99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 39

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Wenn ich vom oberen Stock über den Hintergarten in den nächsten Hintergarten schaue und da noch weiter, in das nächste Haus hinein, dann denke ich immer: Dort muss eine ganz besonders glückliche Familie wohnen. Es weihnachtet dort sozusagen das ganze Jahr über.

Dezentes Licht, elegante Fenster (solche mit Streben), Kerzen, Bilder an den Wänden… Einziger Wehklag: Die Kiste läuft immer. Dennoch. Immer wenn ich dort hinüberschaue, und versuche etwas von dem erfüllten Leben zu erhaschen, komme ich mir ein bisschen vor, wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern.

Dabei habe ich absolument keinen Grund zur Klage. Ich habe nämlich einen überaus glücklichen Tag mit meiner liebsten Seelenschwester aus Paris verbracht. Jawohl, sie ist aus dem 9. Himmel herab- und in den Thalys hineingestiegen, um einen ganzen Tag mit mir in Rotterdam zu verbringen.

Selbstverständlich haben wir von der Stadt nichts gesehen, sondern den ganzen Tag geredet, geredet, geredet. Die glückliche Zeit, wo ist sie nur so rasch hin? Wir haben Stunden über die Freuden und Leiden des Schreibens gesprochen und über die Frage, wann eigentlich jemand ein Schriftsteller ist. Sogleich fanden wir beide, dass Schriftsteller ein überaus gestelztes Wort ist. Schreibende, viel besser. Connie Palmen sagt, so wie die Mordtat den Mordlustigen zum Mörder macht, macht auch das Buch im Laden den Schreibenden zum Schriftsteller. Meine Seelenschwester findet, es reicht, Schreibende zu sein und man ist Schreibende, wenn man schreibt. Auch gut, aber so richtig zufrieden wäre der Mordlustige damit auch nicht. Etwas fehlt. Das Resultat nämlich.

Bevor wir uns in der Bar vor dem Abschied an den verdammt heißen und mit roter Beete gefüllten Bitterballen die Zunge verbrennen, kommen wir auf das Alter zu sprechen, genauer: Das Älterwerden und die Ahnung, dass man ab einem gewissen Alter sozusagen durchsichtig wird. Ich nicke wissend. Ich kenne das schon länger. Sobald Mann mir damals ansah, dass ich – oh ja! – schwanger bin, war ich sozusagen, nicht mehr existent, meine Silhouette anscheinend klar wie Glas. Das war ziemlich bitter einerseits, andererseits aber nur verständlich. Ab einem gewissen Alter und Bauchumfang muss man einer Frau schon mehr bieten, als ein schales Bier und einen lauen Spruch. Das schreckt ab, natürlich. Dennoch ist es sehr schade, dass man anscheinend nur als potenziell vögelbar interessant ist. Oh, welch hässlicher Gedanke. Da kommt man sich ja vor wie ein alter Bitterballen. Nein, so sind die Männer nicht. Bestimmt nicht…

 

 

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7 thoughts on “99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 39

  1. Rose Baba

    Interessant finde ich, neben diesem beGLÜCKenden Text, dass hier so wenig dazu kommentiert wird. Klar, die Bitterballen waren lecker 🙂 bestimmt. Und alles andere, von dem die Rede ist? Wo sind die Neider des glücklichen Nachbarn? Wieso schweigen die Schreibenden? Gibt es hier keine Frauen und Männer über und unter 40, die etwas dazu zu sagen haben? Ich denke, das Erstummen deiner Lesenden hier liegt daran, dass du in diesem Beitrag sehr persönliche Themen anschneidest, liebe Lara Palara. Ich finde das stark. Denn das ist, was mir an deinem Blog — unter anderem — so gefällt: deine ganz besondere Art, das Glück zu suchen, und dabei eigentlich über dessen Abwesenheit zu schreiben. Und eben, diese Art, die hat so etwas Elegantes, Feines, Schönes, Witziges, Charmantes, Brillantes, Hochintelligentes, Klares, Eigenes, Liebevolles, Großherziges, Ironisches, Leichtes, dass es eine Freude ist, deine Texte zu lesen; ein Glück. Nein, du bist das Glück, jetzt hab ich’s: du als die hier Schreibende.

    1. Oh, liebe Rose, das sind wunderbare Worte. Danke dir!! Ich habe die fehlenden Kommentare gar nicht so sehr gedeutet. Die meisten meiner Posts sind von höchstens zwei Personen kommentiert worden. Das macht ja auch nichts. Aber, du hast recht: Ich hätte gedacht, da würde die eine oder andere noch was dazu schreiben, von wegen, geht mir genauso… finde ich auch… Denn, wahrscheinlich geht es den allermeisten Frauen Ü40 (falls sie nicht gerade aussehen wie Demi Moore und Konsorten) so.
      Männer, da kannst du dir sicher sein, fanden die Bemerkung blöd. Männer fühlen sich unwohl, wenn Frauen über ihre Stellung in der Gesellschaft nachdenken. Sie sollen gefallen, nicht verlangen oder sich beschweren. Frauen sind die Schlüsselfiguren in den allermeisten Beziehungen. Das heisst, wenn Frauen unzufrieden sind, dann wird es richtig ungemütlich. Deshalb wird, wenn immer Frauen sich beschweren, so etwas wie passive Ignoranz betrieben (von beiden Geschlechtern übrigens). Dasselbe funktioniert auch in der Erziehung: Wenn Kinder sich doof benehmen, ignoriert man dieses Verhalten am besten, dann hören sie von ganz alleine damit auf…. 😉 Nimms leicht, liebe Rose! 😉

  2. Rose Baba

    Hast du das Bild gemacht? Ich finde es sehr schön. Es vermittelt gut den Kontrast zwischen drinnen (= helle, heile Welt) und draußen (= Mädchen mit den Schwefelhölzern — starkes Bild, übrigens).

  3. Rose Baba

    Als Nie-schwanger-Gewesene kenne ich diese hochinteressante Erfahrung nicht. Aber sagt sie nicht alles?? Fremdgeschwängerter weiblicher Mensch = biologisch uninteressant für den männlichen Menschen. Wie auch die Frau 40+, die zu alt ist für die Fortpflanzung. Ich glaube, das ist Natur. Mit anderen Worten, das darf man nicht persönlich nehmen. Vor allem aber darf man den eigenen Wert nicht davon abhängig machen. (Haha, jaja.) Über den Vergleich zwischen Mord und Buch muss ich noch etwas nachdenken.

    1. Eben, es ist Natur. Da kann man nichts dagegen machen. (Dabei fällt mir wieder das Cyborg-Manifesto von Donna Harraway ein. Muss ich noch drüber nachdenken…) Dass man für die Fortpflanzung nicht mehr in Frage kommt, gibt einem eben auch eine sehr grosse Freiheit. Liebe Rose Baba, wir können doch eigentlich tun was uns gefällt und lassen, was wir nicht wollen. Ist das nicht herrlich? Ich jedenfalls geniesse das immer mehr. Gerade heute war ich mit der Kamera in der Stadt unterwegs. Das hätte ich doch früher nie tun können, ohne dass irgendein Typ mich anquatscht. Und oft genug waren solche Begegnungen ja nur lästig…. Ich sag dir, der beste Teil des Lebens kommt erst noch!

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