99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 26

Standard

Letzte Nacht träumte ich von Heidegger. Davon, dass er mein Doktorvater sei und aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund, fand die Doktorprüfung im Haus meiner Eltern statt, im Kuhdorf in dem sie noch immer leben.

Heidegger kam mit dem Fahrrad. Ich hätte eigentlich gedacht, er kommt gar nicht, hätte gedacht, er versteckt sich. Schließlich ist sein auch so zweifelhafter Ruf in letzter Zeit noch einmal argem Stirnrunzeln ausgesetzt. Als ich es bemerke, meint er lakonisch, so sei es halt das Dasein, von lauter Dilettanten bevölkert. Er fand die Luft in meinem Kuhdorf einfach wunderbar. Außerdem bewohnte Rudolf Carnap ein kleines Zimmer im Haus meiner Eltern. Ich erwähnte es mit Stolz und Heidegger leuchtete vor Glück.

In derselben Nacht träumte mir, dass vier blutjunge Punkgitarristen mich unbedingt als Frontfrau für ihre Band wollten. Ich fand mich dafür etwas zu alt und außerdem hätte ich keine Zeit, dreimal die Woche zu proben. Es nützte nichts, sie wollten es unbedingt. So beugte ich mich seufzend ihrem Willen und vergaß darob mein Kind auf der Fete fremder Leute.

Was ist schon das Alter? Davon, meine ich, ist in letzter Zeit viel die Rede. Und von Scham auch. Man schämt sich seines Alters, besser gesagt, der Zeichen des Älterwerdens. Ich kenne das, obwohl es nun wirklich nichts Blödsinnigeres gibt. Das Altern ist eine Tatsache, über die man nicht flennen muss. Es ist schrecklich, aber an der Wehleidigkeit dem Altern gegenüber zeigt sich, dass sich der Virus der immer vitalen Leistungsgesellschaft in den Köpfen festgesetzt hat. Das Altern ist uns nur deshalb peinlich, weil es uns von allen Plakaten entgegenschreit, dass es nicht nötig ist. Es ist überflüssig. Die Alten sind überflüssig.

Es gibt so vieles, was einem peinlich sein kann. Unbeholfene Worte, überraschte Gesten, die schlechten Bücher, hinten im Regal versteckt, die heimlichen Lieblingsfilme, aber das Altern? Meine Großmutter ist mit 75 gestorben und bis dahin sah sie seit mindestens zehn Jahren aus wie 90. Wäre es ihr jemals eingefallen, sich dafür zu schämen? Vollkommen absurd, der Gedanke. Es war, wie es war und irgendwann war es eben nicht mehr.

Der Krampf mit dem Alter und der zunehmenden Unwichtigkeit ist der Krampf mit der Eitelkeit, aber vor allem das immer schlummernde Problem der existenziellen Verlorenheit. Meine Großmutter hatte eben noch den lieben Gott, der wusste, wie es richtig war und wohin mit ihr, wenn es dann so weit war. Wir aber müssen uns um alles selber kümmern.

In meiner Erinnerung sitzt die Nena ewig im alten Lehnstuhl nahe beim Ofen und strickt entweder Socken für den Neni oder zeigt mir stolz die Bilder ihres Patenkindes in – wahrscheinlich – Äthiopien. Sie hatte ein einfaches Leben und ein gutes, weites Herz und außerdem besaß sie noch das damals weitverbreitete Glück, auf mehr hoffen zu können. Danach. Jenseits. Worauf können wir noch hoffen? Das Schlimme ist, dass sich all unsere Träume im Diesseits erfüllen müssen und so tun wir halt, als ob wir immer Zwanzig wären, auf dem Zenit unserer Leistungskraft und handeln uns damit einen Haufen Stress ein. Der Kampf gegen das Alter ist ein Kampf, den wir nicht nur verlieren, sondern ein Kampf, bei dem wir uns vollkommen lächerlich machen. Genießen wir lieber die vielen Vorzüge des Alters, statt gegen die rehäugige Unvernunft der 25-Jährigen zu kämpfen.

Trotzdem, zum Glück haben wir noch Träume und der Traum der ewigen Jugend ist schließlich von ehrwürdigem Alter, eine archaische Sehnsucht, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Dass unsere Träume ganz und gar durchkapitalisiert sind, ist freilich eine andere Geschichte. Der Mythos der Leistungsgesellschaft, der Mythos, dass man immer jung sein und alles erreichen kann, wenn man sich nur genug anstrengt, er leuchtet so schön und manch einer behauptet ja, vom Heiligen Gral die ewige Lebenskraft gekostet zu haben. Aber Mythen sind gefährlich, sie verhindern, dass man selber denkt. Lässt die Vernunft uns im Stich, bleibt immer noch das Mysteriöse, würde Cassirer sagen. Mit Blick auf den Nationalsozialismus wusste er, dass man jeden Mythos jederzeit technisch erzeugen kann.

PROPAGANDA

lautet das immergültige Stichwort.

 

 

 

 

 

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 25

Standard

Beim Frühstück vor ein paar Tagen meinte mein fünfjähriger Sohn zu mir, ich müsse nun wohl bald sterben. Schon länger schleppe ich ein kaputtes Bein (Quittung für ein aufreibendes letztes Jahr) mit mir rum und nun ist der Rücken dran. Die Tatsache, dass ich mich ein paar Tage lang vor allem auf dem Sofa fläzte und mich ansonsten wie ein Roboter bewegte, hat ihn zunehmend beeindruckt.

Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ein gesunder Körper keine Selbstverständlichkeit ist. Ich hatte immer gedacht, im Zweifelsfall setzt irgendwann mein Gehirn aus, aber nicht der Körper. Will sagen, ich sah mich eher in der psychiatrischen als in der Reha-Klinik. Auf meine Erklärung, dass man wegen ein bisschen Rückenschmerzen noch nicht sterben müsse, gab er mir noch etwas Zeit. Bis hundert. Dann aber auf jeden Fall.

Damit kann ich mich einverstanden erklären. Bis dahin sollte auch die Liste der 99 Gründe glücklich zu sein fertig sein. Mit hundert habe ich bestimmt keine Lust mehr und verstehe überhaupt die Welt nicht mehr. Ich schaue mich um und ich frage mich, was in 58 Jahren wohl noch so sein wird wie jetzt. Die Bücher hoffentlich und das Kaffeetrinken. Und die Liebe natürlich.

Für Natasha Vita-More ist das Sterben nichts. Wenn es nach ihr ginge, würden wir wie Highlander forever leben. Was dann überhaupt noch von uns übrig ist, ist freilich eine andere Frage. In einem verlängerten Leben müssen wir uns als kontrollierte Cyborgs denken und nicht als Menschen. Vita-More und Konsorten haben sich schließlich nicht dem Humanismus sondern dem Transhumanismus verschrieben, der wiederum als Humanismus gilt. Sterben wird nicht als biologische Tatsache, sondern als Krankheit betrachtet, die es auszurotten gilt.

Bildergebnis für Transhumanismus

Man kann sich das schon vorstellen. Wenn man nach und nach die Körperteile, die Probleme machen, austauscht, sich gesund ernährt und nicht zu viel raucht und säuft, kann man sein Leben bestimmt um einiges verlängern. Aber für immer? Nein danke. Ich bin einigermaßen froh, dass die Transhumanisten in ihren Gesetzbüchern das Recht zu sterben aufgenommen haben und auch sonst keine bösen Leute zu sein scheinen. Wenn ich will, darf ich mein Leben beenden und werde nur ein bisschen ausgebuht.

Ray Kurzweil übrigens ist auch Transhumanist und jetzt klingt das so, als ob es eine Religion wäre und irgendwie stimmt das ja auch. Transhumanisten scheinen eine Hoffnung erblickt zu haben, welche mir noch verschlossen bleibt. Außerdem ist Kurzweil seit 2012 Technologiechef bei google. Eine Tatsache, die mich einigermaßen verstört hat und für eine Sekunde habe ich panisch überlegt, mein google-Konto zu löschen. Aber was bringt das? Google ist überall, es gibt keine Entkommen, es ist wie eine Seuche. Das bringt mich zum Nachdenken, leider viel zu selten.

Noch vor ein paar Jahren galt Kurzweil als eher verschrobener Typ. In meiner Lizenziatsarbeit habe ich ihn noch einen Futurologen genannt und mich darüber aufgeregt, dass er den Menschen als etwas in biomechanischen Vorgängen restfrei Erklärbares versteht. Es sei möglich, ein künstliches Bewusstsein zu schaffen. Sich darüber zu ärgern, klingt auch überholt, irgendwie.

2010 konnte man lesen, dass google alle auf der Welt vorhandenen Informationen sammeln und allen Menschen zugänglich machen will. Da dachte ich noch: Boah! Sind die verrückt geworden? Und jetzt? Schulterzucken. Wir sind es uns gewohnt, was immer wir wissen wollen, jederzeit – dank google – erfahren zu können. Der Mensch kann ohne Technik kaum mehr gedacht werden. Das menschliche Dasein ist immer ein technologisches Dasein und auf die objektive, die technologische Umwelt bezogen. Wer nicht in intentionalem Bezug zu den Dingen steht, der ist nicht von dieser Welt.

Und, werden die Dinge diskursiv, dann kommen sie erst in diese Welt. Kurzweil hat sich der Idee der Singularität verschrieben. Noch vor ein paar Jahren wusste kaum jemand, was das sein soll. Heute ist es in aller Munde. Die Menschen würden irgendwann eine letzte Maschine bauen, die so intelligent sei, dass sie die Kapazität des menschlichen Gehirns übertreffe. Von da an würden die Maschinen sich selber gebären. Ich wette darauf, in zehn Jahren halte ich auch das für normal.

Was ich eigentlich sagen will: Ich bin glücklich, dass mein Leben ein endliches ist. Die Aussicht, dass nichts für immer ist, lässt es mich erst richtig genießen. Ich möchte nicht für immer leben. Ein posthumanes Leben bedeutet ein vollkommen kontrolliertes, synthetisches, durch und durch kapitalisiertes Leben und dann hat Foucault wieder mal recht gehabt: Alle Subjekte sind verfügbare Körper.

 

#Jesuisunenfantpakistanais

Standard

Geburt und Tod sind zwei universelle Tatsachen. Alle Menschen werden geboren. Alle Menschen sterben. Dies sind keine wertvollen Aussagen. Es sind Tautologien. Sie sind immer wahr. Bedeutend werden solche Ereignisse erst, wenn sie historisch eingereiht werden.

Die Geschichte zeigt aber, dass nicht jeder Tod von historischem Wert ist. Niemand interessiert sich für die italienische Mamma, die sich nach der tausendsten Lasagna müde ins Bett legt und für immer die Augen schließt. Niemand kennt die Namen der über 130 pakistanischen Kinder aus Peschawar, die vor Weihnachten von Terroristen erschossen wurden. Sie haben keine Geschichte und vielleicht ist es ein Kennzeichen des Menschen, dass er versucht, sich eine Geschichte zu verschaffen? Kaum jemals hätte Breivik seinen Namen in der Zeitung gelesen, hätte er nicht 77 Menschen ermordet. Mit dem Leid kommt oft der Erfolg.

Die eben noch moribunde Charlie Hebdo stößt absatzmässig in ganz neue Dimensionen vor, seit die halbe Redaktion erschossen und begraben liegt und Hinz und Kunz die Zeitung lesen wollen, für die sie sich vorher nicht die Bohne interessiert haben. Eine unfassbar hässliche Tat schafft plötzlich Einigkeit und Einheit. Aber, wir alle wissen, das ist nur von kurzer Dauer. Im digitalen Zeitalter werden Gemeinschaft und Gleichheit nur noch punktuell geschaffen. Zu stark ist die Zerstreuung des Denkens und die Fragmentierung der Interessen. Man kann nicht überall sein aber überall ein bisschen. Heute ein bisschen #JesuisCharlie teilen und morgen dann wieder die Pegida mit all ihren dummen Ablegern gut finden. Es kostet eben alles nichts. Wie Roland Barthes einst bemerkt hat, gibt es außer Geburt und Tod nichts, was uns eint, und allein in der Endgültigkeit des Todes sind wir Menschen uns gleich.

Zum Attentat lässt sich nichts mehr sagen. In der ZEIT wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass wir nicht vergessen dürfen, dass islamistisch ideologisch motivierte Anschläge immer auch uns Frauen gelten. Sie wenden sich gegen unser Selbstverständnis, gleichwertige Personen zu sein, gegen unsere Freiheit zu arbeiten, zu lesen, zu lernen, gegen unsere Lust, zu lieben und zu lachen. Gerade Humor können manche Menschen gar nicht ab. Humor ist vielschichtig, tiefgründig und gefährlich. Humor kann rasch aufs Glatteis führen. Ich persönlich finde, dass Mohammed-Karikaturen unnötig sind. Erstens, gibt es intelligentere Aussagen und zweitens, treffen solche Karikaturen genau diejenigen, für die ihr Glaube alles ist, was sie haben. Diejenigen, die von den Eliten instrumentalisiert werden, gerade um solche Lästerlichkeiten zu sühnen. Die Aussichtslosen in den Banlieues sind es, die für die Mächtigen in den Krieg ziehen. Humor sollte nicht wild um sich schießen, Humor sollte genau zielen, am besten nach oben.

Trotz des unfassbaren Grausamkeit also, die der Charlie Hebdo Redaktion widerfahren ist und trotz ihres eigenen mehr oder weniger anarchistischen Selbstverständnisses, muss sie sich meiner Meinung nach doch die Frage gefallen lassen, was sie mit solchen Mohammed-Karikaturen eigentlich bezwecken will.

Seltsam auch, dass eine Umfrage unter ZEIT-Leser ergeben hat, dass 60% der Meinung sind, dieser Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Das ist natürlich nett gemeint, aber stimmt es denn auch? Haben solche Anschläge nicht mit jenem Islam zu tun, der von den einen als Macht missbraucht wird und für die anderen der letzte Ankerpunkt ist? Aber vor allem, hat solche Gewalt etwas mit Gewinnern und Verlierern zu tun. Mit einer Jugend ohne Zukunftsperspektiven. Mit einer Gesellschaft, die nicht weiss, dass im Grunde jeder einfach nur teil haben möchte. Mit einer Arbeitswelt, die sich nicht um Arbeitsplätze schert sondern um Aktionäre. Mit Politikern, die sich nicht um junge Männer kümmern, die sich diesseits keine Existenz aufbauen können und es deshalb lieber mit den 72 Jungfrauen im Jenseits versuchen.

Gut, auch früher haben die Eliten aufstrebende junge Männer im Krieg entsorgt. Und da fällt mir noch was ein:

Am Trauermarsch haben Staatsoberhäupter mal wieder Flanke gezeigt: Solidarität mit den Opfern, mit Frankreich, die gemeinsame Entschlossenheit gegen das Übel vorzugehen. Ich zweifle nicht an der ehrlichen Betroffenheit aber:

Liebe Frau Merkel,

Ihr Land ist einer der größten Waffenexporteure. Wäre es nicht an der Zeit, dass Sie sich darum kümmern, dass solche Geschäfte eingestellt werden? Exportgewinne hin oder her. Ich sage ja auch nicht, dass es solche Anschläge nicht mehr geben würde, aber wenigstens hätten Sie sich dann nicht die Hände schmutzig gemacht.

Hinten rum fiese Geschäfte treiben und dann in der ersten Reihe rumstehen und heulen. Die haben wir am liebsten.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 24

Standard

Fitter, happier, more productive, comfortable, not drinking too much… Pünktlich zum Beginn des neuen Jahres fällt mir wieder Radiohead‘s Abhandlung über das Diesmal-alles-besser-machen ein. Ich bin auch so eine, die sich immer viel vornimmt. Mehr Sport, weniger Süßes, informiert, aber nicht deprimiert sein… Thom Yorke‘s Sermon endet dann allerdings mit den Worten: … a pig, in a cage, on antibiotics. 

http://www.dailymotion.com/video/x95vh1_radiohead-fitter-happier_music

Das war 1997. Seither hat die globalisierte Arbeitswelt manch krankes Schwein hervorgebracht, Sklavenarbeit ist eine selbstverständliche Notwendigkeit für ein Leben des niemals-endenden-Konsums geworden und dann gibt es noch die Vielen, die das kranke Schwein ohne mit der Wimper zu zucken als Kotelett auf das Supermarktband legen und es sich zu Hause schmecken lassen. Diejenigen, die es am nötigsten hätten, nehmen sich nach Silvester nie viel vor. Dummheit macht bekanntlich glücklich, aber auf das Glück der Ignoranz kann ich gut verzichten.

Peter Sloterdijk, das Karlsruher enfant terrible der philosophischen Gesellschaft, hat mal ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel: Du musst dein Leben ändern. Ein schlichter Titel, unvergesslich. Er hat zugleich etwas Erhebendes (Das Leben zu ändern ist möglich.) und etwas Empörendes (Wie kann er es wagen, mir dies zu sagen?) und Verführerisches (Soll ich mein Leben ändern? Könnte mein Leben besser werden?). Ja, ich weiß, ich muss mein Leben ändern. Aber, weshalb weiß es Sloterdijk? Jeder, der das Buch zur Hand nimmt, bekennt, dass das eigene Leben noch nicht perfekt ist.

Zugegeben, ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, aber ich habe mir für 2015 ein anderes von Sloterdijk FEST VORGENOMMEN!: Im Weltinnenraum des Kapitals nämlich. Immerhin schreibt Sloterdijk darin Sätze wie: „Darüberhinaus nimmt im kapitalistischen Weltinnenraum die Neigung zum hintergedankenfreien Endverbrauch überhand, die man vor hundert Jahren in der ersten Aufregung Nihilismus nannte.“ Sehr treffend würde ich sagen. S.o. Schweinekotelett.

Sloterdijk ist eine seltsame Figur, nicht nur innerhalb des philosophischen Paralleluniversums. Ich würde behaupten, er gibt den Hexenmeister. Immerhin, er nimmt es auf sich. Er ist sich nie zu schade für einen mittelmäßigen Skandal und bestimmt geht es ihm nicht nur um die Verkaufszahlen. Ich habe ihn vor vielleicht einem Dutzend Jahren einmal an einem Vortrag in Zürich erlebt. Ein Berg von einem Mann, rollt mit dem Tempo eines Schnellzuges daher. Einer, der dich einfach platt macht. Ich habe damals wenig von dem begriffen, was Sloterdijk in jener Stunde in die übervolle Aula schmetterte. An den Fragen, die aus fragenden Mündern in fragenden Gesichtern gestellt wurden, konnte ich ablesen, dass es nicht nur an mir und meinen mangelnden studentischen Kenntnissen liegt. Sloterdijk ließ nichts auf sich kommen. Er verteidigte sich und seine Wahrheitsfindung standhaft. Er schien in Zürich geradezu Tabula Rasa machen zu wollen. Die Professoren (damals war selbstverständlich noch keine Frau darunter, wir reden hier über das Fach Philosophie!) ärgerten sich auf distinguierte Weise.

Das Entscheidende ist nun nicht, dass wir uns immer zu viel vornehmen, zwangsläufig an unseren hohen Ansprüchen scheitern, dann enttäuscht sind, von uns und von der Welt, nächsten Dezember die Enttäuschung komplett vergessen haben werden und im Januar in die nächste Runde des Jetzt-muss-sich-endlich-etwas-ändern starten. Entscheidend ist, dass wir noch immer die Möglichkeit haben unser Leben zu ändern. Andere betreiben bloßen Überlebenskampf. Wir haben noch die Freiheit ja zu sagen oder nein, dies zu tun und jenes zu lassen. Darüber sollten wir glücklich sein und weiterhin unser Bestes geben. In dem Sinne wünsche ich allen ein gelungenes weiteres Jahr!

Ein Appell

Standard

larapalara:

Ein guter und wichtiger Text!
Ich bin im Übrigen dafür, dass die Pegida-Anhänger ein eigenes Pegida-Land kriegen. Da können sie es dann schön zusammen haben…

Originally posted on Herz im Kopf Blog:

Kleine dunkeläugige Kinder haben Angst. Sie fragen ihre Eltern, ob sie nun weg müssten. Auch wir haben ein ganz mulmiges Gefühl, das Selbe, das wir hatten, als wir uns damals, als wir nach Deutschland kamen, mit dem Nationalsozialismus beschäftigen mussten. Der Lehrplan erforderte all die tragischen Biografien, die Entwicklungen menschlicher Interaktion und Beeinflussung, wie es mit kleinen Vorurteilen begann und wie schnell daraus Hass wurde. Wie schnell dieser Hass zum schweigenden Abnicken größter Verbrechen wurde. Auch damals schwieg man, weil viele dachten, Nachbar Meyer würde all das auch für richtig halten, also musste es richtig sein.

Im Moment wissen viele meiner Freunde und Kollegen nicht, wie wir uns fühlen. Sie selbst neigen dazu, diesen “Haufen Irrer in Dresden” nicht ernst zu nehmen. Aber fünfzehntausend, das ist nicht nur eine abstrakte Zahl, das ist eine Menge, in der man untergehen kann. Sie verstehen noch nicht, dass wir uns nicht verstecken können…

View original 591 more words

Der Hipstervogel

Standard

Neulich spaziere ich mit einer Freundin durchs Karoviertel in Hamburg. Das Karoviertel war früher mal eher abgefuckt. Gewisse Leute hätten in gewisse Cafés dort bestimmt keinen einzigen Fuß gesetzt. Heute ist das ganz anderes. Ein neues Geschäft nach dem anderen öffnet die Türen, Bioläden, gemütliche Teestuben, teure Boutiquen und viele Leute so um die Dreißig, die in diesen Kleidern rumlaufen, die wie selbstgemacht aussehen aber dann doch wieder nicht. Viel Understatement-Chic.

Und ich sehe auch: Überall Wald. Waldvögel. Waldgetier. Rehe. Zweige. Nüsse. Auf Karten, Taschen, Beuteln, Kissenbezügen, Lampen, Tapeten. Wald ist überall. Und ich denke mir, dieses Viertel muss ganz und gar in Hipsterhand sein, denn Waldgetier und Hipster gehören auf geheimnisvolle Weise zusammen. Nur, wie?

Das Phänomen des Hipsters ist schon ziemlich alt, und doch ist es immer wieder neu. Das liegt im Phänomen selber begründet. Früher war es so: Hipster waren selten lustig. Hipster waren irre cool. Ihre lässig herabgezogenen Mundwinkel, der mit größter Sorgfalt unfrisierte Schädel auf tätowierten Schultern und Hipsterarmen. Hipster lachten nur mit ihresgleichen. Hipster, die in Cafés bedienten, musste man fast anflehen, damit man einen Cappuccino kriegen konnte. Dann bin ich für eine Weile aufs Land gezogen und habe sie ganz vergessen. In der italienischen Pampa, da gibt es keine Hipster.

Jetzt sehe ich sie wieder, aber sie haben sich verändert. Sie sind älter geworden und manch einer lächelt mich nun freundlich an, schließlich möchte er mir etwas verkaufen. Zudem sind Hipster nun oft Hipstereltern. Das stimmt an sich milde. Aber nur scheinbar. Hipster haben sich in die Idee verbissen, individuell und anders zu sein. Dabei setzt ein Hipster seine Andersartigkeit möglichst unauffällig in Szene aber in dieser Unauffälligkeit, in dieser scheinbaren Bescheidenheit ist eine feine Codierung eingewebt. Er versucht kompromisslos genügsam zu sein und ist dabei auf der ununterbrochenen Suche nach seiner ganz eigenen Wohlfühltemperatur. Da der Hipster so individuell ist, muss er sich unheimlich viel mit sich selbst beschäftigen, ohne dabei jemals zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Denn, egal woher der Wind weht, ein Hipster schwimmt immer oben auf der Welle und kann deshalb seine Depression nicht kultivieren.

Ein Hipster isst vegan. Ein Hipster kauft ausschließlich Bio-Produkte. Ein Hipster benutzt Apple (und isst bestimmt viele Äpfel). Und, er hat den unschlagbaren Vorteil, sich ganz und gar in Alternativmarken kleiden zu können.

Nun ist noch immer nicht geklärt, woher die Hipster-Affinität zu Waldbewohnern kommt. Nun: Ein Wald ist eine größere Ansammlung von Bäumen in denen allerlei Waldgetier wohnt. Von der Idee her ist ein Wald Natur und deshalb Heiligkeit, Unversehrtheit, Unzugänglichkeit. Obwohl der Wald ständig in Aufruhr ist – eben weil er von allerlei Wesen bevölkert ist – lässt einen ein Wald eine tiefe Ruhe empfinden. Waldbewohner haben etwas Ursprüngliches an sich, etwas Geheimnisvolles, etwas, was uns Menschen noch verborgen bliebt, etwas, was noch nicht in Gefahr ist.

Ich will es mal so sagen: Ist man Punk, dann ist man Punk. Punkt. Ist man Hipster, dann ist man ein fluides, flüchtiges Etwas, eventuell mit Hornbrille. Der Hipster weiß um seine eigene Flüchtigkeit, denn er ist gebildet und liest viele Magazine. Neben seinem biologischen Leben führt er mehrere digitale Existenzen im Netz. Ich würde gar sagen, er hat ein digitales Bewusstsein. Fazit: Ein Hipster ist eine Art Hybridwesen. Er läuft ständig Gefahr, sich selbst zu verlieren. Er hat das postmoderne Borderline-Syndrom. Wie die meisten von uns, steht er auf verlorenem Posten, wenn es um die Suche nach verbindlichen Werten geht. Nur, dem Hipster fliegt zusätzlich noch die eigene Persönlichkeit um die Ohren.

Der Wald hingegen ist in seiner Idee, in seiner Metaphysis sozusagen (nicht in der Realität natürlich) stabil. Der Waldvogel also, der die Teetasse des Hipsters ziert, versichert dem Hipster die Zuverlässigkeit seines Daseins, er gibt ihm Sicherheit und Geborgenheit. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Beziehung um eine schlichte Bejahung seiner Existenz. Um ein schlichtes: Ja, ich bin immer noch da.

99 Gründe glücklich zu sein – Nr. 23

Standard

Es war ein kochend heißer Tag im Juli. Ein kopfwehträchtiger Tag. Ein Tag, an dem die Ausfallgrösse des Universums auf zweihundert Meter geschrumpft schien. Ein Tag der Staub fraß.

Ein wahrlich erbärmlicher Tag für Neds Bratpfanne. Nacheinander waren ihm zwei junge Nachtechsen entwischt. Nicht, dass Ned sich viel aus Echsen machte, aber wenn sie noch jung waren, konnte er sich wenigstens VORSTELLEN, dass sie gut schmeckten. Bei den alten Ledernen fiel ihm das schon schwerer. Ned war der Meinung, dass sich Hunger und Sex in der Hinsicht recht ähnlich seien. Wie sagte er doch immer: „Wenn man auswählen kann, wünscht man sich auch eher Sex mit einer jungen, knackigen Lady. Im Notfall gibt man sich auch einer Alten hin.“ Ein wahres Wort und ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er in seinem ölverschmierten Arbeitsoverall im Halbduster meiner kleinen Autowerkstatt steht, Gesicht und Hände schwarz von der Arbeit am alten Lincoln, welcher aufgebockt dem Ende seiner Tage entgegensieht. Ned, wie er versonnen in seinem Kaffee rührt. Es ist eine Geschichte der Befreiung.

Im Notfall hätte Ned auch eine alte Echse gefressen, das wohl schon, aber keine Schlange und auch nicht die, die er an jenem Tag in seinem Beutel mit sich trug. Er hatte sie nur übungshalber gefangen, um in Form zu bleiben. Ned hatte vor, sich auch an diesem Tag den Magen mit ein paar Bieren zu füllen und früh zu Bett zu gehen, vorher noch kurz bei Nestor reinschauen. Seit einiger Zeit ging das schon so, genauer gesagt, seit Macy nicht mehr da war.

Ach, Macy. Seit ihrem Tod war es allen ganz schön langweilig geworden in Little Falls. Dabei war Macy einfach nur eine Säuferin gewesen. Ständig rumgezickt, ständig die Birne voll und kurz vor dem Durchdrehen, aber wenigstens für Unterhaltung war gesorgt. Ihr konnte man stundenlang zusehen, wie sie die Augen zusammenkniff und mit gerunzelter Stirn versuchte, die Zeitung zu lesen, die mindestens eine Woche schon bei Toni im Auto vor sich hingegilbt hatte. Nichts begriffen hatte sie, aber immer gescheit daherschwafeln. Die meiste Zeit war sie mit `nem Buch in der Gegend rumgerannt. Immer mit demselben. Wahrscheinlich hatte sie nur dieses eine und Vernon war mal so stinkwütend geworden, also wirklich soooo stinkig, dass er Seite um Seite rausgerissen und verschlungen hatte. „Da hast du’s, du Klugscheißerin!“ hatte er geschrien, so laut, dass den Hunden das Jaulen in der Kehle stecken geblieben war und sie sich winselnd unter die Veranda verdrückt hatten. „Dein Buch ist so verflucht spannend, dass ich es fressen muss!“ Und dabei hatte er sich das staubige Papier wie ein Irrer ins Maul gestopft und mit Gin runtergespült. Seine Augen, groß und gelb wie Wachteleier, waren beinahe aus den Höhlen gerutscht. Er hatte wirklich zum Fürchten ausgesehen.

Nestor behauptet bis heute, das habe Macy den Rest gegeben, Vernon sei Macys Mörder. Absoluter Schwachsinn, sowas! Macy war eine Hure und eine Säuferin und wenn sie sich nicht zu Tode gesoffen hätte, wäre sie früher oder später an ihrer Einsamkeit gestorben oder an einer anderen großen, unheilbaren Krankheit. Naja, kann schon sein, dass sie da sehr traurig wurde, noch trauriger als vorher schon. Das Buch hatte ihr bestimmt viel bedeutet, sonst hätte sie es ja nicht die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt.

Ned meint immer, er und Macy wären so was wie ein Paar gewesen. Nicht, dass Macy davon irgendetwas mitgekriegt hätte, bei der funktionierte es im Kopf nicht mehr richtig, der staubige Sand der Einöde hatte ihr die Gehirnwindungen ausgefräst. Ned hatte sich wohl für sie verantwortlich gefühlt, was nicht soviel zu bedeuten hat, da Ned sich für alles verantwortlich fühlt, was auf diesem gottverdammten Planeten geschieht. Deshalb wird Ned auch das Ticken in seinem Kopf niemals loswerden, dieses tick, tick, tick, diese Scheisse in seinem Kopf, die immer lauter wird, je länger er über irgendetwas nachdenkt. Logischerweise hat Ned das Nachdenken fast gänzlich aufgegeben, auch wenn er sich damals natürlich jeden Tag mindestens einmal fragte, weshalb er es nicht schaffte, aus Little Falls abzuhauen. Ned kann sie nämlich nicht ausstehen, die grelle Sonne, die alles aufquellen lässt und alles verdirbt und an jenem Tag, als er zwischen heißen Steinen auf Sand grillte, als er auf der Lauer lag und durch die Büsche spähte in der Hoffnung, irgendetwas möge geschehen, etwas sich ergeben, fragte er sich noch mehr als sonst und das Ticken drohte noch mehr als sonst. Eine vollkommen lächerliche Frage. Wohin sollte er schon gehen, ohne Macy?

Reifenquietschen riss Ned aus seinen düsteren Gedanken. Er hob seinen verschwommenen Blick vom Boden und linste zur Straße. Durch die Büsche sah er einen lindgrünen Cadillac. Ein seltener Anblick in Little Falls. Eilig rappelte er sich auf, klopfte sich den Staub von den Hosen und setzte sich humpelnd in Bewegung…

Und so weiter, und so fort. Schreiben ist Glück.