Letzte Nacht träumte ich von Heidegger. Davon, dass er mein Doktorvater sei und aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund, fand die Doktorprüfung im Haus meiner Eltern statt, im Kuhdorf in dem sie noch immer leben.

Heidegger kam mit dem Fahrrad. Ich hätte eigentlich gedacht, er kommt gar nicht, hätte gedacht, er versteckt sich. Schließlich ist sein auch so zweifelhafter Ruf in letzter Zeit noch einmal argem Stirnrunzeln ausgesetzt. Als ich es bemerke, meint er lakonisch, so sei es halt das Dasein, von lauter Dilettanten bevölkert. Er fand die Luft in meinem Kuhdorf einfach wunderbar. Außerdem bewohnte Rudolf Carnap ein kleines Zimmer im Haus meiner Eltern. Ich erwähnte es mit Stolz und Heidegger leuchtete vor Glück.

In derselben Nacht träumte mir, dass vier blutjunge Punkgitarristen mich unbedingt als Frontfrau für ihre Band wollten. Ich fand mich dafür etwas zu alt und außerdem hätte ich keine Zeit, dreimal die Woche zu proben. Es nützte nichts, sie wollten es unbedingt. So beugte ich mich seufzend ihrem Willen und vergaß darob mein Kind auf der Fete fremder Leute.

Was ist schon das Alter? Davon, meine ich, ist in letzter Zeit viel die Rede. Und von Scham auch. Man schämt sich seines Alters, besser gesagt, der Zeichen des Älterwerdens. Ich kenne das, obwohl es nun wirklich nichts Blödsinnigeres gibt. Das Altern ist eine Tatsache, über die man nicht flennen muss. Es ist schrecklich, aber an der Wehleidigkeit dem Altern gegenüber zeigt sich, dass sich der Virus der immer vitalen Leistungsgesellschaft in den Köpfen festgesetzt hat. Das Altern ist uns nur deshalb peinlich, weil es uns von allen Plakaten entgegenschreit, dass es nicht nötig ist. Es ist überflüssig. Die Alten sind überflüssig.

Es gibt so vieles, was einem peinlich sein kann. Unbeholfene Worte, überraschte Gesten, die schlechten Bücher, hinten im Regal versteckt, die heimlichen Lieblingsfilme, aber das Altern? Meine Großmutter ist mit 75 gestorben und bis dahin sah sie seit mindestens zehn Jahren aus wie 90. Wäre es ihr jemals eingefallen, sich dafür zu schämen? Vollkommen absurd, der Gedanke. Es war, wie es war und irgendwann war es eben nicht mehr.

Der Krampf mit dem Alter und der zunehmenden Unwichtigkeit ist der Krampf mit der Eitelkeit, aber vor allem das immer schlummernde Problem der existenziellen Verlorenheit. Meine Großmutter hatte eben noch den lieben Gott, der wusste, wie es richtig war und wohin mit ihr, wenn es dann so weit war. Wir aber müssen uns um alles selber kümmern.

In meiner Erinnerung sitzt die Nena ewig im alten Lehnstuhl nahe beim Ofen und strickt entweder Socken für den Neni oder zeigt mir stolz die Bilder ihres Patenkindes in – wahrscheinlich – Äthiopien. Sie hatte ein einfaches Leben und ein gutes, weites Herz und außerdem besaß sie noch das damals weitverbreitete Glück, auf mehr hoffen zu können. Danach. Jenseits. Worauf können wir noch hoffen? Das Schlimme ist, dass sich all unsere Träume im Diesseits erfüllen müssen und so tun wir halt, als ob wir immer Zwanzig wären, auf dem Zenit unserer Leistungskraft und handeln uns damit einen Haufen Stress ein. Der Kampf gegen das Alter ist ein Kampf, den wir nicht nur verlieren, sondern ein Kampf, bei dem wir uns vollkommen lächerlich machen. Genießen wir lieber die vielen Vorzüge des Alters, statt gegen die rehäugige Unvernunft der 25-Jährigen zu kämpfen.

Trotzdem, zum Glück haben wir noch Träume und der Traum der ewigen Jugend ist schließlich von ehrwürdigem Alter, eine archaische Sehnsucht, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Dass unsere Träume ganz und gar durchkapitalisiert sind, ist freilich eine andere Geschichte. Der Mythos der Leistungsgesellschaft, der Mythos, dass man immer jung sein und alles erreichen kann, wenn man sich nur genug anstrengt, er leuchtet so schön und manch einer behauptet ja, vom Heiligen Gral die ewige Lebenskraft gekostet zu haben. Aber Mythen sind gefährlich, sie verhindern, dass man selber denkt. Lässt die Vernunft uns im Stich, bleibt immer noch das Mysteriöse, würde Cassirer sagen. Mit Blick auf den Nationalsozialismus wusste er, dass man jeden Mythos jederzeit technisch erzeugen kann.

PROPAGANDA

lautet das immergültige Stichwort.

 

 

 

 

 

2 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 26

  1. Oh, und schon wieder sp ein starker Text von dir! Danke.
    Du sprichst aus, was ich ähnlich auch beobachte.
    Der Vergleich (mit uns als jung, mit andern) ist es, der uns aus unserer eigenen Spur driften lässt.
    Dein Text ist ein wichtiger Beitrag zu dieser Diskussion übers Alter, die ich zurzeit vielerorten beobachte.
    Danke!

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