99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 19

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Letzthin liege ich morgens im Bett und schaue verschlafen aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade über den Häusern auf. Durch den türkisgrünen, leicht schimmernden Vorhang ist nur eine verzerrte Ahnung davon zu erkennen. Sie sieht aus wie ein schmaler Streifen Verheissung. Zwischen Bett und Fenster steht ein mehrarmiger Kerzenständer. Die Kerzen fehlen und es sind blosse Metallarme jetzt. Sie ragen in den türkisgrünen Himmel. Ein Lüftchen haucht ein leises „Guten Morgen“ durch die offene Balkontür und ich seufze und denke: Jetzt sieht es hier aus wie im Orient. Welch glücklicher Moment! Kann man schöner aufwachen? Nur, ich war noch überhaupt nie im Orient. Weshalb ergibt in meinem Kopf: Kerzenständer + schimmernder Vorhang + Sonnenaufgang über den Dächern = Orient?

Natürlich vom Film. Jeder weiss es. Jeder weiss, dass es im Orient so aussieht. Welcher Film spielt gar keine Rolle. Ich tippe auf diese Szene: CIA-Agentin mit ungelösten Liebesdingen wacht morgens in Istanbul auf. Wir Zuschauer im Point-of-view schauen mit ihr aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade auf, der Tag ist erst eine Vorahnung alt, aber wir alle wissen: Aha! Orient.

Wenn Hollywood uns nämlich nicht in gewissen Dingen auf die Sprünge helfen würde, wir kämen nicht mehr zurecht. So viel kann man wissen heute, soviel muss man wissen heute, so komplex und klein ist die Welt geworden. Andererseits wissen wir nicht mal wie komplex, weil Hollywood immer schon Orientierung geboten hat. Manchmal frage ich mich, wie es im Kopf meiner Urgrossmutter, die in ihrem ganzen Leben wohl nie im Kino war, ausgesehen haben mag. Sie muss jedenfalls ein ganz anderer Mensch gewesen sein.

Was uns die Filmindustrie nämlich nicht alles schon gelernt hat! Das Küssen, das Streiten, den Augenaufschlag, das Lebewohl-Sagen. Hollywood ist unser aller Lehrer und ein grosser Moralist. Hollywood weiss, was richtig ist und was falsch. Heerscharen von Angestellten führen uns tagtäglich vor, wie man aussieht und wie man sich verhält. Daraus folgt nicht nur, dass Menschen immer mehr wie gewisse Typen aussehen und in Gruppen eingeteilt werden können. (Niemand wird mehr bestreiten, dass es den Johnny-Depp-Typ gibt oder den Megan-Fox-Typ.) Daraus folgt auch ein vereinheitlichtes Denken und Vorstellen. Wir alle wissen, wie eine Leiche im Pool schwimmt, obwohl wir noch nie eine gesehen haben. Die Filmindustrie orientiert uns ausserdem über Dinge, die es gar nicht gibt. Oder wusste jemand vorher schon, wie die Tür eines Raumschiffes schliesst? Oder, wie ein turmhoher Gorilla brüllt? Stünde er plötzlich vor uns, dank Hollywood wären wir informiert.

Frauen lernen von der Pornoindustrie, wie man beim Sex richtig stöhnt, Männer, wie man es den Frauen richtig besorgt. Deshalb begreife ich nicht, wenn Leute immer wieder behaupten, dass man vom Film nicht auch das Töten lernen könne. Man müsste nochmal genauer darüber nachdenken, weshalb das Massenpublikum mit einem Weltuntergangsszenario nach dem anderen bedient wird. Die Filmindustrie trägt eine grosse Verantwortung, aber sie nimmt sie nicht wahr, weil es ja „nur“ Film ist. Aber das stimmt nicht.

Wir Heutigen sind auch eine Rekonstruktion des Konstruktes filmische Figur/filmische Narration. Oder weshalb benehmen sich Jugendliche wie Gangsta’s und sehen Mütter wie „Desperate Housewives“ aus? Ich finde es teilweise beängstigend, wie sehr ich in Filmbildern denke und trotzdem auch praktisch. Als ich zum ersten Mal nach New Mexico gereist bin, wusste ich bereits aus zahlreichen Roadmovies wie eine Tankstelle dort aussieht und wie ein Diner. Und voilà! So war es. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt genauso wie die Grenze zwischen Realität und Virtualität.

Das Reale scheint sich nämlich auf verschiedenen Ebenen aufzulösen und je ähnlicher wir den Filmfiguren werden, desto penetranter scheinen sie sich in unser Leben zu graben. Ich kann tagelang über Filme nachdenken, über die Figuren und weshalb sie so oder so gehandelt haben. Als ob es wirkliche Menschen wären, um die ich mich kümmern müsste und irgendwie ist es ja auch so. Die Verrückten aus „Mad Men“ verfolgten mich zeitweise geradezu. Don Draper’s rätselhaft egoistisch-verzweifeltes Verhalten besetzte mich im realen Leben ab und zu so, wie er seine Mitfiguren im Film besetzt und ich hasste ihn fast dafür.

Aber dann denke ich mir wieder, dass der Mensch sich doch immer schon an Bildern orientiert hat. Mein Kopf ist ein Filmstudio, aber wie glücklich schätze ich mich, wenn ich dafür im Orient aufwachen darf! Denn, wer weiss, vielleicht werde es ich niemals nach Istanbul schaffen. Dann wird dieses schmale Stück türkis-schimmernder Sonnenaufgang die einzige konkrete Erinnerung, die ich an den Orient habe, sein.

So, oder so ähnlich.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 18

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Ich wohne nun in den Niederlanden, was seltsamerweise zur Folge hat, dass ich mich plötzlich für Königin Máxima, Prinzessin von Oranien-Nassau, interessiere. Ich sehe Bilder von ihr im regionalen Käseblättchen und bin ganz gerührt. Sie sieht auch wirklich gut aus. Sie sieht sympathisch aus und natürlich. Sie sieht aus, als ob sie sich für mich oder einen anderen Irgendjemand interessieren könnte. Bilder der Königsfamilie wirken immer ein bisschen so, als ob sich niemand lange mit der Auswahl aufgehalten hätte. Frei nach dem Motto: Ist schon okay so. Keiner scheint Lust und Zeit für lange Fotosessions zu haben. Haare zerzaust, schräges Lächeln. Macht nichts. Sehr erfrischend, wirklich.

Máxima ist die Tochter eines argentinischen Politikers, dessen Karriere als Landwirtschaftsminister eng mit der argentinischen Militärdiktatur verknüpft ist. Das dürfte auch Máximas Fortkommen nicht geschadet haben, aber dafür kann sie ja nichts. Genauso wie Maria Putina, die in Den Haag lebende Tochter von Vladimir Putin, nichts für ihren Vater kann, und Leute, die fordern, sie müsse nun ausgewiesen werden, sind ja wohl ziemlich hohl. Solche Leute machen mir immer ein bisschen Angst. Es sind die Leute, die immer einen Sündenbock suchen und ihn, wenn sie ihn gefunden haben, durchs Dorf treiben bis er blutend am Boden liegt.

Gerade jetzt, nach dem schweren Unglück über der Ukraine, sieht man Máxima sehr oft in der Zeitung abgebildet. Auf einem Bild sitzt sie am Flughafen in Eindhoven und wartet auf die vielen Toten. Ich betrachte sie lange und begreife dann, wie wichtig solche Bilder für manche Niederländer sein dürften. Sie sitzt bescheiden, ganz in Schwarz mit einem für Monarchinnen obligatorischen Hütchen auf dem Kopf. Ihr blondes Haar hochgesteckt. Sie sitzt gefasst, nicht fassungslos. Sie sitzt nicht da und heult Rotz und Wasser, obwohl ihr danach zumute ist. Sie wischt sich dezent die Tränen weg und bewahrt Haltung. Das ist wichtig, denn der oberste Auftrag von Monarchen ist es, gleichzeitig Vorbild und Projektion zu sein. Sie bündeln die Gefühle und machen vor, wie man sich verhalten soll. In diesem Fall trauern, aber nicht verzweifeln. Deshalb ist es unverzeihlich, wenn in gewissen Königshäusern Intrige und Egoismus vorherrschen. Dort scheinen sie vergessen zu haben, wofür sie von den Steuerzahlern finanziert werden. Nämlich dafür, in jedem Fall Anstand und Haltung zu bewahren. Immer. Mit Monarchen ist es ein bisschen so wie mit Kinohelden. Sie sind zwar menschlich, aber nicht ganz. Ich sage nur: Blaues Blut.

Kinohelden müssen stark und übermenschlich sein. Sie müssen über sich selbst hinauswachsen, um uns und die Welt zu retten. Sie dürfen zwar Angst haben, aber sie müssen sie überwinden. Kinohelden haben keine Bedürfnisse. Man sieht sie niemals essen oder trinken. Das alles brauchen sie nicht. Sie sind nicht egoistisch, sie sind nur für uns da.

Helden müssen selbstlos sein. Monarchen auch. Máxima scheint das verstanden zu haben. Ich weiss nicht genau was es ist, aber sie gibt einem irgendetwas. Sie gehört eben allen, das ist das Los von Monarchen, Helden und Superstars.

Ist es nicht seltsam, dass man sich plötzlich für Dinge interessiert, die einem  sein gesamtes bisheriges Leben lang vollkommen egal waren? Wie kommt das?

Diesen Sommer habe ich nämlich ausserdem die Sache mit dem Fussball begriffen. Nicht nur weiss ich jetzt, was eine Abseitsfalle ist, ich weiss jetzt auch, welche Freude man an einem solchen Spiel empfinden kann und dass es tatsächlich unterhaltsam ist. In der Zwischenzeit wundere ich mich eher, dass mir das nicht früher aufgefallen ist: Rasche Bewegungen, schräge Schnitte, viel Torso und Gesicht in Close-up, Gefühle breiten sich auf Gesichtern aus, viel Slow-Motion verleiht dem Ganzen diese Wichtigkeit. Das ist doch exakt die cinematische Trickkiste, um im Zuschauerraum Emotionen zu erzeugen! Ausserdem weiss man bis zum Schluss nicht, wie es ausgehen wird. Fussball kann eigentlich gar nichts anderes als spannend sein.

Das Rätsel, weshalb ich gerade mit der Schweizer Mannschaft besonders mitgefiebert habe, muss ein anderes Mal gelöst werden. Erstmal hatten wir ein paar wirklich schöne Stunden. Fertigpizza, Bier und Cola vor der Kiste. Zufriedene Kinder, die Chips futtern und gespannt den Ball auf grünem Grund verfolgen. Es waren ein paar glückliche Abende, die Familie vor der Glotze vereint.

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 17

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Der Sommer steht vor der Tür. Die Philosophische Küche ist in die Niederlande umgezogen und bereits jetzt steht fest: Der Sommer in Holland, das ist nicht schön anzusehen. Mann und Frau kennen hier keine Hemmungen. Hühneraugen leuchten, Fusspilz wird zur Schau getragen, Wabbelbäuche wabbeln unter bauchfreien Shirts hervor, die Beine können noch so dick sein, HotPants sind nun mal Mode, da muss man durch. Cellulitis und Übergewicht muss einem hier nicht peinlich sein. Die Niederländer haben ein erstaunlich entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper. So entspannt, dass man es fast schon als respektlos bezeichnen muss.

Falls ich es richtig verstanden habe, macht in der Mode auch dieses Jahr Lady Gaga den Trend vor. Man sieht sehr viele bodenlange, durchsichtige Röcke unter denen ein Mini oder eine kurze Hose durchblitzt. Bei den einen spannt es ein bisschen mehr, bei den anderen weniger. Gerade etwas korpulentere Damen greifen gerne zu Netzleggins mit mehr oder weniger grossen Löchern und ich hatte gedacht, künstliche Fingernägel seien total out, aber so kann man sich täuschen.

Hinzu kommen diese engen geschlitzten Schlauchröcke überall und man habe sie durchaus Angelina Jolies Auftritt bei den Oscarverleihungen zu verdanken. Ich bin nun keine Modeexpertin, aber ich sehe folgendes Problem: Angelina Jolie ist perfekt und kann deshalb alles tragen. Sie hat Stil und wird deswegen immer das Richtige tragen. Lady Gaga dagegen ist eine Kunstfigur, die ihre Outfits als Kunst und Provokation versteht.  Angelina Jolie at Oscars past

Es gibt also keinen einzigen Grund, weshalb vrouw Stinknormal es den beiden Ikonen auf der Strasse nachmachen sollte.

Kurz und bös gesagt: Stilsicherheit ist nicht die Stärke der Niederländerin, die Selbstsicherheit mit der sie auftritt umso mehr. Nun, Augendeckel sind bekanntlich zum Schliessen der Augen da und trotzdem steht, noch bevor die Strände überfüllt, die Badeanzüge überquellen und der überhitzte Geist von Sonnencreme-Fritten-Vanilleis-Waben umwölkt ist, einmal mehr ein berühmtes philosophisches Bonmot glasklar vor Augen:

  „L’Enfer c‘est les autres.“Die Hölle, das sind die anderen. Immer wieder ein treffender Satz, um seinen Ekel vor seinen Mitmenschen auszudrücken. 

 

Der Vorteil solcher philosophischer Bonmots ist ja, sie sind kurz, schnittig, klingen gut, passen genau auf ein T-Shirt. Eignen sich sehr gut für die Abwandlung in allerhand Werbesprüche und vor allem, sie verleihen dem Anwender eine Aura des Wissens oder eine Art „Ecce homo!“ Der Nachteil: Sie sind selten so schnittig gemeint wie sie klingen. Und so muss auch wer Sarte zitiert, höllisch(!) aufpassen.

Denn, im Grunde ist Sartres Bonmot genau umgekehrt gedacht. Wenn ich schlecht über einen Mitmenschen denke, ist es nicht die Hölle für mich, ihn um mich zu haben, sondern für den anderen, weil ich ihm meine schlechten Vibes sende und diese ihm in Zukunft in sein Bewusstsein pfuschen. Wenn alle anderen mich für dumm halten, kann ich dieses Urteil nicht vollkommen ignorieren. Ich kann mir meine Meinung über mich selbst nicht losgelöst von allen anderen bilden und das liegt daran, dass ich keinen inneren Wesenskern habe, kein unverfügbares Ich. Wir betrachten uns selbst mit den Augen unserer Mitmenschen, wir ziehen unsere Rückschlüsse über uns und unser Handeln immer auch mit dem Urteil der anderen. Das erklärt vielleicht, weshalb erfolgreiche Menschen immer noch erfolgreicher werden und solche, die es nicht sind, immer noch mehr zu kämpfen haben. Positives verstärkt Positives, Negatives verstärkt Negatives. Oder wie sagt man so schön: Der Teufel scheisst immer auf denselben Haufen.

Wir Menschen haben keine festgelegte Natur, keine Essenz. Eine Art inneren Wesenskern oder ein An-Sich wie Sartre es nennt, gibt es nicht. Der Mensch ist vollkommen frei, aber er ist ins Für-Sich oder in die Existenz geworfen und gezwungen, darin zu verweilen. Er muss sein Leben selbst gestalten. Wir sind vollkommen frei, aber auch ständig der Freiheit des anderen ausgesetzt, der uns betrachten kann, gerade wie es ihm passt.

Wir sind Freiwild in freier Laufbahn. Das bedeutet viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren, denn das menschliche Miteinander, Sartre nennt es das Für-Andere-Sein, ist nach Sartre ganz und gar konfliktgeprägt, zwischenmenschliche Beziehungen höchst problematisch. Gut, eventuell hat Sartre auch zu rasch von sich auf andere geschlossen. Philosophisches Denken und überhaupt alles Denken ist bekanntlich kaum von der eigenen Person zu trennen und Sartre war, so liest man, kein einfacher Zeitgenosse. Die grosse elegante Simone de Beauvoir hatte jedenfalls ihr Kreuz mit ihm.

Wenn wir also unsere lieben Mitmenschen betrachten und denken, zur Hölle mit ihnen, ist Sartres Bonmot nicht das Passende und das verstanden zu haben, macht doch auch irgendwie glücklich. Mich jedenfalls. Glücklich ist bekanntlich nicht, wer alles weiss, sondern wer vieles versteht.

Überhaupt, vielleicht sollten wir mehr Nachsicht üben und uns mit Christian Morgenstern unserer Herzensgüte besinnen, denn: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

 

Italienische Einsichten

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Endlich. Es regt sich wieder Leben in der Philosophischen Küche!

Zwanzig Dinge, die ich in Italien gelernt habe:

1. Eine Frau stellt niemals ihre Handtasche auf den Boden.

2. Es ist unhöflich, einen Gast in Socken oder Hausschuhen zu empfangen. Man trägt im Haus auf jeden Fall Schuhe.

3. Man geht nur bei Sonnenschein nach draussen. Ist der Himmel grau, versucht man Aussenluft möglichst zu vermeiden.

4. Nur Spinner gehen bei Regen raus.

5. Man geht generell nicht zu Fuss. Man fährt mit dem Auto.

6. Man geht niemals, auch zuhause nicht, barfuss, denn der Boden ist der von einem selbst verschmutzte Feind. Barfuss geht man nur am Strand.

7. See oder Meer sind ständiger Sehnsuchtsort, aber nicht zum Schwimmen da. Man stellt sich allerhöchstens bis Mitte Oberschenkel ins Wasser.

8. Hundekacke geht immer und überall.

9. Man kann es schaffen, selbst bei übelstem Hundewetter am Abend fleckenlos und tiptop auszusehen.

10. Von Mai bis Oktober isst man jeden Tag ein Eis oder auch zwei.

11. Pizza geht jeden Tag, Pasta sowieso.

12. Ein Kaffee hält einen nicht mehr als dreissig Sekunden auf.

13. Ab 11 Uhr mittags trinkt man keinen Cappuccino mehr.

14. Kommt man fünfzehn Minuten zu spät, ist man immer noch viel zu früh.

15. Die erste Aufgabe eines Polizisten ist es, in seiner Uniform gut auszusehen. Schliesslich repräsentiert er die Staatsmacht.

16. Gut auszusehen und gut angezogen zu sein, ist die oberste Pflicht eines jeden italienischen Bürgers.

17. Kinder dürfen alles, solange sie sich dabei nicht schmutzig machen.

18. Hunde dürfen alles, solange sie sich dabei nicht schmutzig machen.

19. Selbst Dreijährige können richtig Spaghetti essen.

20. Es gibt keine untätowierten Körper mehr.

Über das Glück, Listen zu erstellen siehe: http://larapalara.wordpress.com/2013/07/09/99-grunde-glucklich-zu-sein-nr-12/

 

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 16

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Ich habe eine Seelenverwandte, die wohnt jetzt im neunten Himmel in Paris. Hoch über den Schornsteinen sitzt sie am Küchenfenster, schaut auf die Dächer, schaut auf die Schiffe, schaut auf die Tauben. Schaut sich die Wolken an, die vorbeischweben wie die altmodischen Pferde eines Wattekarussells. Fast hört sie es quietschen, fast kann sie sie berühren. Wo sind sie festgemacht? Es ist ein Glück, hier so nahe den Sternen zu wohnen. Ja, auch ich wohne da ein bisschen. In Gedanken. In vielen Gedanken. In staubkorngrossen Einheiten schwebe ich glücklich durch die Räume und stelle mir alles vor.

Sie schlürft heissen Tee aus ihrer Lieblingstasse. Ihre feinen Hände umfassen die schön geschwungene Keramik. Der Tee duftet süss nach Fremde, nach einer anderen Fremde als der ihren. Denn, noch ist sie neu hier im neunten Himmel in Paris. Noch bewegt sie sich mit dem Staunen einer Unbekannten. Noch geniesst sie die Unerreichbarkeit der Namenlosen.

Den Tee hat sie gestern beim Inder gekauft und noch ein paar Blumen dazu. Aus einem Gefühl heraus. Sie weiss nicht, was sie von Schnittblumen halten soll. Ist sie dafür zu erwachsen oder noch nicht erwachsen genug? Doch ich stelle mir vor, die Blumen duften herrlich und auch sie selbst, meine Seelenverwandte, verströmt den Duft eines glücklichen Menschen. Sie führt ein gutes Leben. Ein Leben ganz bei sich.

Ihre langen, braunen Haare sind lose zusammengebunden, gerade eben so, damit sie ihr nicht ins Gesicht fallen und sie beim Arbeiten stören, beim Denken. Ihre Finger spielen mit ihren Haaren, verfangen sich darin. Es ist ihre Art, Gedanken zu sammeln, zu sortieren, wieder loszulassen. Es ist ihre Art, Worte zu finden. Die Worte, die sie zum Leben braucht. Am Ende des Tages sehen ihre Haare aus, wie ein grosses Buchstabengewirr. Sie pflückt die passenden Worte heraus. Ihre Haare sind ganz aus Sprache gemacht.

Wenn sie ihre Arbeit beendet hat, wird sie einen Spaziergang machen. Sie wird ihren schwarzen Mantel anziehen und den Kragen hochschlagen. Sie wird dann aussehen, wie ein Geheimnis. Sie mag gerne unsichtbar sein. Sie beobachtet. Aus ihr wäre eine gute Detektivin geworden.

Sie wird über den Bücherflohmarkt schlendern, ihre Augen werden Titel absuchen, französische Titel. In dieser Sprache denkt sie nun aber noch ist es nicht sicher, ob sie schon darin wohnt. Sie wird einen Schatz entdecken. Nur einen, aber einen besonders wertvollen. Ihre Hände werden über den abgegriffenen Einband streichen und sie wird sich auch diesmal fragen, wie das Buch hierher gekommen ist, zu all den anderen Büchern auf diesen altersschwachen Tisch des sonnigen Nachmittages.

Dann wird sie sich in den Park setzen. Sie wird alten Männern beim Schweigen zuschauen, müde Mütter sehen, noch immer rüstige Frauen plaudern hören. Kindergeschrei von der nahen Schaukel. Sie wird sich die Sonne auf die Augenlider scheinen lassen, so lange, bis rote und lila Punkte tanzen und sie leicht schwindlig machen. Sie wird in ihrer Tasche nach dem Buch kramen, das sie mitgebracht hat. Jetzt liest sie wieder Camus. Camus kann man immer lesen. Camus ist immer wieder schön. Der erste Mensch, vor allem.

Wenn die Sonne hinter den Schornsteinen verschwunden ist, wird sie aufstehen und sich langsam auf den Weg nach Hause machen. In Gedanken versunken wird sie die Strasse überqueren, sie wird den Obsthändler an der Ecke grüssen, der auch ihr Nachbar ist. Sie wird träumend den Weg nach Hause finden. Sie wird in den neunten Himmel hinaufsteigen, der jetzt ihr Zuhause ist. Im neunten Himmel nämlich scheint noch immer die Sonne. Sie wird ihr beim Untergehen zuschauen und auf ihren Liebsten warten. Wenn er nach Hause kommt, wird er es wieder fast nicht aushalten können, dass sie so schön ist. Immer schmerzt es ihn, das vor Glück hüpfende Herz.

Die Sonne versinkt zögernd im Dunst der Stadt. Die Dämmerung zieht herauf. Der neunte Himmel ist jetzt beleuchtet. Er scheint in die Dunkelheit hinaus.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 15

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Endlich Dezember. Ein paar Kerzentropfen noch, dann ist Weihnachten. Der November, das war mir vielleicht einer. Durchzogen von einem Infekt, der trotz meiner liebevollen Bebrütung nie so richtig aus dem Ei schlüpfen wollte, angereichert mit einer Art seelischem Wackelkontakt. Nennen wir´s eine Brise Novemberdepression. Dass sich diese Verstimmung auch bei schönster italienischer Septembersonne und allerhöchstens Oktobertemperaturen ausbilden konnte, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass sich meine empfindsame, moderne Seele nicht etwa nach Temperaturschwankungen und Wetterlage orientiert, sondern sich nach dem Heiligen gregorianischen Kalender richtet. Bedenklich, irgendwie.

Im November, so sagt man, sind die Wände zum Reich der Toten dünner. Die Toten belauschen uns während wir versuchen, weiter zu machen wie bisher. Im November besucht man die Toten auf ihren Gräbern in der Hoffnung, dass sie einen dann nicht selbst besuchen, sondern da bleiben, wo sie hingehören. IN den Gräbern. Im November schleicht der Tod um die Häuser und da ist es ja auch kein Wunder, wenn man nachts wachliegt, weil man die tränenverschleierten Augen nicht schliessen kann und man von Wahnvorstellungen über das drohende Unglück heimgesucht wird.

Seit einiger Zeit kommt der Tod auch so wieder in Mode. Der Markt hat sich für den Tod geöffnet. Man möchte ihn nun ins Leben integrieren (um daraus Kapital zu schlagen?). Ratgeber und Experten wissen, man muss den Tod als Teil des Lebens betrachten. Es heisst nun, um ein gutes Leben zu führen, müsse man den Tod annehmen, ihn verstehen. Dabei ist der Tod doch gerade das Unverstehbare, Unfassbare, das Unsagbare. Auch ich bin der Meinung, dass ein gelingendes Leben ein endliches ist. Aber, den Tod annehmen heisst vielleicht gerade, ihn nicht verstehen zu wollen. Als Gegenwartspessimistin sehe in der Vorstellung, der Tod müsse verstanden sein, nur ein weiteres Zeichen für den Beherrschbarkeitswahn des 21. Jahrhunderts. Denn auch an der Unendlichkeit des Lebens wird kräftig gearbeitet. Und vielleicht hat das alles mehr miteinander zu tun als es scheint.

Nun aber, da der November sich in seiner transzendentalen Funktion enthüllt hat, der Dezember eine goldene Schleife um unsere irrationalen Ängste bindet und wir, eingetaucht in vorweihnachtlichen Kerzenschimmer und Lebkuchenduft kaum mehr Zeit zum klaren Denken finden, ist es Zeit, sich wieder einmal dem Glück zu widmen.

Denn das Glück ist mir widerfahren, eines Abends im November. Da nämlich zeigte der besagte Infekt Erbarmen mit meinem lauernden Körper und ich durfte mich endlich mit klappernden Zähnen und Gliederschmerzen ins Bett legen. Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Bett und da geschah es, dass ich das Glück der Katharsis erleben durfte.

„Katharsis“ ist ein Begriff aus der antiken Theaterwalt. Aristoteles bezeichnete damit einen Reinigungseffekt, der im Zuschauer durch die künstlerische Präsentation einer Tragödie hervorgerufen wird. Furcht und Mitleid sollten auf den Zuschauer so erschütternd wirken, dass sich sein psychischer Zustand veränderte. Der Zuschauer sollte geläutert aus dem Theatron stolpern um fortan ein anderer, ein besserer Mensch zu sein. Empfindsame Menschen dürften solches auch schon im Kino erlebt haben, wenn sich nämlich die Kamera, durch das allzu distanzlose und emotionale Zeigen, die Gefühle des Zuschauers aneignet.

Nicht zu verwechseln ist die Katharsis mit der Epiphania. Bei der Epiphania handelt es ich um eine stark vertikal ausgerichtete Fahrt gen Himmel, welche nur durch starkes Beten und Enthaltsamkeit erfahren wird. Das Wunder der Katharsis kann bereits ein Tag Unpässlichkeit im Bett bewirken. Denn plötzlich, nach einigen Stunden der Selbstbemitleidung, fühle ich mich geläutert und geklärt und beschliesse, von nun an glücklich zu sein, ein gutes Leben zu führen und vor allem weiter zuversichtlich Glücksgründe zu sammeln. Was ein gutes Leben ist, dazu komme ich beim nächsten Mal.

 

Integration und Ausschluss

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Der erste Schritt zur Integration ist der Spracherwerb. Als schlecht integrierte Ausländerin in Italien kann ich ein Lied davon singen, wie wichtig es ist, sich ausdrücken zu können, formulieren zu können, ohne Angst auf die einheimischen Leute zugehen zu können. Aber es reicht bei weitem nicht aus, zweimal die Woche einen Sprachkurs zu besuchen. Dann kann man die Sprache zwar theoretisch aber reden will trotzdem niemand mit einem, weil man schon nach zwei Sätzen rumstottert, nach Worten sucht und die Geduld des Gegenübers strapaziert. Nein, um integriert zu sein, muss man am sozialen Leben teilhaben, muss man mitmachen. Integration braucht Toleranz und Interesse auch seitens der einheimischen Bevölkerung. Wenn sich niemand für dich interessiert, weil du Ausländerin bist, niemand mit dir redet, weil du eine Fremde bist, dann lernst du weder die Sprache noch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten vor Ort.

In Bremgarten, einer kleinen Stadt in der schönen Schweiz, soll nun eine Unterkunft für 150 Asylsuchende eröffnet werden. In Angst und Schrecken versetzt, bibbert die Bevölkerung der Ankunft der Fremden entgegen. Um deren Ängste zu mildern, hat die Gemeinde nun asylbewerberfreie Zonen geschaffen. Sage und schreibe 32 Zonen wurden geschaffen, in denen sich Asylbewerber nicht aufhalten dürfen, beispielsweise im Freibad, das geht gar nicht. Anscheinend haben nicht wenige BremgartnerInnen Angst, dass ihnen ein fieser Ausländer ihren fetten Schwabbelbauch wegschauen, den Kindern Drogen verkaufen oder den letzten Cervelat vom Grill klauen könnte.

Als Schweizerin möchte ich vor Scham im Boden versinken. Wer Mitmenschen vom eigenen Leben vollkommen ausschliesst, wegschliesst, sagt damit nicht nur „Ich will dich hier nicht haben.“ oder „Ich traue dir nicht über den Weg.“ sondern „Du existierst nicht für mich. Ich will dir niemals begegnen. Ich will dich NICHT EINMAL ANSCHAUEN.“ . Ich bin mir sicher in Bremgarten wird jeder Hund besser behandelt.

Es gibt verschiedene Formen der Anerkennung, verschiedene Anerkennungstheorien. Anerkennung kann Liebe heissen, Respekt oder Solidarität, je nachdem, in welcher Beziehung wir zum anderen stehen. Und auch angeschaut werden, ist eine Form von Anerkennung. Anerkennung heisst Anschauen. Nicht angeschaut zu werden, ist eine der grössten Demütigungen überhaupt. Um selbstbewusst zu leben, muss man als Teil einer sozialen Welt wahrgenommen werden. Anerkennung zu erfahren ist ein wesentlicher Grundstein für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins. Man muss davon ausgehen, dass die BremgartnerInnen in ihrem Leben wenig Anerkennung erfahren haben. Nur so lässt sich ihr Verhalten erklären.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen fehlender Anerkennung und Gewalt. Wer auf die Dauer von seiner Umwelt keine Anerkennung erfährt, keinen Respekt, keine Solidarität wird aggressiv, entweder gegen sich selbst oder gegen andere. Der Mangel an Anerkennung zerstört den Menschen. Niemand kann ohne Anerkennung leben.

Und das bringt mich darauf, dass das Ganze ja System hat. Wir haben es hier mit einem reziproken Verhältnis zu tun. Ausschluss führt zu Gewalt und Gewalt führt zu Ausschluss. So sind nicht nur zwei Phänomene auf einen Schlag erklärt, so ist auch ein niemals endendes Problem geschaffen. Und ach, über nichts lässt sich schöner schimpfen als über die aggressiven Ausländer, diese  „Fuula Siecha wo nöd amol tütsch chönd!“

Ich habe mich schon oft für die Schweiz geschämt und diesmal noch viel mehr. Ich wünsche allen, die das in Ordnung finden, dass ihnen mal jemand so richtig den Hosenboden versohlt. Und an dieser Stelle soll in der philosophischen Küche gleich noch ein alter Ohrwurm aufgelegt werden:

http://www.youtube.com/watch?v=kyJUzkyVRmc