Beim Frühstück vor ein paar Tagen meinte mein fünfjähriger Sohn zu mir, ich müsse nun wohl bald sterben. Schon länger schleppe ich ein kaputtes Bein (Quittung für ein aufreibendes letztes Jahr) mit mir rum und nun ist der Rücken dran. Die Tatsache, dass ich mich ein paar Tage lang vor allem auf dem Sofa fläzte und mich ansonsten wie ein Roboter bewegte, hat ihn zunehmend beeindruckt.

Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ein gesunder Körper keine Selbstverständlichkeit ist. Ich hatte immer gedacht, im Zweifelsfall setzt irgendwann mein Gehirn aus, aber nicht der Körper. Will sagen, ich sah mich eher in der psychiatrischen als in der Reha-Klinik. Auf meine Erklärung, dass man wegen ein bisschen Rückenschmerzen noch nicht sterben müsse, gab er mir noch etwas Zeit. Bis hundert. Dann aber auf jeden Fall.

Damit kann ich mich einverstanden erklären. Bis dahin sollte auch die Liste der 99 Gründe glücklich zu sein fertig sein. Mit hundert habe ich bestimmt keine Lust mehr und verstehe überhaupt die Welt nicht mehr. Ich schaue mich um und ich frage mich, was in 58 Jahren wohl noch so sein wird wie jetzt. Die Bücher hoffentlich und das Kaffeetrinken. Und die Liebe natürlich.

Für Natasha Vita-More ist das Sterben nichts. Wenn es nach ihr ginge, würden wir wie Highlander forever leben. Was dann überhaupt noch von uns übrig ist, ist freilich eine andere Frage. In einem verlängerten Leben müssen wir uns als kontrollierte Cyborgs denken und nicht als Menschen. Vita-More und Konsorten haben sich schließlich nicht dem Humanismus sondern dem Transhumanismus verschrieben, der wiederum als Humanismus gilt. Sterben wird nicht als biologische Tatsache, sondern als Krankheit betrachtet, die es auszurotten gilt.

Bildergebnis für Transhumanismus

Man kann sich das schon vorstellen. Wenn man nach und nach die Körperteile, die Probleme machen, austauscht, sich gesund ernährt und nicht zu viel raucht und säuft, kann man sein Leben bestimmt um einiges verlängern. Aber für immer? Nein danke. Ich bin einigermaßen froh, dass die Transhumanisten in ihren Gesetzbüchern das Recht zu sterben aufgenommen haben und auch sonst keine bösen Leute zu sein scheinen. Wenn ich will, darf ich mein Leben beenden und werde nur ein bisschen ausgebuht.

Ray Kurzweil übrigens ist auch Transhumanist und jetzt klingt das so, als ob es eine Religion wäre und irgendwie stimmt das ja auch. Transhumanisten scheinen eine Hoffnung erblickt zu haben, welche mir noch verschlossen bleibt. Außerdem ist Kurzweil seit 2012 Technologiechef bei google. Eine Tatsache, die mich einigermaßen verstört hat und für eine Sekunde habe ich panisch überlegt, mein google-Konto zu löschen. Aber was bringt das? Google ist überall, es gibt keine Entkommen, es ist wie eine Seuche. Das bringt mich zum Nachdenken, leider viel zu selten.

Noch vor ein paar Jahren galt Kurzweil als eher verschrobener Typ. In meiner Lizenziatsarbeit habe ich ihn noch einen Futurologen genannt und mich darüber aufgeregt, dass er den Menschen als etwas in biomechanischen Vorgängen restfrei Erklärbares versteht. Es sei möglich, ein künstliches Bewusstsein zu schaffen. Sich darüber zu ärgern, klingt auch überholt, irgendwie.

2010 konnte man lesen, dass google alle auf der Welt vorhandenen Informationen sammeln und allen Menschen zugänglich machen will. Da dachte ich noch: Boah! Sind die verrückt geworden? Und jetzt? Schulterzucken. Wir sind es uns gewohnt, was immer wir wissen wollen, jederzeit – dank google – erfahren zu können. Der Mensch kann ohne Technik kaum mehr gedacht werden. Das menschliche Dasein ist immer ein technologisches Dasein und auf die objektive, die technologische Umwelt bezogen. Wer nicht in intentionalem Bezug zu den Dingen steht, der ist nicht von dieser Welt.

Und, werden die Dinge diskursiv, dann kommen sie erst in diese Welt. Kurzweil hat sich der Idee der Singularität verschrieben. Noch vor ein paar Jahren wusste kaum jemand, was das sein soll. Heute ist es in aller Munde. Die Menschen würden irgendwann eine letzte Maschine bauen, die so intelligent sei, dass sie die Kapazität des menschlichen Gehirns übertreffe. Von da an würden die Maschinen sich selber gebären. Ich wette darauf, in zehn Jahren halte ich auch das für normal.

Was ich eigentlich sagen will: Ich bin glücklich, dass mein Leben ein endliches ist. Die Aussicht, dass nichts für immer ist, lässt es mich erst richtig genießen. Ich möchte nicht für immer leben. Ein posthumanes Leben bedeutet ein vollkommen kontrolliertes, synthetisches, durch und durch kapitalisiertes Leben und dann hat Foucault wieder mal recht gehabt: Alle Subjekte sind verfügbare Körper.

 

3 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 25

    1. Meines auch nicht. Aber erinnerst du dich noch an den Highlander-Song von Queen? “Who wants to live foreveeeer….?” Damals wäre ich noch in der ersten Reihe gestanden und hätte “Ich! Ich!” gerufen, aber wenn man dann mal die ersten Wehwehchen hinter sich, groben Kummer weggesteckt und sowieso festgestellt hat, dass das Leben kein Zuckerschläck ist, dann winkt man dann doch dankend ab… Aber wie gesagt, mit uns als Menschen hätte ein Leben im Posthumanismus sowieso nicht mehr viel zu tun, nehme ich an. Davon würden wir gar nichts merken, die Übergänge sind schleichend…:-) Danke fürs Lesen! Herzlichst, LaRa

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