Ein Appell

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larapalara:

Ein guter und wichtiger Text!
Ich bin im Übrigen dafür, dass die Pegida-Anhänger ein eigenes Pegida-Land kriegen. Da können sie es dann schön zusammen haben…

Originally posted on Herz im Kopf Blog:

Kleine dunkeläugige Kinder haben Angst. Sie fragen ihre Eltern, ob sie nun weg müssten. Auch wir haben ein ganz mulmiges Gefühl, das Selbe, das wir hatten, als wir uns damals, als wir nach Deutschland kamen, mit dem Nationalsozialismus beschäftigen mussten. Der Lehrplan erforderte all die tragischen Biografien, die Entwicklungen menschlicher Interaktion und Beeinflussung, wie es mit kleinen Vorurteilen begann und wie schnell daraus Hass wurde. Wie schnell dieser Hass zum schweigenden Abnicken größter Verbrechen wurde. Auch damals schwieg man, weil viele dachten, Nachbar Meyer würde all das auch für richtig halten, also musste es richtig sein.

Im Moment wissen viele meiner Freunde und Kollegen nicht, wie wir uns fühlen. Sie selbst neigen dazu, diesen “Haufen Irrer in Dresden” nicht ernst zu nehmen. Aber fünfzehntausend, das ist nicht nur eine abstrakte Zahl, das ist eine Menge, in der man untergehen kann. Sie verstehen noch nicht, dass wir uns nicht verstecken können…

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Der Hipstervogel

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Neulich spaziere ich mit einer Freundin durchs Karoviertel in Hamburg. Das Karoviertel war früher mal eher abgefuckt. Gewisse Leute hätten in gewisse Cafés dort bestimmt keinen einzigen Fuß gesetzt. Heute ist das ganz anderes. Ein neues Geschäft nach dem anderen öffnet die Türen, Bioläden, gemütliche Teestuben, teure Boutiquen und viele Leute so um die Dreißig, die in diesen Kleidern rumlaufen, die wie selbstgemacht aussehen aber dann doch wieder nicht. Viel Understatement-Chic.

Und ich sehe auch: Überall Wald. Waldvögel. Waldgetier. Rehe. Zweige. Nüsse. Auf Karten, Taschen, Beuteln, Kissenbezügen, Lampen, Tapeten. Wald ist überall. Und ich denke mir, dieses Viertel muss ganz und gar in Hipsterhand sein, denn Waldgetier und Hipster gehören auf geheimnisvolle Weise zusammen. Nur, wie?

Das Phänomen des Hipsters ist schon ziemlich alt, und doch ist es immer wieder neu. Das liegt im Phänomen selber begründet. Früher war es so: Hipster waren selten lustig. Hipster waren irre cool. Ihre lässig herabgezogenen Mundwinkel, der mit größter Sorgfalt unfrisierte Schädel auf tätowierten Schultern und Hipsterarmen. Hipster lachten nur mit ihresgleichen. Hipster, die in Cafés bedienten, musste man fast anflehen, damit man einen Cappuccino kriegen konnte. Dann bin ich für eine Weile aufs Land gezogen und habe sie ganz vergessen. In der italienischen Pampa, da gibt es keine Hipster.

Jetzt sehe ich sie wieder, aber sie haben sich verändert. Sie sind älter geworden und manch einer lächelt mich nun freundlich an, schließlich möchte er mir etwas verkaufen. Zudem sind Hipster nun oft Hipstereltern. Das stimmt an sich milde. Aber nur scheinbar. Hipster haben sich in die Idee verbissen, individuell und anders zu sein. Dabei setzt ein Hipster seine Andersartigkeit möglichst unauffällig in Szene aber in dieser Unauffälligkeit, in dieser scheinbaren Bescheidenheit ist eine feine Codierung eingewebt. Er versucht kompromisslos genügsam zu sein und ist dabei auf der ununterbrochenen Suche nach seiner ganz eigenen Wohlfühltemperatur. Da der Hipster so individuell ist, muss er sich unheimlich viel mit sich selbst beschäftigen, ohne dabei jemals zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Denn, egal woher der Wind weht, ein Hipster schwimmt immer oben auf der Welle und kann deshalb seine Depression nicht kultivieren.

Ein Hipster isst vegan. Ein Hipster kauft ausschließlich Bio-Produkte. Ein Hipster benutzt Apple (und isst bestimmt viele Äpfel). Und, er hat den unschlagbaren Vorteil, sich ganz und gar in Alternativmarken kleiden zu können.

Nun ist noch immer nicht geklärt, woher die Hipster-Affinität zu Waldbewohnern kommt. Nun: Ein Wald ist eine größere Ansammlung von Bäumen in denen allerlei Waldgetier wohnt. Von der Idee her ist ein Wald Natur und deshalb Heiligkeit, Unversehrtheit, Unzugänglichkeit. Obwohl der Wald ständig in Aufruhr ist – eben weil er von allerlei Wesen bevölkert ist – lässt einen ein Wald eine tiefe Ruhe empfinden. Waldbewohner haben etwas Ursprüngliches an sich, etwas Geheimnisvolles, etwas, was uns Menschen noch verborgen bliebt, etwas, was noch nicht in Gefahr ist.

Ich will es mal so sagen: Ist man Punk, dann ist man Punk. Punkt. Ist man Hipster, dann ist man ein fluides, flüchtiges Etwas, eventuell mit Hornbrille. Der Hipster weiß um seine eigene Flüchtigkeit, denn er ist gebildet und liest viele Magazine. Neben seinem biologischen Leben führt er mehrere digitale Existenzen im Netz. Ich würde gar sagen, er hat ein digitales Bewusstsein. Fazit: Ein Hipster ist eine Art Hybridwesen. Er läuft ständig Gefahr, sich selbst zu verlieren. Er hat das postmoderne Borderline-Syndrom. Wie die meisten von uns, steht er auf verlorenem Posten, wenn es um die Suche nach verbindlichen Werten geht. Nur, dem Hipster fliegt zusätzlich noch die eigene Persönlichkeit um die Ohren.

Der Wald hingegen ist in seiner Idee, in seiner Metaphysis sozusagen (nicht in der Realität natürlich) stabil. Der Waldvogel also, der die Teetasse des Hipsters ziert, versichert dem Hipster die Zuverlässigkeit seines Daseins, er gibt ihm Sicherheit und Geborgenheit. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Beziehung um eine schlichte Bejahung seiner Existenz. Um ein schlichtes: Ja, ich bin immer noch da.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 23

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Es war ein kochend heißer Tag im Juli. Ein kopfwehträchtiger Tag. Ein Tag, an dem die Ausfallgrösse des Universums auf zweihundert Meter geschrumpft schien. Ein Tag der Staub fraß.

Ein wahrlich erbärmlicher Tag für Neds Bratpfanne. Nacheinander waren ihm zwei junge Nachtechsen entwischt. Nicht, dass Ned sich viel aus Echsen machte, aber wenn sie noch jung waren, konnte er sich wenigstens VORSTELLEN, dass sie gut schmeckten. Bei den alten Ledernen fiel ihm das schon schwerer. Ned war der Meinung, dass sich Hunger und Sex in der Hinsicht recht ähnlich seien. Wie sagte er doch immer: „Wenn man auswählen kann, wünscht man sich auch eher Sex mit einer jungen, knackigen Lady. Im Notfall gibt man sich auch einer Alten hin.“ Ein wahres Wort und ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er in seinem ölverschmierten Arbeitsoverall im Halbduster meiner kleinen Autowerkstatt steht, Gesicht und Hände schwarz von der Arbeit am alten Lincoln, welcher aufgebockt dem Ende seiner Tage entgegensieht. Ned, wie er versonnen in seinem Kaffee rührt. Es ist eine Geschichte der Befreiung.

Im Notfall hätte Ned auch eine alte Echse gefressen, das wohl schon, aber keine Schlange und auch nicht die, die er an jenem Tag in seinem Beutel mit sich trug. Er hatte sie nur übungshalber gefangen, um in Form zu bleiben. Ned hatte vor, sich auch an diesem Tag den Magen mit ein paar Bieren zu füllen und früh zu Bett zu gehen, vorher noch kurz bei Nestor reinschauen. Seit einiger Zeit ging das schon so, genauer gesagt, seit Macy nicht mehr da war.

Ach, Macy. Seit ihrem Tod war es allen ganz schön langweilig geworden in Little Falls. Dabei war Macy einfach nur eine Säuferin gewesen. Ständig rumgezickt, ständig die Birne voll und kurz vor dem Durchdrehen, aber wenigstens für Unterhaltung war gesorgt. Ihr konnte man stundenlang zusehen, wie sie die Augen zusammenkniff und mit gerunzelter Stirn versuchte, die Zeitung zu lesen, die mindestens eine Woche schon bei Toni im Auto vor sich hingegilbt hatte. Nichts begriffen hatte sie, aber immer gescheit daherschwafeln. Die meiste Zeit war sie mit `nem Buch in der Gegend rumgerannt. Immer mit demselben. Wahrscheinlich hatte sie nur dieses eine und Vernon war mal so stinkwütend geworden, also wirklich soooo stinkig, dass er Seite um Seite rausgerissen und verschlungen hatte. „Da hast du’s, du Klugscheißerin!“ hatte er geschrien, so laut, dass den Hunden das Jaulen in der Kehle stecken geblieben war und sie sich winselnd unter die Veranda verdrückt hatten. „Dein Buch ist so verflucht spannend, dass ich es fressen muss!“ Und dabei hatte er sich das staubige Papier wie ein Irrer ins Maul gestopft und mit Gin runtergespült. Seine Augen, groß und gelb wie Wachteleier, waren beinahe aus den Höhlen gerutscht. Er hatte wirklich zum Fürchten ausgesehen.

Nestor behauptet bis heute, das habe Macy den Rest gegeben, Vernon sei Macys Mörder. Absoluter Schwachsinn, sowas! Macy war eine Hure und eine Säuferin und wenn sie sich nicht zu Tode gesoffen hätte, wäre sie früher oder später an ihrer Einsamkeit gestorben oder an einer anderen großen, unheilbaren Krankheit. Naja, kann schon sein, dass sie da sehr traurig wurde, noch trauriger als vorher schon. Das Buch hatte ihr bestimmt viel bedeutet, sonst hätte sie es ja nicht die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt.

Ned meint immer, er und Macy wären so was wie ein Paar gewesen. Nicht, dass Macy davon irgendetwas mitgekriegt hätte, bei der funktionierte es im Kopf nicht mehr richtig, der staubige Sand der Einöde hatte ihr die Gehirnwindungen ausgefräst. Ned hatte sich wohl für sie verantwortlich gefühlt, was nicht soviel zu bedeuten hat, da Ned sich für alles verantwortlich fühlt, was auf diesem gottverdammten Planeten geschieht. Deshalb wird Ned auch das Ticken in seinem Kopf niemals loswerden, dieses tick, tick, tick, diese Scheisse in seinem Kopf, die immer lauter wird, je länger er über irgendetwas nachdenkt. Logischerweise hat Ned das Nachdenken fast gänzlich aufgegeben, auch wenn er sich damals natürlich jeden Tag mindestens einmal fragte, weshalb er es nicht schaffte, aus Little Falls abzuhauen. Ned kann sie nämlich nicht ausstehen, die grelle Sonne, die alles aufquellen lässt und alles verdirbt und an jenem Tag, als er zwischen heißen Steinen auf Sand grillte, als er auf der Lauer lag und durch die Büsche spähte in der Hoffnung, irgendetwas möge geschehen, etwas sich ergeben, fragte er sich noch mehr als sonst und das Ticken drohte noch mehr als sonst. Eine vollkommen lächerliche Frage. Wohin sollte er schon gehen, ohne Macy?

Reifenquietschen riss Ned aus seinen düsteren Gedanken. Er hob seinen verschwommenen Blick vom Boden und linste zur Straße. Durch die Büsche sah er einen lindgrünen Cadillac. Ein seltener Anblick in Little Falls. Eilig rappelte er sich auf, klopfte sich den Staub von den Hosen und setzte sich humpelnd in Bewegung…

Und so weiter, und so fort. Schreiben ist Glück.

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 22

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Früher, als mein Leben noch ein ganz anderes war, habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, auf einem alten Sofa zu liegen und Schallplatten zu hören. Es war das größte Glück für mich. Mehr brauchte ich nicht. Ich war 18 und hatte gerade mein Leben selber in die Hand genommen. Eigene Wohnung, eigener Kühlschrank, eigene Rechnungen auch. Ich hatte kaum Geld, aber ich fühlte mich frei. Zu essen gab’s Cornflakes und mein Fahrrad trug mich überall hin.

Die Kleider vom Flohmarkt, das Sofa aus dem Brockenhaus, die Heizung funktionierte nicht richtig und jeder, der mich besuchte, lieh sich gerne den dicken Pullover von mir und manchmal machte uns die Kälte gar nichts aus. Wir hatten ein warmes Herz, das reichte schon. Manch eine loderte innerlich, weil das ganze Leben noch vor uns stand und ja, das ganze Leben, das kann einem manchmal ganz schön viel werden…

Auch der Plattenspieler war ein uralter Herr. Er hatte schon manche Töne von sich gegeben. Man konnte es hören.

Auf dem Sofa liegen und nichts anderes tun, als den Klängen zu lauschen, dem Rauschen, dem unbequemen Sprung in der Platte. Es waren Stunden der Bedürfnislosigkeit und ich glaube, dass wir Menschen dabei sind, dies zu verlernen, keine Bedürfnisse zu haben. Nur eine Sache zu tun. Wir werden darauf konditioniert, immer Bedürfnisse zu haben, immer mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, aber nichts richtig. Ich glaube, die Welt ist voll von Menschen, die die Konzentration, ein ganzes Buch durchzulesen, nicht mehr aufbringen. Manche schaffen es noch nicht einmal mehr, sich ein ganzes Lied anzuhören. Viereinhalb Minuten. Wenn wir diese Ruhe nicht mehr finden, geht eine ganze Dimension verloren, die Tiefendimension nämlich.

Nichtstun ist möglicherweise die erhabenste Tätigkeit der Seele. Andere würden jetzt vielleicht sagen, nein, man muss Handeln, Handeln ist wichtig. Aber Nichtstun ist auch ein Handeln. Ein Handeln zur Innigkeit hin, zum Nachdenken, zum In-Sich-Gehen. Und schlau macht es auch, aber darauf verlassen sich die wenigsten noch. Heute ist Quantität wichtig. Man muss immer liefern, immer rennen. Ganz egal was, ganz egal wohin. Nur nicht Stillstehen. Deshalb gibt es auch so viele Blogs, die nur zitieren. Geht schneller und verbraucht weniger Ressourcen. Aber zum Glück gibt es diese schöne Idee, dass sich Quantität im Internet eines Tages unweigerlich in Qualität verwandeln wird. Ein tröstlicher Gedanke. Aus all den Shakespeare-Blog-Zitaten würde dann irgendwann ein ganz neuer Shakespeare zusammengestellt. Qualität ist dann irgendwie anders gemeint, aber wer weiß das schon.

Viele mögen es also nicht mehr kennen, aber Schallplatten hören ist mehr als Musik hören. Es ist der Musik zuhören. Vom ersten bis zum letzten Ton. Zuerst das schmale, kurze Klicken, wenn die Nadel auf dem Vinyl aufsetzt, die darauffolgenden Sekunden leichtes Knistern, dann der erste Ton, die leichte Ungeduld, bis es endlich richtig losgeht. Die Vorfreude auf eine Tonfolge, ein gesungenes Wort, einen besonders schönen Satz.

Wenn man sich auf dem Sofa gemütlich eingerichtet hat und nicht alle fünf oder zehn Minuten aufstehen möchte, muss man sich einer Platte als Ganzes auszusetzen. Dem ganzen Werk mit allen Höhen und Tiefen und irgendwann jeden Ton kennen. Man kann unpässliche Passagen nicht einfach herausfiltern, ein Lied überspringen geht nur mühsam und vor allem, man kann nicht sortieren. Die Musik ist bereits sortiert und zwar so, wie sie gemeint ist.  Schallplatten hören ist wahnsinnig altmodisch und widerständig und noch ganz Poesie.

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 21

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Vielleicht kann man die Lust am Reisen in drei Aspekten erklären: Das Zurücklassen des Altbekannten, die Verheißung des Neuen und die Veränderung, die man unterwegs erfährt. Man ist nicht immer dieselbe Person. Es macht einen Unterschied, ob man zuhause in den eigenen vier Wänden sitzt oder vor dem Kölner Dom steht. Zuhause weiß man zumindest, wo die Toilette ist, dafür ist man vor dem Kölner Dom besser angezogen.

Das Reisen ist ein Glück für mich. Es muss auch gar nicht weit gehen. Mein Glück entsteht eher durch das Unterwegs-Sein an sich. Durch das Unstete, durch das, was nicht bleibt und das man auch nicht festhalten muss. Durch das Sehen und das flüchtige Gesehenwerden. Beobachtungen auf einer Zugfahrt:

Kaum nähern wir uns der Grenze zur Schweiz, verändern sich die Sitten. Es werden Zweifel-Chips gegessen. Eine Frau Ende fünfzig isst die Chips wie ein Kind. Sie „trinkt“ die letzten Krümel mit zurückgebeugtem Nacken aus der Tüte. Dann wischt sie sich den Mund ab und isst noch ein Zweites.

Eine zieht ihren Schuh aus und untersucht ihn ganz genau. Sie steckt ihre Hand hinein, macht die Innensohle gründlich sauber und schüttelt den imaginären Dreck auf den Boden. Danach steckt sie ihre Nase hinein, schnüffelt, und zieht ihn sichtlich zufrieden wieder an.

Eine Gruppe bestehend aus einer Frau und drei Männern steigt ein. Kaum sitzen sie, zücken sie ihre Smartphones und vertiefen sich in die Welt darin. Das ist nichts Neues. Eine weitere junge Frau setzt sich daneben. Sie thront mit der grazilen Haltung einer Balletteuse und der Verachtung für die Normalsterblichen auf dem Gesicht. Dann nimmt sie ein unfassbar dickes Buch aus der Tasche. Es ist breiter als ihr Handrücken und in der Bibliothek ausgeliehen. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Sie ist noch ganz am Anfang, Seite 10 vielleicht. Ob sie es schaffen wird?

Der Nachmittag ist heiß. Die Bahn hat keine Jalousien. Es ist unübersehbar, dass auch niemals welche vorgesehen waren. Zwei Frauen wissen aber, dass es bestimmt wieder diese Jungen waren, die sie heruntergerissen hätten. Bestimmt betrunken. „Die Jugend von heute.“ Eine sagt es wörtlich. Lange dachte ich, der Satz sei ausgestorben. Ich denke, dass ich nun etwas sagen sollte. Dann lasse ich es sein, weil ich es für sinnlos halte. Danach finde ich mich auch doof.

Ältere Frauen sind auch nicht besser. In einer Gruppe tauchen sie plötzlich aus dem Nichts auf, beschweren sich lautstark, dass ihre reservierten Plätze besetzt seien. Dann verteilen sie sich, essen Lachgummi, trinken Sekt, reden laut und lachen unvorteilhaft. Bei Männern in Gruppen würde man so etwas als normales Verhalten einstufen, bei Frauen wirkt es auf seltsame Weise unflätig. Solchen Einschätzungen sagen allerdings mehr über die beobachtende Person aus. Ich überlege, ob der Mensch in Gruppen ganz allgemein unerträglich wird und weshalb.

Apropos ältere Frauen: Die Schaffnerin dürfte gegen die sechzig sein. Sie trägt eine wirklich enorm große Minnie-Maus-Haarspange in ihrem langen blonden Haar. Ich überlege hin und her. Vertritt sie eine ironische Haltung sich selber gegenüber? Kokettiert sie mit dem Alter? Will sie jung oder jugendlich erscheinen? Konnte sie ihre Haarspange nicht finden und hat sich in der Eile einfach die ihrer Enkelin ins Haar gesteckt? Seltsam das alles…

Das Leben ist voller ungelöster Rätsel. Je näher etwas scheint, desto ferner ist es.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 20

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Diesen Sommer habe ich ja Fußball geschaut. WM. Und rasch auch gemerkt, dass mich nicht die Spiele an sich interessieren – wie noch in 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 18 behauptet – sondern explizit die der Schweizer Fußballmannschaft. Und das ist seltsam genug, da ich mir einbilde, keine besonderen Heimatgefühle zu hegen und relativ weltoffen zu sein. Weltoffen, das klingt auch gut, es klingt modern. Zuhause hocken nur die Hinterwäldler, so denkt man sich trotzig ab und zu, wenn man sich wieder schwer tut mir der fremden Sprache und nicht versteht, weshalb dies so und das andere fast gleich ist. Das Leben ist voll von Menschen, die tosend ausgezogen und gemildert wieder nach Hause gekommen sind.

Dieser Text hat also mit dem Thema Heimat zu tun und für mich mit dem seltsamen Umstand, dass ich erst eine habe, seit ich nicht mehr in der Schweiz wohne. Während ich diesen Sommer also Shaqiris Schweißperlen betrachtet, Inlers innige Schönheit beim Singen der Morgenröte bewundert und dabei tapfer in ein weiteres Stück Fertigpizza gebissen habe,  stellte sich mir ernsthaft die Frage, weshalb mich das alles eigentlich interessiert.

Denn, Heimat. Was ist das? Jedenfalls mehr als Berge, Cervelat, Toblerone-Schoggi und Chäs-Fondue, so denke ich mir. Mehr als die Kuhglocken, die alles Tun meiner Eltern einen Sommer lang begleiten, mehr als das Bimmeln des Dorfkirchleins zuverlässig abends um Sechs. Mehr als das Zwirbelbrot des Dorfbäckers, in das ich diesen Sommer wieder einmal beißen durfte. Mehr als die für Außenstehende schwer verständliche Sprache und die allseits so bewunderte direkte Demokratie. Mehr als das und alles zusammen.

Ich wohne ja seit einiger Zeit in den Niederlanden. Den Sommer über haben wir in einer vorübergehenden Bleibe in einer Wohnsiedlung zugebracht und eine der alten Frauen, die auf der anderen Seite des Parkplatzes in einem großen Wohnblock sinnierend durch die Tage geistert, hat irgendwann einmal an einem ganz normalen Tag wie diesem mit viel Mühe eine große Hollandfahne über den Balkon gehängt. Es war sichtlich ein Stück Arbeit für sie und hat sie mindestens zehn Minuten ihres Lebens beschäftigt gehalten. Weshalb tat sie das? War es ihr letzter Dienst an der Heimat? Was bedeutet diese Fahne für sie und weshalb müssen es alle anderen auch sehen?

Heimat und Nationalität muss man nämlich trennen. Ist es dasselbe, führt es nur zu Ärger. Heimat darf man persönlich nehmen, Nationalität nicht. Leute, die sich über ihre Nationalität definieren sind ein Übel und übellaunig begegnen sie all denen, die nicht so denken wie sie oder den falschen Pass haben. Heimat hat man, Nationalität hisst man.

Am 1. August wäre ich gerne mit meinen Eltern und Geschwistern zusammen gewesen. Als wir nämlich letztes Jahr das Feuerwerk in den Himmel sandten, war es wieder genau so wie früher, als wir noch Kinder waren. Und ich werde das freche Grinsen auf dem Gesicht meines älteren Bruders nicht vergessen, der die eine dicke Rakete in der Pose der Freiheitsstatue hielt mit einem Grinsen so breit, dass man das Grübchen sah. Er sah wieder aus wie der freche „Schnuderbueb“ der er einmal war. Heimat ist Familie oder die kurzen glücklichen Momente die zeigen, dass man eben doch zusammengehört, irgendwie.

Im Herbst habe ich immer Heimweh. Wenn ich Heimat denke, dann denke ich tatsächlich an Berge, Stille und an die gute Luft, die über den Dingen schwebt. Ich denke nicht an Menschen. Meine Freunde in der Schweiz wären auch dann meine Freunde, wenn sie nicht Schweizer wären. Mein Verhältnis zu ihnen definiert sich über andere Dinge. Meine Familie ist meine Familie, egal wo ich bin und das Schöne dabei ist, dass Familie auf ihre Art immer gleich bleibt. Es geschieht wenig tiefgreifend Veränderndes. Und vielleicht ist Heimat tatsächlich da, wo sich nichts verändert. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Viele niemals weg möchten und Einige sogar, dass alles genau so bleibt, wie es immer war.

Heimat ist vermutlich da, wo wir immer jung sind. Da, wo wir mit den Augen des Verflossenen betrachtet werden, da wo man noch nicht vergessen hat, dass wir unschuldige Kinder waren, irgendwann einmal. Da, wo wir eine Geschichte haben und immer auch ein Stück Vergangenheit sind.

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 19

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Letzthin liege ich morgens im Bett und schaue verschlafen aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade über den Häusern auf. Durch den türkisgrünen, leicht schimmernden Vorhang ist nur eine verzerrte Ahnung davon zu erkennen. Sie sieht aus wie ein schmaler Streifen Verheissung. Zwischen Bett und Fenster steht ein mehrarmiger Kerzenständer. Die Kerzen fehlen und es sind blosse Metallarme jetzt. Sie ragen in den türkisgrünen Himmel. Ein Lüftchen haucht ein leises „Guten Morgen“ durch die offene Balkontür und ich seufze und denke: Jetzt sieht es hier aus wie im Orient. Welch glücklicher Moment! Kann man schöner aufwachen? Nur, ich war noch überhaupt nie im Orient. Weshalb ergibt in meinem Kopf: Kerzenständer + schimmernder Vorhang + Sonnenaufgang über den Dächern = Orient?

Natürlich vom Film. Jeder weiss es. Jeder weiss, dass es im Orient so aussieht. Welcher Film spielt gar keine Rolle. Ich tippe auf diese Szene: CIA-Agentin mit ungelösten Liebesdingen wacht morgens in Istanbul auf. Wir Zuschauer im Point-of-view schauen mit ihr aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade auf, der Tag ist erst eine Vorahnung alt, aber wir alle wissen: Aha! Orient.

Wenn Hollywood uns nämlich nicht in gewissen Dingen auf die Sprünge helfen würde, wir kämen nicht mehr zurecht. So viel kann man wissen heute, soviel muss man wissen heute, so komplex und klein ist die Welt geworden. Andererseits wissen wir nicht mal wie komplex, weil Hollywood immer schon Orientierung geboten hat. Manchmal frage ich mich, wie es im Kopf meiner Urgrossmutter, die in ihrem ganzen Leben wohl nie im Kino war, ausgesehen haben mag. Sie muss jedenfalls ein ganz anderer Mensch gewesen sein.

Was uns die Filmindustrie nämlich nicht alles schon gelernt hat! Das Küssen, das Streiten, den Augenaufschlag, das Lebewohl-Sagen. Hollywood ist unser aller Lehrer und ein grosser Moralist. Hollywood weiss, was richtig ist und was falsch. Heerscharen von Angestellten führen uns tagtäglich vor, wie man aussieht und wie man sich verhält. Daraus folgt nicht nur, dass Menschen immer mehr wie gewisse Typen aussehen und in Gruppen eingeteilt werden können. (Niemand wird mehr bestreiten, dass es den Johnny-Depp-Typ gibt oder den Megan-Fox-Typ.) Daraus folgt auch ein vereinheitlichtes Denken und Vorstellen. Wir alle wissen, wie eine Leiche im Pool schwimmt, obwohl wir noch nie eine gesehen haben. Die Filmindustrie orientiert uns ausserdem über Dinge, die es gar nicht gibt. Oder wusste jemand vorher schon, wie die Tür eines Raumschiffes schliesst? Oder, wie ein turmhoher Gorilla brüllt? Stünde er plötzlich vor uns, dank Hollywood wären wir informiert.

Frauen lernen von der Pornoindustrie, wie man beim Sex richtig stöhnt, Männer, wie man es den Frauen richtig besorgt. Deshalb begreife ich nicht, wenn Leute immer wieder behaupten, dass man vom Film nicht auch das Töten lernen könne. Man müsste nochmal genauer darüber nachdenken, weshalb das Massenpublikum mit einem Weltuntergangsszenario nach dem anderen bedient wird. Die Filmindustrie trägt eine grosse Verantwortung, aber sie nimmt sie nicht wahr, weil es ja „nur“ Film ist. Aber das stimmt nicht.

Wir Heutigen sind auch eine Rekonstruktion des Konstruktes filmische Figur/filmische Narration. Oder weshalb benehmen sich Jugendliche wie Gangsta’s und sehen Mütter wie „Desperate Housewives“ aus? Ich finde es teilweise beängstigend, wie sehr ich in Filmbildern denke und trotzdem auch praktisch. Als ich zum ersten Mal nach New Mexico gereist bin, wusste ich bereits aus zahlreichen Roadmovies wie eine Tankstelle dort aussieht und wie ein Diner. Und voilà! So war es. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt genauso wie die Grenze zwischen Realität und Virtualität.

Das Reale scheint sich nämlich auf verschiedenen Ebenen aufzulösen und je ähnlicher wir den Filmfiguren werden, desto penetranter scheinen sie sich in unser Leben zu graben. Ich kann tagelang über Filme nachdenken, über die Figuren und weshalb sie so oder so gehandelt haben. Als ob es wirkliche Menschen wären, um die ich mich kümmern müsste und irgendwie ist es ja auch so. Die Verrückten aus „Mad Men“ verfolgten mich zeitweise geradezu. Don Draper’s rätselhaft egoistisch-verzweifeltes Verhalten besetzte mich im realen Leben ab und zu so, wie er seine Mitfiguren im Film besetzt und ich hasste ihn fast dafür.

Aber dann denke ich mir wieder, dass der Mensch sich doch immer schon an Bildern orientiert hat. Mein Kopf ist ein Filmstudio, aber wie glücklich schätze ich mich, wenn ich dafür im Orient aufwachen darf! Denn, wer weiss, vielleicht werde es ich niemals nach Istanbul schaffen. Dann wird dieses schmale Stück türkis-schimmernder Sonnenaufgang die einzige konkrete Erinnerung, die ich an den Orient habe, sein.

So, oder so ähnlich.