Der Januar war voll mit mehr oder weniger elaborierten Deutungen der Kölner Silvesternacht. Obwohl Sexismus die hartnäckigste aller Seuchen ist und besteht, seit Gott Eva aus Adams Rippe erschaffen habe, heisst es nun, Deutschland habe sich verändert, Europa habe sich verändert. Gewalt an Frauen, man weiss es nun, das geht gar nicht. Mehr oder weniger glaubwürdige Bekenntnisse zu Recht und Gleichheit der Frau von überall her. Meist waren es Männer, die zu diesem Thema die Spalten in den Zeitungen füllten, die Leserkommentare, die Diskussionsrunden beherrschten. Männer sind nun mal präsenter, rigoroser, wortgewaltiger. Sie beanspruchen mehr Platz auf dieser Welt. Punkt.

Männer haben die Logik erfunden, die Vernunft, die gültigen Argumente. Ein einfaches, „Ich fühle es so.“ oder „Für mich ist es so.“, unter Frauen durchaus legitime Aussagen, ist bei Männern schlichtes no-go. Entweder du weisst es oder du weisst es eben nicht. Frauen aber, sind Spezialistinnen des Vagen, des Ungefähren, des Zwischenzeiligen, der Graubereiche.

Gelegentlich also war zu hören, weshalb sich denn Frauen nicht zu Wort melden. Wo denn nun ihre Statements zu Köln wären. Tja, wo sind sie geblieben? Die Frauen kamen zu spät und das liegt nicht nur an den Frauen selber, sondern auch daran, dass Männer ihre Meinung sehr schnell gesagt hatten. Man spürte wenig Lust, sich verspätet in eine Diskussion einzuschalten, in der die Eckpfeiler bereits am 4. Januar besetzt waren. Zum dem Zeitpunkt waren Frauen noch damit beschäftigt, zu verarbeiten, was geschehen war. Es galt nun, die Zwischenräume der Diskussion auszufüllen und das ist bekanntlich schwieriger und gefährlicher als Klischees herunterzubeten.

Auch nach Köln wissen wir eigentlich nur, dass die Sache komplexer ist und hartnäckig. In der Globalen Untersuchung der WHO zu Gewalt an Frauen ist zu lesen, dass Gewalt an Frauen in jeder Kultur und Bevölkerungsschicht vorkommt. Man kann lesen, dass es sie im arabischen, afrikanischen und asiatischen Raum und ausserdem in einkommensschwachen Haushalten häufiger gibt. In einer Europaweiten Untersuchung ist nachzulesen, dass über 50% der befragten Frauen Gewalt an Frauen als „ziemlich verbreitet wahrnehmen“. Das ist eine extrem hoher Prozentsatz, aber eben nur eine vage Aussage. „Ziemlich verbreitet wahrnehmen“, damit wird manch einer nicht viel anfangen können. Es ist eben sehr schwierig, sich über sich selber und die eigene Lage in der Gesellschaft klar zu werden. Männer übrigens, hört man auch nicht so oft, über ihre eigene Lage reflektieren. Eine Innenansicht ist nun mal verwinkelter als eine Aussenansicht.

Ausserdem muss man als Frau immer die Befürchtung haben, dass Männer sich rasch abwenden, wenn man den Mund zu gewissen Themen aufmacht. Sobald Frau von Feminismus und Gleichberechtigung anfängt, zeigen Männer dieses Autsch-Gesicht. Autsch, jetzt fängt sie schon wieder an. Autsch, jetzt ist sie wieder auf dem Trip. Sobald sie merken, dass eine Diskussion in Richtung Frauenrechte abdriften könnte, schalten sie auf Durchzug. Oft genug erlebt. Man muss also als Frau schon etwas mehr Mut aufbringen, sich zu Köln und allem drum herum zu äussern. Männer hören am liebsten Männern zu. Und das ist eben auch eine Form von Gewalt.

Es kann sein, dass sich Sexismus und Rassismus auflösen, wenn erst einmal auch die Postmoderne überwunden ist. Donna Harraway jedenfalls träumte in ihrem Essay „A Cyborg Manifesto“ davon, dass sich mit dem Auftreten des Cyborgs das Problem der Geschlechter ganz von selbst lösen würde. Wenn der Mensch erst einmal aus mehr Titan als Blut besteht, werden sich gewisse Differenzierungsmerkmale in Nichts auflösen und Dichotomien wie männlich / weiblich, schwarz / weiß einfach obsolet werden.

Bis dahin bleibt wohl alles beim Alten. Zum Beispiel beim Problem, dass unsere Welt so gestrickt ist, dass sie Frauen gerade für sehr weibliches Verhalten erst belohnt und dann bestraft und dann mit einem schlichten „Selber schuld“ vom Platz verweist.

Neu ist nur, dass Männer nun mit Thema Gewalt gegen Frauen auf Stimmenfang gehen.

 

 

3 thoughts on “Wortgewaltige Männer

  1. Puh, da sprichst du einmal mehr sehr weise Wort. Das Autsch-Gesicht ist eine tolle Metapher. Mich erschüttert der Gedanke, dass auch die Tatsache, das Männer Männergespräche vorziehen, eine Form von subtiler Gewalt ist.
    Was mich mich selbst fragen lässt, ob dann auch die Tatsache, dass ich zuweilen lieber mit Frauen spreche und lieber Frauen sprechen höre, eine Form von Gewalt ist. Nun ja … Du gibst mir Denkfutter! Danke.

    1. Hallo Soso, ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das gleich eine Form von Gewalt ist, wenn du ab und zu lieber mit Frauen sprichst. Das geht mir genau so. Unter Frauen kann man vieles eben besser bereden. Es kann vieles abgewägt und hinterfragt werden, ohne dass gleich eine Lösung parat stehen muss. Bei Männern spreche ich dagegen von einer Form von Gewalt, weil es systematisch ist und ich sage nicht, dass das nur die Schuld der Männer ist. Frauen nehmen sich viel zu sehr zurück oder sind rasch eingeschüchtert. Schau dir doch mal gemischte Gruppen an. Bestimmt gibt es Ausnahmen, aber in der Regel dominieren Männer das Gespräch. Schau mal, wer Politik macht, wer darüber diskutiert. Vielleicht bin ich auch geschädigt, weil ich vom Land komme, andererseits wars an der Uni genau so. Männer geben die Ideen vor. Männer formen unsere Welt. Es wird sich in diesem Leben auch nicht mehr ändern, weil es viel zu verhärtete Strukturen sind. Männern wachsen schon mit dem Anspruch auf, Vorrang zu haben, Platz zu brauchen. Frauen haben natürlich auch ihre Bereiche, wo sie erbarmungslos dominant sind. Nur leider sind dies in der Regel nicht realitäts- und strukturformende Bereiche. Ausser natürlich Erziehung. ABer die Ratgeber werden auch von den Männern geschrieben…:-) Ich bin in der Hinsicht eine elende Pessimistin. Herzlichste Grüsse in die Schweiz!!

      1. So endlich gehen auch meine Gedanken betreffebd des ketzerischen Satzes vorhin. Und doch … nein, ganz so pessimistisch kann ich doch nicht leben. Die Hoffnung, den Umbruch noch ansatzweise mitzuerleben, habe ich noch. Ein bisschen Hoffnung.

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