Bildergebnis für Anna Karenina KarikaturEigentlich war der Blogeintrag der Woche schon fertig. Irgendwas mit Büchern und im Antiquariat stöbern und so. Sehnsucht nach dem Duft von Papierleim, Druckerschwärze und Staub und wie schön es doch sei bla bla bla … Aber irgendetwas ließ mich zögern, und als ich den Text nochmals las, wusste ich auch weshalb. Mir war beim Lesen der linke Fuß eingeschlafen, so langweilig war das Ganze! Was ist das Glück bloß für ein seichter Scheiss??

Schaue ich mir Filme an, möchte ich lieber nicht Menschen sehen, die furchtbar happy sind. Das ungehemmte Glück der anderen erträgt man wahrscheinlich höchstens eine Songlänge, also dreieinhalb Minuten. Das Filmpaar darf schon glücklich werden, aber vorher bitte noch richtig zoffen und Probleme wälzen. Vielleicht liegt die Langeweile des Glücks tatsächlich daran, dass wir alle ähnliche Sehnsüchte haben. Wir alle wollen alle respektiert sein, geliebt werden, uns geborgen fühlen. Einige wollen Erfolg im Beruf haben, andere fünf Kinder, die nächste 52 Kilo Traumfigur und wieder andere sind schon froh, wenn sie einfach gesund sind. Aber fast jeder von uns strebt im Grunde danach, dauerhaft glücklich zu sein. Deshalb kann Tolstoi in seinem Roman »Anna Karenina«  auch schreiben, dass sich alle Familien in ihrem Glück ähneln und in ihrem Unglück unterscheiden.

Dauerhaftes Glück jenseits des fotografierbaren Momentes. Wohltemperiertes A-Dur. Der goldene Mittelweg. Zwei, höchstens drei Bier trinken, früh zu Bett gehen, tagsüber viel bewegen und zwei Liter Säure-Basen-Tee. So bleibt man gesund, meine Lieben. Nicht, sehr viel trinken, furchtbar laut lachen, ohrenbetäubende Musik hören und auf dem Tisch tanzen. Das macht bis zum nächsten Morgen ganz fantastisch glücklich, aber auf die Dauer ist das natürlich nichts.

Aber eine Liste über 99 Gründe unglücklich zu sein, ist irgendwie auch nicht die Lösung. Obwohl Paul Watzlawicks Buch Anleitung zum Unglücklichsein herrlich amüsant ist. Wilhelm Genazino findet das alles natürlich vollkommen doof. Wir leben in einer glücksverblödeten Zeit, sagt er. Das kann schon sein, aber darüber nachdenken kann man allemal.

12 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 37

  1. Große Klasse!
    Ja, Glück hat kaum Unterhaltungswert. Und wenn ich glücklich bin, habe ich kaum das Bedürfnis drüber zu reden und zu schreiben. Und doch: Icb bin schon lieber glücklich, selten genug, als unglücklich. Auch ohne Basentee. 😉

  2. Wilhelm Genazino und seine Bücher und seine Sprache und seine Sprüche sind ein Glücksgrund für sich! Die Idee, auch über Unglücksgründe zu schreiben, gefällt mir. Um das Glück zu kennen oder zu finden, muss man schließlich auch das Unglück erfahren haben. Sowieso vermute ich seit längerem, dass für jeden Glücksmoment irgendwann die Rechnung kommt — in Form von Unglück. Yin und Yang halt. Oder ist das zu banal, um wahr zu sein?

    1. Die Rechnung fürs Glück. Ich glaube, das ist schon so. Manchmal denke ich tatsächlich, man fordert das Unglück heraus, damit man sich lebendiger fühlt. Klingt zynisch, ist aber nicht so gemeint. Hier noch ein Grund, glücklich zu sein, liebe Rose!

  3. Hehe, schöner Post. Ja, wohltemperiertes Glück, das predigen auch alle Philosophen. Aber ganz ohne Rausch und Wahnsinn geht es halt auch nicht, wäre ja fad. Ich denke, man kann das gelegentliche über die Stränge schlagen getrost jedem als Diät empfehlen. Das ab-und-zu-mal-nicht-im-Gleichgewicht-Sein gehört halt auch zum Gleichgewicht dazu.

  4. Der gepflegte Exzess mag zwar nicht gesund sein, aber auch das Leiden am Morgen danach ist doch ein Zeichen von Lebendigkeit. Und welch trostlose Welt wäre das, wo wir alle nur gesund unseren Basentee trinken und Joghurt löffeln. Wohltemperiert, genau. Und Dur. Mit ein paar kleinen Härten, damit die Füße nicht einschlafen, sondern im Takt wippen. Sehr schöne sprachliche Bilder, die du da bemühst.🙂

    1. Das Leiden danach ein Zeichen von Lebendigkeit? Hm, so habe ich das bisher noch nicht betrachtet. Mir ist dann immer eher zum Sterben zumute, aber – das ist ja ganz dein Thema – die Übergänge zwischen Leben und Tod sind ja fliessend…🙂

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