Bildergebnis für jean seberg frisur

Am 11. November 2016 um 13.08 Uhr hatte ich eine Erscheinung. Sie ging an meinem Küchenfenster vorbei. Zuerst sah ich nur ihre Schuhe. Weiße Hauslatschen. Solche, die vorne geschlossen sind und so einen halbhohen weichen Absatz haben. Dazu ein hellrosa Hausanzug aus Frottee. Blonde, kurze Haare. So kurz, dass sie sich morgens nicht lange mit kämmen hatte aufhalten müssen. Sie war sehr schlank. Mit der rechten Hand hielt sie ein Telefon ans Ohr, in der linken hielt sie eine Zigi. So eine lange schlanke. Wie heißen die noch? Slim oder so?

Sie ging sehr aufrecht und sehr gelassen. So ein bisschen nach hinten gelehnt, fast schwebend. Jean Seberg. Anscheinend wohnt sie jetzt in unserer Straße.

Sie ging, als ob sie nichts kümmern müsste.

Sie ging, als ob sie der Anfang einer neuen Geschichte wäre. So eine, wo eigentlich nichts passiert, außer das Leben halt. Am Anfang nichts Neues und am Ende auch nicht und dazwischen das übliche Getue.

In meinem Kopf nahm sie sofort Gestalt an. Sie könnte eine erfolglose Fotografin sein, oder Supermarktkassiererin. Oder eine Lehrerin, die ihren Job an den Nagel gehängt hat, um fortan nur noch das zu tun, was sie tun wollte, nämlich nichts. Sie könnte Sylvia heißen, oder Gloria.

Es ist ein Glück, wenn einem so etwas passiert. Es ist, als ob die Scheinwerfer des Himmels jemanden für einen ausgesucht hätten. Ecco! Dann leuchtet so ein Mensch wie eine Heiligenfigur in der Kirche. Es ist wie ein Musenkuss. Und es ist ein Glück, wenn einem dazu später noch die passenden Worte einfallen. Ich weiß genau, auf die Weise kommt auch Alice Munro zu ihren Texten. Es besteht noch Hoffnung.

Sowieso: Das Schreiben. Unerträglich und gleichzeitig das größte Glück. Schlimm, wenn die Worte fehlen, die Ideen auszugehen drohen, die Sätze nicht gelingen wollen, und einsame Stunden vor dem Computer vor einer weiteren leeren Seite enden. Surfen statt Schreiben.

Schreiben bedeutet, einsam sein.

Aber, wenn es gelingt, dann ist es so schön, dann ist es wie ein Rausch. Worte purzeln aus dem Ärmel, Finger fliegen über die Tastatur. Der Kopf sammelt, verdichtet, filtert, ordnet, fokussiert. Spricht mit seinen Figuren, zieht sie an, gibt ihnen eine Stimme, eine Vergangenheit, eine Familie, Freunde.

Schreiben bedeutet, Figuren erfinden, Welten erschaffen. Es bedeutet, mehrere Leben zu haben. Wie eine Katze.

9 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 36

  1. Ja, wenn es gelingt, ist es jedes Mal wie eine kleine Erlösung. Leider habe ich kein Händchen für Fiktion, jedes Mal kommt mir das Theoretisieren in die Quere. Und mein Wille zur Präzision und zum korrekten, genauen Ausdruck konkurriert dann mit meinem Streben nach Schönheit und fließendem Stil, sodass manchmal recht seltsame Wortkonstrukte entstehen. Aber so ist das mit der Kunst, man muss sich fallen lassen können.🙂

  2. Ja, das stimmt. Man muss sich dem, was kommt, hingeben. Und schließlich ist es bei der Fiktion ja wie sonst nirgends. Man darf alles. Das gefällt mir. Naja, ein paar Regeln muss man schon beachten, sonst hat ja auch keiner Lust, den Kram zu lesen…
    Lustig, genau mein Unwille zum akkuraten Denken hat mir während des Philo-Studiums ab und zu mal Kopfzerbrechen bereitet. Mehr als nötig gewesen wäre. Ich möchte frei sein im Denken und im Schreiben. Aber, ich bewundere alle, die sich in einem vorgegebenen Möglichkeitsrahmen bewegen können, mit Argumenten und Schlüssen jonglieren können, präzise denken können. DAS ist die viel größere Kunst. Viel Freude weiterhin!🙂

  3. So ein schöner Text. Ein Leseglück! Der Einstieg ist fantastisch. Und ich kann bei allem, was unten folgt, nur nicken. Fiktion oder nicht, das Schreiben ist ein Rausch – oder eine Qual. Ertragen wir die Qual, weil wir auf den nächsten Rausch hoffen? Überhaupt, tun wir das alles wegen diesem Rausch, oder was treibt gewisse Menschen zum Schreiben? Vielleicht wirklich dies: Welten zu erschaffen (auch theoretische/gedankliche/philosophische). Vielleicht wachsen wir dadurch über uns selbst hinaus; vielleicht gibt das unserem Sein Sinn. Eine Art von geistiger Fortpflanzung …

    PS: Sehr schön übrigens auch das Bild von Jean Seberg!

  4. Geistige Fortpflanzung, das hast du sehr schön gesagt! Es ist ja ein bisschen wie Gott spielen. Es ist auf jeden Fall Macht und vielleicht sind wir auch einfach süchtig nach dieser Kraft, ein Stück der Welt nach unserem Willen zu erschaffen und zu kontrollieren. Wir sind verslaafd an das Schreiben, wie man es auf Holländisch sehr treffend nennen würde. Wunderschön und doch ein Elend von Zeit zu Zeit…😉

    1. Genau, Euphorie und Elend. Jeder Süchtige kennt das. Ich bin glücklich über meine Schreibsucht! Auch wenn sie mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen kann, auch darüber hinaus. Oder gerade deshalb. Was wäre das Leben öde, wenn man nichts und niemanden hätte, für das oder den man gerne leidet. Somit weiter im Text, immer weiter. Das Glück der Schreibenden = das Glück der Lesenden. Dass das so direkt zusammenhängt, ist zwar banal, ich hab’s aber vorhin erst begriffen.

      1. “Was wäre das Leben öde, wenn man nichts und niemanden hätte, für das oder den man gerne leidet.” Hm, ein sehr guter und schöner Gedanke. Vielleicht braucht jeder einfach etwas, das ihn ganz und gar erfüllt…

  5. Ich liebe diesen Text von Kopf bis Fuß.
    Einzig über das Wort einsam bin ich gestolpert. Einsam ist für mich negativ besetzt.
    Schreiben aber würde ich nicht mit Einsamkeit verlinken, eher mit Alleingang.
    Erlösendes, not-wendiges Alleinsein.

    Noch viele Erleuchtungen wünsch ich dir!

    1. Du hast recht, Einsamkeit ist nichts Schönes. Und, du hast recht, ich fühle mich zwar oft einsam (und muss mir mal abgewöhnen, deswgen immer rumzuheulen), aber beim Schreiben ist es tatsächlich eher das Gefühl von Alleingang, Alleinsein… vielleicht auch ganz nüchtern das GEfühl von Selbstständigkeit… Also, durchaus positiv im Grunde. Auch dir viel Musse und Inspiration für dasneue Schreibprojekt und alles andere…

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