In der Schule meiner Kinder wird Rauchprävention so betrieben: Den Kindern wird nicht mehr nur die Gefahr vor gesundheitlichen Schäden eingebläut, sondern auch gleich mitgeteilt, dass Rauchen eigentlich verboten gehört. Die Kinder werden gleich auf die richtige Spur gebracht. Als mir dies zu Ohren kommt, wende ich ein, dass man den Leuten doch nicht alles verbieten könne, das müsse schließlich jeder selber wissen. Ja, das stimme schon, antwortet der Lehrer, aber das Rauchen sei nun einmal so ungesund. Ich gebe ihm recht, aber was ist nicht alles ungesund! Marathonlaufen bei Hitze zum Beispiel, das ist doch total ungesund! Bisher habe ich noch nicht gehört, dass es verboten werden soll. Nun ja, es ist halt gerade total in und Rauchen war schließlich auch über Jahrzehnte hinweg todschick. In den Augen des Lehrers schädigt wer raucht nicht nur seine Gesundheit, sondern auch die der anderen und begeht so einen Frevel an der Gesellschaft. Der Lehrer ist sehr jung, 25 vielleicht. Nun, der Vater meiner Kinder raucht eine Zigarette pro Tag, am Wochenende können es auch mal drei sein. Damit ist er in den Augen meiner Tochter wohl bald als Kleinkrimineller untendurch.

Fettiges Essen ist ungesund, zu viel Zucker, Hochleistungssport, zu viel Streben nach Erfolg (ich sage nur: Managersuizide), zu viel Streben allgemein, Autofahren, Fliegen, Tauchen, kann alles mit tödlichen Folgen enden. Wird es deshalb verboten? Nein, und deshalb kann man sich schon mal fragen, ob es beim Rauchverbot wirklich nur um die Gesundheit geht. Könnte es nicht auch um das Abtöten einer Art bohemian Lebensgefühl gehen? Damit will ich nicht sagen, dass alle Raucher progressive Denker oder Libertäre sind (siehe nachstehender Abschnitt), aber doch: Raucher tendieren dazu, sich zusammenzurotten, viel zu reden und zu lachen. Rauchen verbindet und schließt aus, nämlich die, die nicht rauchen. Das Bild des Intellektuellen mit Zigarette ist ein Klischee, aber es hat sich in den Köpfen eingebrannt. Hinter Rauchnebel versteckt denken sich gefährliche Leute allerhand beunruhigendes Zeug aus. Genau so ist es doch! Ich behaupte, dass das Rauchverbot weniger mit Gesundheit, sondern mit Kontrolle zu tun hat und mithilft, die Vereinzelung des Menschen voranzutreiben.

Der Schuss geht aber nach hinten los. Wenn nämlich alles verboten ist, rotten die Leute sich zu destruktiven Verbänden zusammen. Es ist doch mit Erwachsenen wie mit Kindern auch. Man muss sie im Kleinen entscheiden lassen, damit sie das Gefühl haben, ein Recht auf Mitsprache zu haben. Die großen Entscheidungen trifft man als Eltern freilich besser selber. Aber, wenn die Kinder nichts mehr zu sagen haben, steigen sie irgendwann auf die Barrikaden, und das bringt mich zur Frage, ob es Pegida eigentlich auch ohne das Rauchverbot gegeben hätte? Sicher ist es nicht. Früher konnten Leute sich nach Feierabend guten Gewissens an den Stammtisch setzen, Zigarette oder Stumpen anzünden, qualmen nach Herzenslust und durch rauchgeschwängerte Luft über die Politik und die Ausländer schimpfen und über die Frauen, die sich neuerdings weiß Gott was einbildeten. Man wusste, dass alles besser würde, wenn nur mal die Richtigen am Drücker wären. Früher wusste jeder noch, wo er hingehörte. Männer nach oben, Tiere nach unten, Frauen irgendwo dazwischen. Man wusste, dass die Zukunft nicht rosig würde, aber solange man noch Feierabend hatte, seinen Platz am Stammtisch und jemanden, um sich unterhalten, ging es immer noch.

Nun, die Dorfkneipe ist längst geschlossen und soll mir niemand erzählen, dass das nichts ausmacht. Heute sitzen dieselben Leute nämlich zu Hause, einsam und frustriert vor dem Fernseher und sehen keine Möglichkeit, mal Dampf abzulassen. Stattdessen sehen sie ganze Bootsladungen von dunkelhäutigen Menschen den Kontinent entern und kriegen Angst um ihr Schnitzel auf dem Teller. Da sitzen sie also im Dunkeln und sinnieren so vor sich hin…

Ich bin mir sicher, den Leuten wird viel zu viel verboten. Das gibt zu viel Druck und zum Schluss presst einer mit hochrotem Kopf eine Wurst namens Pegida raus oder ähnlichen Schwachsinn.

9 thoughts on “Bohemian in oblivion oder die Frage, ob es Pegida auch ohne das Rauchverbot gegeben hätte

  1. ich find rauchen auch gesundheitsschädlich, ich tus nicht mehr, aber nur, weils mir nicht mehr schmeckte. mir gefällt auch das essen gehen ohne hinterher nach qualm zu stinken. aber schließlich führt jedes leben zum tode, nicht wahr. aber ihre gedanken zu stammtisch und pegida sind bedenkenswert, will sagen, ich hab laut gerufen JA! da ist was dran, so hab ich das noch nicht gesehen. die wurst namens Pegida – großartig:-)))! danke für den text!

    1. Ja klar. Rauchen ist gesundheitsschädlich. Das will ich überhaupt nicht leugnen. Ich habe damit aufgehört, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich finde es auch schöner, nicht nach Qualm zu stinken, aber ich finde immer noch, es gibt Orte, da muss es doch erlaubt sein. In Bars zum Beispiel oder einfach Draussen, irgendwo… Wenns mal stinkt, kann man sich ja zwei Meter weiter weg stellen… Und eben, um die vielen Kneipen ist es doch echt schade. Viele haben überhaupt keine Zuflucht mehr… Herzlich Grüsse, lara

  2. Herrlich! Je größer die Komplexität der Probleme (das kommt ja noch hinzu), desto wichtiger institutioneller Halt, das Wissen, wo man hingehört, inklusive klarer Verhaltenserwartungen. Auch wenn mir der Stammtisch zuwider ist, er fehlt doch. Die Leute suchen sich Alternativen. Meine Fitnessstudiomitbenutzer benehmen sich weit Neuestem auch wie der politische Stammtisch. Das fand ich bislang befremdlich, jetzt aber begrüßenswert.

  3. “Ich behaupte, dass das Rauchverbot weniger mit Gesundheit, sondern mit Kontrolle zu tun hat und mithilft, die Vereinzelung des Menschen voranzutreiben.” Wer dahintersteckt? Ich weiss es nicht. Aber vieles hat mit dem Versuch, die Menschen zu isolieren, zu tun: Erde nur noch mit Handschuhen oder am besten gar nicht mehr anfassen, ums Himmels willen keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr (Keime!), Maske vor den Mund anstatt den Smog zu bekaempfen, etc.

    Ich habe viele Jahre stark geraucht nun aber seit über 10 Jahren nicht mehr. Ich aerger mich aber über Rauchverbote und missionierende Nichtraucher. Ich liebe Kneipen. Warum keine Aufschriften quer über unsern Wagen: “Vorsicht! Autofahren kann tödlich sein!”
    (Und dann natürlich hintenrum Steuereinnahmen aus den Produkten ziehn, die man vornerum verteufelt)

    1. Vielleicht soll den Menschen einfach die Freude genommen werden, damit sie mehr konsumieren? Ich meine damit nicht, dass ein Komplott im Gange ist, aber das eine führt halt zum anderen. Es braucht halt auch die überempfindlichen Individuen, die sich gerne alles vorschreiben lassen, damit sie sich nicht noch mit so etwas wie dem puren Leben beschmutzen…

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