99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 30

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Manchmal, wenn die Sonne an einem Freitag scheint, sitze ich bei Tim im Garten auf den weichen Polstern und trinke ein biertje. Tim ist ein Freund. Er hat einen großen wilden Garten. Es ist ein Glück, dort zu sein. Während die Kinder verrückt und um uns herum spielen, diskutieren wir über Gott und die Welt und alles andere dazwischen.

Nice Forest Meadow Sunny Jena wallpapersHat Gott das gemacht?

 

Tim denkt oft über Gott nach, darüber, ob es möglich ist, zu glauben. Die meisten Holländer, die ich kenne, haben Humor. Sie sind hart im Nehmen und im Geben und außerdem mit einer gehörigen Portion Selbstironie ausgestattet. Sie können über sich selbst lachen. Zumindest vordergründig. Und so frage ich Tim leicht ungeduldig, ob er seine Zeit nicht lieber mit sinnvolleren Fragen verbringe wolle. Der Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier beispielsweise oder Mensch und Maschine. Oder der Frage, wie Selbstbewusstsein entsteht, weshalb wir von uns als einem „Ich“ sprechen.

Die Frage nach Gott ist im Grunde überflüssig. Es ist eine Stellvertreterfrage für ganz andere Fragen. Was kann ich vom Leben erhoffen? Wie viel Verantwortung trage ich selber? Werde ich geliebt? Wird zum Schluss alles gut? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Aber natürlich ist die Frage nach Gott, eine Frage um des Fragens willen. Es geht um die Praxis des Fragens. Trotzdem. Eine solche Verrücktheit wie den Glauben an einen Gott habe ich mir im Leben noch nicht geleistet. Vielleicht war ich schlicht noch nicht verzweifelt genug. Und sowieso, wie er an einen allmächtigen Gott glauben könne, der so viel Unheil auf der Welt zulässt, will ich von ihm wissen. Die Theodizee. Ein Klassiker.

Bildergebnis für Erdbeben HaitiUnd das auch?

 

Das große Unglück entstehe eben aus lauter kleinen Unglücken, antwortet Tim. Gott könne sich nicht um alles kümmern. Außerdem sei Gott nicht zwingend allmächtig.

Das hat was. Trotzdem möchte ich nicht an einen Gott glauben, der so viel Leid zulässt. Und wenn ich es täte, müsste ich ihn genau dafür hassen. Und überhaupt: Muss Gott nicht per definitionem allmächtig sein? Oder wenigstens Naturkatastrophen verhindern?

Dann zitiert Tim plötzlich Leonhard Cohen: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in. „Und?“, frage ich. Das Licht kann und es muss auch ohne Gott hereinkommen. Müssen wir nicht eher nach uns fragen, anstatt nach Gott? Ist die Frage nach Gott nicht reine Ablenkung? Ein Manöver?

Statt an Gott müssen wir uns viel eher an Kant halten, denn der hat einmal vier zentrale Fragen aufgestellt:

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

Dabei wird Gott uns nicht helfen.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 29

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Bildergebnis für Stress

Seit heute habe ich eine neue Followerin und ein schlechtes Gewissen. Erfolg bringt schließlich immer auch Verpflichtungen mit sich. In diesem Blog sollte viel mehr geschehen, aber es geschieht die meiste Zeit rein gar nichts. Gut, das mag die Allerwenigsten interessieren, aber mich wurmt es. Das Potenzial ist da, aber der Geist dämmert träge vor sich hin.

Das Allererstaunlichste ist: Es schauen immer wieder Leute in der Philosophischen Küche vorbei. Von überallher. Das macht mich glücklich. Echt. Und ich nehme mir wieder einmal vor, mich nicht so hängen zu lassen. Ich hätte viele Ideen, trage viel halb fertiges mit mir rum, angefangene Texte, die nie ein Ende fanden. Davon will ich nun wenigstens einmal die Anfangssätze vom Stapel lassen. Seid gefasst, aus dem einen oder anderen wird noch ein Glücksgrund!

Wenn man so die Zeitung liest, müsste man eher eine Liste über das Unglücklichsein schreiben, als über das Glücklichsein.

Ich bin Atheistin.

Immer ein großes Glück waren für mich die Stunden im Buchantiquariat.

Es ist ein Glück, eine Frau zu sein.

Da wir in diesem Blog in einer Küche sitzen, könnte man ja ruhig mal über das Kochen reden, beziehungsweise über das Glück des Kochens.

Schreiben ist für  mich gleichzeitig das größte Glück und das größte Unglück.

Wer nachts nicht schlafen kann, der sollte nicht Schafe zählen, sondern Listen erstellen.

Und dann ist plötzlich alles anders.

Einmal im Leben, wenn es Sommer ist, werde ich im August nach Bayreuth reisen.

Letzes Jahr am 26. Juni um 13.08 Uhr hatte ich eine Erscheinung.

Im Ausland wird man oberflächlich, aber es ist eine aus der Not heraus geborene Oberflächlichkeit.

Seit ich in den Niederlanden wohne, gehe ich jeden Samstag zum Markt und kaufe mir einen Hering.

 

Es geht immer noch was.😉

Lost in Transit

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DIE DUNKELKEIT HINTERGRUNDPRÄSENTATIONAMUSE ME MAGAZINE No01 02 MUSE (MYTHOLOGIE) MUSE (BEZIEHUNG) MUSE (GEGENWART) Die Mu...Es ist ja so, dass in manchem Leben beruflich nicht viel Außerordentliches geschieht. In meinem zum Beispiel. Meine Tage fließen dahin in Ereignislosigkeit und ich muss mich immer wieder zur Räson rufen, nicht immer so viel zu erwarten. Früher, als weder Smartphone noch Facebook mich in Atem hielten, passierte schließlich auch nichts.

Letzthin aber schrieb ich ein Theaterstück über die Schönheit. Für einen Wettbewerb zum Thema. Ist gar nicht schlecht geworden. Nein, es ist gut geworden. Für einmal hatte mich der Muse Kuss gefunden und ich mich selbst übertroffen. In drei Wochen brachte ich das Ding zu Papier. Ganze Absätze flossen nur so aus der Hand. Es war Glückseligkeit.

Dann brachte ich es zur Post. Rechtzeitig, sechsfach und gebunden. Die Adresse fein säuberlich in Calibri getippt und ausgedruckt. Große Lettern schwarz auf weiß. Kann man nichts mehr falsch machen, eigentlich. Doch zwei Tage später sah ich, dass die Dame hinter dem Schalter den Barcode des Pakets mit einer ganz falschen Adresse versehen hatte. Empfänger, Straße, Ort, alles falsch, falsch, falsch. Wie konnte das geschehen?

Schlimme Ahnungen. Wut. Aber auch noch Hoffnung. Schließlich steht die Adresse groß und leserlich auf dem Paket. Man muss nur darauf schauen. Man muss nur lesen. Doch heutzutage schaut man nicht mehr. Man hält nur noch das Lesegerät an den Code. Piep. Und wenn die Maschine sagt, dass das Paket nach Entenhausen muss, dann kann man es nicht einfach nach St. Florian bei Linz schicken.

Nun, so geht es denn dahin mein Paket und kommt nie an und nie mehr zurück. Es ist irgendwo in einem Depot, irgendwo im Transit. Ich weiß nicht wo. Niemand scheint es zu wissen. Der Suchauftrag danach scheint ebenfalls im Nirgendwo verpufft zu sein.

Vielleicht ist es verloren. Vielleicht kommt es noch an. Vielleicht muss ich es einfach hinter mir lassen. Es gilt das Datum des Poststempels. Wenn das stimmt. Halleluja.

 

Philosophische Häppchen #12

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“…the goal of sexual suppression is that of producing an individual who is adjusted to the authoritarian order and who will submit to it in spite of all misery and degradation.”

Wilhelm Reich zitiert von Shereen El Feki in: “Sex and the Citadel”

 

Wortgewaltige Männer

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Der Januar war voll mit mehr oder weniger elaborierten Deutungen der Kölner Silvesternacht. Obwohl Sexismus die hartnäckigste aller Seuchen ist und besteht, seit Gott Eva aus Adams Rippe erschaffen habe, heisst es nun, Deutschland habe sich verändert, Europa habe sich verändert. Gewalt an Frauen, man weiss es nun, das geht gar nicht. Mehr oder weniger glaubwürdige Bekenntnisse zu Recht und Gleichheit der Frau von überall her. Meist waren es Männer, die zu diesem Thema die Spalten in den Zeitungen füllten, die Leserkommentare, die Diskussionsrunden beherrschten. Männer sind nun mal präsenter, rigoroser, wortgewaltiger. Sie beanspruchen mehr Platz auf dieser Welt. Punkt.

Männer haben die Logik erfunden, die Vernunft, die gültigen Argumente. Ein einfaches, „Ich fühle es so.“ oder „Für mich ist es so.“, unter Frauen durchaus legitime Aussagen, ist bei Männern schlichtes no-go. Entweder du weisst es oder du weisst es eben nicht. Frauen aber, sind Spezialistinnen des Vagen, des Ungefähren, des Zwischenzeiligen, der Graubereiche.

Gelegentlich also war zu hören, weshalb sich denn Frauen nicht zu Wort melden. Wo denn nun ihre Statements zu Köln wären. Tja, wo sind sie geblieben? Die Frauen kamen zu spät und das liegt nicht nur an den Frauen selber, sondern auch daran, dass Männer ihre Meinung sehr schnell gesagt hatten. Man spürte wenig Lust, sich verspätet in eine Diskussion einzuschalten, in der die Eckpfeiler bereits am 4. Januar besetzt waren. Zum dem Zeitpunkt waren Frauen noch damit beschäftigt, zu verarbeiten, was geschehen war. Es galt nun, die Zwischenräume der Diskussion auszufüllen und das ist bekanntlich schwieriger und gefährlicher als Klischees herunterzubeten.

Auch nach Köln wissen wir eigentlich nur, dass die Sache komplexer ist und hartnäckig. In der Globalen Untersuchung der WHO zu Gewalt an Frauen ist zu lesen, dass Gewalt an Frauen in jeder Kultur und Bevölkerungsschicht vorkommt. Man kann lesen, dass es sie im arabischen, afrikanischen und asiatischen Raum und ausserdem in einkommensschwachen Haushalten häufiger gibt. In einer Europaweiten Untersuchung ist nachzulesen, dass über 50% der befragten Frauen Gewalt an Frauen als „ziemlich verbreitet wahrnehmen“. Das ist eine extrem hoher Prozentsatz, aber eben nur eine vage Aussage. „Ziemlich verbreitet wahrnehmen“, damit wird manch einer nicht viel anfangen können. Es ist eben sehr schwierig, sich über sich selber und die eigene Lage in der Gesellschaft klar zu werden. Männer übrigens, hört man auch nicht so oft, über ihre eigene Lage reflektieren. Eine Innenansicht ist nun mal verwinkelter als eine Aussenansicht.

Ausserdem muss man als Frau immer die Befürchtung haben, dass Männer sich rasch abwenden, wenn man den Mund zu gewissen Themen aufmacht. Sobald Frau von Feminismus und Gleichberechtigung anfängt, zeigen Männer dieses Autsch-Gesicht. Autsch, jetzt fängt sie schon wieder an. Autsch, jetzt ist sie wieder auf dem Trip. Sobald sie merken, dass eine Diskussion in Richtung Frauenrechte abdriften könnte, schalten sie auf Durchzug. Oft genug erlebt. Man muss also als Frau schon etwas mehr Mut aufbringen, sich zu Köln und allem drum herum zu äussern. Männer hören am liebsten Männern zu. Und das ist eben auch eine Form von Gewalt.

Es kann sein, dass sich Sexismus und Rassismus auflösen, wenn erst einmal auch die Postmoderne überwunden ist. Donna Harraway jedenfalls träumte in ihrem Essay „A Cyborg Manifesto“ davon, dass sich mit dem Auftreten des Cyborgs das Problem der Geschlechter ganz von selbst lösen würde. Wenn der Mensch erst einmal aus mehr Titan als Blut besteht, werden sich gewisse Differenzierungsmerkmale in Nichts auflösen und Dichotomien wie männlich / weiblich, schwarz / weiß einfach obsolet werden.

Bis dahin bleibt wohl alles beim Alten. Zum Beispiel beim Problem, dass unsere Welt so gestrickt ist, dass sie Frauen gerade für sehr weibliches Verhalten erst belohnt und dann bestraft und dann mit einem schlichten „Selber schuld“ vom Platz verweist.

Neu ist nur, dass Männer nun mit Thema Gewalt gegen Frauen auf Stimmenfang gehen.

 

 

Philosophische Häppchen #11

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Bücher und Schutt aus einem Privathaus, das von einer BM-21-Rakete zerstört wurde. - Foto: Max Avdeev / Meduza

“Aufgrund welchen Zaubers, ist der Mensch stets bereit, beim ersten Trommelschlag… ohne sich zu widersetzen und oft sogar mit einem gewissen Schwung, der seinerseits eine ganz bestimmte Eigenart besitzt, loszuziehen, um auf dem Schlachtfeld seinen Bruder in Stücke zu hauen, der ihm nie etwas zuleide getan hat und der sich nun von der anderen Seite nähert, um ihm das gleiche Los zu bereiten, wenn er es vermag?”

Isaiah Berlin zitiert Joseph de Maistre in: Das Krumme Holz der Humanität