99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 17

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Der Sommer steht vor der Tür. Die Philosophische Küche ist in die Niederlande umgezogen und bereits jetzt steht fest: Der Sommer in Holland, das ist nicht schön anzusehen. Mann und Frau kennen hier keine Hemmungen. Hühneraugen leuchten, Fusspilz wird zur Schau getragen, Wabbelbäuche wabbeln unter bauchfreien Shirts hervor, die Beine können noch so dick sein, HotPants sind nun mal Mode, da muss man durch. Cellulitis und Übergewicht muss einem hier nicht peinlich sein. Die Niederländer haben ein erstaunlich entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper. So entspannt, dass man es fast schon als respektlos bezeichnen muss.

Falls ich es richtig verstanden habe, macht in der Mode auch dieses Jahr Lady Gaga den Trend vor. Man sieht sehr viele bodenlange, durchsichtige Röcke unter denen ein Mini oder eine kurze Hose durchblitzt. Bei den einen spannt es ein bisschen mehr, bei den anderen weniger. Gerade etwas korpulentere Damen greifen gerne zu Netzleggins mit mehr oder weniger grossen Löchern und ich hatte gedacht, künstliche Fingernägel seien total out, aber so kann man sich täuschen.

Hinzu kommen diese engen geschlitzten Schlauchröcke überall und man habe sie durchaus Angelina Jolies Auftritt bei den Oscarverleihungen zu verdanken. Ich bin nun keine Modeexpertin, aber ich sehe folgendes Problem: Angelina Jolie ist perfekt und kann deshalb alles tragen. Sie hat Stil und wird deswegen immer das Richtige tragen. Lady Gaga dagegen ist eine Kunstfigur, die ihre Outfits als Kunst und Provokation versteht.  Angelina Jolie at Oscars past

Es gibt also keinen einzigen Grund, weshalb vrouw Stinknormal es den beiden Ikonen auf der Strasse nachmachen sollte.

Kurz und bös gesagt: Stilsicherheit ist nicht die Stärke der Niederländerin, die Selbstsicherheit mit der sie auftritt umso mehr. Nun, Augendeckel sind bekanntlich zum Schliessen der Augen da und trotzdem steht, noch bevor die Strände überfüllt, die Badeanzüge überquellen und der überhitzte Geist von Sonnencreme-Fritten-Vanilleis-Waben umwölkt ist, einmal mehr ein berühmtes philosophisches Bonmot glasklar vor Augen:

  „L’Enfer c‘est les autres.“

Die Hölle, das sind die anderen. Immer wieder ein treffender Satz, um seinen Ekel vor seinen Mitmenschen auszudrücken.

 

 

Der Vorteil solcher philosophischer Bonmots ist ja, sie sind kurz, schnittig, klingen gut, passen genau auf ein T-Shirt. Eignen sich sehr gut für die Abwandlung in allerhand Werbesprüche und vor allem, sie verleihen dem Anwender eine Aura des Wissens oder eine Art „Ecce homo!“ Der Nachteil: Sie sind selten so schnittig gemeint wie sie klingen. Und so muss auch wer Sarte zitiert, höllisch(!) aufpassen.

Denn, im Grunde ist Sartres Bonmot genau umgekehrt gedacht. Wenn ich schlecht über einen Mitmenschen denke, ist es nicht die Hölle für mich, ihn um mich zu haben, sondern für den anderen, weil ich ihm meine schlechten Vibes sende und diese ihm in Zukunft in sein Bewusstsein pfuschen. Wenn alle anderen mich für dumm halten, kann ich dieses Urteil nicht vollkommen ignorieren. Ich kann mir meine Meinung über mich selbst nicht losgelöst von allen anderen bilden und das liegt daran, dass ich keinen inneren Wesenskern habe, kein unverfügbares Ich. Wir betrachten uns selbst mit den Augen unserer Mitmenschen, wir ziehen unsere Rückschlüsse über uns und unser Handeln immer auch mit dem Urteil der anderen. Das erklärt vielleicht, weshalb erfolgreiche Menschen immer noch erfolgreicher werden und solche, die es nicht sind, immer noch mehr zu kämpfen haben. Positives verstärkt Positives, Negatives verstärkt Negatives. Oder wie sagt man so schön: Der Teufel scheisst immer auf denselben Haufen.

Wir Menschen haben keine festgelegte Natur, keine Essenz. Eine Art inneren Wesenskern oder ein An-Sich wie Sartre es nennt, gibt es nicht. Der Mensch ist vollkommen frei, aber er ist ins Für-Sich oder in die Existenz geworfen und gezwungen, darin zu verweilen. Er muss sein Leben selbst gestalten. Wir sind vollkommen frei, aber auch ständig der Freiheit des anderen ausgesetzt, der uns betrachten kann, gerade wie es ihm passt.

Wir sind Freiwild in freier Laufbahn. Das bedeutet viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren, denn das menschliche Miteinander, Sartre nennt es das Für-Andere-Sein, ist nach Sartre ganz und gar konfliktgeprägt, zwischenmenschliche Beziehungen höchst problematisch. Gut, eventuell hat Sartre auch zu rasch von sich auf andere geschlossen. Philosophisches Denken und überhaupt alles Denken ist bekanntlich kaum von der eigenen Person zu trennen und Sartre war, so liest man, kein einfacher Zeitgenosse. Die grosse elegante Simone de Beauvoir hatte jedenfalls ihr Kreuz mit ihm.

Wenn wir also unsere lieben Mitmenschen betrachten und denken, zur Hölle mit ihnen, ist Sartres Bonmot nicht das Passende und das verstanden zu haben, macht doch auch irgendwie glücklich. Mich jedenfalls. Glücklich ist bekanntlich nicht, wer alles weiss, sondern wer vieles versteht.

Überhaupt, vielleicht sollten wir mehr Nachsicht üben und uns mit Christian Morgenstern unserer Herzensgüte besinnen, denn: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

 

Italienische Einsichten

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Endlich. Es regt sich wieder Leben in der Philosophischen Küche!

Zwanzig Dinge, die ich in Italien gelernt habe:

1. Eine Frau stellt niemals ihre Handtasche auf den Boden.

2. Es ist unhöflich, einen Gast in Socken oder Hausschuhen zu empfangen. Man trägt im Haus auf jeden Fall Schuhe.

3. Man geht nur bei Sonnenschein nach draussen. Ist der Himmel grau, versucht man Aussenluft möglichst zu vermeiden.

4. Nur Spinner gehen bei Regen raus.

5. Man geht generell nicht zu Fuss. Man fährt mit dem Auto.

6. Man geht niemals, auch zuhause nicht, barfuss, denn der Boden ist der von einem selbst verschmutzte Feind. Barfuss geht man nur am Strand.

7. See oder Meer sind ständiger Sehnsuchtsort, aber nicht zum Schwimmen da. Man stellt sich allerhöchstens bis Mitte Oberschenkel ins Wasser.

8. Hundekacke geht immer und überall.

9. Man kann es schaffen, selbst bei übelstem Hundewetter am Abend fleckenlos und tiptop auszusehen.

10. Von Mai bis Oktober isst man jeden Tag ein Eis oder auch zwei.

11. Pizza geht jeden Tag, Pasta sowieso.

12. Ein Kaffee hält einen nicht mehr als dreissig Sekunden auf.

13. Ab 11 Uhr mittags trinkt man keinen Cappuccino mehr.

14. Kommt man fünfzehn Minuten zu spät, ist man immer noch viel zu früh.

15. Die erste Aufgabe eines Polizisten ist es, in seiner Uniform gut auszusehen. Schliesslich repräsentiert er die Staatsmacht.

16. Gut auszusehen und gut angezogen zu sein, ist die oberste Pflicht eines jeden italienischen Bürgers.

17. Kinder dürfen alles, solange sie sich dabei nicht schmutzig machen.

18. Hunde dürfen alles, solange sie sich dabei nicht schmutzig machen.

19. Selbst Dreijährige können richtig Spaghetti essen.

20. Es gibt keine untätowierten Körper mehr.

Über das Glück, Listen zu erstellen siehe: http://larapalara.wordpress.com/2013/07/09/99-grunde-glucklich-zu-sein-nr-12/

 

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 16

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Ich habe eine Seelenverwandte, die wohnt jetzt im neunten Himmel in Paris. Hoch über den Schornsteinen sitzt sie am Küchenfenster, schaut auf die Dächer, schaut auf die Schiffe, schaut auf die Tauben. Schaut sich die Wolken an, die vorbeischweben wie die altmodischen Pferde eines Wattekarussells. Fast hört sie es quietschen, fast kann sie sie berühren. Wo sind sie festgemacht? Es ist ein Glück, hier so nahe den Sternen zu wohnen. Ja, auch ich wohne da ein bisschen. In Gedanken. In vielen Gedanken. In staubkorngrossen Einheiten schwebe ich glücklich durch die Räume und stelle mir alles vor.

Sie schlürft heissen Tee aus ihrer Lieblingstasse. Ihre feinen Hände umfassen die schön geschwungene Keramik. Der Tee duftet süss nach Fremde, nach einer anderen Fremde als der ihren. Denn, noch ist sie neu hier im neunten Himmel in Paris. Noch bewegt sie sich mit dem Staunen einer Unbekannten. Noch geniesst sie die Unerreichbarkeit der Namenlosen.

Den Tee hat sie gestern beim Inder gekauft und noch ein paar Blumen dazu. Aus einem Gefühl heraus. Sie weiss nicht, was sie von Schnittblumen halten soll. Ist sie dafür zu erwachsen oder noch nicht erwachsen genug? Doch ich stelle mir vor, die Blumen duften herrlich und auch sie selbst, meine Seelenverwandte, verströmt den Duft eines glücklichen Menschen. Sie führt ein gutes Leben. Ein Leben ganz bei sich.

Ihre langen, braunen Haare sind lose zusammengebunden, gerade eben so, damit sie ihr nicht ins Gesicht fallen und sie beim Arbeiten stören, beim Denken. Ihre Finger spielen mit ihren Haaren, verfangen sich darin. Es ist ihre Art, Gedanken zu sammeln, zu sortieren, wieder loszulassen. Es ist ihre Art, Worte zu finden. Die Worte, die sie zum Leben braucht. Am Ende des Tages sehen ihre Haare aus, wie ein grosses Buchstabengewirr. Sie pflückt die passenden Worte heraus. Ihre Haare sind ganz aus Sprache gemacht.

Wenn sie ihre Arbeit beendet hat, wird sie einen Spaziergang machen. Sie wird ihren schwarzen Mantel anziehen und den Kragen hochschlagen. Sie wird dann aussehen, wie ein Geheimnis. Sie mag gerne unsichtbar sein. Sie beobachtet. Aus ihr wäre eine gute Detektivin geworden.

Sie wird über den Bücherflohmarkt schlendern, ihre Augen werden Titel absuchen, französische Titel. In dieser Sprache denkt sie nun aber noch ist es nicht sicher, ob sie schon darin wohnt. Sie wird einen Schatz entdecken. Nur einen, aber einen besonders wertvollen. Ihre Hände werden über den abgegriffenen Einband streichen und sie wird sich auch diesmal fragen, wie das Buch hierher gekommen ist, zu all den anderen Büchern auf diesen altersschwachen Tisch des sonnigen Nachmittages.

Dann wird sie sich in den Park setzen. Sie wird alten Männern beim Schweigen zuschauen, müde Mütter sehen, noch immer rüstige Frauen plaudern hören. Kindergeschrei von der nahen Schaukel. Sie wird sich die Sonne auf die Augenlider scheinen lassen, so lange, bis rote und lila Punkte tanzen und sie leicht schwindlig machen. Sie wird in ihrer Tasche nach dem Buch kramen, das sie mitgebracht hat. Jetzt liest sie wieder Camus. Camus kann man immer lesen. Camus ist immer wieder schön. Der erste Mensch, vor allem.

Wenn die Sonne hinter den Schornsteinen verschwunden ist, wird sie aufstehen und sich langsam auf den Weg nach Hause machen. In Gedanken versunken wird sie die Strasse überqueren, sie wird den Obsthändler an der Ecke grüssen, der auch ihr Nachbar ist. Sie wird träumend den Weg nach Hause finden. Sie wird in den neunten Himmel hinaufsteigen, der jetzt ihr Zuhause ist. Im neunten Himmel nämlich scheint noch immer die Sonne. Sie wird ihr beim Untergehen zuschauen und auf ihren Liebsten warten. Wenn er nach Hause kommt, wird er es wieder fast nicht aushalten können, dass sie so schön ist. Immer schmerzt es ihn, das vor Glück hüpfende Herz.

Die Sonne versinkt zögernd im Dunst der Stadt. Die Dämmerung zieht herauf. Der neunte Himmel ist jetzt beleuchtet. Er scheint in die Dunkelheit hinaus.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 15

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Endlich Dezember. Ein paar Kerzentropfen noch, dann ist Weihnachten. Der November, das war mir vielleicht einer. Durchzogen von einem Infekt, der trotz meiner liebevollen Bebrütung nie so richtig aus dem Ei schlüpfen wollte, angereichert mit einer Art seelischem Wackelkontakt. Nennen wir´s eine Brise Novemberdepression. Dass sich diese Verstimmung auch bei schönster italienischer Septembersonne und allerhöchstens Oktobertemperaturen ausbilden konnte, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass sich meine empfindsame, moderne Seele nicht etwa nach Temperaturschwankungen und Wetterlage orientiert, sondern sich nach dem Heiligen gregorianischen Kalender richtet. Bedenklich, irgendwie.

Im November, so sagt man, sind die Wände zum Reich der Toten dünner. Die Toten belauschen uns während wir versuchen, weiter zu machen wie bisher. Im November besucht man die Toten auf ihren Gräbern in der Hoffnung, dass sie einen dann nicht selbst besuchen, sondern da bleiben, wo sie hingehören. IN den Gräbern. Im November schleicht der Tod um die Häuser und da ist es ja auch kein Wunder, wenn man nachts wachliegt, weil man die tränenverschleierten Augen nicht schliessen kann und man von Wahnvorstellungen über das drohende Unglück heimgesucht wird.

Seit einiger Zeit kommt der Tod auch so wieder in Mode. Der Markt hat sich für den Tod geöffnet. Man möchte ihn nun ins Leben integrieren (um daraus Kapital zu schlagen?). Ratgeber und Experten wissen, man muss den Tod als Teil des Lebens betrachten. Es heisst nun, um ein gutes Leben zu führen, müsse man den Tod annehmen, ihn verstehen. Dabei ist der Tod doch gerade das Unverstehbare, Unfassbare, das Unsagbare. Auch ich bin der Meinung, dass ein gelingendes Leben ein endliches ist. Aber, den Tod annehmen heisst vielleicht gerade, ihn nicht verstehen zu wollen. Als Gegenwartspessimistin sehe in der Vorstellung, der Tod müsse verstanden sein, nur ein weiteres Zeichen für den Beherrschbarkeitswahn des 21. Jahrhunderts. Denn auch an der Unendlichkeit des Lebens wird kräftig gearbeitet. Und vielleicht hat das alles mehr miteinander zu tun als es scheint.

Nun aber, da der November sich in seiner transzendentalen Funktion enthüllt hat, der Dezember eine goldene Schleife um unsere irrationalen Ängste bindet und wir, eingetaucht in vorweihnachtlichen Kerzenschimmer und Lebkuchenduft kaum mehr Zeit zum klaren Denken finden, ist es Zeit, sich wieder einmal dem Glück zu widmen.

Denn das Glück ist mir widerfahren, eines Abends im November. Da nämlich zeigte der besagte Infekt Erbarmen mit meinem lauernden Körper und ich durfte mich endlich mit klappernden Zähnen und Gliederschmerzen ins Bett legen. Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Bett und da geschah es, dass ich das Glück der Katharsis erleben durfte.

„Katharsis“ ist ein Begriff aus der antiken Theaterwalt. Aristoteles bezeichnete damit einen Reinigungseffekt, der im Zuschauer durch die künstlerische Präsentation einer Tragödie hervorgerufen wird. Furcht und Mitleid sollten auf den Zuschauer so erschütternd wirken, dass sich sein psychischer Zustand veränderte. Der Zuschauer sollte geläutert aus dem Theatron stolpern um fortan ein anderer, ein besserer Mensch zu sein. Empfindsame Menschen dürften solches auch schon im Kino erlebt haben, wenn sich nämlich die Kamera, durch das allzu distanzlose und emotionale Zeigen, die Gefühle des Zuschauers aneignet.

Nicht zu verwechseln ist die Katharsis mit der Epiphania. Bei der Epiphania handelt es ich um eine stark vertikal ausgerichtete Fahrt gen Himmel, welche nur durch starkes Beten und Enthaltsamkeit erfahren wird. Das Wunder der Katharsis kann bereits ein Tag Unpässlichkeit im Bett bewirken. Denn plötzlich, nach einigen Stunden der Selbstbemitleidung, fühle ich mich geläutert und geklärt und beschliesse, von nun an glücklich zu sein, ein gutes Leben zu führen und vor allem weiter zuversichtlich Glücksgründe zu sammeln. Was ein gutes Leben ist, dazu komme ich beim nächsten Mal.

 

Integration und Ausschluss

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Der erste Schritt zur Integration ist der Spracherwerb. Als schlecht integrierte Ausländerin in Italien kann ich ein Lied davon singen, wie wichtig es ist, sich ausdrücken zu können, formulieren zu können, ohne Angst auf die einheimischen Leute zugehen zu können. Aber es reicht bei weitem nicht aus, zweimal die Woche einen Sprachkurs zu besuchen. Dann kann man die Sprache zwar theoretisch aber reden will trotzdem niemand mit einem, weil man schon nach zwei Sätzen rumstottert, nach Worten sucht und die Geduld des Gegenübers strapaziert. Nein, um integriert zu sein, muss man am sozialen Leben teilhaben, muss man mitmachen. Integration braucht Toleranz und Interesse auch seitens der einheimischen Bevölkerung. Wenn sich niemand für dich interessiert, weil du Ausländerin bist, niemand mit dir redet, weil du eine Fremde bist, dann lernst du weder die Sprache noch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten vor Ort.

In Bremgarten, einer kleinen Stadt in der schönen Schweiz, soll nun eine Unterkunft für 150 Asylsuchende eröffnet werden. In Angst und Schrecken versetzt, bibbert die Bevölkerung der Ankunft der Fremden entgegen. Um deren Ängste zu mildern, hat die Gemeinde nun asylbewerberfreie Zonen geschaffen. Sage und schreibe 32 Zonen wurden geschaffen, in denen sich Asylbewerber nicht aufhalten dürfen, beispielsweise im Freibad, das geht gar nicht. Anscheinend haben nicht wenige BremgartnerInnen Angst, dass ihnen ein fieser Ausländer ihren fetten Schwabbelbauch wegschauen, den Kindern Drogen verkaufen oder den letzten Cervelat vom Grill klauen könnte.

Als Schweizerin möchte ich vor Scham im Boden versinken. Wer Mitmenschen vom eigenen Leben vollkommen ausschliesst, wegschliesst, sagt damit nicht nur „Ich will dich hier nicht haben.“ oder „Ich traue dir nicht über den Weg.“ sondern „Du existierst nicht für mich. Ich will dir niemals begegnen. Ich will dich NICHT EINMAL ANSCHAUEN.“ . Ich bin mir sicher in Bremgarten wird jeder Hund besser behandelt.

Es gibt verschiedene Formen der Anerkennung, verschiedene Anerkennungstheorien. Anerkennung kann Liebe heissen, Respekt oder Solidarität, je nachdem, in welcher Beziehung wir zum anderen stehen. Und auch angeschaut werden, ist eine Form von Anerkennung. Anerkennung heisst Anschauen. Nicht angeschaut zu werden, ist eine der grössten Demütigungen überhaupt. Um selbstbewusst zu leben, muss man als Teil einer sozialen Welt wahrgenommen werden. Anerkennung zu erfahren ist ein wesentlicher Grundstein für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins. Man muss davon ausgehen, dass die BremgartnerInnen in ihrem Leben wenig Anerkennung erfahren haben. Nur so lässt sich ihr Verhalten erklären.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen fehlender Anerkennung und Gewalt. Wer auf die Dauer von seiner Umwelt keine Anerkennung erfährt, keinen Respekt, keine Solidarität wird aggressiv, entweder gegen sich selbst oder gegen andere. Der Mangel an Anerkennung zerstört den Menschen. Niemand kann ohne Anerkennung leben.

Und das bringt mich darauf, dass das Ganze ja System hat. Wir haben es hier mit einem reziproken Verhältnis zu tun. Ausschluss führt zu Gewalt und Gewalt führt zu Ausschluss. So sind nicht nur zwei Phänomene auf einen Schlag erklärt, so ist auch ein niemals endendes Problem geschaffen. Und ach, über nichts lässt sich schöner schimpfen als über die aggressiven Ausländer, diese  „Fuula Siecha wo nöd amol tütsch chönd!“

Ich habe mich schon oft für die Schweiz geschämt und diesmal noch viel mehr. Ich wünsche allen, die das in Ordnung finden, dass ihnen mal jemand so richtig den Hosenboden versohlt. Und an dieser Stelle soll in der philosophischen Küche gleich noch ein alter Ohrwurm aufgelegt werden:

http://www.youtube.com/watch?v=kyJUzkyVRmc

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 14

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Als Kind verbrachte ich viel Zeit im Haus dreier anderer Dorfkinder. Ein Mädchen und zwei Jungen, Geschwister. Es war ein besonderes Haus, eine alte Mühle, die am schattigen Rand des kleinen Weilers stand. Ein kleiner Bach floss hinter dem Haus vorbei, ganz nah an der Hauswand und wenn man die Hand aus einem der Fenster streckte, konnte man beinahe den kühlen, bemoosten Waldboden berühren, der sich am anderen Bachufer steil hinaufarbeitete. Es war die Zeit als ein Sommer noch lang und ansonsten ereignislos war.

Das Haus hatte etwas Verwunschenes. Es wurde bewohnt von den drei Kindern, ihrer geistig immer fernen Mutter und dem tagsüber abwesenden Vater, der jedoch auf eine ungewisse und seltsam bedrohliche Weise immer präsent war. Die Mutter der Kinder war krank, wahrscheinlich depressiv, medikamentenabhängig, ein wenig aufgedunsen. Ihr Lächeln zeugte davon, dass sie einmal sehr hübsch gewesen war und bestimmt manchem in den umliegenden Dörfern den Kopf verdreht hatte. Sie verbrachte die Tage damit, in ihrer Küche am Tisch zu sitzen und die vier nichtssagenden Seiten des Käseblattes zu lesen oder versonnen in ihre Kaffeetasse zu lächeln. Manchmal rief sie uns und fragte ahnungsvoll: „Was mached er?“ Aber es war eine hilflose Frage, eine Geste eher und immer schwang schon die Hoffnung mit, es möge nichts Schlimmes sein, nichts Gefährliches, nichts, was von ihr ein Handeln abverlangen würde.

Es war so schön dort, dass es manchmal unwirklich war. Das Haus schien auf eine gewisse, zauberhafte Art verloren. Vielleicht, weil auch die Bewohner verloren waren, oder versunken irgendwie. Das Haus war voll von alten Möbeln, staubigen Sofas, blinden Spiegeln, Dingen, die von einer vergangenen Zeit erzählten. Unordentlich und hochinteressant. Es gab immer etwas zu entdecken. Es war, als ob wir in der Seele des Hauses kramten und heute weiss ich, dass das Haus eine Erweiterung unserer eigenen Seelen war. In einem der vielen Zimmer, das von uns Kindern offiziell als Spielzimmer benutzt wurde, stand ein altes Klavier. Darauf haben wir Kinder stundenlang geklimpert, gehämmert, richtig gejohlt und falsch gesungen. Aber die Mutter, sie konnte Klavier spielen und sehr schön singen und manchmal verliess sie ihre Ecke in der Küche und spielte uns Kindern etwas vor auf dieser alten, verstimmten Dame. Noch heute, wenn ich Klaviermusik höre, muss ich an jenes Haus denken. Vielleicht verbrachte ich dort die schönste Zeit meiner Kindheit und seltsamerweise ahnte ich damals schon, dass diese Zeit für immer verloren war. Schon damals überfiel mich oft unvermittelt eine Traurigkeit, die ich mir nicht erklären konnte. Vielleicht war es die Trauer darüber, dass alles Schöne vorbei geht. Die Sehnsucht danach, ewig so weiterspielen zu können, für immer Kind zu sein und das Wissen, dass es nicht möglich war.

Der hintere Teil der alten Mühle war eine Scheune. Sie war voll mit alten Tischen, Stühlen, Truhen, Rädern, Pferdekutschen. Ich kann mich sehr deutlich an eine alte Badewanne erinnern, in der wir über die Meere fuhren. Das Haus war unsere eigene Villa Kunterbunt, die Verwirklichung des Kindertraumes, ungestört und wild zu spielen, eine Welt zu haben ohne Erwachsene darin. Das Haus war tagsüber eine Welt ohne Gesetz, denn das Gesetz sass in der Küche und war mit Pillen ruhiggestellt.

Eigentlich war es uns verboten, in der Scheune zu spielen, denn die Dinge waren wild zusammengeworfen und aufeinander gestapelt und bei einer falschen Bewegung drohten die Haufen zusammenzukrachen. Wir taten es trotzdem. Heimlich. Wir nutzten die Ohnmacht der Mutter schamlos aus. Wenn der Vater nach Hause kam, dann fluchte und wetterte er, was uns eigentlich einfalle! Er war der Einzige, der für Ruhe und Ordnung sorgen konnte in diesem turbulenten Haushalt. Ich bin dann immer rasch verschwunden. Als Kind habe ich das alles nicht richtig einordnen können. Die Rückkehr des Vaters hatte den ganzen Tag über schon wie eine Bedrohung in der Luft gelegen. Wenn er zuhause war, dann war der ganze Zauber weg. Doch tagsüber, wenn der Vater bei der Arbeit war, dann lag das Haus unter einem Schleier. Die Wirklichkeit blieb vor der Tür. Der kindliche Wahnsinn regierte. Eine schöne Erinnerung, die mich glücklich macht. Eine Erinnerung, die aufgrund ihrer Unwirklichkeit immer schon etwas blass war, aber nie ganz verblasst ist.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 13

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Sommerglück

Kirschen essen, Fahrrad fahren,

Glace schläcken, Klatsch erfahren,

draussen sitzen mit nassen Haaren,

Mundwerk steht nie still.

*

Sonnencreme, viel nackte Haut ,

Körper tropfen wie aufgetaut,

Konzertbühne ist aufgebaut,

Fleisch verkohlt vom Grill.

*

Perlmuttsonnenuntergänge,

Nächte feiern in ganzer Länge,

von Ohren baumeln Schmuckgehänge,

Kleider auch ganz schrill.

*

Einsam ist, wer jetzt allein,

Mückenstiche, die schlimmste Pein,

nichts darf mehr ohne Eis drin sein,

lesen was man will.

*

Schwimmen, schwimmen, immer weiter,

lachen, endlos, immer breiter,

selten wird man jetzt gescheiter,

Hitze fast wie Drill.

*

Sonnenbaden dicht an dicht,

Vergnügen ist nun höchste Pflicht,

das grelle Licht nimmt uns die Sicht,

Augen stets bebrillt.

*

Doch das schönste Sommerglück,

weil reimfrei bleibt es hier zurück:

In abgedunkelten Räumen auf kühlen Sofas liegen und Aprikosen-Ingwer-Lassi trinken.

Hier geht’s zum Rezept: http://larapalara.wordpress.com/2013/07/16/aprikosen-ingwer-lassi/