Einfach mal reinlesen – Track 3

Gerade als sie sich überlegte, wieder nach Hause zu gehen und sich für den halben Tag krankschreiben zu lassen, kam ihr Martin Sulser, Gewes oberster Assistent, pfeifend entgegen. Er strahlte sie an. »Guten Morgen!«
»Mo’n«, murmelte Fabiana. Dann besann sich auf ihre Manieren und brachte ein dünnes Lächeln zustande, noch bevor Sulser vergnügt an ihr vorbeigezogen war. Sie wusste, dass ihr etwas dicklicher Kollege auf dem Weg zur Cafeteria war, um sich ein zweites Frühstück zu gönnen. Als sie sicher sein konnte, dass er um die Ecke gebogen war und niemand sonst sie beobachtete, formte sie mit den Händen einen Hohlraum vor Mund und Nase, um noch einmal ihren Atem zu kontrollieren. Sie roch nichts, aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Während sie die Treppe weiter hochstieg, forschte sie in ihrer Tasche nach dem letzten Fisherman’s, der noch irgendwo in einer alten Packung liegen musste. Es ärgerte sie, dass sie vergessen hatte, sich neue zu besorgen und dass ausgerechnet an diesem Tag Studentensprechstunde war. Der bloße Gedanke daran verstärkte die Stiche in ihren Schläfen. Einer ihrer Studenten war so brillant, dass es ihr Angst machte. Fabiana fürchtete, ihm bei seiner Abschlussarbeit nicht gewachsen zu sein, doch das waren Zweifel, die sie sich niemals hätte anmerken lassen.

Als sie die letzten Stufen genommen hatte und zwischen den steinernen Säulen hindurch auf das andere Ende des Flurs blickte, sah sie, dass die Tür neben ihrem Büro bereits weit offenstand. Das Deckenlicht erhellte den Türrahmen fast wie eine Verheißung. Stüssi war also schon da. »Streber«, presste Fabiana zwischen den Zähnen hervor und beschleunigte ihren Schritt, ohne es zu merken. Das Klappern ihrer Absätze hallte über den Lichthof hinweg. Aus den Augenwinkeln sah sie die Skulptur der Nike von Samothrake, aber an diesem Morgen hatte sie keine Augen für ihre Schönheit. Die letzten Schritte zu ihrem Büro rannte sie fast.

Ihre Ledertasche in der linken Hand, drehte sie mit der rechten den Schlüssel, öffnete energisch die Tür, schloss sie wieder, betätigte den Lichtschalter und rief expressiv gut gelaunt: »Guten Morgen!« Durch die wie immer offene Verbindungstür war Gemurmel zu hören. Fabiana ging schnurstracks durch den Raum zu ihrem Schreibtisch, stellte ihre Tasche auf die Tischplatte und begann, sich aus ihrer Jacke zu schälen. Sie brannte darauf, Stüssi von ihren Plänen zu erzählen, aber erst einmal musste sie alles noch einmal ganz genau durchdenken. Dazu brauchte sie vor allem Ruhe. Fabiana war heilfroh, dass der Andere ein paar Tage auf Konzertreise war und sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Nicht auszudenken, wenn er jetzt, in dieser Phase, Aufmerksamkeit oder gar Zärtlichkeit von ihr verlangen würde.