#Jesuisunenfantpakistanais

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Geburt und Tod sind zwei universelle Tatsachen. Alle Menschen werden geboren. Alle Menschen sterben. Dies sind keine wertvollen Aussagen. Es sind Tautologien. Sie sind immer wahr. Bedeutend werden solche Ereignisse erst, wenn sie historisch eingereiht werden.

Die Geschichte zeigt aber, dass nicht jeder Tod von historischem Wert ist. Niemand interessiert sich für die italienische Mamma, die sich nach der tausendsten Lasagna müde ins Bett legt und für immer die Augen schließt. Niemand kennt die Namen der über 130 pakistanischen Kinder aus Peschawar, die vor Weihnachten von Terroristen erschossen wurden. Sie haben keine Geschichte und vielleicht ist es ein Kennzeichen des Menschen, dass er versucht, sich eine Geschichte zu verschaffen? Kaum jemals hätte Breivik seinen Namen in der Zeitung gelesen, hätte er nicht 77 Menschen ermordet. Mit dem Leid kommt oft der Erfolg.

Die eben noch moribunde Charlie Hebdo stößt absatzmässig in ganz neue Dimensionen vor, seit die halbe Redaktion erschossen und begraben liegt und Hinz und Kunz die Zeitung lesen wollen, für die sie sich vorher nicht die Bohne interessiert haben. Eine unfassbar hässliche Tat schafft plötzlich Einigkeit und Einheit. Aber, wir alle wissen, das ist nur von kurzer Dauer. Im digitalen Zeitalter werden Gemeinschaft und Gleichheit nur noch punktuell geschaffen. Zu stark ist die Zerstreuung des Denkens und die Fragmentierung der Interessen. Man kann nicht überall sein aber überall ein bisschen. Heute ein bisschen #JesuisCharlie teilen und morgen dann wieder die Pegida mit all ihren dummen Ablegern gut finden. Es kostet eben alles nichts. Wie Roland Barthes einst bemerkt hat, gibt es außer Geburt und Tod nichts, was uns eint, und allein in der Endgültigkeit des Todes sind wir Menschen uns gleich.

Zum Attentat lässt sich nichts mehr sagen. In der ZEIT wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass wir nicht vergessen dürfen, dass islamistisch ideologisch motivierte Anschläge immer auch uns Frauen gelten. Sie wenden sich gegen unser Selbstverständnis, gleichwertige Personen zu sein, gegen unsere Freiheit zu arbeiten, zu lesen, zu lernen, gegen unsere Lust, zu lieben und zu lachen. Gerade Humor können manche Menschen gar nicht ab. Humor ist vielschichtig, tiefgründig und gefährlich. Humor kann rasch aufs Glatteis führen. Ich persönlich finde, dass Mohammed-Karikaturen unnötig sind. Erstens, gibt es intelligentere Aussagen und zweitens, treffen solche Karikaturen genau diejenigen, für die ihr Glaube alles ist, was sie haben. Diejenigen, die von den Eliten instrumentalisiert werden, gerade um solche Lästerlichkeiten zu sühnen. Die Aussichtslosen in den Banlieues sind es, die für die Mächtigen in den Krieg ziehen. Humor sollte nicht wild um sich schießen, Humor sollte genau zielen, am besten nach oben.

Trotz des unfassbaren Grausamkeit also, die der Charlie Hebdo Redaktion widerfahren ist und trotz ihres eigenen mehr oder weniger anarchistischen Selbstverständnisses, muss sie sich meiner Meinung nach doch die Frage gefallen lassen, was sie mit solchen Mohammed-Karikaturen eigentlich bezwecken will.

Seltsam auch, dass eine Umfrage unter ZEIT-Leser ergeben hat, dass 60% der Meinung sind, dieser Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Das ist natürlich nett gemeint, aber stimmt es denn auch? Haben solche Anschläge nicht mit jenem Islam zu tun, der von den einen als Macht missbraucht wird und für die anderen der letzte Ankerpunkt ist? Aber vor allem, hat solche Gewalt etwas mit Gewinnern und Verlierern zu tun. Mit einer Jugend ohne Zukunftsperspektiven. Mit einer Gesellschaft, die nicht weiss, dass im Grunde jeder einfach nur teil haben möchte. Mit einer Arbeitswelt, die sich nicht um Arbeitsplätze schert sondern um Aktionäre. Mit Politikern, die sich nicht um junge Männer kümmern, die sich diesseits keine Existenz aufbauen können und es deshalb lieber mit den 72 Jungfrauen im Jenseits versuchen.

Gut, auch früher haben die Eliten aufstrebende junge Männer im Krieg entsorgt. Und da fällt mir noch was ein:

Am Trauermarsch haben Staatsoberhäupter mal wieder Flanke gezeigt: Solidarität mit den Opfern, mit Frankreich, die gemeinsame Entschlossenheit gegen das Übel vorzugehen. Ich zweifle nicht an der ehrlichen Betroffenheit aber:

Liebe Frau Merkel,

Ihr Land ist einer der größten Waffenexporteure. Wäre es nicht an der Zeit, dass Sie sich darum kümmern, dass solche Geschäfte eingestellt werden? Exportgewinne hin oder her. Ich sage ja auch nicht, dass es solche Anschläge nicht mehr geben würde, aber wenigstens hätten Sie sich dann nicht die Hände schmutzig gemacht.

Hinten rum fiese Geschäfte treiben und dann in der ersten Reihe rumstehen und heulen. Die haben wir am liebsten.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 24

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Fitter, happier, more productive, comfortable, not drinking too much… Pünktlich zum Beginn des neuen Jahres fällt mir wieder Radiohead‘s Abhandlung über das Diesmal-alles-besser-machen ein. Ich bin auch so eine, die sich immer viel vornimmt. Mehr Sport, weniger Süßes, informiert, aber nicht deprimiert sein… Thom Yorke‘s Sermon endet dann allerdings mit den Worten: … a pig, in a cage, on antibiotics. 

http://www.dailymotion.com/video/x95vh1_radiohead-fitter-happier_music

Das war 1997. Seither hat die globalisierte Arbeitswelt manch krankes Schwein hervorgebracht, Sklavenarbeit ist eine selbstverständliche Notwendigkeit für ein Leben des niemals-endenden-Konsums geworden und dann gibt es noch die Vielen, die das kranke Schwein ohne mit der Wimper zu zucken als Kotelett auf das Supermarktband legen und es sich zu Hause schmecken lassen. Diejenigen, die es am nötigsten hätten, nehmen sich nach Silvester nie viel vor. Dummheit macht bekanntlich glücklich, aber auf das Glück der Ignoranz kann ich gut verzichten.

Peter Sloterdijk, das Karlsruher enfant terrible der philosophischen Gesellschaft, hat mal ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel: Du musst dein Leben ändern. Ein schlichter Titel, unvergesslich. Er hat zugleich etwas Erhebendes (Das Leben zu ändern ist möglich.) und etwas Empörendes (Wie kann er es wagen, mir dies zu sagen?) und Verführerisches (Soll ich mein Leben ändern? Könnte mein Leben besser werden?). Ja, ich weiß, ich muss mein Leben ändern. Aber, weshalb weiß es Sloterdijk? Jeder, der das Buch zur Hand nimmt, bekennt, dass das eigene Leben noch nicht perfekt ist.

Zugegeben, ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, aber ich habe mir für 2015 ein anderes von Sloterdijk FEST VORGENOMMEN!: Im Weltinnenraum des Kapitals nämlich. Immerhin schreibt Sloterdijk darin Sätze wie: „Darüberhinaus nimmt im kapitalistischen Weltinnenraum die Neigung zum hintergedankenfreien Endverbrauch überhand, die man vor hundert Jahren in der ersten Aufregung Nihilismus nannte.“ Sehr treffend würde ich sagen. S.o. Schweinekotelett.

Sloterdijk ist eine seltsame Figur, nicht nur innerhalb des philosophischen Paralleluniversums. Ich würde behaupten, er gibt den Hexenmeister. Immerhin, er nimmt es auf sich. Er ist sich nie zu schade für einen mittelmäßigen Skandal und bestimmt geht es ihm nicht nur um die Verkaufszahlen. Ich habe ihn vor vielleicht einem Dutzend Jahren einmal an einem Vortrag in Zürich erlebt. Ein Berg von einem Mann, rollt mit dem Tempo eines Schnellzuges daher. Einer, der dich einfach platt macht. Ich habe damals wenig von dem begriffen, was Sloterdijk in jener Stunde in die übervolle Aula schmetterte. An den Fragen, die aus fragenden Mündern in fragenden Gesichtern gestellt wurden, konnte ich ablesen, dass es nicht nur an mir und meinen mangelnden studentischen Kenntnissen liegt. Sloterdijk ließ nichts auf sich kommen. Er verteidigte sich und seine Wahrheitsfindung standhaft. Er schien in Zürich geradezu Tabula Rasa machen zu wollen. Die Professoren (damals war selbstverständlich noch keine Frau darunter, wir reden hier über das Fach Philosophie!) ärgerten sich auf distinguierte Weise.

Das Entscheidende ist nun nicht, dass wir uns immer zu viel vornehmen, zwangsläufig an unseren hohen Ansprüchen scheitern, dann enttäuscht sind, von uns und von der Welt, nächsten Dezember die Enttäuschung komplett vergessen haben werden und im Januar in die nächste Runde des Jetzt-muss-sich-endlich-etwas-ändern starten. Entscheidend ist, dass wir noch immer die Möglichkeit haben unser Leben zu ändern. Andere betreiben bloßen Überlebenskampf. Wir haben noch die Freiheit ja zu sagen oder nein, dies zu tun und jenes zu lassen. Darüber sollten wir glücklich sein und weiterhin unser Bestes geben. In dem Sinne wünsche ich allen ein gelungenes weiteres Jahr!

Ein Appell

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larapalara:

Ein guter und wichtiger Text!
Ich bin im Übrigen dafür, dass die Pegida-Anhänger ein eigenes Pegida-Land kriegen. Da können sie es dann schön zusammen haben…

Originally posted on Herz im Kopf Blog:

Kleine dunkeläugige Kinder haben Angst. Sie fragen ihre Eltern, ob sie nun weg müssten. Auch wir haben ein ganz mulmiges Gefühl, das Selbe, das wir hatten, als wir uns damals, als wir nach Deutschland kamen, mit dem Nationalsozialismus beschäftigen mussten. Der Lehrplan erforderte all die tragischen Biografien, die Entwicklungen menschlicher Interaktion und Beeinflussung, wie es mit kleinen Vorurteilen begann und wie schnell daraus Hass wurde. Wie schnell dieser Hass zum schweigenden Abnicken größter Verbrechen wurde. Auch damals schwieg man, weil viele dachten, Nachbar Meyer würde all das auch für richtig halten, also musste es richtig sein.

Im Moment wissen viele meiner Freunde und Kollegen nicht, wie wir uns fühlen. Sie selbst neigen dazu, diesen “Haufen Irrer in Dresden” nicht ernst zu nehmen. Aber fünfzehntausend, das ist nicht nur eine abstrakte Zahl, das ist eine Menge, in der man untergehen kann. Sie verstehen noch nicht, dass wir uns nicht verstecken können…

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Der Hipstervogel

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Neulich spaziere ich mit einer Freundin durchs Karoviertel in Hamburg. Das Karoviertel war früher mal eher abgefuckt. Gewisse Leute hätten in gewisse Cafés dort bestimmt keinen einzigen Fuß gesetzt. Heute ist das ganz anderes. Ein neues Geschäft nach dem anderen öffnet die Türen, Bioläden, gemütliche Teestuben, teure Boutiquen und viele Leute so um die Dreißig, die in diesen Kleidern rumlaufen, die wie selbstgemacht aussehen aber dann doch wieder nicht. Viel Understatement-Chic.

Und ich sehe auch: Überall Wald. Waldvögel. Waldgetier. Rehe. Zweige. Nüsse. Auf Karten, Taschen, Beuteln, Kissenbezügen, Lampen, Tapeten. Wald ist überall. Und ich denke mir, dieses Viertel muss ganz und gar in Hipsterhand sein, denn Waldgetier und Hipster gehören auf geheimnisvolle Weise zusammen. Nur, wie?

Das Phänomen des Hipsters ist schon ziemlich alt, und doch ist es immer wieder neu. Das liegt im Phänomen selber begründet. Früher war es so: Hipster waren selten lustig. Hipster waren irre cool. Ihre lässig herabgezogenen Mundwinkel, der mit größter Sorgfalt unfrisierte Schädel auf tätowierten Schultern und Hipsterarmen. Hipster lachten nur mit ihresgleichen. Hipster, die in Cafés bedienten, musste man fast anflehen, damit man einen Cappuccino kriegen konnte. Dann bin ich für eine Weile aufs Land gezogen und habe sie ganz vergessen. In der italienischen Pampa, da gibt es keine Hipster.

Jetzt sehe ich sie wieder, aber sie haben sich verändert. Sie sind älter geworden und manch einer lächelt mich nun freundlich an, schließlich möchte er mir etwas verkaufen. Zudem sind Hipster nun oft Hipstereltern. Das stimmt an sich milde. Aber nur scheinbar. Hipster haben sich in die Idee verbissen, individuell und anders zu sein. Dabei setzt ein Hipster seine Andersartigkeit möglichst unauffällig in Szene aber in dieser Unauffälligkeit, in dieser scheinbaren Bescheidenheit ist eine feine Codierung eingewebt. Er versucht kompromisslos genügsam zu sein und ist dabei auf der ununterbrochenen Suche nach seiner ganz eigenen Wohlfühltemperatur. Da der Hipster so individuell ist, muss er sich unheimlich viel mit sich selbst beschäftigen, ohne dabei jemals zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Denn, egal woher der Wind weht, ein Hipster schwimmt immer oben auf der Welle und kann deshalb seine Depression nicht kultivieren.

Ein Hipster isst vegan. Ein Hipster kauft ausschließlich Bio-Produkte. Ein Hipster benutzt Apple (und isst bestimmt viele Äpfel). Und, er hat den unschlagbaren Vorteil, sich ganz und gar in Alternativmarken kleiden zu können.

Nun ist noch immer nicht geklärt, woher die Hipster-Affinität zu Waldbewohnern kommt. Nun: Ein Wald ist eine größere Ansammlung von Bäumen in denen allerlei Waldgetier wohnt. Von der Idee her ist ein Wald Natur und deshalb Heiligkeit, Unversehrtheit, Unzugänglichkeit. Obwohl der Wald ständig in Aufruhr ist – eben weil er von allerlei Wesen bevölkert ist – lässt einen ein Wald eine tiefe Ruhe empfinden. Waldbewohner haben etwas Ursprüngliches an sich, etwas Geheimnisvolles, etwas, was uns Menschen noch verborgen bliebt, etwas, was noch nicht in Gefahr ist.

Ich will es mal so sagen: Ist man Punk, dann ist man Punk. Punkt. Ist man Hipster, dann ist man ein fluides, flüchtiges Etwas, eventuell mit Hornbrille. Der Hipster weiß um seine eigene Flüchtigkeit, denn er ist gebildet und liest viele Magazine. Neben seinem biologischen Leben führt er mehrere digitale Existenzen im Netz. Ich würde gar sagen, er hat ein digitales Bewusstsein. Fazit: Ein Hipster ist eine Art Hybridwesen. Er läuft ständig Gefahr, sich selbst zu verlieren. Er hat das postmoderne Borderline-Syndrom. Wie die meisten von uns, steht er auf verlorenem Posten, wenn es um die Suche nach verbindlichen Werten geht. Nur, dem Hipster fliegt zusätzlich noch die eigene Persönlichkeit um die Ohren.

Der Wald hingegen ist in seiner Idee, in seiner Metaphysis sozusagen (nicht in der Realität natürlich) stabil. Der Waldvogel also, der die Teetasse des Hipsters ziert, versichert dem Hipster die Zuverlässigkeit seines Daseins, er gibt ihm Sicherheit und Geborgenheit. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Beziehung um eine schlichte Bejahung seiner Existenz. Um ein schlichtes: Ja, ich bin immer noch da.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 23

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Es war ein kochend heißer Tag im Juli. Ein kopfwehträchtiger Tag. Ein Tag, an dem die Ausfallgrösse des Universums auf zweihundert Meter geschrumpft schien. Ein Tag der Staub fraß.

Ein wahrlich erbärmlicher Tag für Neds Bratpfanne. Nacheinander waren ihm zwei junge Nachtechsen entwischt. Nicht, dass Ned sich viel aus Echsen machte, aber wenn sie noch jung waren, konnte er sich wenigstens VORSTELLEN, dass sie gut schmeckten. Bei den alten Ledernen fiel ihm das schon schwerer. Ned war der Meinung, dass sich Hunger und Sex in der Hinsicht recht ähnlich seien. Wie sagte er doch immer: „Wenn man auswählen kann, wünscht man sich auch eher Sex mit einer jungen, knackigen Lady. Im Notfall gibt man sich auch einer Alten hin.“ Ein wahres Wort und ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er in seinem ölverschmierten Arbeitsoverall im Halbduster meiner kleinen Autowerkstatt steht, Gesicht und Hände schwarz von der Arbeit am alten Lincoln, welcher aufgebockt dem Ende seiner Tage entgegensieht. Ned, wie er versonnen in seinem Kaffee rührt. Es ist eine Geschichte der Befreiung.

Im Notfall hätte Ned auch eine alte Echse gefressen, das wohl schon, aber keine Schlange und auch nicht die, die er an jenem Tag in seinem Beutel mit sich trug. Er hatte sie nur übungshalber gefangen, um in Form zu bleiben. Ned hatte vor, sich auch an diesem Tag den Magen mit ein paar Bieren zu füllen und früh zu Bett zu gehen, vorher noch kurz bei Nestor reinschauen. Seit einiger Zeit ging das schon so, genauer gesagt, seit Macy nicht mehr da war.

Ach, Macy. Seit ihrem Tod war es allen ganz schön langweilig geworden in Little Falls. Dabei war Macy einfach nur eine Säuferin gewesen. Ständig rumgezickt, ständig die Birne voll und kurz vor dem Durchdrehen, aber wenigstens für Unterhaltung war gesorgt. Ihr konnte man stundenlang zusehen, wie sie die Augen zusammenkniff und mit gerunzelter Stirn versuchte, die Zeitung zu lesen, die mindestens eine Woche schon bei Toni im Auto vor sich hingegilbt hatte. Nichts begriffen hatte sie, aber immer gescheit daherschwafeln. Die meiste Zeit war sie mit `nem Buch in der Gegend rumgerannt. Immer mit demselben. Wahrscheinlich hatte sie nur dieses eine und Vernon war mal so stinkwütend geworden, also wirklich soooo stinkig, dass er Seite um Seite rausgerissen und verschlungen hatte. „Da hast du’s, du Klugscheißerin!“ hatte er geschrien, so laut, dass den Hunden das Jaulen in der Kehle stecken geblieben war und sie sich winselnd unter die Veranda verdrückt hatten. „Dein Buch ist so verflucht spannend, dass ich es fressen muss!“ Und dabei hatte er sich das staubige Papier wie ein Irrer ins Maul gestopft und mit Gin runtergespült. Seine Augen, groß und gelb wie Wachteleier, waren beinahe aus den Höhlen gerutscht. Er hatte wirklich zum Fürchten ausgesehen.

Nestor behauptet bis heute, das habe Macy den Rest gegeben, Vernon sei Macys Mörder. Absoluter Schwachsinn, sowas! Macy war eine Hure und eine Säuferin und wenn sie sich nicht zu Tode gesoffen hätte, wäre sie früher oder später an ihrer Einsamkeit gestorben oder an einer anderen großen, unheilbaren Krankheit. Naja, kann schon sein, dass sie da sehr traurig wurde, noch trauriger als vorher schon. Das Buch hatte ihr bestimmt viel bedeutet, sonst hätte sie es ja nicht die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt.

Ned meint immer, er und Macy wären so was wie ein Paar gewesen. Nicht, dass Macy davon irgendetwas mitgekriegt hätte, bei der funktionierte es im Kopf nicht mehr richtig, der staubige Sand der Einöde hatte ihr die Gehirnwindungen ausgefräst. Ned hatte sich wohl für sie verantwortlich gefühlt, was nicht soviel zu bedeuten hat, da Ned sich für alles verantwortlich fühlt, was auf diesem gottverdammten Planeten geschieht. Deshalb wird Ned auch das Ticken in seinem Kopf niemals loswerden, dieses tick, tick, tick, diese Scheisse in seinem Kopf, die immer lauter wird, je länger er über irgendetwas nachdenkt. Logischerweise hat Ned das Nachdenken fast gänzlich aufgegeben, auch wenn er sich damals natürlich jeden Tag mindestens einmal fragte, weshalb er es nicht schaffte, aus Little Falls abzuhauen. Ned kann sie nämlich nicht ausstehen, die grelle Sonne, die alles aufquellen lässt und alles verdirbt und an jenem Tag, als er zwischen heißen Steinen auf Sand grillte, als er auf der Lauer lag und durch die Büsche spähte in der Hoffnung, irgendetwas möge geschehen, etwas sich ergeben, fragte er sich noch mehr als sonst und das Ticken drohte noch mehr als sonst. Eine vollkommen lächerliche Frage. Wohin sollte er schon gehen, ohne Macy?

Reifenquietschen riss Ned aus seinen düsteren Gedanken. Er hob seinen verschwommenen Blick vom Boden und linste zur Straße. Durch die Büsche sah er einen lindgrünen Cadillac. Ein seltener Anblick in Little Falls. Eilig rappelte er sich auf, klopfte sich den Staub von den Hosen und setzte sich humpelnd in Bewegung…

Und so weiter, und so fort. Schreiben ist Glück.

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 22

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Früher, als mein Leben noch ein ganz anderes war, habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, auf einem alten Sofa zu liegen und Schallplatten zu hören. Es war das größte Glück für mich. Mehr brauchte ich nicht. Ich war 18 und hatte gerade mein Leben selber in die Hand genommen. Eigene Wohnung, eigener Kühlschrank, eigene Rechnungen auch. Ich hatte kaum Geld, aber ich fühlte mich frei. Zu essen gab’s Cornflakes und mein Fahrrad trug mich überall hin.

Die Kleider vom Flohmarkt, das Sofa aus dem Brockenhaus, die Heizung funktionierte nicht richtig und jeder, der mich besuchte, lieh sich gerne den dicken Pullover von mir und manchmal machte uns die Kälte gar nichts aus. Wir hatten ein warmes Herz, das reichte schon. Manch eine loderte innerlich, weil das ganze Leben noch vor uns stand und ja, das ganze Leben, das kann einem manchmal ganz schön viel werden…

Auch der Plattenspieler war ein uralter Herr. Er hatte schon manche Töne von sich gegeben. Man konnte es hören.

Auf dem Sofa liegen und nichts anderes tun, als den Klängen zu lauschen, dem Rauschen, dem unbequemen Sprung in der Platte. Es waren Stunden der Bedürfnislosigkeit und ich glaube, dass wir Menschen dabei sind, dies zu verlernen, keine Bedürfnisse zu haben. Nur eine Sache zu tun. Wir werden darauf konditioniert, immer Bedürfnisse zu haben, immer mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, aber nichts richtig. Ich glaube, die Welt ist voll von Menschen, die die Konzentration, ein ganzes Buch durchzulesen, nicht mehr aufbringen. Manche schaffen es noch nicht einmal mehr, sich ein ganzes Lied anzuhören. Viereinhalb Minuten. Wenn wir diese Ruhe nicht mehr finden, geht eine ganze Dimension verloren, die Tiefendimension nämlich.

Nichtstun ist möglicherweise die erhabenste Tätigkeit der Seele. Andere würden jetzt vielleicht sagen, nein, man muss Handeln, Handeln ist wichtig. Aber Nichtstun ist auch ein Handeln. Ein Handeln zur Innigkeit hin, zum Nachdenken, zum In-Sich-Gehen. Und schlau macht es auch, aber darauf verlassen sich die wenigsten noch. Heute ist Quantität wichtig. Man muss immer liefern, immer rennen. Ganz egal was, ganz egal wohin. Nur nicht Stillstehen. Deshalb gibt es auch so viele Blogs, die nur zitieren. Geht schneller und verbraucht weniger Ressourcen. Aber zum Glück gibt es diese schöne Idee, dass sich Quantität im Internet eines Tages unweigerlich in Qualität verwandeln wird. Ein tröstlicher Gedanke. Aus all den Shakespeare-Blog-Zitaten würde dann irgendwann ein ganz neuer Shakespeare zusammengestellt. Qualität ist dann irgendwie anders gemeint, aber wer weiß das schon.

Viele mögen es also nicht mehr kennen, aber Schallplatten hören ist mehr als Musik hören. Es ist der Musik zuhören. Vom ersten bis zum letzten Ton. Zuerst das schmale, kurze Klicken, wenn die Nadel auf dem Vinyl aufsetzt, die darauffolgenden Sekunden leichtes Knistern, dann der erste Ton, die leichte Ungeduld, bis es endlich richtig losgeht. Die Vorfreude auf eine Tonfolge, ein gesungenes Wort, einen besonders schönen Satz.

Wenn man sich auf dem Sofa gemütlich eingerichtet hat und nicht alle fünf oder zehn Minuten aufstehen möchte, muss man sich einer Platte als Ganzes auszusetzen. Dem ganzen Werk mit allen Höhen und Tiefen und irgendwann jeden Ton kennen. Man kann unpässliche Passagen nicht einfach herausfiltern, ein Lied überspringen geht nur mühsam und vor allem, man kann nicht sortieren. Die Musik ist bereits sortiert und zwar so, wie sie gemeint ist.  Schallplatten hören ist wahnsinnig altmodisch und widerständig und noch ganz Poesie.

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 21

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Vielleicht kann man die Lust am Reisen in drei Aspekten erklären: Das Zurücklassen des Altbekannten, die Verheißung des Neuen und die Veränderung, die man unterwegs erfährt. Man ist nicht immer dieselbe Person. Es macht einen Unterschied, ob man zuhause in den eigenen vier Wänden sitzt oder vor dem Kölner Dom steht. Zuhause weiß man zumindest, wo die Toilette ist, dafür ist man vor dem Kölner Dom besser angezogen.

Das Reisen ist ein Glück für mich. Es muss auch gar nicht weit gehen. Mein Glück entsteht eher durch das Unterwegs-Sein an sich. Durch das Unstete, durch das, was nicht bleibt und das man auch nicht festhalten muss. Durch das Sehen und das flüchtige Gesehenwerden. Beobachtungen auf einer Zugfahrt:

Kaum nähern wir uns der Grenze zur Schweiz, verändern sich die Sitten. Es werden Zweifel-Chips gegessen. Eine Frau Ende fünfzig isst die Chips wie ein Kind. Sie „trinkt“ die letzten Krümel mit zurückgebeugtem Nacken aus der Tüte. Dann wischt sie sich den Mund ab und isst noch ein Zweites.

Eine zieht ihren Schuh aus und untersucht ihn ganz genau. Sie steckt ihre Hand hinein, macht die Innensohle gründlich sauber und schüttelt den imaginären Dreck auf den Boden. Danach steckt sie ihre Nase hinein, schnüffelt, und zieht ihn sichtlich zufrieden wieder an.

Eine Gruppe bestehend aus einer Frau und drei Männern steigt ein. Kaum sitzen sie, zücken sie ihre Smartphones und vertiefen sich in die Welt darin. Das ist nichts Neues. Eine weitere junge Frau setzt sich daneben. Sie thront mit der grazilen Haltung einer Balletteuse und der Verachtung für die Normalsterblichen auf dem Gesicht. Dann nimmt sie ein unfassbar dickes Buch aus der Tasche. Es ist breiter als ihr Handrücken und in der Bibliothek ausgeliehen. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Sie ist noch ganz am Anfang, Seite 10 vielleicht. Ob sie es schaffen wird?

Der Nachmittag ist heiß. Die Bahn hat keine Jalousien. Es ist unübersehbar, dass auch niemals welche vorgesehen waren. Zwei Frauen wissen aber, dass es bestimmt wieder diese Jungen waren, die sie heruntergerissen hätten. Bestimmt betrunken. „Die Jugend von heute.“ Eine sagt es wörtlich. Lange dachte ich, der Satz sei ausgestorben. Ich denke, dass ich nun etwas sagen sollte. Dann lasse ich es sein, weil ich es für sinnlos halte. Danach finde ich mich auch doof.

Ältere Frauen sind auch nicht besser. In einer Gruppe tauchen sie plötzlich aus dem Nichts auf, beschweren sich lautstark, dass ihre reservierten Plätze besetzt seien. Dann verteilen sie sich, essen Lachgummi, trinken Sekt, reden laut und lachen unvorteilhaft. Bei Männern in Gruppen würde man so etwas als normales Verhalten einstufen, bei Frauen wirkt es auf seltsame Weise unflätig. Solchen Einschätzungen sagen allerdings mehr über die beobachtende Person aus. Ich überlege, ob der Mensch in Gruppen ganz allgemein unerträglich wird und weshalb.

Apropos ältere Frauen: Die Schaffnerin dürfte gegen die sechzig sein. Sie trägt eine wirklich enorm große Minnie-Maus-Haarspange in ihrem langen blonden Haar. Ich überlege hin und her. Vertritt sie eine ironische Haltung sich selber gegenüber? Kokettiert sie mit dem Alter? Will sie jung oder jugendlich erscheinen? Konnte sie ihre Haarspange nicht finden und hat sich in der Eile einfach die ihrer Enkelin ins Haar gesteckt? Seltsam das alles…

Das Leben ist voller ungelöster Rätsel. Je näher etwas scheint, desto ferner ist es.