Fitter, happier, more productive, comfortable, not drinking too much… Pünktlich zum Beginn des neuen Jahres fällt mir wieder Radiohead‘s Abhandlung über das Diesmal-alles-besser-machen ein. Ich bin auch so eine, die sich immer viel vornimmt. Mehr Sport, weniger Süßes, informiert, aber nicht deprimiert sein… Thom Yorke‘s Sermon endet dann allerdings mit den Worten: … a pig, in a cage, on antibiotics. 

http://www.dailymotion.com/video/x95vh1_radiohead-fitter-happier_music

Das war 1997. Seither hat die globalisierte Arbeitswelt manch krankes Schwein hervorgebracht, Sklavenarbeit ist eine selbstverständliche Notwendigkeit für ein Leben des niemals-endenden-Konsums geworden und dann gibt es noch die Vielen, die das kranke Schwein ohne mit der Wimper zu zucken als Kotelett auf das Supermarktband legen und es sich zu Hause schmecken lassen. Diejenigen, die es am nötigsten hätten, nehmen sich nach Silvester nie viel vor. Dummheit macht bekanntlich glücklich, aber auf das Glück der Ignoranz kann ich gut verzichten.

Peter Sloterdijk, das Karlsruher enfant terrible der philosophischen Gesellschaft, hat mal ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel: Du musst dein Leben ändern. Ein schlichter Titel, unvergesslich. Er hat zugleich etwas Erhebendes (Das Leben zu ändern ist möglich.) und etwas Empörendes (Wie kann er es wagen, mir dies zu sagen?) und Verführerisches (Soll ich mein Leben ändern? Könnte mein Leben besser werden?). Ja, ich weiß, ich muss mein Leben ändern. Aber, weshalb weiß es Sloterdijk? Jeder, der das Buch zur Hand nimmt, bekennt, dass das eigene Leben noch nicht perfekt ist.

Zugegeben, ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, aber ich habe mir für 2015 ein anderes von Sloterdijk FEST VORGENOMMEN!: Im Weltinnenraum des Kapitals nämlich. Immerhin schreibt Sloterdijk darin Sätze wie: „Darüberhinaus nimmt im kapitalistischen Weltinnenraum die Neigung zum hintergedankenfreien Endverbrauch überhand, die man vor hundert Jahren in der ersten Aufregung Nihilismus nannte.“ Sehr treffend würde ich sagen. S.o. Schweinekotelett.

Sloterdijk ist eine seltsame Figur, nicht nur innerhalb des philosophischen Paralleluniversums. Ich würde behaupten, er gibt den Hexenmeister. Immerhin, er nimmt es auf sich. Er ist sich nie zu schade für einen mittelmäßigen Skandal und bestimmt geht es ihm nicht nur um die Verkaufszahlen. Ich habe ihn vor vielleicht einem Dutzend Jahren einmal an einem Vortrag in Zürich erlebt. Ein Berg von einem Mann, rollt mit dem Tempo eines Schnellzuges daher. Einer, der dich einfach platt macht. Ich habe damals wenig von dem begriffen, was Sloterdijk in jener Stunde in die übervolle Aula schmetterte. An den Fragen, die aus fragenden Mündern in fragenden Gesichtern gestellt wurden, konnte ich ablesen, dass es nicht nur an mir und meinen mangelnden studentischen Kenntnissen liegt. Sloterdijk ließ nichts auf sich kommen. Er verteidigte sich und seine Wahrheitsfindung standhaft. Er schien in Zürich geradezu Tabula Rasa machen zu wollen. Die Professoren (damals war selbstverständlich noch keine Frau darunter, wir reden hier über das Fach Philosophie!) ärgerten sich auf distinguierte Weise.

Das Entscheidende ist nun nicht, dass wir uns immer zu viel vornehmen, zwangsläufig an unseren hohen Ansprüchen scheitern, dann enttäuscht sind, von uns und von der Welt, nächsten Dezember die Enttäuschung komplett vergessen haben werden und im Januar in die nächste Runde des Jetzt-muss-sich-endlich-etwas-ändern starten. Entscheidend ist, dass wir noch immer die Möglichkeit haben unser Leben zu ändern. Andere betreiben bloßen Überlebenskampf. Wir haben noch die Freiheit ja zu sagen oder nein, dies zu tun und jenes zu lassen. Darüber sollten wir glücklich sein und weiterhin unser Bestes geben. In dem Sinne wünsche ich allen ein gelungenes weiteres Jahr!

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 24

  1. Boah. Wow. Uff.

    Sorry, mehr geht noch nicht. Wie unpassend zu einem solch genialen Text. Muss aber.

    Danke. Das ist Futter für Herz und Kopf gleichermaßen. Möglicherweise werde ich dich gelegentlich zitieren?! 😄

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