, was noch nicht in Gefahr ist.

Ich will es mal so sagen: Ist man Punk, dann ist man Punk. Punkt. Ist man Hipster, dann ist man ein fluides, flüchtiges Etwas, eventuell mit Hornbrille. Der Hipster weiß um seine eigene Flüchtigkeit, denn er ist gebildet und liest viele Magazine. Neben seinem biologischen Leben führt er mehrere digitale Existenzen im Netz. Ich würde gar sagen, er hat ein digitales Bewusstsein. Fazit: Ein Hipster ist eine Art Hybridwesen. Er läuft ständig Gefahr, sich selbst zu verlieren. Er hat das postmoderne Borderline-Syndrom. Wie die meisten von uns, steht er auf verlorenem Posten, wenn es um die Suche nach verbindlichen Werten geht. Nur, dem Hipster fliegt zusätzlich noch die eigene Persönlichkeit um die Ohren.

Der Wald hingegen ist in seiner Idee, in seiner Metaphysis sozusagen (nicht in der Realität natürlich) stabil. Der Waldvogel also, der die Teetasse des Hipsters ziert, versichert dem Hipster die Zuverlässigkeit seines Daseins, er gibt ihm Sicherheit und Geborgenheit. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Beziehung um eine schlichte Bejahung seiner Existenz. Um ein schlichtes: Ja, ich bin immer noch da.

7 thoughts on “Der Hipstervogel

  1. Das ist das Beste, Tiefsinnigste und Lustigste, was ich je über das Hipster-Phänomen gehört und gelesen habe. Ich wünsche mir, dass viele Leute irgendwie zu diesem Text finden, dass er sich verbreitet. So etwas Erhellendes und Erhebendes – was wünscht man mehr von kluger Lektüre?

    Hab eine schöne und harmonische Schreib-Zeit, liebste Lara Palara.
    Es umarmt dich innig deine
    Rose Baba

  2. Danke! liebste Rose Baba, lustig zu sein, ist wohl etwas vom Schönsten was man hören kann. Ich melde mich bald mit mehr! Zeit ist ein rares Gut diese Wochen. Eine innige Umarmung zurück!

    1. … übrigens sollte oben »Erheiterndes« statt »Erhebendes« stehen.
      Eben, eben, immer in Eile, wie man so ist …
      Alles andere zu seiner Zeit, liebste Lara Palara!
      Meine Gedanken sind bei dir.

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