Geschichten aus dem Gegenteil von Heimat – 1

Gestern nachmittag saß ich auf einer sonnigen Bank im Park. Ich war noch immer so ein bisschen krank und hätte eigentlich zu Hause im Bett liegen sollen, aber der blaue Himmel war einfach zu verlockend.

Ich saß und dachte über meine schlechten Eigenschaften nach. Bei Jonathan Franzen habe ich gelesen, dass man der Wahrheit viel öfter ins Gesicht schauen sollte. So spontan wollte mir keine schlechte Eigenschaft einfallen, was natürlich an sich eine schlechte Eigenschaft ist.

Hinter mir spielte ein Kind vergnügt vor sich hin brabbelnd. Ich drehte mich nicht um, weil ich niemand bin, der mit jedem fremden Kind ins Gespräch kommen muss. Ist das eine schlechte Eigenschaft? Im Park gingen viele Hunde mit ihren Leuten an der Leine. Ich muss auch nicht jeden fremden Hund streicheln, aber auffällig, wie sehr sie heute etwas hinterherhechelten, was nur sie riechen konnten.

Ein Mann um die 70 folgte seinem Langhaardackel. Er hatte eine ganz enge beigeglänzende Hose an, erst dachte ich, es sei eine Gymnastikhose, aber als er näher kam, konnte ich erkennen, dass es einfach eine sehr enge, glänzende Hose war. Dazu trug er ein sehr enges weißes Shirt. Seine Nippel waren ganz deutlich zu erkennen und auch sein Bauchnabel zeichnete sich sehr deutlich ab.

Er setzte sich in Coronaabstand neben mich auf die Bank, weil dies die einzige Bank in der Sonne war. Gemeinsam betrachteten wird das Riesenrad, das seit einiger Zeit in unserem Park seine Runden dreht. Das Riesenrad gehört zu einem Restaurant. Man kann dort wahrscheinlich Essen bestellen und dann im Riesenrad verspeisen. Kulinarisches auf hohem Niveau also, aber daran glaube ich nicht. Ich glaube, sobald die Show rund ums Essen wichtiger ist als das Essen selber, kann es gar nicht richtig gut sein. Vielleicht bin ich auch nur ein sehr misstrauischer Mensch. Am Abend leuchtet das Riesenrad in allen Farben und das kann ich von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen.

Ich schaute noch eine ganze Weile nach oben in die Baumkronen und je länger ich nach oben schaute, desto mehr schlechte Eigenschaften fielen mir ein. Ich ließ den Mann und den Hund stehen, trottete nach Hause und legte mich ins Bett.