Bildergebnis für HerbstHerbst ist für mich die beste Zeit des Jahres. Wenn die Blätter in ihrem schönsten Kleid auf die Erde schweben, bin ich glücklich. Im Herbst sind wir in den Wäldern unterwegs, sammeln Kastanien, Laub, frische Luft und Eichhörnchen-Erinnerungen. Später gehen wir nach Hause, trinken Tee und essen Kekse. Im Herbst ist es Zeit, viel zu essen und sich Gedanken zu machen. Zum Beispiel über den Tod. Kein Wunder, das Thema Tod ist ganz und gar aus der Tabuzone befreit und einfach überall.

Ich habe schreckliche Angst vor dem Tod. Er ist wie eine Katze, lauert überall und nirgends und eines Tages wird er auch mir einen toten Körper mitten in meine Behaglichkeit legen. Er wird mir Jemanden bringen, der zu einem Etwas geworden ist. Jemanden, der nicht mehr IST, sondern etwas, das ich nicht verstehen kann.

Ist ein Mensch tot, wird er zu einer Angelegenheit. Es ereignet sich ein „ontologischer Abfall von einer Person zu einer Sache“, wie Dieter Birnbacher es sehr treffend ausdrückt. Ein toter Körper wird kontrollierbar, gerät aber gleichzeitig durch seinen nicht aufzuhaltenden Zerfall außer Rand und Band und es bleibt die Frage: Weshalb eigentlich, richten wir diese „Sache“ schön her? Ist es unser letzter Dienst an der verstorbenen Person? Ist es unsere moralische Pflicht? Instinkt? Oder ist es gar Verkleidung?

Sich verkleiden bedeutet, über sich selbst hinausgehen. Man transformiert sich, löst sich im Unbestimmten auf. Wer verkleidet ist, befolgt andere Regeln. Ist Karneval nicht immer auch ein wenig unheimlich, weil es auch bedeutet, dass die Dinge relativ sind?  Etwas kann so sein oder so, jemand kann der sein oder die und man weiß nicht, was sich hinter der Maske verbirgt. Das Herrichten einer Leiche ist auf eine Art auch eine karnevaleske Aufführung. Durch das schön Herrichten überführen wir den toten Körper allem Anschein nach in etwas, was er gerade nicht mehr ist. Wollen wir den Tod narren, so tun, als ob sich unter der Maske nicht etwa seine Beute versteckt, sondern ein Mensch mit Ansprüchen?

Bildergebnis für Masken Tod

Vielleicht richten wir Tote schön her, weil wir nicht wissen und nicht wissen wollen, was sich darunter verbirgt. Um das Tote für uns repräsentier und damit verstehbar zu machen. Julia Kristeva nennt die unrepresentability das Unvorzeigbare, das Nicht-Darstellbare. „That which, through language, is part of no particular language… That which, through meaning is intolerable, unthinkable: the horrible, the abject.“ Der unverkleidete Tod ist das, wofür wir keine Sprache haben, das Nicht-Sagbare. Wir können nur das verstehen, wofür wir auch Worte haben. Vielleicht verkleiden wir die Toten, um noch immer mit ihnen sprechen zu können.

Hier noch der Link zu einem interessanten Gespräch über den Tod und das Tote. http://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/leichenschau-warum-uns-tote-angst-einjagen

 

 

 

9 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 34

  1. Danke für diesen schönen und wichtigen Text, liebe Lara Palara. Über das Thema Tod kann man sich gar nicht genügend Gedanken machen; die Lebensreise einer jeden, eines jeden von uns führt ja nirgendwo anders hin als ins Totenreich. In diesem Sinn verstehe ich auch die schönen Kleider, in die man den toten Körper hüllt. Ich sehe sie weniger als Verkleidung einer an sich toten “Sache”, sondern vielmehr als etwas, das man dem Toten auf seine weitere Reise mitgibt. Ich könnte mir vorstellen, dass in diesem noch immer praktizierten Brauch eine uralte Tradition weiterlebt; früher legte man ja sogar Waffen in die Gräber, gab den Toten Proviant mit auf den Weg und so weiter. Ob das schon immer symbolisch gedacht war, oder ob der Steinzeitmensch wirklich glaubte, dass die tote Person Hunger bekommen könnte …?

    Ein Gedanke, der mich tröstet und beruhigt und mich den Tod auch besser “verstehen” lässt, ist, dass Leben und Totsein nicht zwei starre Zustände sind, sondern nur Phasen eines fortwährenden Werdens und Vergehens. Der Zerfall des Körpers beginnt ja schon vor dem Tod, mitten im Leben. Und mit dem Tod hört auch nicht alles auf, sondern es entsteht wieder etwas Neues. Auf dem Friedhof wachsen die schönsten Bäume …

    1. Du hast recht, liebe Rose Baba, der Tod ist natürlich nichts Starres, sondern Teil des natürlichen Kreislaufes von Werden und Vergehen. Der Gedanke, dass meine Asche vielleicht einmal einen Baum beim Gedeihen unterstützt, ist auch für mich beruhigend. Trotzdem finde ich es schwierig zu verstehen, dass ein Mensch oder ein Bewusstsein irgendwann eben nicht mehr IST und dass wir keine Worte dafür haben, WAS dann nicht mehr ist. (Nun ja, seit ich Kinder habe, bin ich in der Hinsicht auch nicht gelassener geworden.) Ich denke auch, dass das Herrichten ein ganz und gar heidnisches Ritual für das Leben im Jenseits ist, aber den Gedanken, dass damit auch der Tod genarrt werden könnte, fande ich ganz spannend… Wie dem auch sei, liebe Rose, danke fürs Lesen. Herzlichst, deine Lara

  2. Was mich an Birnbacher so stört, ist ja sein respektloser Umgang mit dem Körper (oder Leib, ich differenziere die beiden Begriffe nicht). Und in dem Zitat kommt er einmal wieder zum Vorschein. Für Birnbacher ist der Tod ein harter Schnitt, in dem sich der Leib-Seele-Dualismus reproduziert: Gehen die Lichter aus, verlässt die Seele den Körper, ist der Mensch tot, egal wie viel Lebendigkeit da noch in dem Körper steckt. So ein Körper wird ja nicht schlagartig kalt, der kühlt aus, da laufen noch munter Prozesse darin ab. Selbst die Verwesung ist noch ein Zeichen von Lebendigkeit. Da passiert ja durchaus noch was.
    Wenn man so will, krankt unser Todestverständnis heute daran, dass wir zwar immer noch an den Dualismus glauben, aber die Seele abgeschafft haben. Zumindest unsterblich ist sie nicht mehr. Wo man in früheren Zeiten als Ahnengeist in Ruhe und Frieden seine Nachkommen tyrannisieren durfte und im Christentum gar irgendwann leiblich wieder auferstehen durfte, während die Seele bis dahin … Mit Gott Tee trinkt oder so … ist da heute finito.
    Die Sprachlosigkeit im Angesicht des Todes ist meiner Meinung nach genau darin begründet, dass wir zwar an althergebrachten Todesvorstellungen festhalten, aber nicht mehr an ihre Voraussetzungen glauben. Totenrituale haben keinen Sinn mehr, weil es keine Seele mehr gibt, aber den Körper als Anwesenheit des Toten in Abwesenheit zu akzeptieren, das traut sich auch niemand.
    Ob es tröstlich wäre, dergestalt weiterhin Mensch zu sein (und nicht Sache, wie Birnbacher das darstellt), weiß ich nicht. Der eigene Tod bleibt weiterhin unvorstellbare Kränkung des eigenen Ego, da bin ich ganz bei dir. Aber der Tod der Anderen könnte so vielleicht etwas von seinem Schrecken verlieren, wenn er nicht als Ereignis daherkommt sondern als Prozess.

    1. Der Beitrag ist von der Anlage her schon etwas älter, deshalb habe ich das Birnbacher-Argument nicht mehr ganz präsent. Es ist aber sehr wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Birnbacher hier vom “ontologischen” Status spricht. Damit meint er nicht, dass man einen toten Körper lieblos als Sache behandeln soll oder darf, sondern dass ein Mensch nach seinem Tod einem anderen Wesensbereich (oder ev. Substanzbereich) angehört. Er hat andere Merkmale, andere Eigenschaften, ist aus anderem Stoff gemacht und hat eine andere Beziehung zum Lebendigen.
      Ich weiß, für sehr viele hört das Leben mit dem Tod nicht auf, aber ich wollte vor allem darauf hinweisen, dass, was auch immer es ist, was mit dem Tod eintritt, wir nicht mehr benennen können. Ein toter Körper ist, auch wenn noch immer biologische Prozesse ablaufen, nun einmal keine Ansprechperson mehr, kein Handelnder mehr, Kommunikation ist nicht mehr möglich. Er wird in der Tat zu einer Angelegenheit, um die man sich kümmern muss. Der Tote selber ist ohnmächtig und den Anwesenden ausgeliefert. Und gerade an dieser Stelle fängt doch die Sprachlosigkeit an. “Ohnmächtig sein”, “Ausgeliefert sein”, das ist nur dann sinnvolle Sprache, wenn auf beiden Seiten zumindest theoretisch die Möglichkeit des Handelns besteht.
      Leben wir tatsächlich in einer seelenlosen Welt? Ich glaube nicht. Auch wenn man heute an Vieles was eigentlich romantisch sein sollte (Gefühle, Liebe) mit einem rational-positivistischen Blick herangeht und gerne biochemisch erklärt, glaube ich doch, dass niemand behaupten würde, dass er ein künstliches Bewusstsein geschaffen hat. Das Bewusstsein (oder die Seele) ist viel mehr als wir Menschen jemals begreifen können. An dieser Einsicht arbeitet sich doch auch die ganze Forschung um die Künstliche Intelligenz vergeblich ab. Wir können zwar zum Mars fliegen, aber wir können keine künstliche Seele schaffen. Und da sind doch auch die meisten froh drum.

      1. Japp. Ich weiß, dass Birnbacher da einen ontologischen Statuswechsel annimmt. Das Problem ist, dass Birnbacher nicht plausibel machen kann, was da genau weggeht, damit dieser Wechsel geschieht … Oder wie viel weggehen muss, damit der Verlust hinreichend für diesen Wechsel ist. Mangelnde Ansprechbarkeit ist dabei ein gefährliches Kriterium, weil man bei Menschen mit Locked-In-Syndrom oder Wachkoma schon einen recht weit gefassten Begriff der Ansprechbarkeit braucht – der unter Umständen in anderen Kontexten plötzlich Hirntote zu Lebendigen macht.
        Was aber die Ontologie angeht: Bei Birnbacher ist der Personbegriff verknüpft mit ethischen Rechten und Pflichten, auch wenn sein Argument grundsätzlich biologistisch funktioniert. Aber: Mit einem Toten darf man sehr wohl lieblos umgehen, vor allem in der Hinsicht, dass der Leichnam keine Rechte und Pflichten mehr hat. Nicht mehr haben kann, weil er eine Sache ist und keine Person mehr. Deshalb bin ich bis heute der Meinung, dass Tod keine Frage der Ontologie ist, sondern “Tod” gesellschaftlich allein über die Zuschreibung von gebotenen und verbotenen Handlungsweisen konstitutiert ist. Mit anderen Worten: Wer oder was tot ist, handeln wir aus, indem wir Menschen als tot oder nicht tot behandeln. Egal wie irgendein ontologischer Status aussieht.
        Was die Seelenfrage angeht: Ich meinte mit “Seele” etwas beständiges, unsterbliches. Auch wenn ich nicht zwischen Körper und Leib trenne, bei Seele und Bewusstsein (Selbst, Personalität) tu ich es durchaus. Ans Bewusstsein glauben wir immer noch (wir sind ja regelrecht besessen davon, dass es das gibt), aber es reicht nicht an die schöne altmodische Seele heran, weil es nicht mehr unsterblich ist.

      2. Ich sehe, du schreibst über Übergänge, das Schweben zwischen Leben und Tod. Da ist es bestimmt schwierig, ontologisch ein so oder so ist es, festzustellen, da gebe ich dir vollkommen recht. Ob der Tod deswegen nicht ontolgisch konstituiert ist? Der Tod kann ja nicht von uns gesellschaftlich bestimmt werden, sondern tritt bei den meisten Menschen irgendwann (wenn auch nicht von einer Sekunde auf die andere) ein. Kann sein, dass Birnbacher sich da unglücklich ausdrückt (ich finde ums Verrecken den Text nicht mehr).
        Und zur unsterblichen Seele. Ja, die ist wohl tatsächlich abgeschafft, ausser man ist hardcore-religiös. Da wo früher einmal Gott war, ist jetzt ein Computer und der kann ev. tatsächlich für so etwas wie ein ewiges digitales Leben sorgen. Wenn man ihn nur mit genügend Daten füttert…

      3. Alle Ontologie hat im Falle des Todes das “Heuhaufenproblem” – Wie viele menschliche Eigenschaften kann ich wegnehmen, dass noch Mensch da ist und eben nicht Toter? Da finde ich Ontologie unbefriedigend. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, in einem Bündel aus Ontologie und Zuschreibung. Aber gefunden habe ich in dem Schwebezustand noch nichts. *g*

  3. Schöner Post. Ich glaube, man kann, wenn man lebendig ist, gar nicht anders, als Angst vor dem Tod zu haben. Schließlich ist er das genuin Andere, das allem Leben, allem Seienden entgegengesetzt ist. Andererseits gehört er aber unbedingt dazu: ohne Tod kein Leben. Ich denke, das zeigt uns die Natur, dass, wie meine Vorposterin schon sagte, alles ein Werden und Vergehen ist, alles sich in Kreisläufen bewegt. Und mit dem individuellen Tod stirbt eben noch nicht das Leben selbst, das Weltbewusstsein, das in uns allen wirkt. Altes muss weichen, um Neuem Platz zu machen, da ist gar nichts Furchtbares dran. Aber furchtbar ist es natürlich, wenn Lebewesen mit Gewalt aus dem Leben gerissen werden, bevor sie das Leben wirklich intensiv “schmecken” konnten.
    Ich denke, du hast völlig recht mit deinem letzten Abschnitt. Das Begräbnis ist ein Abschiedsritual der Lebendigen, nicht der Toten. Wenn der tote Körper “verkleidet” wird, dient es dazu, den Tod weniger absolut erscheinen zu lassen, das Tote lebendiger. Für die Trauernden ist es sehr schwer zu akzeptieren, dass da “nur ein Körper” liegt. Der Schein des Lebendigen erleichtert den Übergang. Und das Ritual mag für sie auch ein “letzter Dienst” am geliebten Verstorbenen sein, eine Sache des Respekts, der Danksagung und Huldigung. Schmuck, Putz und besondere Pflege sollen gerade das ausdrücken.

    1. Ja, der Tod gehört unbedingt zum Leben dazu. Die Aussicht auf den Tod führt wahrscheinlich erst dazu, dass wir ein vollendetes Leben führen. Vielleicht treibt der unausweichliche Tod uns dazu an, ein anständiger Mensch zu sein. Aber er ist – wie auch Zeilenende bemerkte – eine Kränkung, mit der sich immer mehr Menschen nicht mehr abfinden wollen. Zumindest nicht mit dem nicht selbstbestimmten Tod. Zumindest digital könnte ein ewiges Leben irgendwann möglich sein, vielleicht auch körperlich. Ob es dann noch immer ein erfülltes Leben ist?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s