Peter Singer, der berühmte Australier, war ja ganz lange die Skandalnudel unter den Philosophen und wird noch immer argwöhnisch beäugt. Er ist einer, der sich schon in den 70er Jahren für die Rechte der Tiere eingesetzt hat und sich leider einen unfassbar schlechten Ruf eingehandelt hat, nachdem seine nutzenorientierte, utilitaristische Position hochgerechnet wurde und das Resultat unweigerlich feststand. Gemäß seiner Position hat ein erwachsener Schimpanse mehr Recht auf Leben als ein schwerbehindertes Baby, weil dieses möglicherweise niemals ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen kann. Im übrigen ist Singer ein überaus engagierter Mensch. Hier der Link zu einem Gespräch: Peter Singer in Sternstunde Philosophie.

Seit den 70er Jahren ist der Menschheit bekanntlich ein weiterer Zacken aus der Krone gefallen. Die Tatsache, dass Mensch und Tier genetisch gar nicht so unterschiedlich sind, hat zwar für enttäuschte Mienen gesorgt, aber auch dazu geführt, dass die Tierethik in den Heiligen Hallen der Philosophie angekommen ist und auch nicht mehr belächelt wird. Im Wesentlichen geht es darum, Tieren gewisse Rechte zuzugestehen (Recht auf Leben, Recht auf Unversehrtheit, Recht auf Selbstbestimmung) und so zu verhindern, dass Tiere weiterhin als Gegenstand oder Handelsgut betrachtet werden. Viele Tiere sind sozial, intelligent, verfügen über Bewusstsein, sind schmerz- und leidensfähig. Eine Art mitleidende Teilhabe an Welt ist ihnen möglich.

Tieren mit Respekt begegnen, würde hoffentlich endlich das Ende des Billigfleisches bedeuten, das Ende der Massentierhaltung, das Ende des täglichen Koteletts auf dem Teller. Gut möglich, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Fleischessen sowieso verboten wird. Aber eigentlich geht es mir um etwas anderes:

Die spannende Frage ist nämlich, ob nicht gleichzeitig mit der Vermenschlichung des Tieres eigentlich eine Vertierung des Menschen geschieht. Das fällt mir nun nicht ein, weil in Berlin Neonazis auf Ausländerkinder pinkeln oder bei mir gleich über der Grenze in Nordrhein-Westfalen Menschen in Löchern im Wald schlafen und den Rest ihrer Zeit damit verbringen, im Akkord Schweine zu schlachten, damit bei Edeka an der Fleischtheke die Schlange der fetten Hausfrauen nicht abreißt.

Schon Heidegger hat sich um die Vertierung des Menschen Sorgen gemacht. Sobald es um die anthropologische Differenz gehe, also den Unterschied zwischen Tier und Mensch, werde der Mensch immer vom Tier her gedacht (so ähnlich wie die Frau immer von Mann her gedacht wird, hüstel, aber dazu ein ander Mal) und nie von sich selbst her, schimpfte er. Definitionen des Menschen als das sprachbegabte Wesen, das vernunftbegabte Wesen etc. greifen gemäß Heidegger zu kurz. Nein, der Mensch ist mehr. Er ist das weltbildende Wesen, bzw. das weltoffene Wesen (im Gegensatz zur Weltlosigkeit des Steines oder der Weltarmut des Tieres). In der Regel sei der Mensch zwar mit Alltäglichem, mit dem „zuhandenen Zeug“, beschäftigt, aber in gewissen Stimmungen wie Langeweile, existenzieller Angst oder der Freude an der Anwesenheit des geliebten Menschen, spüre der Mensch diese Weltoffenheit. Klingt seltsam, aber vielleicht will Heidegger darauf hinaus, dass man in gewissen Momenten merkt, dass es im Leben um mehr geht, als um die wiederkehrenden Banalitäten. Der Mensch hat also diese Fähigkeit, sich von den alltäglichen Dingen zu lösen, wohingegen das Tier ständig von seiner direkten Umwelt und den es beschäftigt haltenden Dingen in Anspruch genommen ist. Heidegger nennt dies „benommen“; das Tier ist von den Dingen benommen ohne die Aussicht, jemals dieser Benommenheit zu entkommen.

Man merkt nun, worauf ich hinaus will, nämlich: Wo eigentlich ist der Unterschied zwischen dem Tier und dem modernen technologiefreundlichen und außerdem konsumorientierten Menschen? Wann haben wir uns beispielsweise zum letzten Mal gelangweilt? Giorgio Agamben fragt sich, ob nicht die Weltoffenheit (sollte sie jemals wieder eintreffen) lediglich als Unterbrechung der ansonsten tierischen/menschlichen Benommenheit betrachtet werden muss. Also Menschen Tiere sind, die ab und zu auch mal loslassen können.

Ich kenne Leute, die nicht mehr fähig sind, kontemplativ in sich zu gehen, sich zu langweilen (das Wort wird noch aussterben), ein Buch zu lesen. Ich schaue um mich und sehe Leute, die ständig mit irgendwas (in der Regel mit ihrem Smartphone) beschäftigt sind. Vielleicht ist der letzte tiefe, zusammenhängende Gedanken für sehr viele Menschen schon sehr lange her.

Wir müssen uns dringend fragen, wie wir leben wollen, welche Ansprüche wir an uns selber haben und was zum Teufel ist eigentlich unser Selbstverständnis?

 

 

8 thoughts on “Tiere die auch mal loslassen können

  1. Bei Heidegger komme ich ja nie so ganz mit, aber ich denke, wesentliches Merkmal ist bei der Weltoffenheit, dass es nicht die Welt ist, die uns macht sondern wir die Welt machen. “Das Tier” reagiert unserer Beobachtung zufolge auf Umwelteinflüsse und passt sich diesen an. Der Daseinsmodus ist passiv, Der Mensch neigt dazu, es umgekehrt zu machen: Wenn die Umwelteinflüsse ihn bedrängen, passt er sich nicht an, sondern sucht Wege, seine Umwelt anzupassen. Der Mensch ist immer irgendwie seiner Umwelt verhaftet, aber er hat die erstaunliche Fähigkeit, sich seine Umwelt selbst zu bauen.
    Verändert sich die Umwelt eines Tieres zu stark (wird es zu kalt oder zu warm), läuft es Gefahr auszusterben. Der Mensch pfeift darauf und erfindet die Klima-Anlage. Das mag zwar trivial klingen, aber letztlich ist es damit so, dass der Mensch zu seiner eigenen Umwelt wird.
    Wo ich mit Heidegger nicht mitgehe ist, dass er diese Fähigkeit für den Menschen reserviert und ihn als Besonderes dahinstellt. Tiere mögen diese Fähigkeit auch haben, aber das können wir nicht wissen, weil wir nicht sehen, wie sie Welt wahrnehmen. Wir können ihnen Weltoffenheit nicht leichtfertig absprechen, wir können lediglich keine Aussage über ihre Fähigkeiten treffen, sondern uns auf Mutmaßungen beschränken.

    1. Danke fürs Lesen und den ausführlichen Kommentar. Du hast natürlich recht, dass Tiere sich bezüglicher ihrer Umwelt adaptiv verhalten, wie der Mensch auch, aber in einem beschränkteren Maße. Setzt man ein Eichhörnchen am Nordpol aus, wird es erfrieren, der Mensch wird sich ein Iglu bauen und Waffen, mit denen er Tiere jagen wird, um zu überleben. Natürlich gelingt ihm das nicht sicher, aber er hat die Möglichkeit sich das vorzustellen. Scheler würde sagen, er verfügt über ein sinngemässes Verhalten in artuntypischen Situationen.
      Ich denke aber überhaupt nicht, dass Heidegger Tieren diese Fähigkeit ganz absprechen will. Ich denke, Heidegger geht es gar nicht darum. Weltoffenheit ist mehr als das weltbildende Dasein. Ich würde behaupten, Weltoffenheit ist die Möglichkeit, hinter das Dasein zu blicken und sich dem Sein zu nähern. Vielleicht ist es etwas ähnliches wie die Absurdität bei Camus. Es ist das Erkennen der Existenz, oder der Strukturen des Seienden oder… Ich finde Heidegger immer wieder faszinierend, aber total schwierig zu verstehen, weil er auch so widersprüchlich ist. Es gibt wohl soviel Heidegger-Interpretationen wie es Heidegger-Leser gibt und je mehr man liest, desto verwirrter ist man. So geht es mir jedenfalls…:-(

      1. Mhm, ja, die Gelegenheit am Sein zu lauschen … Also so etwas wie ein kontemplativer Moment, des Innehaltens und Wegguckens von der physiologischen Welt, hinein ins Denken? Schau, theoria? Meinetwegen auch Entrückung? Mir gehts wie dir, ich verstehe bei Heidegger auch nie so ganz, was er will. 😕

  2. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es super spannend ist zu beobachten, wie sehr der Mensch sich von seinem “natürlichen” Mensch-sein entfernt hat, wenn es um das Thema “Kinder kriegen” und Babys pflegen geht. Da muss man verstörten Eltern wieder helfen, auf die Signale ihrer Kinder zu achten und diese zu interpretieren. Das Thema “Stillen” ist dann auch spannend: bei der DB wird man aus dem Restaurant geworfen (siehe Medienberichte dazu), wenn man dort in Ruhe und diskret sein hungriges Baby stillen möchte. So wird die natürliche Nahrungsaufnahme des Säuglings in unserer Gesellschaft oftmals sexualisiert. Eltern haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Neugeborenes zu sich ins Bett nehmen: hören sie doch von den Kinderärzten stets, dass aufgrund der Plötzlichen-Kindstod-Prophylaxe, das Kind am Besten in einem eigenen Bett, am Besten auch noch im eigenen Kinderzimmer schlafen sollte. Welches Tier lässt sein Baby allein schlafen? Soweit mal meine Erfahrung – Tier-Mensch-Tier…

    1. Ich muss gestehen, dass ich in der Hinsicht ziemlich zynisch geworden bin. All die verunsicherten Eltern, die nicht mehr wissen, was richtig für ihr Baby ist. Ist doch gut für’s Geschäft! An den Ängsten ist eine ganze Industrie gewachsen. Wahrscheinlich ist das Stillen eines Babys noch eine der letzten natürlichen Handlungen, die wir haben und vielleicht gerade deshalb so “ungehörig”, weil eben nicht durch und durch kontrollier- und besitzbar.
      Vielen Dank für’s Lesen und den Kommentar!

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