99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 10

•October 29, 2012 • 2 Comments

Immer wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe, ist es wieder ganz schön spät geworden. Immer habe ich wieder zu viel Zeit zwischen den Regalen verschwendet. Zu viele Dinge hin- und her gedreht, gewendet, wieder zurückgelegt, dies beschaut und jenes. Ich bin ein typisches Opfer der hypermodernen Konsumwelt. Gemütlich ist das nicht. Allerdings ist mein Eindruck von norditalienischen Supermärkten, dass sie wenig spannende Sachen verkaufen, dafür viel vom gleichen. Tausend Sorten Pelati, tausend Sorten helles Brot und ich schwöre, das Regal mit den tausend Sorten Biscotti ist zehn Meter lang, dafür hat sich noch nie ein Korianderblättchen in die Regale verirrt. Die Italiener sind zu Recht stolz auf ihre Küche, aber muss man deshalb immer italienisch essen? Darf´s nicht auch mal asiatisch sein oder mexikanisch? Nein, darf es nicht.

Nun, an diesem Tag stehe ich also an der Kasse und habe es – wie bereits erwähnt – wahnsinnig eilig. Mit durchdringendem Blick verfolge ich jede Bewegung der Kassiererin, in der Hoffnung, dass sich ihre Hände magisch beschleunigten. Aber nichts wird flotter und eines muss man dazu sagen: An der Kasse hat der Italiener an sich immer noch Zeit für ein Schwätzchen. Probleme in Liebes- oder Gesundheitsbelangen werden mit Vorliebe über das Laufband hinweg ausgetauscht. Vor mir wartet ein älterer Herr in einem elektronischen Rollstuhl. Langsam legt er seine Sachen aufs Band. Brot, Schinken, Käse, Kaffee, Milch, Bananen, Kekse. Seine Bewegungen sind sehr präzise und das müssen sie auch sein, denn, wenn ihm was runterfällt, hat er ein Problem.

Die Sachen rollen langsam auf die Kassiererin zu, werden an ihr vorbeigezogen, er nimmt sie wieder und legt sie vor sich in einen Korb, wahrscheinlich. Ich kann es nicht erkennen, denn meine geringe Körpergrösse versperrt mir einmal mehr den besten Blick auf die Geschehnisse. Die ganze Zeit überlege ich schon hin und her, ob ich ihm meine Hilfe anbieten sollte. Ich habe von mir selbst die Vorstellung, ein relativ hilfsbereiter Mensch zu sein. Das mag noch nicht viel heissen, nur, dass ich nicht total ignorant bin und anderen auch gerne mal einen Gefallen tue. Böse Zungen behaupten, ich könnte dafür selber keine Hilfe annehmen, und das ist ein ganz schlechter Zug an mir. Denn, wo kämen wir hin, wenn alle so wären wir ich? Wenn niemand mehr die Hilfe annehmen würde, die ich doch so gerne anbiete?

Der Mann im Rollstuhl kommt aber offensichtlich sehr gut alleine zurecht. Er hat keinerlei Schwierigkeiten, die Sachen vom Band zu nehmen, das Portemonnaie aus der Hosentasche zu fischen. Er kommt gut alleine zurecht, aber er braucht halt etwas länger. Deshalb beschliesse ich, dass die grösste Hilfe wahrscheinlich die ist, höflich zu warten und eine total gelassene Aura auszustrahlen. Was ist schon Zeit.

Trotzdem wurmt es mich. Ich hätte ihm wahnsinnig gerne geholfen. Beim Einpacken seiner Sachen zum Beispiel. Aber, weil ich von hinten nicht an die Sachen rangekommen wäre, hätte ich mich mühsam an ihm durch den engen Gang vorbeizwängen müssen. Womöglich hätte ich ihn anrempeln müssen, ihn zur Seite drängen. Machen Sie mal Platz da! Es hätte wohl etwas übereifrig gewirkt.

Am selben Tag, abends, bin ich mit einer Bekannten unterwegs. Nach zweieinhalb Bier lasse ich mich gerne von ihr nach Hause kutschieren. Doch, siehe da! Das Auto springt nicht an. Den ganzen Abend über der Blinker an und jetzt ist die Batterie alle. Auf dem Parkplatz lungern mehrere Gruppen von Menschen rum. Wir fragen bei allen nach, ob sie wohl ein Überbrückungskabel hätten. Nein, leider nicht! Schliesslich finden wir doch noch zwei rettende Seelen. Um überbrücken zu können, muss das Auto aber erst mal aus der engen Parklücke geschoben werden. Die Bekannte setzt sich ans Steuer, während ich das Auto, und es ist durchaus kein Kleines, aus der Parklücke schiebe, alleine, und es ist offensichtlich nicht ganz einfach. Man könnte nun in Versuchung kommen, zu denken, dass mindestens ein Mann herbeieilte, um mit anzupacken. Aber nein, nicht einer einzigen Person fällt es ein, Hilfe anzubieten.

Vielleicht hätten sie mir wahnsinnig gerne ihre Hilfe angeboten, wussten aber nicht wie, irgendwie. Ich kam ja auch – ächzend zwar – ganz gut alleine zurecht. Vielleicht wollten sie nicht übereifrig wirken.

Mit der Hilfeleistung ist es anscheinend so eine Sache. Noch ist nicht geklärt wer, aber irgendwer, hat anscheinend etwas falsch verstanden. Entweder darf eine emanzipierte Frau einfach keine Hilfe erwarten und auch keine annehmen, oder, Männer denken, dass emanzipierte Frauen ja schliesslich alleine zurechtkommen und keine Hilfe wollen. Auch in Notsituationen nicht. Oder, Männer haben einfach verlernt oder gar nicht gelernt, was Höflichkeit ist. Was mich in Italien doch sehr wundern muss. Denn, in Italien wird der Unterschied zwischen Männern und Frauen noch gross geschrieben. Da sind Frauen noch richtige Frauen und Männer richtige Männer. Nicht so dieses Metro-Gehabe oder androgyne Zeugs, wie ich es aus schweizerischen und deutschen Gefilden kenne. Nicht wie in Zürich, wo jeder selber schauen muss, wo er bleibt, ob Mann oder Frau oder beides. Auf all den langen Fahrten, die ich hochschwanger in überfüllten Trams und Bussen verbracht habe, wurde mir vielleicht drei- höchstens viermal ein Sitzplatz angeboten. Und immer und jedes Mal von jungen männlichen Ausländern. Nein, auch nicht von Secondos mit Züri-Schnorre sondern Ausländern, die anscheinend noch einen guten Ruf zu verlieren hatten.

Und was hat das alles nun mit Glück zu tun? Ich weiss es nicht. Vielleicht das Glück alleine zurecht zu kommen? Das ist schön aber irgendwie traurig auch. Denn, schöner ist es doch, Dinge gemeinsam anzupacken, nicht? Nun, der Tag ist noch früh und vielleicht fällt mir noch ein besserer Grund ein. Aber, einer muss her, denn es sind ja 99 Gründe und bis dahin gibt es noch viel zu tun.

Mittlerweile ist rettende Hilfe eingetroffen. Natürlich geht es hier um das Glück des Helfens! Herzlichen Dank liebe Sofasophia.

Von der Aufgabe frei zu sein

•October 22, 2012 • 2 Comments

Freiheit ist zugleich ein grosser, ein selbstverständlicher und ein geräumiger Begriff. Gross, weil sich darin ein Ideal findet, dem wir alle nachstreben. Selbstverständlich, weil wir alle wissen, was damit gemeint ist. Geräumig, weil sich jeder was anderes darunter vorstellt. Die einen nennen es Freiheit, die anderen Selbstbestimmung, die anderen Unabhängigkeit, Autonomie, Ungebundenheit. Eines ist uns allen gemeinsam: Wir alle wollen möglichst viel davon haben. Wir haben so eine gewisse Vorstellung von uns und diese beinhaltet, dass wir möglichst frei denken und handeln. Aber ist das so und tun wir das ?

Überlegen wir uns doch mal, wie sehr sich unser Handeln in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Ich meine, klar, unser Handeln verändert sich stetig, sonst würden wir ja immer noch in Fellhosen vor der Höhle sitzen und Steine klopfen. Dass es „vorangeht“ mit uns, ist bedingt dadurch, dass wir unser Handeln den veränderten Umweltbedingungen anpassen, sonst würden wir gar nicht existieren. Nur, heute sind die Bedingungen nicht mehr natürlich gegeben sondern werden künstlich geschaffen. Wir verbringen täglich Stunden damit, Handy und Computer zu betreuen und fühlen uns immer noch frei. Ohne Smartphone würden wir keinen Tag mehr über die Runden bringen und ohne GPS mittlerweile kaum mehr die eigene Haustür finden. Ein halber Tag offline ist der reinste Horror und zieht sich hin wie ein zäher, alter Kaugummi. Wir sind durch und durch von Technologie bestimmt und fühlen uns immer noch frei. Eben: Anpassung an veränderte Bedingungen.

Aber immer schön ist das nicht, frei zu sein, sondern auch wahnsinnig anstrengend. Eine Last manchmal. Immer muss man selber alles tun, selber entscheiden, selber sein. Niemand da, der einem die Verantwortung für das eigene Glück abnimmt. Ermüdend ist das. Wer möchte nicht ab und zu gehätschelt und getätschelt, verwöhnt und bevormundet werden wie ein kleines Kind? Einmal nichts entscheiden müssen…

Ein paar Jahre ist es her, da gab´s mal ein paar Schlagzeilen, die kamen wie gerufen. Wir seien gar nicht frei, riefen uns da die Zeitungsstände in grossen roten Lettern entgegen. Wie eine erlösende Botschaft stand es da. WIR SIND NICHT FREI! Haltet ein, ihr freien Individuen! Nichts als eine Illusion ist unsere Überzeugung, frei zu sein! Nichts als Schall und Rauch, der freie Wille. War das nicht gut zu hören, eigentlich? Endlich zu wissen, dass wir ja gar nicht schuld sind an dem ganzen Schlamassel, gar nichts dafür können? Endlich konnten wir uns wieder vollkommen unschuldig fühlen.

Aber, wie kam es eigentlich zu dieser Schlagzeile? Angefangen hatte alles vor Ewigkeiten mit den sogenannten Libet-Versuchen. Benjamin Libet fand 1979 heraus, dass jemand der sich dazu entscheidet, seinen kleinen Finger zu bewegen, dies gar nicht frei entscheidet. Sein Gehirn hatte dies bereits entschieden, bevor er sich dessen bewusst wurde. Fazit: Wir sind vollkommen fremdgesteuert, von unserem eigenen Gehirn! Und da kann ich nur sagen: Puh, noch mal Schwein gehabt. Es hätte ja sein können, dass wir vollkommen fremdgesteuert sind, von einem fremden Gehirn! Es gibt also zwischen Gehirn und Bewusstsein oder bewusster Handlung eine Lücke von ungefähr einer halben Sekunde, in denen das Gehirn unseren Körper steuert. Und das ist auch gut so. Würden wir uns nämlich jede Handlung erst ganz genau und ganz bewusst überlegen, wir kämen nirgends hin.

Es gab einen wahnsinnigen Hype um diesen Versuch. Bahnbrechend war das alles. Forschungsreihe um Forschungsreihe wurde getätigt und jahrelang blieb es bei der Aussage, dass der freie Wille gar nicht existiere. Dann, langsam nur, trat die Dämmerung ein. Von Brisanz ist dies alles nämlich nur, wenn man annimmt, dass es eine Art Ich gibt, eine Art Bewusstsein, eine Essenz, eine vom Gehirn geschiedene Instanz. Das kann jeder für sich entscheiden, aber aus wissenschaftlicher Sicht ist die Annahme einer (cartesianischen) Trennung von Körper und Geist unzulässig. Nun, im Nachhinein findet man das alles auch nicht mehr so toll. Die Aussagen waren aber plakativ genug. Schlagzeilen sind Schlagzeilen und aus Forschungsresultaten werden schnell Wahrheiten. Und Wahrheit ist ja bekanntlich ein äusserst biegsames Ding.

Wir müssen zu unserer Freiheit Sorge tragen. Sie ist nämlich keine natürliche Tatsache, die unserer Spezies einfach so gehört. Keine natürliche Fähigkeit, die uns nichts und niemand wegnehmen kann. Das, was wir Freiheit nennen, ist eine gesellschaftlich konstruierte Realität. Wir lernen im Laufe unserer kindlichen Entwicklung, frei zu sein. Wir lernen es durch Erziehung, durch Handlung, durch narrative Konstrukte. Wir lernen, dass wir dies tun können oder jenes. Dass unser Handeln Gründe hat und Folgen nach sich zieht. Wir lernen, dass B geschieht, wenn wir A tun oder dass XY immer an die Decke geht, wenn wir C sagen. Wir wachsen als freie Individuen auf und lernen das verantwortungs- und respektvolle Handeln. Wir werden als freie Individuen behandelt. Die Fähigkeit frei zu sein, wird uns diskursiv angetragen und deshalb kann sie uns auch diskursiv weggenommen werden. Wir sind nicht frei, weil es unserer „Natur“ entspricht, sondern weil wir davon überzeugt sind, frei zu sein. Und genau deshalb handeln wir als freie Menschen.

Aber, was geschähe, wenn wir eines Tages davon überzeugt wären, gar nicht frei zu sein? Wie würden wir damit umgehen? Hörten wir dann auf, verantwortungsbewusste Bürger zu sein? Hörten wir dann auf, Rücksicht auf unsere Mitmenschen zu nehmen? Hörten wir dann auf, etwas wirklich zu wollen? Hörten wir dann auf, Träume zu haben und Ideale? Weshalb sich einsetzen, wenn ja doch nichts in unserer Macht steht, eigentlich? Hörten wir dann auf, unsere Kinder zu freien Menschen zu erziehen?

Ein Diskurs ist ein Prozess, der Wirklichkeit und gesellschaftliche Normalität konstituiert und konstruiert. Wenn sich der Diskurs über den Menschen verändert, verändert sich sein Selbstverständnis. Freiheit ist eine Tatsache, die diskursiv geschaffen wird. Und deshalb kann uns ihr Fehlen nicht materiell, also nicht durch die Messung von Hirnströmen, nachgewiesen werden. Aber genau dies geschieht. Der Diskurs über den Menschen verändert sich. Seit einiger Zeit, möchte man unser Verhalten durchaus materiell erklären. Seit einiger Zeit scheint den Biowissenschaften Neurobiologie und Genetik oder den sogenannten Lebenswissenschaften die Erklärungshoheit über den Menschen zuzukommen. Sie scheinen sich mit dem Menschen ganz genau auszukennen. Sie haben ganz genau in unseren Kopf hineingeschaut und gemerkt, dass unser Hirn jede Handlung die wir vollziehen, bereits initiiert. Und noch ganz anderes wissen sie. Mittels bildgebender Verfahren wissen sie nun, welche Hirnareale bei einer bestimmten Tätigkeit besonders durchblutet werden, welche beim Tennis, welche beim Vokabelbüffeln und so weiter. Sie kennen sich ganz genau aus mit uns Menschen. Dabei hat man nichts aber auch gar nichts über den Menschen herausgefunden, ausser eben, welche Hirnregion bei welcher Tätigkeit besonders durchblutet wird.

So ähnlich ist es, wenn man ein Haus betritt und sieht, welche Möbel darin stehen und wo sie ihren Platz haben. Deshalb wissen wir noch nichts über die Bewohner des Hauses. Wir wissen nicht, wer sie sind, wie sie denken und fühlen. Wir wissen nur, wo sie arbeiten, essen, fernsehen, sich schlafen legen. Wir wissen, welche Dinge sie besitzen. Wir können aufgrund von Vorlieben und ästhetischen Auswahlen Vermutungen über die Bewohner anstellen. Aber, nur weil wir wissen, dass ein Mensch eine Geige besitzt, wissen wir noch nicht, welche Musik ihn zum Weinen bringt.

Philosophische Witze zum Dessert

•October 18, 2012 • 2 Comments

Weshalb ist ein Elefant gross, grau und faltig? Wäre er klein, weiss und rund, wäre er ein Aspirin.

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Zwei Mathematiker sitzen im Flugzeug in die USA, um eine Konferenz über Statistik zu besuchen. Meint der erste:
“Haben Sie keine Angst, ein Flugzeug zu benutzen? Laut Statistik ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Bombe an Bord befindet, recht hoch.”
Antwortet der zweite: “Sie haben Recht, aber die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Bomben an Bord sind, ist dafür extrem gering. Und eine Bombe habe ich dabei …”

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 9

•October 15, 2012 • 3 Comments

Neulich, abends ist mir so ein bisschen ach und weh. Ich könnte gar nicht sagen, woran es liegt. An der Einsamkeit des Schreibens, der Anstrengung des Menschseins, der anhaltenden Ungewissheit über die Zukunft? Daran, dass der Winter naht, die Kirschenzeit vorbei und alles so postmodern ist? Vielleicht bin ich auch einfach wehleidig oder beleidigt über die anhaltende Dummheit der Welt. Ich sollte abends einfach keine Zeitung mehr lesen. Danach bin ich immer genau so drauf. Dann überkommt mich dieses postmoderne Lebensgefühl. Ich bin müde. Die ganze Welt ist müde. Es fehlt der Aufbruch, die Originalität, alles ist ganz unverbindlich, alles Konsum und Kopie und sowieso schon mal dagewesen, nur besser damals.

Kurzum: Ich bin in so einer elegisch bekümmerten Stimmung und möchte nun gerne bemuttert werden. Ich frage meinen Mann, ob er nicht etwas Tröstliches zu mir sagen könnte. Er überlegt, „Hm.“ Und antwortet schliesslich: „Die Erde ist rund. Wir können nicht hinunterfallen.“

Gut, das lassen wir gerade noch gelten. Ist ja wirklich ein Trost, eigentlich der existenziellste Trost überhaupt. Wir wissen, dass die Erde eine Kugel ist. Es gab ja durchaus Kulturen, in grauer Vorzeit, die glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Einer Schallplatte nicht unähnlich im All schwebend, nicht unendlich, gab es die theoretische Möglichkeit, hinunterzufallen ins von Dämonen bevölkerte Nichts. Natürlich ist davon auszugehen, dass sich niemand soweit an den Rand getraut hat, ausser ein paar arme Irre und Selbstmörder. Aber, nur schon dieses Wissen, dass es möglich wäre, ist doch der helle Wahnsinn, nicht? Diese Gefahr, vom Weg abzukommen, sich zu weit vorzuwagen, dann zu stolpern und hinab zu fallen in den Schlund der Zeitlosigkeit. Wie muss es sich wohl angefühlt haben, das Leben auf einer Schallplatte?

 Wenn man genau darüber nachdenkt, kann es eigentlich nicht viel absurder gewesen sein, als unser Leben als Staubkorn es ist. Als besonders Schönes zwar, aber verschwindend klein, durchs unendliche All zu schweben. Ein faszinierend ausgefertigtes Nichts, vollkommen irrelevant. Dagegen gab es im Mittelalter wenigstens noch die beruhigende Gewissheit, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Damals wusste man noch um seine Stellung und dass Gott es schon richten würde. Er hatte seine Pläne. Die waren zwar undurchschaubar, aber man konnte sich einfach in sein Schicksal fügen. Ausserdem waren es ja nur ein paar Jahre, 25–30 im Durchschnitt, bevor einen das paradiesische Jenseits einholte. Wenn man denn brav gewesen war und genügend Ablass bezahlt hatte.

 So gesehen haben wir doch viel existenziellere Nöte auszustehen, als alle Kulturen vor uns. Ist es nicht schrecklich, ohne Hoffnung auf ein Jenseits und nichts als Staub zu sein? Wird damit nicht jegliches Handeln der Lächerlichkeit preisgegeben? Wozu sich den Arsch aufreissen, wenn wir ja doch nur ein unwichtiges, galaktisches Wimpernzucken sind? Unser Glück ist, dass uns unsere Winzigkeit niemals bewusst wird und das Ganze viel zu absurd ist, um es jemals begreifen zu können.  Sonst müssten wir ja alle verzweifeln!

 Wir Modernen und Postmodernen sind hineingefallen in diese Welt, ohne ontologischen Daseinsgrund und metaphysisches Lebensziel. Wir müssen irgendwie mit der „Geworfenheit des Daseins“ (immer wieder: Heidegger) zurechtkommen und uns den Sinn des Lebens selber erschaffen. Ob wir damit glücklicher sind, als die einfachen Landbewohner des Mittelalters, die weder Vergangenheit noch Zukunft kannten, sondern den Jahresrhythmus, dem sie sich zu fügen hatten? Die sich nicht über den Sinn des Lebens Gedanken machen mussten, weil sich solche Fragen doch gar nicht stellen, wenn der Erlebenshorizont bis zum nächsten Dorf und noch ein paar Mal umfallen weiter reicht. Man hatte halt einfach zu tun. Bestimmt hat es Zweifelnde gegeben. Ich stelle mir vor, dass ein paar betrunkene Spinner ab und zu mal zünftige Freigeistereien gelallt haben und dann vom Stammtisch klein gemacht wurden. Wer weniger weiss, kann besser schlafen. Heute wissen wir vielleicht zu viel und vor allem sind wir damit alleingelassen. Wir haben unsere Zweifel, aber der nützt auch uns nichts. Wir haben kein Schicksal mehr und niemanden, dem wir die Schuld geben können, ausser den paar Firmen, die uns den Himmel auf Erden versprochen und uns dann diesen Mist verkauft haben.

In welchem Kosmos liesse es sich wohl am besten leben? Auf einer Scheibe, als Mittelpunkt des Universums oder als galaktische Kleinigkeit? Immerhin, unser Leben scheint das gesündeste zu sein und unsere Lebenserwartung hat sich  fast verdreifacht. Aber, auf eine gewisse Art haben wir es trotzdem schlechter. Denn, unser Erlebens- oder Erlebnishorizont wird ständig ausgeweitet. Werden wir nicht eigentlich jeden Tag überfordert? Nicht nur wissen wir, was in Ennetfelden und Hinterägeri los ist, wir sehen jeden Tag, was in Syrien geschieht, in Russland oder China. Wir leiden daran, nicht helfen zu können und auch am Zynismus, den wir irgendwann an den Tag legen, weil wir es einfach nicht mehr ertragen können. Unser Mitgefühl hat sich zwangsläufig auf die ganze Welt ausgeweitet. Unsere Aufmerksamkeit sowieso. Jetzt gerade ist unser Interesse auch auf dem Mars gefordert. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn tatsächlich ausserirdisches Leben entdeckt wird. Was werden wir tun, wenn es arme fremdgesteuerte Kreaturen sind, die von einem brutalen Diktator missbraucht werden? Sind wir in unserem Mitgefühl dann auch galaktisch herausgefordert? Denn, wohin eigentlich ist Kim Jong Il verschwunden? Offensichtlich lag im Sarg ja nicht er selber sondern seine Kopie aus dem Wachsfigurenkabinett. Der Traum jedes Despoten ist, dass Menschen ihm in sein vergiftetes Paradies folgen. Man kann sich nicht ausmalen, was hier los ist, wenn das Paradies plötzlich auf einem fremden Planeten entdeckt wird.

 Wer weniger weiss, kann besser schlafen. Das wird ein Grund sein, weshalb Kinder in der Regel glücklicher sind als Erwachsene.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 8

•October 8, 2012 • 6 Comments

Noch nicht so lange ist es her, da habe ich wiedermal lernen müssen, dass Vorurteile einen in der Regel nicht weiter bringen. Mitnichten sind sie unsere Verhaltens-Leitplanken, sondern die Bretter vor unseren Köpfen, die verhindern, dass wir weiter als bis zu unseren Zehennägeln sehen.

Mehr als zwei Jahre wohne ich nun schon hier, am südlichen Teil des schönen Lago Maggiore und über zwei Jahre lang wusste ich, dass Sesto Calende, der südlichste Ort am See, da, wo sich der See langsam fliessend in den Ticino wandelt, ja wohl der hässlichste Ort überhaupt ist. Noch hässlicher als Völklingen, Charleroi und Wattwil zusammen, Orten, denen man in einschlägigen Foren nachsagt, ziemlich hässlich zu sein. Durch Sesto fährt, wer weiter nördlich am See wohnt und zur Autobahn will, nach Mailand, Turin, Florenz, wohin auch immer. Sesto Calende ist also ein einigermassen stark befahrener Ort.

Ich dachte immer, Sesto sei eigentlich gar kein Ort, sondern nur ein Durchgangsort. Nach Sesto kommt man und möchte sofort wieder weg. Man bleibt nicht, sondern geht immer schon. Sesto Calende, ein Nicht-Ort. Solche Orte gibt es ja, transitorische Funktionsorte ohne Identität. Raststätten sind solche Orte. Ihr einziger Zweck besteht darin, Autos und deren Inhalt zu verpflegen und durchzuschleusen. Faszinierend finde ich das, aber wohnen möchte ich nicht da.

Wie oft schon bin ich also durch Sesto Calende gefahren, habe durch die geschlossenen Fenster geschaut und gesehen: Meine Güte, ist das hässlich hier! Hatte ein bisschen was von Ghetto-Tourismus. Sesto ist voll von Baustellen, laut, schmutzig, unfertig, provisorisch. Jedes Mal habe ich das alles gesehen und wusste meine Vorurteile aufs Neue bestätigt. Ich konnte zufrieden sein mit mir und der Welt, weil sie noch immer so war, wie ich sie mir zurechtgeschustert hatte. Denn, das ist ja das Reizvolle an Vorurteilen. Man behält immer recht. Man ist auf der richtigen Seite.

Und dann kam dieser eine Tag als ich in Sesto zur Gemeinde musste, unten am See, da wo auch die Mücken ihr Büro haben. Gerade will ich mich wieder ins Auto setzen, um so schnell wie möglich wegzukommen, da sehe ich plötzlich freundliches Licht hinter einer Mauer hervor blitzen, ich beuge mich ein Stück vor und sehe eine hübsch begrünte Gasse, spitze die Ohren, höre Geschirrklimpern und laute Rufe. Ich laufe hin und denke: „Also, das wird doch nicht am Ende…“ und stehe plötzlich in einer Fussgängerzone. Kopfsteinpflaster, Strassencafés, interessante Geschäfte, Bäume, schöne alte Häuser. Ich staune und freue mich! Dass ich diesen Ort, sieben Monate vor meiner Abreise aus Italien, doch noch gefunden habe! Eine schöne Uferpromenade, noch mehr Cafés und sogar einen langen Radweg haben die hier, alles flusswärts ins Land hinein. Fabelhaft! Radfahren ist in Italien nämlich nicht ganz einfach. Radwege gibt es kaum, und wenn, dann sind es wenige hundert Meter lange Prestigeobjekte, also mit allen Schikanen ausgebaut aber weit kommt man nicht. Der Rest einer Fahrradtour ist ein Gestümper aus: an der Hauptstrasse entlang, über Feldwege, dann das Rad über einen kleinen Bach hieven, auf Trottoirs, die auch nur sporadisch vorhanden sind und meist abrupt und unmotiviert enden.

Es war also ein bisschen, als ob Sesto mir seine Zunge zeigen wollte: „Ätsch, da hast du´s, du ignorante Landpomeranze, du!“

Und eigentlich hätte ich das alles schon vor zwei Jahren ahnen können. Damals nämlich haben wir eine Bleibe gesucht und uns ein Haus auf der anderen Seite des Flusses angeschaut. Das Haus war wunderschön am grünen Ufer gelegen (Achtung: Mückenhölle!!!) und leider eine totale Bruchbude. Es sah aus wie das alte Haus von Rocky Docky, seit fünfzig Jahren unbewohnt, musste man befürchten, dass es schon bald schon seinen letzten Seufzer tun würde. Spannend, abenteuerlich, aber mit zwei kleinen Kindern? Aber das Beste war, dass der Vermieter glatt 900 Euro Miete haben wollte. Wir haben uns nur an den Kopf getippt und sind wieder abgezogen. Der alte Herr musste schlichtweg verrückt geworden sein. Dass der Preis eventuell der hübschen Lage geschuldet sein dürfte, darauf wäre ich niemals gekommen, denn damals wusste ich schon, dass Sesto Calende der hässlichste Ort überhaupt ist.

Nun habe ich also wieder was gelernt und kann nur hoffen, dass William James unrecht hat:

„Viele Leute glauben, dass sie denken, wenn sie lediglich ihre Vorurteile neu ordnen.“

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 7

•September 21, 2012 • Leave a Comment

Was in meinem Leben schon immer gilt: Kaum etwas macht mich so glücklich wie das Kino. Sitze ich im Kino, bin ich hochzufrieden, glücklich, einfach da zu sein. Immer sitze ich früh genug im Saal, um auf gar keinen Fall die Werbung zu verpassen. Die Werbung gehört zum Film unbedingt dazu. Eine Tatsache, die den heute so irrsinnig Geschäftigen und Beschäftigen nicht mehr ohne weiteres einsichtig zu sein scheint. Dabei ist die Werbung sozusagen das Bindeglied zwischen Alltag und Filmwelt, sie transportiert die Vorfreude, die mit den Vorfilmen noch gesteigert wird, bis es schliesslich, endlich losgeht. Leider scheinen heutzutage nicht wenige Kinogänger zu glauben, der Filme fange an, wenn der erste Schuss fällt. Ein Trugschluss.

Nur leider ist die Viertelstunde bis Filmanfang für mich immer eine regelrechte Qual. Was könnte in den nächsten Minuten nicht alles geschehen! Wird sich auf keinen Fall jemand mit hoher Frisur vor mich setzen? Ich bin nämlich ziemlich klein. Wird sich auf keinen Fall jemand mit langen Beinen hinter mich setzen? Dann bewegt sich nämlich mein Kinosessel WÄHREND der Vorführung. Wird sich auch niemand neben mich setzen, der starkes Parfüm trägt, nach altem Schweiss riecht oder Zwiebeln gegessen hat? Dann kann ich mich nämlich nicht mehr auf den Film konzentrieren und verpasse womöglich die besten Szenen, weil mein Kopf in der Handtasche steckt, um frische Luft zu schnappen. Jessas Maria, diese Nöte! Und wohin soll ich mich setzen, wenn das Grauen eintritt?

Wenn aber die gedankliche Marter vorbei ist, wenn der Film anfängt und all das oben Genannte nicht eingetroffen ist, wenn der Platz vor mir leer ist, mein Sessel ruhig bleibt, keine unangenehmen Gerüche mir Atem und Konzentration rauben und ich freie Sicht auf die Leinwand habe und ausserdem niemand gebrannte Mandeln isst und dabei jede der gebrannten Mandeln EINZELN aus der Packung raschelt, dann bin ich so glücklich, dass sich ein seliges Lächeln nicht mehr von meinem Gesicht wischen lässt. Und ich wahrscheinlich geradezu dement aussehe.

Früher – in meinen allgemein noch etwas expressiveren Jahren – war für mich Kino Entzücken und Begeisterung hoch drei, so, dass ich meist schon hochemotional in den Saal gestolpert bin. Es ist vorgekommen, dass ich bereits bei der Ovomaltine-Werbung tränenfeuchte Augen hatte und meine Taschentücher bereits zehn Minuten nach Filmanfang aufgebraucht waren. Dass sie bereits dann vollkommen zerschneuzt und zerknittert waren, wenn es eigentlich noch nicht so emotional hoch her geht im Film, weil erst mal Informationen verteilt werden und man als Zuschauer erst noch herausfinden muss, welche Gefühle zu welcher Figur gehören. Das lag aber durchaus nicht nur an mir. Dass bereits der Kinosaal, also nicht erst der Film selber, Emotionen aufleben lässt, ist in zahlreichen Studien untersucht und nachgewiesen worden. Der Saal dunkel, die Geräusche gedämpft, die Sessel bequem, die Leinwand beleuchtet. Alles Kalkül. Aber ein Herrliches! Alles das sorgt dafür, dass man sich seinen Gefühlen hingibt und die Welt da draussen möglichst schnell vergisst. Einfach hinter sich lässt. Dass man zwei Stunden aus der Realität fällt und in eine andere Welt eintaucht. Ist das nicht wunderbar? Oder, wessen Leben ist so anhaltend toll, dass er sich nicht ab und zu gerne davonmacht?

Für eine Arbeit über den Film War Photographer von Christian Frei habe ich mich mal damit befasst, wie in einem Film Gefühle „gemacht“ werden. Hochinteressant. Man kann getrost davon ausgehen, dass in einem Film nichts aber auch GAR NICHTS dem Zufall überlassen wird und schon gar nicht die Gefühle der Zuschauer. Denn von ihnen hängt alles ab. Einstellung, Kamerawinkel, Schnittfrequenz, Kleidung, Schminke, Hintergrund, Musik, einfach alles soll Spannung erzeugen und die Gefühle des Zuschauers in die gewünschte Richtung lenken.

Ein Film muss gar nicht immer die grossen Gefühle bedienen. Es muss nicht immer die Trauer darüber sein, dass die beiden Liebenden jetzt doch nicht zueinander gefunden haben oder der Zorn darüber, dass am Schluss die falsche Figur sterben musste. Filme können uns auch einfach beschäftigen, sie können in uns rumoren, wir können mit ihnen einverstanden sein oder nicht. Im günstigsten Fall helfen sie uns, etwas in unserem Leben zu verändern. Nur eines dürfen sie nicht. Sie dürfen uns auf keinen Fall egal sein. Sind sie uns egal, dann sie sind langweilig. Ein schlimmeres Urteil gibt es meiner Meinung nach nicht fürs Kino. Filme, die einen kalt lassen, da ist irgendetwas schief gelaufen.

Sowieso Gefühle. Mindestens seit den Stoikern dachten die grossen Denker, oder besser gesagt, diejenigen, die in den philosophischen Gefilden das Sagen haben, Gefühle seien nichts als Gemüse und der Vernunft vollkommen unterzuordnen. Der Weise sei von Vernunft geleitet und nicht etwa von Gefühlen beeinträchtigt. Diese Einschätzung bringt nicht wenige Vorteile mit sich. Das Gute am rationalen Subjekt ist nämlich, dass es sich relativ einfach fassen lässt. Ratio bedeutet Klarheit, Struktur, Methode. Emotionen bedeuten Chaos.

Trotzdem erleben Emotionen gerade eine Art philosophische Niederkunft und das wurde auch Zeit. Denn schon länger hegte man die Vermutung, dass das rationale Wesen, über welches ganze Bibliotheken geschrieben wurden, in freier Laufbahn relativ selten anzutreffen sei. Ab und an sah man ein solches Exemplar in brauner Cordhose und Pfeife im Mund in Gedanken versunken um den Campus schleichen, aber es schien offensichtlich, dass die wenigsten Menschen vernunftgeleitet waren. Oder anders gesagt, wären wir vernunftgeleitet, liesse sich unser Verhalten nicht erklären. So oder so. Jetzt wo die Vernunft versagt hat, entdeckt man wieder das Gefühl.

Immanuel Kant hat sich übrigens im Nachhinein telefonisch gemeldet und will mit all dem nichts zu tun haben. Er behauptet nun plötzlich, doch immer schon über Gefühle geschrieben zu haben! Na, da hätte er sich aber mal klarer ausdrücken sollen!

Moral aus der Pillendose oder Jesus ist zurück

•September 17, 2012 • 5 Comments

Die Wunder der Medizin werden seit einigen Jahren in so rascher Folge verkündet, dass man aus dem atemlosen Staunen gar nicht mehr herauskommt. Was noch vor wenigen Jahren ausschliesslich Science-Fiction war, wird nun plötzlich Tatsache. Wir holen gerade unsere eigene Zukunft ein. All die hoffnungslosen Träume, die sie hegten, die Verzweifelten, sie treten nun plötzlich in den Bereich der Machbarkeit ein. Blinde werden wieder sehen, Taube wieder hören, Gelähmte wieder gehen. Jesus hat sich als Biotechnologe verkleidet und ist auf die Erde zurückgekehrt, um zu heilen und zu wirken. Das ist kein Witz jetzt.

Dank eines Cochlea-Implantats kann der von Geburt an taube Aiden nun fast normal hören. Nach zwei Jahren drehte sich der kleine Junge zum ersten Mal nach der Stimme seiner Mutter um. Man muss sich vorstellen, was dieser Moment für die Eltern bedeutet haben muss. Hoffnung gibt es auch für Blinde. Sogenannte Netzhautchips sind noch nicht ganz so ausgeklügelt aber auf gutem Weg. Schon fast normal dagegen sind Gehirnschrittmacher, die dafür sorgen, dass das Gehirn von Parkinson-Patienten nicht aus dem Takt gerät. Niemand der ein Herz hat wird bezweifeln, dass all dieses neue Wissen und Können, all diese neuen Technologien, eine wichtige und grosse Sache sind. Versetzten wir uns nur mal in die Lage von Amanda Kitts. Sie verlor bei einem Autounfall ihren linken Arm. Zum Glück aber waren die Nervenfasern in ihrem Armstumpf noch intakt und so gelang es Forschern, ihr eine ganz neuartige Armprothese anzupassen. Diese Prothese lässt sich gedanklich steuern. Amanda Kitts Gehirn sendet elektronische Impulse an die Muskeln in ihrem Armstumpf, diese Impulse werden an einen Computer, den sie auf dem Rücken trägt,  weitergeleitet. Der Computer wiederum veranlasst die Prothese, die Bewegung zu machen, die Amanda Kitts sich gedacht hat. Die sie sich GEDACHT hat! Ja, das muss man erst mal setzen lassen. Es ist nämlich nichts anderes gelungen, als Mensch und Maschine interaktiv zu verbinden. Das Allererstaunlichste daran ist, dass es kaum jemanden zu erstaunen scheint.

Technologisch sind wir bald soweit wie die Götter, die uns geschaffen haben. Es wird noch soweit kommen, dass wir zu unseren eigenen Schöpfern werden. Oder, dass wir – vielleicht schon unsere Kinder – nicht mehr sterben müssen. Oder, dass wir uns wenigstens das Smartphone implantieren lassen können. Darüber werden gewisse Mitmenschen sehr glücklich und erleichtert sein. Dann müssen sie nicht mehr immer selber dran denken. Nur das Hungerproblem lässt sich anscheinend nicht lösen. Aber das liegt nicht an unserem Können sondern an unserer Korruptionsanfälligkeit. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen. Oder vielleicht doch?

Vielleicht schon. All die neuen Technologien können ja nicht nur medizinisch genutzt werden. Jesus hat ein grosses Herz. Auch Gesunde können von ihrem Leiden befreit werden. Vom Leiden an der eigenen Eingeschränktheit, vom Kreuz der unvollkommenen Natur. Unser armseliges, minderwertiges Dasein könnte mit Hilfe von Biotechnologien um einiges verbessert werden. Stichwort: ENHANCEMENT. Wäre es nicht gut, wir wären nicht immer so müde, so vergesslich, so lustlos? Wäre es nicht gut, wir stünden am Montagmorgen nicht mit schlechter Laune im Büro sondern voller Tatendrang und Optimismus? Und dabei noch faltenlos blendend aussehend, obwohl wir gestern noch bis in die Puppen gefeiert haben? Das macht uns alles nichts mehr. Dank Biotechnologie brauchen wir nicht mehr so viel Schlaf und unsere Leber kann Alkohol dreimal schneller abbauen als bisher. Der Chef ist begeistert!

Zumindest ein besseres Gedächtnis oder Montagmorgen voller Optimismus lassen sich per Pille bekanntlich problemlos herstellen. Allseits bekannt ist der Fall von Ritalin, einem Medikament, welches dem kleinen Moritz oder der kleinen Anna in der letzten Reihe mehr Konzentration und Sitzleder abringen soll. Ritalin wird an Kinder verschrieben und im grossen Stil von Erwachsenen zur eigenen Leistungssteigerung genutzt. Kinder müssen dafür herhalten, dass Erwachsene an ihre Drogen kommen. Früher mussten sie höchstens mal für Mama am Kiosk Zigaretten holen. Aber so etwas Verwerfliches geht heute überhaupt GAR NICHT MEHR. Nun, wer weiss, vielleicht verhilft uns die Pharmaindustrie bald per Pille zu mehr Moral und Anstand. Das würde dann möglicherweise auch das Hungerproblem lösen. Jedenfalls besteht der Wunsch, den Menschen mit Hilfe von Pharmatechnologie zu einem besseren Menschen zu machen.

Nur, was heisst gut und was heisst besser? Was heisst Heilung und was heisst Veränderung? Ist die Fähigkeit 500 Kilos zu heben eine Verbesserung der Muskelstärke oder bereits eine Veränderung der menschlichen Natur? Und, was ist mit den Sportlern, die dank Doping in Windeseile den Berg rauf- und runterrasen? Könnten sie dies auch ohne Nachhilfe aber mit umso härterem Training erreichen? Wäre es menschenmöglich? Wo verläuft die Grenze der eigenen Fähigkeiten? Schwierig zu sagen und wenn es um unsere Psyche geht noch schwieriger. Denn, was heisst schon normal? Behandelt man mit Prozac eine psychische Krankheit oder verbessert man damit die Persönlichkeit eines Menschen? Immerhin wird von Patienten berichtet, die sich nur mit Prozac authentisch fühlen! Es gibt also Menschen, die mit Hilfe eines Medikamentes ihre wahre Persönlichkeit entdeckt haben und nicht etwa deren Veränderung! Musste Freud noch in den Untiefen des Unbewussten graben, um seinen Patienten zu enthüllen, wie es wirklich um sie stehe, deckt ein Jahrhundert später die Pharmaindustrie das wahre Ich von gewissen Leuten auf. So ändern sich die Zeiten.

Und was ist nun mit der Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS? Seit einigen Jahren haben plötzlich so viele Kinder diese Krankheit. Einfach grauenhaft diese Gören! Her mit dem Ritalin! Aber, man muss sich doch fragen, was das für eine Krankheit sein soll, die immerhin erst in neuerer Zeit entdeckt wurde. Handelt es sich um einen neuen Virus? Oder handelt es sich vielleicht eher um eine Erfindung unserer leistungsorientierten Gesellschaft, die ihren Kindern immer mehr abverlangt? Oder handelt es sich gar um die Erfindung der Pharmaindustrie zur eigenen Gewinnsteigerung? Man weiss es nicht. Was man aber weiss ist, dass es sogenannte Zappelphilippe früher in jeder Klasse gab. Sie waren zwar lästig und wurden oft vor die Tür, aber nicht zum Therapeuten, geschickt.

Es ist also schwierig zu sagen, was normal und natürlich und was nicht normal und unnatürlich ist. Und schwierig auch, die neuen Biotechnologien in die richtige Schublade zu versorgen. Am allereinfachsten ist es, einfach dagegen zu sein, weil es ja schliesslich unsere Natur verletze. Aber das ist ein schlechtes Argument.  (Siehe auch: 99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 6)

Denn, was ist die Natur des Menschen? Wo hört Natur auf und wo beginnt Kultur? Allerspätestens seit unsere Hominiden-Urahnen sich aufrichteten und die Hände frei hatten, meistert der Mensch seinen Alltag mit Hilfe von Gegenständen. Mal ehrlich, ohne Hilfsgeräte sind wir doch hoffnungslos verloren. Klar, wir alle haben schon von einem zurückgezogenen Leben in der einsamen Blockhütte geträumt. Aber ohne Taschenlampe, Sackmesser und Mückenspray? Unmöglich! Von Natur aus sind wir eben schlecht bestückt. Uns fehlt das Fell, um einen langen Winter zu überstehen, die Klauen, um einen Gegner zu reissen, die Schnelligkeit, um einem Feind zu entkommen, das instinktive Wissen, um uns in der Wildnis zurechtzufinden. Die ergreifendste Szene, die das neuere Kino meiner Meinung nach zu diesem Thema geschaffen hat, findet sich im Film Into the Wild. Chris McCandless alias Alexander Supertramp macht sich nach seinem Collegeabschluss nach Alaska auf, um fernab des schnöden Mammons ein naturnahes Leben in der Wildnis zu führen. Dazu gehört natürlich auch das Jagen und so tötet er eines Tages ein wahrhaft gigantisches Tier. Einen Elch. Doch Alex wird diesem toten Tier einfach nicht Herr. Er hat nicht die richtigen Mittel und Techniken, nicht das Wissen, das Fleisch haltbar und diesen Tod für sich nützlich zu machen. Schliesslich verdirbt das Fleisch und Alexander Supertramp kommt nicht darüber hinweg, dass der Tod des Elchs sinnlos war. Zu viel denken ist schlecht in der Wildnis.

“Von Natur aus” sind wir mangelhaft ausgestattet. Der Vorteil, den wir Menschen haben, ist unser grosses Gehirn, unser Intelligenz. Um zu überleben, sind wir darauf angewiesen, dass unser Gehirn Techniken ausbrütet. Davon ist manches sinnvoll, manches hilfreich, manches unnütz, manches gefährlich.

Ich will damit nur sagen, dass die technologische Verbesserung des Menschen uns noch viel zu denken geben sollte.

 
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