99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 22

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Früher, als mein Leben noch ein ganz anderes war, habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, auf einem alten Sofa zu liegen und Schallplatten zu hören. Es war das größte Glück für mich. Mehr brauchte ich nicht. Ich war 18 und hatte gerade mein Leben selber in die Hand genommen. Eigene Wohnung, eigener Kühlschrank, eigene Rechnungen auch. Ich hatte kaum Geld, aber ich fühlte mich frei. Zu essen gab’s Cornflakes und mein Fahrrad trug mich überall hin.

Die Kleider vom Flohmarkt, das Sofa aus dem Brockenhaus, die Heizung funktionierte nicht richtig und jeder, der mich besuchte, lieh sich gerne den dicken Pullover von mir und manchmal machte uns die Kälte gar nichts aus. Wir hatten ein warmes Herz, das reichte schon. Manch eine loderte innerlich, weil das ganze Leben noch vor uns stand und ja, das ganze Leben, das kann einem manchmal ganz schön viel werden…

Auch der Plattenspieler war ein uralter Herr. Er hatte schon manche Töne von sich gegeben. Man konnte es hören.

Auf dem Sofa liegen und nichts anderes tun, als den Klängen zu lauschen, dem Rauschen, dem unbequemen Sprung in der Platte. Es waren Stunden der Bedürfnislosigkeit und ich glaube, dass wir Menschen dabei sind, dies zu verlernen, keine Bedürfnisse zu haben. Nur eine Sache zu tun. Wir werden darauf konditioniert, immer Bedürfnisse zu haben, immer mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, aber nichts richtig. Ich glaube, die Welt ist voll von Menschen, die die Konzentration, ein ganzes Buch durchzulesen, nicht mehr aufbringen. Manche schaffen es noch nicht einmal mehr, sich ein ganzes Lied anzuhören. Viereinhalb Minuten. Wenn wir diese Ruhe nicht mehr finden, geht eine ganze Dimension verloren, die Tiefendimension nämlich.

Nichtstun ist möglicherweise die erhabenste Tätigkeit der Seele. Andere würden jetzt vielleicht sagen, nein, man muss Handeln, Handeln ist wichtig. Aber Nichtstun ist auch ein Handeln. Ein Handeln zur Innigkeit hin, zum Nachdenken, zum In-Sich-Gehen. Und schlau macht es auch, aber darauf verlassen sich die wenigsten noch. Heute ist Quantität wichtig. Man muss immer liefern, immer rennen. Ganz egal was, ganz egal wohin. Nur nicht Stillstehen. Deshalb gibt es auch so viele Blogs, die nur zitieren. Geht schneller und verbraucht weniger Ressourcen. Aber zum Glück gibt es diese schöne Idee, dass sich Quantität im Internet eines Tages unweigerlich in Qualität verwandeln wird. Ein tröstlicher Gedanke. Aus all den Shakespeare-Blog-Zitaten würde dann irgendwann ein ganz neuer Shakespeare zusammengestellt. Qualität ist dann irgendwie anders gemeint, aber wer weiß das schon.

Viele mögen es also nicht mehr kennen, aber Schallplatten hören ist mehr als Musik hören. Es ist der Musik zuhören. Vom ersten bis zum letzten Ton. Zuerst das schmale, kurze Klicken, wenn die Nadel auf dem Vinyl aufsetzt, die darauffolgenden Sekunden leichtes Knistern, dann der erste Ton, die leichte Ungeduld, bis es endlich richtig losgeht. Die Vorfreude auf eine Tonfolge, ein gesungenes Wort, einen besonders schönen Satz.

Wenn man sich auf dem Sofa gemütlich eingerichtet hat und nicht alle fünf oder zehn Minuten aufstehen möchte, muss man sich einer Platte als Ganzes auszusetzen. Dem ganzen Werk mit allen Höhen und Tiefen und irgendwann jeden Ton kennen. Man kann unpässliche Passagen nicht einfach herausfiltern, ein Lied überspringen geht nur mühsam und vor allem, man kann nicht sortieren. Die Musik ist bereits sortiert und zwar so, wie sie gemeint ist.  Schallplatten hören ist wahnsinnig altmodisch und widerständig und noch ganz Poesie.

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 21

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Vielleicht kann man die Lust am Reisen in drei Aspekten erklären: Das Zurücklassen des Altbekannten, die Verheißung des Neuen und die Veränderung, die man unterwegs erfährt. Man ist nicht immer dieselbe Person. Es macht einen Unterschied, ob man zuhause in den eigenen vier Wänden sitzt oder vor dem Kölner Dom steht. Zuhause weiß man zumindest, wo die Toilette ist, dafür ist man vor dem Kölner Dom besser angezogen.

Das Reisen ist ein Glück für mich. Es muss auch gar nicht weit gehen. Mein Glück entsteht eher durch das Unterwegs-Sein an sich. Durch das Unstete, durch das, was nicht bleibt und das man auch nicht festhalten muss. Durch das Sehen und das flüchtige Gesehenwerden. Beobachtungen auf einer Zugfahrt:

Kaum nähern wir uns der Grenze zur Schweiz, verändern sich die Sitten. Es werden Zweifel-Chips gegessen. Eine Frau Ende fünfzig isst die Chips wie ein Kind. Sie „trinkt“ die letzten Krümel mit zurückgebeugtem Nacken aus der Tüte. Dann wischt sie sich den Mund ab und isst noch ein Zweites.

Eine zieht ihren Schuh aus und untersucht ihn ganz genau. Sie steckt ihre Hand hinein, macht die Innensohle gründlich sauber und schüttelt den imaginären Dreck auf den Boden. Danach steckt sie ihre Nase hinein, schnüffelt, und zieht ihn sichtlich zufrieden wieder an.

Eine Gruppe bestehend aus einer Frau und drei Männern steigt ein. Kaum sitzen sie, zücken sie ihre Smartphones und vertiefen sich in die Welt darin. Das ist nichts Neues. Eine weitere junge Frau setzt sich daneben. Sie thront mit der grazilen Haltung einer Balletteuse und der Verachtung für die Normalsterblichen auf dem Gesicht. Dann nimmt sie ein unfassbar dickes Buch aus der Tasche. Es ist breiter als ihr Handrücken und in der Bibliothek ausgeliehen. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Sie ist noch ganz am Anfang, Seite 10 vielleicht. Ob sie es schaffen wird?

Der Nachmittag ist heiß. Die Bahn hat keine Jalousien. Es ist unübersehbar, dass auch niemals welche vorgesehen waren. Zwei Frauen wissen aber, dass es bestimmt wieder diese Jungen waren, die sie heruntergerissen hätten. Bestimmt betrunken. „Die Jugend von heute.“ Eine sagt es wörtlich. Lange dachte ich, der Satz sei ausgestorben. Ich denke, dass ich nun etwas sagen sollte. Dann lasse ich es sein, weil ich es für sinnlos halte. Danach finde ich mich auch doof.

Ältere Frauen sind auch nicht besser. In einer Gruppe tauchen sie plötzlich aus dem Nichts auf, beschweren sich lautstark, dass ihre reservierten Plätze besetzt seien. Dann verteilen sie sich, essen Lachgummi, trinken Sekt, reden laut und lachen unvorteilhaft. Bei Männern in Gruppen würde man so etwas als normales Verhalten einstufen, bei Frauen wirkt es auf seltsame Weise unflätig. Solchen Einschätzungen sagen allerdings mehr über die beobachtende Person aus. Ich überlege, ob der Mensch in Gruppen ganz allgemein unerträglich wird und weshalb.

Apropos ältere Frauen: Die Schaffnerin dürfte gegen die sechzig sein. Sie trägt eine wirklich enorm große Minnie-Maus-Haarspange in ihrem langen blonden Haar. Ich überlege hin und her. Vertritt sie eine ironische Haltung sich selber gegenüber? Kokettiert sie mit dem Alter? Will sie jung oder jugendlich erscheinen? Konnte sie ihre Haarspange nicht finden und hat sich in der Eile einfach die ihrer Enkelin ins Haar gesteckt? Seltsam das alles…

Das Leben ist voller ungelöster Rätsel. Je näher etwas scheint, desto ferner ist es.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 20

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Diesen Sommer habe ich ja Fußball geschaut. WM. Und rasch auch gemerkt, dass mich nicht die Spiele an sich interessieren – wie noch in 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 18 behauptet – sondern explizit die der Schweizer Fußballmannschaft. Und das ist seltsam genug, da ich mir einbilde, keine besonderen Heimatgefühle zu hegen und relativ weltoffen zu sein. Weltoffen, das klingt auch gut, es klingt modern. Zuhause hocken nur die Hinterwäldler, so denkt man sich trotzig ab und zu, wenn man sich wieder schwer tut mir der fremden Sprache und nicht versteht, weshalb dies so und das andere fast gleich ist. Das Leben ist voll von Menschen, die tosend ausgezogen und gemildert wieder nach Hause gekommen sind.

Dieser Text hat also mit dem Thema Heimat zu tun und für mich mit dem seltsamen Umstand, dass ich erst eine habe, seit ich nicht mehr in der Schweiz wohne. Während ich diesen Sommer also Shaqiris Schweißperlen betrachtet, Inlers innige Schönheit beim Singen der Morgenröte bewundert und dabei tapfer in ein weiteres Stück Fertigpizza gebissen habe,  stellte sich mir ernsthaft die Frage, weshalb mich das alles eigentlich interessiert.

Denn, Heimat. Was ist das? Jedenfalls mehr als Berge, Cervelat, Toblerone-Schoggi und Chäs-Fondue, so denke ich mir. Mehr als die Kuhglocken, die alles Tun meiner Eltern einen Sommer lang begleiten, mehr als das Bimmeln des Dorfkirchleins zuverlässig abends um Sechs. Mehr als das Zwirbelbrot des Dorfbäckers, in das ich diesen Sommer wieder einmal beißen durfte. Mehr als die für Außenstehende schwer verständliche Sprache und die allseits so bewunderte direkte Demokratie. Mehr als das und alles zusammen.

Ich wohne ja seit einiger Zeit in den Niederlanden. Den Sommer über haben wir in einer vorübergehenden Bleibe in einer Wohnsiedlung zugebracht und eine der alten Frauen, die auf der anderen Seite des Parkplatzes in einem großen Wohnblock sinnierend durch die Tage geistert, hat irgendwann einmal an einem ganz normalen Tag wie diesem mit viel Mühe eine große Hollandfahne über den Balkon gehängt. Es war sichtlich ein Stück Arbeit für sie und hat sie mindestens zehn Minuten ihres Lebens beschäftigt gehalten. Weshalb tat sie das? War es ihr letzter Dienst an der Heimat? Was bedeutet diese Fahne für sie und weshalb müssen es alle anderen auch sehen?

Heimat und Nationalität muss man nämlich trennen. Ist es dasselbe, führt es nur zu Ärger. Heimat darf man persönlich nehmen, Nationalität nicht. Leute, die sich über ihre Nationalität definieren sind ein Übel und übellaunig begegnen sie all denen, die nicht so denken wie sie oder den falschen Pass haben. Heimat hat man, Nationalität hisst man.

Am 1. August wäre ich gerne mit meinen Eltern und Geschwistern zusammen gewesen. Als wir nämlich letztes Jahr das Feuerwerk in den Himmel sandten, war es wieder genau so wie früher, als wir noch Kinder waren. Und ich werde das freche Grinsen auf dem Gesicht meines älteren Bruders nicht vergessen, der die eine dicke Rakete in der Pose der Freiheitsstatue hielt mit einem Grinsen so breit, dass man das Grübchen sah. Er sah wieder aus wie der freche „Schnuderbueb“ der er einmal war. Heimat ist Familie oder die kurzen glücklichen Momente die zeigen, dass man eben doch zusammengehört, irgendwie.

Im Herbst habe ich immer Heimweh. Wenn ich Heimat denke, dann denke ich tatsächlich an Berge, Stille und an die gute Luft, die über den Dingen schwebt. Ich denke nicht an Menschen. Meine Freunde in der Schweiz wären auch dann meine Freunde, wenn sie nicht Schweizer wären. Mein Verhältnis zu ihnen definiert sich über andere Dinge. Meine Familie ist meine Familie, egal wo ich bin und das Schöne dabei ist, dass Familie auf ihre Art immer gleich bleibt. Es geschieht wenig tiefgreifend Veränderndes. Und vielleicht ist Heimat tatsächlich da, wo sich nichts verändert. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Viele niemals weg möchten und Einige sogar, dass alles genau so bleibt, wie es immer war.

Heimat ist vermutlich da, wo wir immer jung sind. Da, wo wir mit den Augen des Verflossenen betrachtet werden, da wo man noch nicht vergessen hat, dass wir unschuldige Kinder waren, irgendwann einmal. Da, wo wir eine Geschichte haben und immer auch ein Stück Vergangenheit sind.

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 19

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Letzthin liege ich morgens im Bett und schaue verschlafen aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade über den Häusern auf. Durch den türkisgrünen, leicht schimmernden Vorhang ist nur eine verzerrte Ahnung davon zu erkennen. Sie sieht aus wie ein schmaler Streifen Verheissung. Zwischen Bett und Fenster steht ein mehrarmiger Kerzenständer. Die Kerzen fehlen und es sind blosse Metallarme jetzt. Sie ragen in den türkisgrünen Himmel. Ein Lüftchen haucht ein leises „Guten Morgen“ durch die offene Balkontür und ich seufze und denke: Jetzt sieht es hier aus wie im Orient. Welch glücklicher Moment! Kann man schöner aufwachen? Nur, ich war noch überhaupt nie im Orient. Weshalb ergibt in meinem Kopf: Kerzenständer + schimmernder Vorhang + Sonnenaufgang über den Dächern = Orient?

Natürlich vom Film. Jeder weiss es. Jeder weiss, dass es im Orient so aussieht. Welcher Film spielt gar keine Rolle. Ich tippe auf diese Szene: CIA-Agentin mit ungelösten Liebesdingen wacht morgens in Istanbul auf. Wir Zuschauer im Point-of-view schauen mit ihr aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade auf, der Tag ist erst eine Vorahnung alt, aber wir alle wissen: Aha! Orient.

Wenn Hollywood uns nämlich nicht in gewissen Dingen auf die Sprünge helfen würde, wir kämen nicht mehr zurecht. So viel kann man wissen heute, soviel muss man wissen heute, so komplex und klein ist die Welt geworden. Andererseits wissen wir nicht mal wie komplex, weil Hollywood immer schon Orientierung geboten hat. Manchmal frage ich mich, wie es im Kopf meiner Urgrossmutter, die in ihrem ganzen Leben wohl nie im Kino war, ausgesehen haben mag. Sie muss jedenfalls ein ganz anderer Mensch gewesen sein.

Was uns die Filmindustrie nämlich nicht alles schon gelernt hat! Das Küssen, das Streiten, den Augenaufschlag, das Lebewohl-Sagen. Hollywood ist unser aller Lehrer und ein grosser Moralist. Hollywood weiss, was richtig ist und was falsch. Heerscharen von Angestellten führen uns tagtäglich vor, wie man aussieht und wie man sich verhält. Daraus folgt nicht nur, dass Menschen immer mehr wie gewisse Typen aussehen und in Gruppen eingeteilt werden können. (Niemand wird mehr bestreiten, dass es den Johnny-Depp-Typ gibt oder den Megan-Fox-Typ.) Daraus folgt auch ein vereinheitlichtes Denken und Vorstellen. Wir alle wissen, wie eine Leiche im Pool schwimmt, obwohl wir noch nie eine gesehen haben. Die Filmindustrie orientiert uns ausserdem über Dinge, die es gar nicht gibt. Oder wusste jemand vorher schon, wie die Tür eines Raumschiffes schliesst? Oder, wie ein turmhoher Gorilla brüllt? Stünde er plötzlich vor uns, dank Hollywood wären wir informiert.

Frauen lernen von der Pornoindustrie, wie man beim Sex richtig stöhnt, Männer, wie man es den Frauen richtig besorgt. Deshalb begreife ich nicht, wenn Leute immer wieder behaupten, dass man vom Film nicht auch das Töten lernen könne. Man müsste nochmal genauer darüber nachdenken, weshalb das Massenpublikum mit einem Weltuntergangsszenario nach dem anderen bedient wird. Die Filmindustrie trägt eine grosse Verantwortung, aber sie nimmt sie nicht wahr, weil es ja „nur“ Film ist. Aber das stimmt nicht.

Wir Heutigen sind auch eine Rekonstruktion des Konstruktes filmische Figur/filmische Narration. Oder weshalb benehmen sich Jugendliche wie Gangsta’s und sehen Mütter wie „Desperate Housewives“ aus? Ich finde es teilweise beängstigend, wie sehr ich in Filmbildern denke und trotzdem auch praktisch. Als ich zum ersten Mal nach New Mexico gereist bin, wusste ich bereits aus zahlreichen Roadmovies wie eine Tankstelle dort aussieht und wie ein Diner. Und voilà! So war es. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt genauso wie die Grenze zwischen Realität und Virtualität.

Das Reale scheint sich nämlich auf verschiedenen Ebenen aufzulösen und je ähnlicher wir den Filmfiguren werden, desto penetranter scheinen sie sich in unser Leben zu graben. Ich kann tagelang über Filme nachdenken, über die Figuren und weshalb sie so oder so gehandelt haben. Als ob es wirkliche Menschen wären, um die ich mich kümmern müsste und irgendwie ist es ja auch so. Die Verrückten aus „Mad Men“ verfolgten mich zeitweise geradezu. Don Draper’s rätselhaft egoistisch-verzweifeltes Verhalten besetzte mich im realen Leben ab und zu so, wie er seine Mitfiguren im Film besetzt und ich hasste ihn fast dafür.

Aber dann denke ich mir wieder, dass der Mensch sich doch immer schon an Bildern orientiert hat. Mein Kopf ist ein Filmstudio, aber wie glücklich schätze ich mich, wenn ich dafür im Orient aufwachen darf! Denn, wer weiss, vielleicht werde es ich niemals nach Istanbul schaffen. Dann wird dieses schmale Stück türkis-schimmernder Sonnenaufgang die einzige konkrete Erinnerung, die ich an den Orient habe, sein.

So, oder so ähnlich.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 18

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Ich wohne nun in den Niederlanden, was seltsamerweise zur Folge hat, dass ich mich plötzlich für Königin Máxima, Prinzessin von Oranien-Nassau, interessiere. Ich sehe Bilder von ihr im regionalen Käseblättchen und bin ganz gerührt. Sie sieht auch wirklich gut aus. Sie sieht sympathisch aus und natürlich. Sie sieht aus, als ob sie sich für mich oder einen anderen Irgendjemand interessieren könnte. Bilder der Königsfamilie wirken immer ein bisschen so, als ob sich niemand lange mit der Auswahl aufgehalten hätte. Frei nach dem Motto: Ist schon okay so. Keiner scheint Lust und Zeit für lange Fotosessions zu haben. Haare zerzaust, schräges Lächeln. Macht nichts. Sehr erfrischend, wirklich.

Máxima ist die Tochter eines argentinischen Politikers, dessen Karriere als Landwirtschaftsminister eng mit der argentinischen Militärdiktatur verknüpft ist. Das dürfte auch Máximas Fortkommen nicht geschadet haben, aber dafür kann sie ja nichts. Genauso wie Maria Putina, die in Den Haag lebende Tochter von Vladimir Putin, nichts für ihren Vater kann, und Leute, die fordern, sie müsse nun ausgewiesen werden, sind ja wohl ziemlich hohl. Solche Leute machen mir immer ein bisschen Angst. Es sind die Leute, die immer einen Sündenbock suchen und ihn, wenn sie ihn gefunden haben, durchs Dorf treiben bis er blutend am Boden liegt.

Gerade jetzt, nach dem schweren Unglück über der Ukraine, sieht man Máxima sehr oft in der Zeitung abgebildet. Auf einem Bild sitzt sie am Flughafen in Eindhoven und wartet auf die vielen Toten. Ich betrachte sie lange und begreife dann, wie wichtig solche Bilder für manche Niederländer sein dürften. Sie sitzt bescheiden, ganz in Schwarz mit einem für Monarchinnen obligatorischen Hütchen auf dem Kopf. Ihr blondes Haar hochgesteckt. Sie sitzt gefasst, nicht fassungslos. Sie sitzt nicht da und heult Rotz und Wasser, obwohl ihr danach zumute ist. Sie wischt sich dezent die Tränen weg und bewahrt Haltung. Das ist wichtig, denn der oberste Auftrag von Monarchen ist es, gleichzeitig Vorbild und Projektion zu sein. Sie bündeln die Gefühle und machen vor, wie man sich verhalten soll. In diesem Fall trauern, aber nicht verzweifeln. Deshalb ist es unverzeihlich, wenn in gewissen Königshäusern Intrige und Egoismus vorherrschen. Dort scheinen sie vergessen zu haben, wofür sie von den Steuerzahlern finanziert werden. Nämlich dafür, in jedem Fall Anstand und Haltung zu bewahren. Immer. Mit Monarchen ist es ein bisschen so wie mit Kinohelden. Sie sind zwar menschlich, aber nicht ganz. Ich sage nur: Blaues Blut.

Kinohelden müssen stark und übermenschlich sein. Sie müssen über sich selbst hinauswachsen, um uns und die Welt zu retten. Sie dürfen zwar Angst haben, aber sie müssen sie überwinden. Kinohelden haben keine Bedürfnisse. Man sieht sie niemals essen oder trinken. Das alles brauchen sie nicht. Sie sind nicht egoistisch, sie sind nur für uns da.

Helden müssen selbstlos sein. Monarchen auch. Máxima scheint das verstanden zu haben. Ich weiss nicht genau was es ist, aber sie gibt einem irgendetwas. Sie gehört eben allen, das ist das Los von Monarchen, Helden und Superstars.

Ist es nicht seltsam, dass man sich plötzlich für Dinge interessiert, die einem  sein gesamtes bisheriges Leben lang vollkommen egal waren? Wie kommt das?

Diesen Sommer habe ich nämlich ausserdem die Sache mit dem Fussball begriffen. Nicht nur weiss ich jetzt, was eine Abseitsfalle ist, ich weiss jetzt auch, welche Freude man an einem solchen Spiel empfinden kann und dass es tatsächlich unterhaltsam ist. In der Zwischenzeit wundere ich mich eher, dass mir das nicht früher aufgefallen ist: Rasche Bewegungen, schräge Schnitte, viel Torso und Gesicht in Close-up, Gefühle breiten sich auf Gesichtern aus, viel Slow-Motion verleiht dem Ganzen diese Wichtigkeit. Das ist doch exakt die cinematische Trickkiste, um im Zuschauerraum Emotionen zu erzeugen! Ausserdem weiss man bis zum Schluss nicht, wie es ausgehen wird. Fussball kann eigentlich gar nichts anderes als spannend sein.

Das Rätsel, weshalb ich gerade mit der Schweizer Mannschaft besonders mitgefiebert habe, muss ein anderes Mal gelöst werden. Erstmal hatten wir ein paar wirklich schöne Stunden. Fertigpizza, Bier und Cola vor der Kiste. Zufriedene Kinder, die Chips futtern und gespannt den Ball auf grünem Grund verfolgen. Es waren ein paar glückliche Abende, die Familie vor der Glotze vereint.

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 17

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Der Sommer steht vor der Tür. Die Philosophische Küche ist in die Niederlande umgezogen und bereits jetzt steht fest: Der Sommer in Holland, das ist nicht schön anzusehen. Mann und Frau kennen hier keine Hemmungen. Hühneraugen leuchten, Fusspilz wird zur Schau getragen, Wabbelbäuche wabbeln unter bauchfreien Shirts hervor, die Beine können noch so dick sein, HotPants sind nun mal Mode, da muss man durch. Cellulitis und Übergewicht muss einem hier nicht peinlich sein. Die Niederländer haben ein erstaunlich entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper. So entspannt, dass man es fast schon als respektlos bezeichnen muss.

Falls ich es richtig verstanden habe, macht in der Mode auch dieses Jahr Lady Gaga den Trend vor. Man sieht sehr viele bodenlange, durchsichtige Röcke unter denen ein Mini oder eine kurze Hose durchblitzt. Bei den einen spannt es ein bisschen mehr, bei den anderen weniger. Gerade etwas korpulentere Damen greifen gerne zu Netzleggins mit mehr oder weniger grossen Löchern und ich hatte gedacht, künstliche Fingernägel seien total out, aber so kann man sich täuschen.

Hinzu kommen diese engen geschlitzten Schlauchröcke überall und man habe sie durchaus Angelina Jolies Auftritt bei den Oscarverleihungen zu verdanken. Ich bin nun keine Modeexpertin, aber ich sehe folgendes Problem: Angelina Jolie ist perfekt und kann deshalb alles tragen. Sie hat Stil und wird deswegen immer das Richtige tragen. Lady Gaga dagegen ist eine Kunstfigur, die ihre Outfits als Kunst und Provokation versteht.  Angelina Jolie at Oscars past

Es gibt also keinen einzigen Grund, weshalb vrouw Stinknormal es den beiden Ikonen auf der Strasse nachmachen sollte.

Kurz und bös gesagt: Stilsicherheit ist nicht die Stärke der Niederländerin, die Selbstsicherheit mit der sie auftritt umso mehr. Nun, Augendeckel sind bekanntlich zum Schliessen der Augen da und trotzdem steht, noch bevor die Strände überfüllt, die Badeanzüge überquellen und der überhitzte Geist von Sonnencreme-Fritten-Vanilleis-Waben umwölkt ist, einmal mehr ein berühmtes philosophisches Bonmot glasklar vor Augen:

  „L’Enfer c‘est les autres.“Die Hölle, das sind die anderen. Immer wieder ein treffender Satz, um seinen Ekel vor seinen Mitmenschen auszudrücken. 

 

Der Vorteil solcher philosophischer Bonmots ist ja, sie sind kurz, schnittig, klingen gut, passen genau auf ein T-Shirt. Eignen sich sehr gut für die Abwandlung in allerhand Werbesprüche und vor allem, sie verleihen dem Anwender eine Aura des Wissens oder eine Art „Ecce homo!“ Der Nachteil: Sie sind selten so schnittig gemeint wie sie klingen. Und so muss auch wer Sarte zitiert, höllisch(!) aufpassen.

Denn, im Grunde ist Sartres Bonmot genau umgekehrt gedacht. Wenn ich schlecht über einen Mitmenschen denke, ist es nicht die Hölle für mich, ihn um mich zu haben, sondern für den anderen, weil ich ihm meine schlechten Vibes sende und diese ihm in Zukunft in sein Bewusstsein pfuschen. Wenn alle anderen mich für dumm halten, kann ich dieses Urteil nicht vollkommen ignorieren. Ich kann mir meine Meinung über mich selbst nicht losgelöst von allen anderen bilden und das liegt daran, dass ich keinen inneren Wesenskern habe, kein unverfügbares Ich. Wir betrachten uns selbst mit den Augen unserer Mitmenschen, wir ziehen unsere Rückschlüsse über uns und unser Handeln immer auch mit dem Urteil der anderen. Das erklärt vielleicht, weshalb erfolgreiche Menschen immer noch erfolgreicher werden und solche, die es nicht sind, immer noch mehr zu kämpfen haben. Positives verstärkt Positives, Negatives verstärkt Negatives. Oder wie sagt man so schön: Der Teufel scheisst immer auf denselben Haufen.

Wir Menschen haben keine festgelegte Natur, keine Essenz. Eine Art inneren Wesenskern oder ein An-Sich wie Sartre es nennt, gibt es nicht. Der Mensch ist vollkommen frei, aber er ist ins Für-Sich oder in die Existenz geworfen und gezwungen, darin zu verweilen. Er muss sein Leben selbst gestalten. Wir sind vollkommen frei, aber auch ständig der Freiheit des anderen ausgesetzt, der uns betrachten kann, gerade wie es ihm passt.

Wir sind Freiwild in freier Laufbahn. Das bedeutet viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren, denn das menschliche Miteinander, Sartre nennt es das Für-Andere-Sein, ist nach Sartre ganz und gar konfliktgeprägt, zwischenmenschliche Beziehungen höchst problematisch. Gut, eventuell hat Sartre auch zu rasch von sich auf andere geschlossen. Philosophisches Denken und überhaupt alles Denken ist bekanntlich kaum von der eigenen Person zu trennen und Sartre war, so liest man, kein einfacher Zeitgenosse. Die grosse elegante Simone de Beauvoir hatte jedenfalls ihr Kreuz mit ihm.

Wenn wir also unsere lieben Mitmenschen betrachten und denken, zur Hölle mit ihnen, ist Sartres Bonmot nicht das Passende und das verstanden zu haben, macht doch auch irgendwie glücklich. Mich jedenfalls. Glücklich ist bekanntlich nicht, wer alles weiss, sondern wer vieles versteht.

Überhaupt, vielleicht sollten wir mehr Nachsicht üben und uns mit Christian Morgenstern unserer Herzensgüte besinnen, denn: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

 

Italienische Einsichten

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Endlich. Es regt sich wieder Leben in der Philosophischen Küche!

Zwanzig Dinge, die ich in Italien gelernt habe:

1. Eine Frau stellt niemals ihre Handtasche auf den Boden.

2. Es ist unhöflich, einen Gast in Socken oder Hausschuhen zu empfangen. Man trägt im Haus auf jeden Fall Schuhe.

3. Man geht nur bei Sonnenschein nach draussen. Ist der Himmel grau, versucht man Aussenluft möglichst zu vermeiden.

4. Nur Spinner gehen bei Regen raus.

5. Man geht generell nicht zu Fuss. Man fährt mit dem Auto.

6. Man geht niemals, auch zuhause nicht, barfuss, denn der Boden ist der von einem selbst verschmutzte Feind. Barfuss geht man nur am Strand.

7. See oder Meer sind ständiger Sehnsuchtsort, aber nicht zum Schwimmen da. Man stellt sich allerhöchstens bis Mitte Oberschenkel ins Wasser.

8. Hundekacke geht immer und überall.

9. Man kann es schaffen, selbst bei übelstem Hundewetter am Abend fleckenlos und tiptop auszusehen.

10. Von Mai bis Oktober isst man jeden Tag ein Eis oder auch zwei.

11. Pizza geht jeden Tag, Pasta sowieso.

12. Ein Kaffee hält einen nicht mehr als dreissig Sekunden auf.

13. Ab 11 Uhr mittags trinkt man keinen Cappuccino mehr.

14. Kommt man fünfzehn Minuten zu spät, ist man immer noch viel zu früh.

15. Die erste Aufgabe eines Polizisten ist es, in seiner Uniform gut auszusehen. Schliesslich repräsentiert er die Staatsmacht.

16. Gut auszusehen und gut angezogen zu sein, ist die oberste Pflicht eines jeden italienischen Bürgers.

17. Kinder dürfen alles, solange sie sich dabei nicht schmutzig machen.

18. Hunde dürfen alles, solange sie sich dabei nicht schmutzig machen.

19. Selbst Dreijährige können richtig Spaghetti essen.

20. Es gibt keine untätowierten Körper mehr.

Über das Glück, Listen zu erstellen siehe: http://larapalara.wordpress.com/2013/07/09/99-grunde-glucklich-zu-sein-nr-12/