Schnee von gestern oder 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 41

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Freitag. Die Kinder und ich sind auf der anderen Seite der GRENZE, im benachbarten deutschen Städtchen, um Schneeschuhe zu kaufen. Mein Sohn (7) hat ungefähr null Bock. Er schlurft missmutig hinter uns her und schleift mit den Füssen auf dem Boden, so, dass der nasse Schnee auf beiden Seiten ein wenig wegspritzt. Es ist nicht schlimm, da kaum Schnee liegt. Wir überholen eine alte Dame mit roten Haaren und Gehhilfe. Neben ihr geht einer der sieht aus, naja, wie ein Penner halt.

Sie (zu meinem Sohn): Könntest du das (Schlurfen) bitte lassen? Sonst wird meine Hose dreckig.

Mein Sohn: ….

Ich (drehe mich um und nehme meinen Sohn an die Hand): Entschuldigung.

Wir gehen weiter.

Sie (zu ihrer Begleitung): …. Und dann noch beleidigt dreinschauen. Also eigentlich müsste man da mal ausholen und dem ein paar knallen. Aber so richtig.

Ich (drehe mich um): Jetzt brauchen Sie es aber auch nicht zu übertreiben.

Sie: ACH, HALTEN SIE DOCH DIE KLAPPE!

Er: Also…

Ich: Also, geht’s noch?

Sie: HALTEN SIE IHR BLÖDES MAUL! (geht an mir vorbei)

Wir gehen neben ihnen her.

Sie: UND DANN NOCH FRECH WERDEN!

Ich (ratlos): Also, Sie müssen ja wirklich vollkommen frustriert sein.

Sie: KLAPPE! ICH KANN AUCH DIE POLIZEI RUFEN!

Ich (trocken): Ja, genau.

Wir gehen weiter. Die Kinder rechts und links an meiner Hand. Die beiden hinter uns.

Sie: UND DANN KOMMEN DIE HIERHER UND DANN MUSS MAN DEN GÖREN AUCH NOCH DIE SCHULBILDUNG BEZAHLEN!  SOLLEN DIE DOCH BLEIBEN WO SIE HINGEHÖREN. DIESE DRECKIGEN… SOLLEN DIE DOCH ERST MAL IHRE GÖREN ERZIEHEN!

Bislang war mir nicht klar gewesen, dass wir wie Flüchtlinge wirken könnten. Wir bleiben stehen. Passanten bleiben auch stehen.

Ich (erstaunlicherweise immer noch ganz ruhig): Also… ja… woher kommen wir denn?

Sie: SCHNAUZE! ICH KANN IHNEN AUCH DIE RECHNUNG FÜR DIE REINIGUNG SCHICKEN! SCHAUEN SIE SICH DAS MAL AN!

Wir schauen alle betreten auf ihreHose. Sie hat keinen einzigen Fleck.

Ich: Die können Sie dann gerne ins Taka-Tuka-Land schicken.

Sie: SO WAS UNVERSCHÄMTES! KOMMT DIE EINFACH HIERHER…

Wir gehen weiter. Sie gehen auch weiter. Keiner sagt mehr irgendetwas. Meine Kinder machen sich Sorgen wegen der Polizei.

Ich (ausnahmsweise total cool, kann sie beruhigen): Macht euch keine Sorgen. Die Alte hat Streit gesucht. Gut, dass sie uns getroffen hat.

Im Auto hören wir Musik, die den Kinder gefällt. Die Sonne scheint durch die verschmierte Windschutzscheibe.

I got that sunshine in my pocket, got that good soul in my feet. Tralala…

Wir fahren wieder nach Hause. Über die Grenze. Und die Alte ist längst Schnee von gestern.

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12 thoughts on “Schnee von gestern oder 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 41

    1. Ja, das Wetter, die Flüchtlinge, alles, was sich nicht wehren kann halt… Ich war einfach sehr erstaunt, dass sie auf uns diese Anti-Flüchtlingsparolen abgelassen hat. Anscheinend kann sie nichts anderes…

      1. Stimmt, besser die Wut rauslassen. Und kann ja auch nicht jeder wütende Poesie verfassen, Bilder malen oder zur Beruhigung Bäume umarmen. Die meisten brauchen ja einen Schuldigen…

  1. Rose Baba

    Für solche Menschen müsste man eigentlich den Psychologen rufen. Im Sinn von: »Rufen Sie ruhig die Polizei, ich rufe Ihnen psychologische Hilfe.« Was mir besonders gefällt an dieser Geschichte, ist die Rolle der Kinder. Im Fall der Alten bringt ein kindliches Sein und Tun offenbar tiefste Frustrationen ans Tageslicht. Deine Reaktion aber zeigt sehr schön, dass uns die Anwesenheit von Kindern bisweilen auch über uns selbst hinauswachsen lassen kann. Danke für diese denkwürdige Geschichte!

    1. Ich war selber am meisten erstaunt, dass ich so cool bleiben konnte. Ich glaube, in solchen Situationen möchte man den Kindern noch mehr Sicherheit vermitteln als sonst und ich denke, das ist mir gelungen. Jedenfalls, war die Sache rasch vergessen. Aber, irgendwie tut mir die Frau fast leid. Die trägt einen Riesenfrust mit sich herum, vielleicht viele kleine Enttäuschungen, man weiss es nicht. Die Leute werden ja nicht so geboren…

  2. Felix

    Ich empfehle: “Warum Frau B. so böse wurde…”
    http://ofv.ch/?pagename=sdt&id=100559

    Die beste Reaktion ist mitfühlen
    “Oh je, sie haben es aber sehr schwer, das tut mir wirklich leid, dass sie so verbittert und wütend sind. Schauen sie mal, die Sonne scheint und vielleicht ja auch ein kleines bisschen in ihr Herz, wenn sie wollen? Ich wünsche ihnen einen schönen Tag und ein sonniges Gemüt.
    (und ausserdem gute Psychopharmaka und den Arsch in der Hose, sich nicht aufzugeben und Unbekannte für die Scheisse, die ihnen sicher widerfahren ist, das Leben schwer zu machen. Das verbessert die Welt nämlich kein bisschen.)”
    Das irritiert die Leute meistens sehr und wirft sie aus der Eskalationsroutine, die sie kennen und suchen. Ich hatte auch schon ein paar Mal, dass jemand dann total freundlich und offen wurde, sich entschuldigt hat und mir einen schönen Tag gewünscht hat.
    (vielleicht klappt es sogar irgendwann mal so richtig aus dem Herz, ohne versteckte Häme oder Aggression).
    Meine Variante ist eh besser als “Halt die Fresse du alte asoziale Nazi-Sau und geh kacken in dem braunen Loch aus dem du gekommen bist”, weil die mit Kindern an der Hand ja irgendwie doch uncool ist…

    1. Deine Variante ist definitiv besser. Aber ich fürchte, all das hätte die Dame nicht hören wollen. Mehr als eine Sekunde Redezeit am Stück hat sie mir nicht gestattet. Danke fürs Lesen und den Buchtipp!

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