Bildergebnis für Holländisches Schaufenster

Im Ausland wird man oberflächlich, aber es ist eine aus der Not heraus geborene Oberflächlichkeit. Es ist die Neigung, die Dinge durch die Klischeebrille zu betrachten, um das Leben um sich herum verstehen zu können. Man entdeckt bei seinen neuen Mitmenschen eine seltsame Herangehensweise an Dinge, und schon macht man es zu einem allgemeinen Merkmal der neuen Umgebung. Sätze wie: „Ihr Holländer, ihr habt halt ein Händchen fürs Sparen.“ oder „Die Holländer haben keine Ahnung vom Essen.“ sind Sätze, die ich mir erst nach zwei Jahren abgewöhnen konnte.

Die Holländer tun dies, die Holländer tun das… Klischees sind ein Sicherheitsnetz, das einen vor dem komplizierten Abgrund der tieferen Gründe bewahrt. Auch wenn der kulturelle Unterschied zwischen Schweiz, Deutschland und den Niederlanden so groß nicht sein kann, bin ich immer wieder erstaunt, wie hier gewisse Dinge funktionieren.Von der hässlichen Abneigung sich nach gewissen Tätigkeiten die Hände zu waschen, einer Abneigung, die man generationen- und regionenübergreifend entdecken kann, will ich an dieser Stelle gar nicht berichten. Zu groß ist noch das Rätsel darum.

Mit Sicherheit versucht jedes Volk oder jeder einzige der Außenwelt ein geschöntes Bild von sich zu zeigen, aber im Ausland fällt so etwas plötzlich auf. Ich erlebe die Menschen hier offen und unkompliziert, aber das ist nur für den Blick von außen gedacht. Es gibt in den Niederlanden eine Art Ökonomie des Sichtbaren. In den Geschäften werden die immer gleichen Vasen und Trockenblumen verkauft, die dann in den Wohnzimmerfenstern gezeigt werden und so tun, als ob sie zu den Bewohnern des Hauses irgendeinen Bezug hätten. Abends entspannt man sich gerne mit bewusst nicht zugezogenen Vorhängen. Man wohnt ja hier bekanntlich im Schaufenster. Wenn ich am Kochen bin, winkt mir jeder, der vorbeigeht, freundlich zu. Zum Fenster reinzuschauen, wird erwartet und das, was man zu sehen bekommt, ist im Prinzip eigenschaftslos und soll wahrscheinlich von dem, was dahinter liegt, ablenken. Man wird dazu aufgefordert zu schauen, um gleichzeitig im Grunde nichts über die Person zu erfahren. So geht hier Privatsphäre.

Man will zeigen, dass man nichts zu verbergen hat, keine Geheimnisse hat, was wiederum dazu führt, dass Privatsphäre wenig geachtet wird. Wenn ich gerade keine Lust habe, dem Werbefritzen die Tür zu öffnen, dann schaut er auch zum Fenster herein, um zu kontrollieren, ob ich wirklich nicht da bin. Das ist hier nicht ungehörig. Vielleicht ist es auch eine offensive Kapitulation vor der sowieso vorhandenen Nähe des anderen. Die Niederlande gehören zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. Aber, das wusste man ja vorher schon…

 

 

3 thoughts on “Schau! Wie schön ist es bei uns…

  1. Uiuiui, das wäre wohl definitiv nichts für mich.

    Aber dennoch: Spannend, wie du es beschreibst und wie du über diese “Oberflächlichkeit” schreibst. Hast du dennoch in Holland Beziehungen geknüpft, die in die Tiefe gehen? Ich hoffe es. Das würde mir wohl am meisten fehlen.

    1. Für mich ist das auch nichts! Aber dennoch, so ist es nun mal…. Anderes stört mich sowieso viel mehr. Eben, die Sache mit dem Händewaschen zum Beispiel, oder dass sie auch noch so stolz auf ihr mieses Essen sind… Genug gelästert. Mit Freundschaften ist es so eine Sache. Nein, ich habe hier noch keine tiefen Freundschaften geschlossen. Das liegt aber weniger an der Oberflächlichkeit, sondern am Fremdsein sowieso. Die Sprache verbindet und sie trennt und obwohl ich schon recht gut holländisch kann, bin ich in der Sprache eben nicht zuhause. Sprache hat extrem viel mit Geborgenheit zu tun, habe ich das Gefühl. Ausserdem ist es mit dem Älterwerden sowieso schwierig, Freunde zu finden. Ich zumindest bin da sehr kritisch geworden und wähle sehr genau aus, mit wem ich meine kostbare Zeit verbringe. Mit dem Alter wird man unabhängiger, das ist gleichzeitig schön, aber auch ein bisschen traurig finde ich… Oder wie siehst du das mit dem Alter und Freundschaften? Ich kenne zwar sehr viele Leute, aber meine innigen Freundschaften habe ich, mit zwei Ausnahmen, alle noch vor 30 geschlossen…

      1. Das ist eine gute Frage. Ich habe in den letzten zehn Jahren einige wirklich sehr kostbare Freundschaften geschlossen, die dank Internet entstanden sind (über Schreibszene und Blog). Zuerst virtuell, dann persönlich. Und ja, ich bin auch anspruchsvoll, was den Inhalt von Beziehungen betrifft. Im Echtleben habe ich in den letzten zehn Jahren eher weniger Leute kennengelernt als im virtuellen. Spannender Gedanke eigentlich. Aber jene wirklich nährenden Echtleben-Freundschaften, die eben älter sind, habe ich tatsächlich so zwischen 20-35 jährig geschlossen. Auch das spannend.
        Die Sprache und das Fremdsein … ja, das kenne ich. Sogar in Frankreich konnte ich mich ja nicht wirklich zuhause fühlen und noch nicht mal in D., das sogar die “gleiche” Sprache hat. Ich bewundere dich, die überall irgendwie leben kann und die Sprache lernen.
        Hut ab!

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