Manchmal, wenn die Sonne an einem Freitag scheint, sitze ich bei Tim im Garten auf den weichen Polstern und trinke ein biertje. Tim ist ein Freund. Er hat einen großen wilden Garten. Es ist ein Glück, dort zu sein. Während die Kinder verrückt und um uns herum spielen, diskutieren wir über Gott und die Welt und alles andere dazwischen.

Nice Forest Meadow Sunny Jena wallpapersHat Gott das gemacht?

 

Tim denkt oft über Gott nach, darüber, ob es möglich ist, zu glauben. Die meisten Holländer, die ich kenne, haben Humor. Sie sind hart im Nehmen und im Geben und außerdem mit einer gehörigen Portion Selbstironie ausgestattet. Sie können über sich selbst lachen. Zumindest vordergründig. Und so frage ich Tim leicht ungeduldig, ob er seine Zeit nicht lieber mit sinnvolleren Fragen verbringe wolle. Der Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier beispielsweise oder Mensch und Maschine. Oder der Frage, wie Selbstbewusstsein entsteht, weshalb wir von uns als einem „Ich“ sprechen.

Die Frage nach Gott ist im Grunde überflüssig. Es ist eine Stellvertreterfrage für ganz andere Fragen. Was kann ich vom Leben erhoffen? Wie viel Verantwortung trage ich selber? Werde ich geliebt? Wird zum Schluss alles gut? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Aber natürlich ist die Frage nach Gott, eine Frage um des Fragens willen. Es geht um die Praxis des Fragens. Trotzdem. Eine solche Verrücktheit wie den Glauben an einen Gott habe ich mir im Leben noch nicht geleistet. Vielleicht war ich schlicht noch nicht verzweifelt genug. Und sowieso, wie er an einen allmächtigen Gott glauben könne, der so viel Unheil auf der Welt zulässt, will ich von ihm wissen. Die Theodizee. Ein Klassiker.

Bildergebnis für Erdbeben HaitiUnd das auch?

 

Das große Unglück entstehe eben aus lauter kleinen Unglücken, antwortet Tim. Gott könne sich nicht um alles kümmern. Außerdem sei Gott nicht zwingend allmächtig.

Das hat was. Trotzdem möchte ich nicht an einen Gott glauben, der so viel Leid zulässt. Und wenn ich es täte, müsste ich ihn genau dafür hassen. Und überhaupt: Muss Gott nicht per definitionem allmächtig sein? Oder wenigstens Naturkatastrophen verhindern?

Dann zitiert Tim plötzlich Leonhard Cohen: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in. „Und?“, frage ich. Das Licht kann und es muss auch ohne Gott hereinkommen. Müssen wir nicht eher nach uns fragen, anstatt nach Gott? Ist die Frage nach Gott nicht reine Ablenkung? Ein Manöver?

Statt an Gott müssen wir uns viel eher an Kant halten, denn der hat einmal vier zentrale Fragen aufgestellt:

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

Dabei wird Gott uns nicht helfen.

5 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 30

  1. Es ist Freitag, ein Freitag mit Sonnenschein für dich – vielleicht – hoffentlich!, also ein Freitag mit Tim und Bier im wilden Garten. Mir scheint, unter solch glücklichen Umständen kann man auch die verwegensten Themen diskutieren. Ich beglückwünsche dich zu diesem Glück und wünsche mir selber einen solchen Freund und einen solchen Garten. Wird Gott mir meinen Wunsch erfüllen? Ich glaube an nichts, aber es gibt Göttliches (wenn man etwas so nennen will). Cohen mag ich auch! Großartig, seine Poesie, seit jeher. Hab Dank fürs Leseglück (hier und dort!), liebe Lara Palara, und sei geküsst von deiner treuen Rose Baba.

  2. Unsere Freundschaft ist mir das grösste Glück. liebe Rose. Ich hoffe, ich kann die Freude darüber bald wieder einmal in Worte fassen. Hab viel Freude und Sonnenschein im 9. HImmel. Und viele schöne Cohen-Momente. Jetzt, wo es kühler wird, kann man sich zu seinen Klängen wieder herrlich einkuscheln. Ein lieber Kuss zurück! Deine Lara

  3. Danke für diese weisen Zeilen. Kants Zitat müsste ich öfter kauen.
    Ich freu mich über deine Glücksgründe-Artikel!
    Mein 31. Glücksgrund vielleicht.

    (Was ganz anderes: Irgendlink ist zurzeit in Holland (zwischen Wamel und Rotterdam), am Rhein. Siehe flussnoten.de.

    Irgendwann will ich auch mal nach Holland.)

    1. Dein Irgendlink hat´s aber richtig gut. Das ist bestimmt eine schöne Gegend da. Und das Wetter zur Zeit ein Traum. Fahrradfahren in Holland ist einfach wunderbar. Da kommst du bestimmt auch mal hin. So weit weg ist es nun auch wieder nicht. Irgendwie ja mittendrin.

      Herzlichen Dank fürs Lesen!

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