Kürzlich wurde in Kalifornien die erste Ehe zwischen einer Frau und ihrem Hausroboter geschlossen. Nach zwei gescheiterten Ehen habe sie genug von Männern, begründete die Wissenschaftlerin diesen Schritt. Sie könne in ihrem Leben niemanden gebrauchen, der sich nur für sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse interessiere. Ihr Roboter sei darauf programmiert, ihren Wünschen nachzukommen. Er sei ein verlässlicher Partner und lerne mit jedem Tag mehr, auf sie einzugehen. Es sei eine Win-Win-Situation.

Stimmt´s oder stimmt´s nicht? Vielleicht, vielleicht nicht. Die Frage ist eher, macht es einen Unterschied, ob wir eine „reale“ oder eine virtuelle Liebe pflegen? Zunächst mal, was bedeutet es eigentlich, sich in einen anderen Menschen zu verlieben? Auf einer selbstbezogenen Ebene könnte man fragen: Verliebt man sich nicht eigentlich in die Gefühle, die der andere in einem auslöst? In das Lebensgefühl, das sich durch die Anwesenheit des anderen ausbreitet, in das Vertrauen und Selbstvertrauen? In den Möglichkeitsraum? In das Begehren und begehrt werden. In die krasse Sinnhaftigkeit? In das alles-ist-möglich?

Im Film HER verliebt sich der schüchterne Briefeschreiber Theodore, also ein Mann mit sehr viel Einfühlungsvermögen, in eine Software mit einer unfassbar erotischen Stimme. Da muss man sich also nicht wundern, und was ist eigentlich falsch daran, solange das Programm es schafft, Theodores Bedürfnisse zu befriedigen und ihm das Gefühl zu geben, er werde geliebt? Wirklichkeit und Illusion sind nicht so einfach nicht zu trennen. Es ist beispielsweise kaum möglich, zwischen echten (natürlichen) und künstlichen (chemisch erzeugten) Gefühlen zu unterscheiden. Es gibt keinen emotionalen Naturzustand, kein Starter Kit an Gefühlen, denn Gefühle sind immer schon zugleich biologische und kulturelle Phänomene. (Ich spreche hier nicht von archaischen Bedürfnissen wie Wärme oder Nahrung.) Befragungen von Prozac-Patienten haben ergeben, dass sehr viele das Lebensgefühl mit Prozac, einem Anti-Depressivum, als authentisch empfinden. Sie sind der Meinung, dass sie erst mit Prozac zu ihrem echten Leben gefunden haben und es scheint ihnen nichts auszumachen, dass ihre Selbstverwirklichung aus der Tablettenschachtel kommt. Wichtig scheint vielmehr, dass die Gefühle als authentisch erlebt werden, also mit dem eigenen Wesen vereinbar, mit dem eigenen Erleben kohärent sind. Dabei scheint klar, dass es natürlich immer einfacher ist, positive Gefühle zu akzeptieren als negative. Trotzdem: Das Gefühl der Selbstverwirklichung kann chemisch hergestellt werden. Liebe auch.

Laut der israelischen Soziologin Eva Illouz ist das Konzept der romantischen Liebe am Welken, weil dieses Konzept auf der Ungleichheit der Partner, besser gesagt auf der Abhängigkeit der Frau basiere. Das allein wäre eine sehr steile These. Zwischen Cybersex und dem rehbraunen Augenaufschlag des weiblichen Jane-Austen-Equipments findet man heutzutage noch immer Paare, deren Glück sich gerade aus der eigenen Verwirklichung speist. Die Emanzipation allein ist also nicht der Übeltäter. Auch Illouz gibt im Grunde dem Kapitalismus die Schuld. Zeit, Körper, Geist, Liebe, wir unterwerfen heute alles dem Marktdenken. Potentielle Partner werden in Partnerbörsen gesucht, erforscht, auf sozialen Gewinn hin abgewogen. Im Supermarkt der Liebe sucht man nach den frischesten Produkten mit dem ewigen Unbehagen, dass im Laden um die Ecke vielleicht etwas noch Besseres zu haben wäre.

Virtuelle Liebe dient vor allem der eigenen Befriedigung und passt aus diesem Grund perfekt in die Zeit des (immer marktkonformen) Narzissmus und Kontrollwahns. Deshalb ist Cyber-Sex die Zukunft, da bin ich mir sicher. Er ist sauber, sicher und ungewollt schwanger wird man auch nicht davon. Er ist kontrollierbar, genau so, wie man es heute gerne hat. „Reale“ oder auch „nur“ physische Liebe hingegen enthält immer auch das Element der Ungewissheit, Unkontrollierbarkeit.

Im Gegensatz zur virtuellen Liebe also, die im Grunde immer an die zeitliche Gefälligkeit angepasst werden kann, müssen wir uns für die Liebe, die etwas von uns fordert, immer ein Stück weit von uns selbst entfernen, auf den anderen zu bewegen. Reale Liebe ist eine Bewegung auf Gemeinsinn hin während virtuelle Liebe eigentlich Stillstand im Eigensinn bedeutet. Man umkreist sich immer nur selber, da kein anderer als ebenbürtiges Gegenüber vorhanden ist. Was reale und virtuelle Liebe unterscheidet, scheint mir also nicht unbedingt das emotionale Erlebnis sondern so etwas wie eine Sinnstruktur zu sein. Die fordernde und gebende Anwesenheit eines Gegenübers verlangt handelnde Empathie und führt auf lange Sicht dazu, dass wir uns verändern und über uns hinauswachsen. In einer Beziehung dehnen wir unsere Verantwortlichkeit freiwillig über das Eigene hinaus.

Reale Liebe erfordert Mut, denn bekanntlich kann sie wehtun. Der andere Mensch kann uns betrügen oder verlassen. Eine Maschine ist uns wenigstens treu, hätte ich beinahe gesagt, aber im Falle von HER stimmt das nicht. Samantha unterhält Beziehungen zu zigtausend anderen Benutzern und verlässt Theodore im Grunde, weil er ihr nicht intelligent genug ist. Liebe hat viele Facetten . Sie kann auch ein launiges, verschwenderisches Luder sein.

Immerhin, solange Strom da ist, wird uns ein virtuelles Liebesstück so begegnen wie wir es wollen, wie wir es brauchen. Aber, dann ist es keine Liebe, könnte man sagen, denn, das was Martha Nussbaum über Emotionen im Allgemeinen sagt, gilt auch für die Liebe. Liebe ist uns nicht immer zu Willen sondern verweist uns auf unsere Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Sterblichkeit.

 

10 thoughts on “cybersex oder virtual love vs. real love

  1. Du sprichst wahr. Ich lese zurzeit Nataly Bleuel: Ich will raus hier, wo es um ähnliche Ansätze sozialer Neubewertungen geht.
    Manchmal denke ich, dass wir Menschen uns – wie die Dinosaurier – wohl eines Tages selbst aussterben werden.

    1. Kann schon sein, dass es uns bald nicht mehr gibt. Ich glaube ja eher an eine langsame Transformation in, tja, Maschinen. Und bis dahin werden alle Werte die wir kennen noch einmal kräftig durchgeschüttelt. Gestern gerade wieder gelesen, wie sehr junge Frauen sich darum reißen, sich von der Pornoindustrie missbrauchen zu lassen. Mit unseren herkömmlichen Vorstellungen von Liebe, Sex und Scham kommen wir wohl bald nicht mehr weiter…

      1. Wir sterben aus, also WIR, diese Art Mensch. Die Option “Maschine”, ja die ist auch denkbar. Will ich aber lieber nicht. Arme Welt!

      2. Naja, die Welt wie sie jetzt ist, ist ja vor allem für uns schön… Kann sein, dass wir als Cyborgs altruistischer werden, dass es weniger Ungleichheit und Ungerechtigkeit gibt und bsp. auch weniger Umweltverschmutzung gibt, weil Cyborgs dank Technologie intelligenter sind und weiter denken können…

  2. Hui, spannender Beitrag. Hat mich glatt zum Nachdenken inspiriert, auch wenn Liebe alles Andere als mein Spezialgebiet ist.
    Sinnstiftung, ja das stimmt. Ich denke, ein wesentlicher Punkt in Sachen Liebe ist es, dass sie als authentisch wahrgenommen wird. Dein Prozac-Beispiel verweist nämlich auf einen wichtigen Punkt: Die chemisch induzierten Wohlfühlzustände werden als authentisch wahrgenommen, weil sie von den Patienten als IHRE Gefühle wahrgenommen werden, wohingegen – zumindest nach meiner Erfahrung – die depressiven Gefühle als etwas Äußerliches wahrgenommen werden; der Druck, der sich auf einen legt. Das Bild deutet es an: Die eigene Gehirnchemie wird zu etwas Äußerlichem.
    Äußerlich induzierte Gefühlsmanipulation, wenn sie verdeckt erfolgt, birgt immer das Potential, dass sie als Verrat wahrgenommen wird, ich denke hier an Matrix: Alles ist real, aber sobald der Mensch “befreit” wird, erblickt er einen Verrat. Wenn Liebe tatsächlich etwas mit Sinnstiftung zu tun hat, dann auch deshalb, weil sie ein gegenseitiges ist. Der Andere braucht Bewusstsein, in dem ich mich spiegeln kann und er sich in meinem spiegeln kann. Wobei spiegeln zu kurz greift, in dieser gegenseitigen Spiegelung passiert etwas (ja, ich weiß, dass das schwammig ist).
    Cybersex ist simple Triebregulation und kann Liebe nicht ersetzen. Ausgedient hat die Liebe sicherlich auch nicht. Wenn ich so über deine Schilderung nachdenke, birgt sie revolutionäres Potential, weil sie altruistisch ist. Ihr langsames Schwinden ist dann nur ein Zeichen für einen um sich greifenden ungesunden Egoismus. Wo gesellschaftliche Institutionen wie Solidarität flöten gehen, hat es auch die Liebe schwer. Aber da sie ein Gefühl ist, ist sie unberechenbar. Wir haben vielleicht also eine kleine Chance, doch nicht auszusterben, solang es noch ein paar Idealisten gibt. Hoffe ich.

    1. Oh, danke für den spannenden Kommentar. Erst mal muss ich dich was ganz praktisches fragen: Ich habe vorhin deinen Beitrag zur Frage ob es einen guten Tod gibt, mehrmals versucht zu liken. Irgendwie geht das nicht, oder ist das bei dir angekommen? Ich glaube, bei mir stimmt was nicht…
      Und zum Schwinden der Liebe wollt ich noch sagen, ich denke nicht, dass die Liebe schwindet, ich denke sie verändert sich. Wir Menschen wollen bestimmt auch in Zukunft geliebt werden, aber es wird sich wohl anders äussern, bsp. eben von Maschinen besorgt werden. Und, vielleicht wird dem ungesunden Egoismus irgendwann mal Einhalt geboten, bsp. mit einem Altruismus-Implantat. Wer weiß? Jeremy Rifkin jedenfalls sieht am Horizont keine egoistische sondern eine kollaborative Gesellschaft aufkommen (bezogen auf den Warentausch). Cybersex als reine Triebregulation scheint mir auch eine ziemlich traurige Sache, andererseits würde ich behaupten, dass heute die allerwenigsten ein erfülltes Sexleben haben. Die Pornoindustrie hat da die zu erreichenden Standards ja recht hoch geschraubt… Vielleicht werden die Menschen in Zukunft sogar mehr geliebt, weil man nicht mehr darauf angewiesen ist, ob jemand einen nun toll findet und bereit ist, das Risiko der Liebe einzugehen…
      Spannend auch was du zu den depressiven Gefühlen schreibst. Wahrscheinlich ist es schon so, dass man das Gute als das Eigene und Schlechte als das Fremde wahrnimmt. Zu den Prozac-Patienten muss man auch noch sagen, dass da viel über das Problem der Konventionalität oder Akzeptanz geschrieben wird. Dass positive Gefühle wie Selbstbewusstsein, Leistungsbereitschaft, Offenheit als authentisch wahrgenommen werden, hat wohl auch damit zu tun, dass die kapitalistische Leistungsgesellschaft gerade diese Emotionen fordert und belohnt.

      1. Nein, ist bei mir nicht angekommen, aber bei mir hakt es auch schonmal, nutze WordPress nämlich eigentlich nur über die App.
        Ob sich der Implantantationismus irgenwann durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln. Der Mensch hängt insgesamt doch sehr an seinem Körper und ist Fremdkörpern, zumal solch komplexen, doch recht skeptisch gegenüber, weil es für ihn ans Eingemachte geht. Das Hirn-im-Tank-Gedankenexperiment ruft eigentlich durch die Bank weg Ablehnung hervor, ist aber nur die Konsequenz aus dem Implantationsbedürfnis mancher Transhumanisten. Das ist für mich ein Indiz, dass es sowas wie einen Kern des Menschlichen gibt, eine Normalvorstellung, die wir haben und die sich nicht auf unseren Geist beschränkt, sondern auch etwas mit unseren Körpern zu tun hat (ja, ich meide das Wort Leib ganz bewusst, weil ich das Konzept nicht mag). “Eindringlinge” müssen in einem Adaptionsprozess erst einmal als Eigenes angenommen werden. Und es bleibt immer die Gefahr, es wieder als fremd wahr zu nehmen, so wie wir unseren Magen bei einer Verstimmung auch als fremd wahrnehmen können (Wir fragen uns doch eher, warum unser Magen uns quält als warum wir uns quälen. Wir schaffen Distanz).
        Ich denke, Liebe ohne Risiko funktioniert nicht, deshalb wird wohl eher weniger als mehr geliebt werden. Vielleicht werden wir uns konsens-saucig alle lieb haben, aber wo bleibt der Gewinn? Du denkst an eine Art Liebe als Hochseilartistik mit Auffang-Netz, wenn ich dich recht verstehe, aber wenn wir uns alle lieb haben, wer braucht dann noch Liebe? Oder anders gefragt: Welchen Wert hat die Liebe noch, wenn ihre Nicht-Erwiderung uns nicht (potentiell) in den Abgrund reißen kann, gegenüber dem Gernhaben oder Nettfinden? Von daher teile ich diesen Optimismus nicht, zumindest nicht, solange die Menschheit nicht weiß, was sie ist und was sie werden will.

      2. Dass sich Implantate nicht durchsetzen werden, weil der Ekel vor Fremdkörpern zu gross ist, glaube ich keinen Moment lang. Schau doch mal die Schönheitsindustrie: Fettabsaugen, Brustimplantate, da was raussägen und dort wieder ranflicken… Es boomt. Dann laufen wir die ganze Zeit mit unseren Smartphones rum, lassen uns kontrollieren und ausspionieren. Kann man sich doch auch gleich implantieren lassen! Ausserdem wird der soziale Druck enorm sein. Wenn die anderen plötzlich besser performen als man selber… Ich selber finde es schrecklich, aber ich bin mir sicher, Implantate und weitere Enhancement-Technologien kommen. Ob es uns nun gefällt oder nicht und deshalb müssen wir versuchen, das Gute daraus zu ziehen.
        Du hast recht, ich stelle mir so eine Wir-haben-uns-alle-ganz doll-lieb-Gesellschaft vor. Wahrscheinlich total öde das Ganze. Aber eben, romantische Liebe mit allem drum und dran in einer Kontrollwahngesellschaft… Das ist wohl vorbei. Schade…

      3. Ich würde zwischen einer Änderung der Benutzeroberfläche (Schönheits-OP) und einem Programmupdate (Enhancement) als qualitativ unterschiedlich unterscheiden, aber dann sind wir von der Liebe völlig weg. Aber darin stimme ich dir zu, romantische Liebe hat es in Zeiten egoistischen Kontrollwahns verdammt schwer. Umso wichtiger ist es, sie zu praktizieren.🙂

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