Bildergebnis für Bruce Springsteen Youth

Ich finde fast jedes Buch zu lang. Nicht einmal Schreibergott Tom Robbins weiß meiner Meinung nach, wann es Zeit ist, aufzuhören. Vielleicht trage ich die Arroganz der Anfänger mit mir rum, jedenfalls habe ich mir den Kauf gründlich überlegt. Ich dachte mir, gut, er ist ein heißer Typ, er hat Charisma,  er macht gute Musik, scheint politisch das Herz auf dem rechten linken Fleck zu haben und hat bestimmt sehr viel erlebt, aber müssen es denn wirklich mehr als 500 Seiten sein? Die Rede ist von Bruce Springsteens Autobiografie: Born to Run.

120 Seiten später: Man könnte fast neidisch werden. Falls er keinen Ghostwriter angestellt hat, kann der Mann nämlich auch noch schreiben. Er hat Stil. Seine Sprache ist elegant, locker, bildhaft, aber auch eindringlich und leidenschaftlich. Ach, Englisch flutscht einfach besser als das komplizierte und immer etwas steife Deutsch.

“I am ten years old and I know every crack, bone and crevice in the crumbling sidewalk running up and down Randolph Street, my street. Here, on passing afternoons I am Hannibal crossing the Alps, GIs locked in vicious mountain combat and countless cowboy heroes traversing the rocky trails of the Sierra Nevada. With my belly to the stone, alongside the tiny anthills that pop up volcanically where dirt and concrete meet, my world sprawls on into infinity, or at least to Peter McDermott´s house on the corner of Lincoln and Randolph, one block up.”

Es wird rasch klar, weshalb das Buch so ein Schinken geworden ist. Springsteen geht in die Details, aber das sind keine Kleinigkeiten. Die Details machen dieses längst vergangene Leben greifbar. Die katholische Kindheit zwischen italienischen Tanten und irischen Onkeln. Die Härte des abweisenden Vaters, die Mutter, die für beide liebt, die Großmutter, die ihn vergöttert, mehr als gesund ist. Und wenn er seinen Vater aus der Kneipe nach Hause holen muss: Der Gang entlang der Bar, die breiten Rücken der Arbeiter, der Dunst aus Bier, Schweiß und Rauch, das müde Murmeln im Halbdunkeln… Das bedrückende Leben und die Angst davor, das dies alles sein könnte. Auf eine Art wirkt das alles sehr klassisch. Kennt man es nicht genauso aus Film und Fernsehen? Kein Wunder hat man als Leser sofort die passenden Bilder parat. Die Amis haben immer schon sehr viel von ihrer Lebensart in die Welt hinausgesandt.

Aber Springsteen bringt noch einmal eindrücklich in Erinnerung, welches Erdbeben der junge Elvis damals ausgelöst hat. Wie ein frivoler Hüftschwung für Krieg zwischen den Generationen gesorgt hat. Wie die Haare der Beatles die festen Überzeugungen der steifen Nachkriegszeit über den Haufen geworfen haben. Fortan gilt Springsteens Sehnen der Musik. Die erste Leihgitarre. Wie gottverdammt schwierig es ist, Gitarre zu lernen. Und wie er einmal einen Bass für eine Gitarre hält, Gitarrensaiten aufzieht, ihn wie eine Gitarre spielt, bis ihm jemand Bescheid gibt….

Es scheint ein ziemlich ehrliches Buch zu sein. Ich freue mich schon auf die weiteren 388 Seiten, in denen ich nicht nur mehr über The Boss erfahren, sondern auch ein ganzes Stück Musikgeschichte entdecken werde.

One thought on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 33

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